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Christa Ritter's Blog

Wir schreiben uns aus Neuland

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Liebe Sophie,

danke dir für deine Mail. Was wohl so unverständlich bleibt: Dieser Krieg gegen die Gewohnheiten. Denn so ist es wohl immer. Sobald du diese Identifikation mit Sex, Besitz des Mannes, dieses materiellen Lebens in allen Facetten, Erfolgsansprüche kündigst, rast die Sau in dir los. Du fällst aus dieser Tünche von Erwachsenenleben in die Teile, wo die ursprünglichsten Verletzungen vernarbt sind oder sogar noch bluten. Ich will geliebt werden, bedingungslos, von allen! So schreit es in dir. Und dieses Geschrei hört erstmal nicht auf. Ich meine allerdings, es ist inzwischen bei jeder von uns hier etwas leiser geworden. Vielleicht weil eine Art innerer Beobachter auftauchte, auch nur sporadisch, sehr langsam. Der weiß offenbar, dass es in diesem Körper keine Liebe gibt, immer nur Krieg. Ein Weg könnte begonnen haben, der aus der Körper-Identität heraus führt…
Wo ich da stehe, weiß ich nicht so genau. Auf jeden Fall: Erst ganz am Anfang.

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Ansonsten: einen schönen Sommer wünsche ich dir! Hier hat er ja schon längst begonnen. Was bedeutet, dass ich meine Tage sehr oft an einem herrlichen See verbringe.
Christa

Liebe Christa,

deine Worte haben mich stark berührt, weil ich an einem ziemlich ähnlichen Meilenstein stehe- und ich deshalb gerne schaue, wie gebären sich andere neu und kann ich etwas abgucken und lernen.
Deine Worte stolpern und turnen in mir rum und ich sortiere aus und lasse zu und kann letztendlich nur zustimmend nicken.
Auf dem „ich will geliebt werden“ kaue ich rum. Natürlich kenne ich das als Aufschrei in Richtung meiner Mutter, aber ich weiß gar nicht, wie es sich an fühlt, wenn man das bekommt. Also ein Phantasiegebilde, das mich bisher ferngesteuert hat.

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Die Auflösung der Körper-(=Ich?)-Identität, die du benennst, wirft auch Fragen auf. Nachdem meine Sucht, mich möglichst attraktiv zu präsentieren, allmählich nachlässt und mein Selbstwertgefühl sich dafür bedankt, habe ich einen sanfteren Bezug zu meinem Körper und spreche mit ihm. Ich frage ihn zu allem Möglichen und bin noch dabei, Reaktionsfeinheiten mitzubekommen und lesen zu können.
Insofern ziehe ich meine Interaktionen vom Außen etwas mehr ab (mit gravierenden Rückfällen) und verlagere sie in mich. Mein Körper wird eher ein Haus für mich, die Heimatlose und es geht drum, ob ich andere überhaupt in den Garten oder Flur lasse. Insofern interessiert mich, was du mit dem Krieg im Körper meinst. Vielleicht magst du mir dazu noch was erzählen.

Danke für deine Anregungen.
Liebe Grüße
Sophie

Liebe Sophie,

erstmal herzlichen Dank für deine Zeilen. Mir fällt es sehr schwer, darauf zu antworten. Einmal schwanke ich hin und her, dann erfassen meine Worte nicht genügend meine Gedanken, eigentlich weiß ich gar nicht, wo ich wirklich stehe.

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Gestern: Ein langer, sehr heißer Tag am Walchensee. Jutta’s Kinder mit ihren Kindern, die ganze neue Family, sogar Uschi Obermaier und Umfeld. Heute ist dafür mein „Verdauungstag“. Schwierig. Daran sehe ich vermutlich auch das, wonach du fragst: Körperidentität. Bin ich wirklich diese geltungs- und liebessüchtige Person, die zwischen diesen Menschen irgendwelche Geräusche fabrizierte? Ich habe manchmal den Eindruck, dass die Liebesschmerzen weniger werden, wenn ich loslasse von diesem Trumm und es schaffe, etwas mehr in den Geist zu gehen. Eigentlich eine Meditations-Übung. Alles Leiden macht dieser Körper. Also: Üben, üben, üben.

Müde,
Christa

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