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Christa Ritter's Blog

Buchstaben sind mir zu unattraktiv

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Immer wieder erzählte Rainer von Uschi Obermaier. Dass sie durch die Konfrontation mit ihm und der KI trotz aller Schwierigkeiten aus ihrem Frauenmuff herausfand. Dem Besitz am Geliebten, einer kleinen Mutti-Vorstadt-Welt ängstlicher Gewohnheiten. Immer, wenn ich in meiner eigenen Eifersucht, meinem Geltungsdrang stecken blieb, nervte mich Rainer’s Uschi-Gerede. bokelberg STERNDenn er hatte recht: Auch ich fand damals Uschi toll, halbnackt auf manchen Covers, herausfordernder Blick, frech geradezu. Eine Leitwölfin meiner Generation. Auch als schönstes Paar der APO: Zwei Einzelwesen, eine schöne Utopie. In unserem Archiv fand ich viele Fotos von ihr. Dieser kleine, schöne, nackte Busen, der coole Blick, die eigenwilligen Klamotten. Das Kinn nach oben gespannt. Uschi schien tatsächlich etwas vom richtigen Leben im falschen zu wissen. Dachte ich, oder so ähnlich. Schließlich hatte sie glaubhaft während ihrer Tage der Kommune ihre Grenzen gesprengt, war dadurch hip oder cool, eben selbstbewusst und stieg zum hoch dotierten Fotomodell, später auch zum eigenwilligen Groupie auf. Uschi ist heute die einzige weibliche 68er Ikone. Okay Jutta, du wirst inzwischen auch manchmal so bezeichnet.

Die KI hatte ihr atemloses erstes Jahr rasend durchflogen. 1967: Fantastisch aber auch super anstrengend. Burn Out.RAF-PlakatPolizei

Fritz + Rainer von Prechtl

Fritz + Rainer von Prechtl

Fritz Teufel war längst fluchtartig aus der Kommune ausgezogen. Die Kommunarden hatten sich seine wechselnden Freundinnen nicht mehr gefallen lassen und ihn in die Mangel genommen. Die Lage in Berlin war seit dem 2. Juni 1968, der Erschießung von Benno Ohnesorg, aggressiver geworden, Verzweiflung machte sich breit. Statt selbst aufzurüsten, zog die KI in eine Art Retreat, eine kleine Fabrik im Hinterhof in Moabit.FabrikMit Hilfe von Drogen und Musik würden die restlichen Kommunarden versuchen, nach den Veitstänzen durch Berlin etwas mehr über ihre Innenwelten herauszufinden. Liebe statt Krieg. Bei den Essener Songtagen 1968, dem deutschen Woodstock, verliebte sich Rainer in Uschi, die dort mit der Musikkommune Amon Düül auftrat. Uschi später: Ich war auf LSD und hab den Rainer gesehen, da war Feuer drin. Daraufhin: Das Münchner Zweitschwabinchen und gelegentliche Fotomodell zog mitten rein in die Hölle politischer Spaßvögel, die Fabrik der Berliner Horror-Kommunarden.

Die Fabrik im Hinterhof in Moabit

Die Fabrik im Hinterhof in Moabit

In dieser ehemals messerscharfen, aber nach wie vor gnadenlosen Verschwörertruppe packte ein ahnungsloses Mädchen aus Sendling seinen Koffer aus und tänzelte in plateaubesohlten Schlangenlederstiefeln durch die heilige Halle der Kommune-Genossen. Kunzelmann spottete: Was ist denn das, äh, ein Fotomodell? Rainer schmunzelte ironisch: Ein Engel gegen die Flintenweiber, die ich bisher hier kenne.

Ich sah nur Rainer, erzählt Uschi einer Reporterin. Für den mit den wilden, langen Locken nimmt sie alles in Kauf. Ich brauche immer jemanden, der wilder ist, um nicht in meinem wahnsinnig kleinen Eck stecken zu bleiben. Die Kommunarden können es/sie nicht fassen. Etwas irgendwie Weibliches, keine angepasste Genossin. Uschi geht es wohl ähnlich: Ich finde es ziemlich strange, dass alle nur in einem einzigen Raum leben.

Wohn-Schlafloft der Kommune

Wohn-Schlafloft der Kommune

Ohne Bad, nur mit einem kleinen Waschbecken. In nächtelangen Gesprächen fragt Rainer viel und Uschi erzählt von Anfang an. Was sie fühlt, wie sie tickt. Eine tiefe, zärtliche Liebesgeschichte beginnt. Uschi in einem der Interviews: Ich bewundere, wie intelligent er ist, versinke in seine Augen und höre von sehr fremden, großartigen Welten. Außerdem finde ich Rainer sehr schön, seine langen Locken.

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Umgekehrt wird Uschi zu Rainer‘s Spiegel: Ihr Gesicht zeigt ihm jede seiner kleinsten Ungenauigkeiten und jeden Irrtum. Und das meist vor allen anderen, während die bösen Buben spotten. Im großen Schlaf- und Wohnraum für alle ist alles Heimliche, jede Intimität verpönt. Die Anfangs-Praxis der Kommune als allgemeine Zärtlichkeit gilt auch in der Fabrik: Kein Verstecken, kein Mensch ist Privatbesitz eines anderen. Nicht die Liebe auf einen beschränken und damit die anderen ausschließen. Das Private ist politisch!

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Eine solche Lebenspraxis in die Freiheit hatte Uschi wohl unbewusst gesucht. Ihr inzwischen einziger Besitz an Dingen: ein kleiner Koffer mit schönen Fetzen vom Londoner Antique Market. Sie lernt sogar, die wenigen Klamotten mit den anderen Frauen zu tauschen und zu teilen. Wir sind nicht einfach nur eine Wohngemeinschaft, betont sie in der Presse. Wir gehören und leben wirklich sehr nah zusammen. In solchem Kommune-Alltag fliegen weiter die Fetzen. Erst wird im mechanischen Alltags-Verhalten die traurige, leblose Praxis erkannt, dann daraus gemeinsam eine Utopie entwickelt, um schließlich zu einer Annäherung und höherer Praxis als Veränderung zu kommen. Erklärt Rainer. Von der Politik hab ich nichts verstanden, lacht Uschi dann vor der Kamera, Buchstaben sind mir zu unattraktiv. Oh Gott, diese Fremdwörter! Vermutlich dringen sie wie spitze Nadeln in ihren Kopf. Und prallen ab. Häufiger Psycho-Stress am gemeinsamen Tisch.

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Ihr scheint, dass die Kopf-Politik der Kommunarden, wie die der Besucher weit vom Leben entfernt sind. Das waren alles hochintellektuelle Typen, erinnert sie später, jede kleinste Geste wurde seziert und dabei natürlich viel übersehen. Meinen Protest hat mir Rainer schnell angesehen, mir dann Fragen gestellt, was ich dazu denke und zu einer Antwort ermutigt. So hat er mich oft als Orakel genutzt. Ausdrücklich beteiligt zu werden, macht mich stolz: dass einer mich fragt, der so viel weiß. Aber Uschi muss sich auch Rückfällen stellen: Sie verliert dann geradezu den Boden unter den Füßen. Aufgeben? Nein: aufstehen, nicht nachlassen. Nur mühsam fängt sie schließlich an zu lernen, dass Veränderung möglich ist, wenn auch sehr langsam. Die Kommune war die härteste Zeit meines Lebens, sagte sie später in meiner Doku über sie. Aber auch die intensivste. fabrik moabitOft bin ich bei nächtelangen Diskussionen eingeschlafen, weil ich nichts verstand. Darüber waren die anderen natürlich genervt. Nicht mitzureden, einfach zu pennen, war für die eine Frechheit, so Uschi. Das findet sie wiederum intolerant. Denn Uschi hat ihre eigene Art zu schenken: Lange, bevor der Geliebte aufwacht, steht sie am Waschbecken und macht sich schön. Sogar für diesen Wilden, der nicht besitzen will. Wenn Rainer dann aufwacht, ist sie über seine Bewunderung glücklich. Sex ist für mich ganz natürlich und ich hab dabei Spaß, sagt Uschi oft in ihren Interviews und lacht: Der Kopf würde mich nur hindern. Als Rainer sich aber für die schöne Mascha interessiert, flippt sie aus. Da bin ich ausgerastet und schmiss die Klamotten durch die Gegend. Jeder hatte behauptet, es ginge auch ohne Eifersucht. Von wegen! Auch alle anderen waren noch immer eifersüchtig wie die Hölle, nicht anders als ich, erinnert später mal Uschi, während ihre Augen geradezu funkeln. Nach dem Eklat mit Mascha bemüht sich Rainer, Uschi klar zu machen, dass eine Liebe die andere nicht ausschließen muss. Unmöglich? In der Presse erscheinen Fotos dieses schönsten Paars der APO. BOKELBERG_TITELAuf dem

 

Stern-Titel ein Paar der neuen Utopie von Mann und Frau: Uschi mit nacktem Busen selbstbewusst vorn, Rainer nachdenklich im Hintergrund. Eine neue Ära als vorläufer von Post-Gender beginnt: Die Frau lernt sich als eigenen Wert kennen und wird öffentlich, der Mann tritt langsam von seiner Macht zurück, geht nach innen und lernt Gefühle kennen. Ich will damit den Leuten zeigen, dass wir, weil wir so viel Freizeit haben, ungeheuer schön leben, erklärt Uschi dann dem Reporter.

Dreh Kult-Film ROTE SONNE

Dreh Kult-Film ROTE SONNE

FABRIK 3Langsam habe ich, so sagt sie ihm weiter, nämlich was unheimlich Tolles kapiert: Dass man nicht nur in der Zweisamkeit zärtlich sein kann. Ich lerne sogar, dass es viel schöner ist, wenn die anderen dabei sind, beschließt sie das Interview. Die Praxis ist leider viel komplizierter: Sobald ein neues, hübsches Mädchen auftaucht, tut’s schon wieder gnadenlos weh. Diese Eifer-Sucht. Uschi traut sich lange nicht, solche hässlichen Gefühle auch offen zu zeigen. Sie fürchtet die Häme der Kommunarden. Auch jedes Interview fällt der Sprachlosen nach wie vor schwer. Doch je häufiger Uschi von ihren Erfahrungen in den Medien berichtet, umso interessanter werden ihre Foto-Jobs.

Uschi in TWEN 1969

Uschi in TWEN 1969

Auch die Stern-Reporterin kann es kaum glauben: Wenn Uschi müde ist, schläft sie. Wenn sie Hunger hat, isst sie. Wenn sie zärtlich ist, legt sie den Kopf auf Rainer’s Schoß. Und erfindet die Streicheleinheiten, die sie täglich braucht. Ungeheuerlich! Ist Uschi ein Zen-Meister? Dieses Fotomodell will mehr als nur die kleine Besitzwelt? Und wagt auch noch öffentlich darüber zu sprechen, ist damit als Frau politisch? Uschi’s Botschaft erreicht dann tatsächlich die Republik, während sich die APO von solcher Politik des Privaten distanziert.

An den Projekten der Kommunarden beteiligt sich Uschi weniger sichtbar aktiv, eher kultiviert sie durch ihre oft schweigende Beteiligung jede gemeinsame Arbeit. Sogar im Spiegel wird sie in einer Fotostrecke zur Haschpropagandistin gekürt. Uschi’s Spezialjoints muss auch Dieter Kunzelmann anerkennen. Dass sich in der Fabrik etwas geändert hat, spricht sich über die Szene hinaus herum. Künstler, Schriftsteller, müde Revolutionäre – bald besuchen sie alle die Ideenfabrik.

Foto-Shooting

Foto-Shooting

Manchmal machen die Kommunarden auch Musik, Rainer schreibt in Underground-Zeitungen. Jimi Hendrix is in town & concert und Uschi gelingt es, ihn zu treffen. Sie verbringt eine Nacht mit ihm im Kempinski. Am nächsten Morgen tauchen beide in der Fabrik auf, die Genossen sind beeindruckt. Uschi hatte gelernt: Keine Heimlichkeiten, alles teilen. Bei Jimi hat mir alles gefallen, erinnert sie sich. Seine Bewegung, jedes Wort, seine Musik. Er war in seinem eigenen Rhythmus, findet sie. Auf so viel Offenheit fällt schnell ein dunkler Schatten. Die nächste hübsche Frau weckt Rainer’s Interesse. Uschi packt Hals über Kopf ihre Sachen und flieht zu Jimi nach London. Doch sie kommt schnell wieder, weil sie erneut erlebt: Zwei Menschen allein, das ist doch crazy. Da wird man nur einsamer und ärmer, so ihr ungewöhnlich mutiges Fazit. Wenn jemand etwas sehr gern haben möchte, würde es mir keinen Spaß machen, es für mich allein zu behalten, ermutigt sie sich immer wieder.

Uschi & Langhans 11

If you can just get your mind together
then come across to me
We’ll hold hands an‘ then we’ll watch the sun rise
from the bottom of the sea
But first

Are You Experienced?
Ah! Have you ever been experienced?
Well, I have

I know, I know
you’ll probably scream n‘ cry
That your little world won’t let go
But who in your measly little world are trying to prove that
You’re made out of gold and -a can’t be sold

But are You Experienced?
Ah! Have you ever been experienced?
Well, I have

Ah, let me prove it to you
I think they’re calling our names
Maybe now you can’t hear them, but you will
if you just take hold of my hand

Ah! But Are You Experienced?
Have you ever been experienced?

Doch in Berlin, auch in der Fabrik wächst der Druck von allen Seiten. Die Gewalt auf den Straßen eskaliert weiter. Uschi flieht zu ihren Freundinnen nach München. Sie sucht mehr Lachen und das schöne Leben. Dass ich dort aber ohne Rainer wieder so schnell in meine Bürgerlichkeit absackte, fand ich dann ziemlich furchtbar. Ich brauchte wieder mehr Aufregung, erzählt sie später. Alles erleben, raus aus der Enge. Nur nicht ersticken und sich zu Tode langweilen! So Uschi. Rainer fliegt nach München und holt sie zurück.

Berliner Subkultur? Die Genossen verrennen sich in immer heftigeren Kämpfen. Macht kaputt, was euch kaputt macht! Baader und Ensslin tauchen auf, die Paranoia wächst. Aber Uschi bleibt das sehr fremd: Wie kann ich nur von Freiheit reden, wenn ich keine habe? Diese ganzen Schlagworte: Hass auf die Gesellschaft! Ich habe keinen Hass, ist ihre Antwort. Irgendwann findet in der Kommune mal wieder eine Razzia statt. Die Frauenkommune aus München ist gerade zu Besuch. Jimi Hendrix Ton Scheibe Scherben

Adelheid von der Frauenkommune München

Adelheid von der Frauenkommune München

Alles wird von der Polizei auf den Kopf gestellt, nichts gefunden. Am nächsten Tag das gleiche Spiel. Diesmal entdecken sie die Bombe. Rainer und Kunzelmann kommen nach Moabit in U-Haft und die Frauenkommune reist entsetzt ab. Es wird immer schwieriger, in Berlin eine friedliche Insel zu sein. Längst fließt alle Energie in die Machtfrage auf der Straße: Die Bewegung rüstet für den Endkampf. Sit-Ins und Tänze auf dem Ku-Damm sind lange vorbei und nur noch romantische Erinnerungen.

cool auf der einzigen Demo ihres Lebens: Rainer soll aus U-Haft entlassen werden

cool auf der einzigen Demo ihres Lebens: Rainer soll aus U-Haft entlassen werden

demo Ende 1969 entscheidet sich Rainer gegen die Genossen und ihre zunehmende Militanz. Der Weg müsse ein anderer sein: Nicht nur ihnen, auch ihm fehle das Weibliche. Er würde also weiter von Uschi lernen. So verrät der intellektuelle Rainer für die schöne Uschi die Revolution. Das ist nur gerechtfertigt, denn sonst ist sie ja keine, lautet seine Begründung. Alles scheint sich aufzulösen. So dauert es nicht lange und befreundete Rocker stürmen die Fabrikräume der Kommune, schlagen die letzten Kommunarden zusammen und zertrümmern das spärliche Mobiliar. Uschi schonen sie. Eine Alte wird nur im Notfall geschlagen. Für Rainer und Uschi ist klar: Sie würden nach München gehen, dorthin, wo die Frauenkommune und Freunde sind. Langhans RadikalinskiFür die Bewegung ist Rainer damit ein Verräter. Wenig später zerfällt die APO endgültig. Der Weg in die Innerlichkeit, Sprachlosigkeit, an den Strand unter dem Pflaster beginnt und hält bis heute an. Der Fluss verschwindet in den Untergrund. Die Geschichte dieses neuen Paares faszinierte mich so, dass ich Ende der 80er für den WDR mit Rainers Hilfe die Doku Von wegen Liebe: das schönste Paar der APO drehte.

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Der Film wurde sogar für den Grimme-Preis nominiert.

Eine kurze, intensive Zeitlang hat sich Uschi getraut, dem eigenen Horror zu begegnen. Gleichwohl scheint es, als habe sie sich später doch in ihre Körper-Identität geflüchtet. Als Rainer seinem Meister begegnete und auch ihr diesen anspruchsvollen geistigen Weg anbot, zuckte Uschi zurück.

Wie entscheidet Uschi?

Wie entscheidet Uschi?

Sex ist der Tod? So spricht der Meister? Verrückt! Ich will ein schönes Leben, am weißen Strand liegen, möglichst mit einem wilden Mann. Den fand sie wohl auch und reiste in den Siebzigern mit ihm im Bus durch die Welt. Das schöne Leben, wie wir hören: Uschi lässt ihren Mann am Steuer nicht los. Wenn die beiden durch München fahren, werden wir sie treffen. Mal sehen… Jeder hatte angefangen, den einmal kurz geschauten Utopien auf seine Art näher zu kommen. Sing, sing, was geschah, keiner ward mehr gesehen…

 

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