Die dicke Frau
Posted on 16 März 2011
Mein Freund Günter.
Ich lernte Günter kennen, als wir Verstecke für die aus der JVA Staffelberg befreiten, jugendlichen Straftäter suchten. Unsere Kommune war nur kurzfristig geeignet, da zu auffällig, aber einige dieser Jungs gingen nach wie vor bei uns ein und aus, weil sie gerne Haschisch rauchten, was Günter aus politischen Gründen garnicht gefiel.
Nicht, dass wir immer einer Meinung waren — ich erinnere mich an einen düsteren Winternachmittag, als wir auf einer Frankfurter Verkehrsinsel gestrandet waren, wo wir uns mit revolutionärem Pathos anschrieen, um uns herum der fünf Uhr Verkehr — worum es ging, ist mir entfallen, aber unsere Leidenschaft ist erinnerungswürdig.
Günter war ein gutaussehender Mann, sexy, mit einem nicht zu übersehendem Charisma — und er war schwul — ein Mann, der Maenner liebte und zwar so selbstverständlich, dass es nie ein Thema war.
Sein Charisma war es sicher auch warum die Bundesrepublik Günter als “Rädelsführer” zu einer damals unbezahlbar hohen Summe verurteilen wollte, die sich aus den Kosten und Sachschäden einer Anti-Springer-Demonstration errechneten. Das war, soweit ich mich erinnere, ein juristisches Novum und offensichtlich zur Abschreckung geschaffen um weitere Proteste zu ersticken. Wir sorgten für permanente Anwesenheit während der Verhandlungstage und die Proteste gingen offensichtlich weiter.
Im Sommer desselben Jahres (’68 ’69?) lernte ich etwas von ihm, dass ich nie vergessen werde. Wir waren in der Frankfurter B-Ebene unterwegs, als eine fette, alte Frau uns hasserfüllt ansah, irgendwas obszönes in unsere Richtung murmelte und dabei das Ende der Rolltreppe übersah. Sie fiel und ich dachte: “Geschieht ihr ganz recht, dieser fetten Sau!” — als Günter ganz selbstverständlich hinzusprang, sie stützte, den Sturz verhinderte und sie wieder aufrichtete. Ich sah zu und kam mir vor wie das mistigste Miststück unter allen Miststücken! Love and peace, die bessere Welt, die Menschlichkeit — alles war mir offensichtlich abhanden gekommen! Ich erwischte mich als ganz hasserfüllt und beschloss, dies dürfe nie wieder vorkommen in meinem Leben. Günter war ein MENSCH — im Gegensatz zu mir. Er hatte natürlich keine Ahnung was in mir vorging und was er in mir angerichtet hatte.
Das waren die Sechziger Jahre und wir blieben immer in Kontakt.
Das letzte mal sahen wir uns in Basel zu Albert Hofmanns 100 jährigem Geburtstag.
Wir hatten vor, uns dieses Frühjahr zu treffen.
Dann wurde er von einem Auto erschlagen.
…waiting for the lights to change…
Ich kann den Gedanken kaum ertragen.
Brummbaer Los Angeles 2011
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