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Christa Ritter's Blog

Wohin gehen wir?

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Heute wieder FFF-Tag. Dazu habe ich gerade in der taz gelesen: Die Jungen wollten diese Welt mit ihrem Protest verbessern: weniger ist mehr. Statt wie wir Älteren: Immer mehr für alle. Und daher inzwischen als Krönung: 39 Flughäfen in Deutschland. Dieser Schluss ist falsch, meine ich, er ist öko-grün und reicht nicht hinein in die Veränderung der Welt, die wir in Wirklichkeit erleben. Durch das Internet, aus dem diese jungen Demonstranten auftauchen. Sie haben dort eine Erfahrung hinter sich, die wir vergessen haben.

Wie wurde in unserer Stunde Null, diesem rätselhaften 68, das neue Leben ausprobiert? „Wir klauten uns das Essen und möblierten mit Apfelsinenkisten,“ sagt der Ex-Kommunarde. Nicht ganz so minimalistisch sah es auch bei mir aus. Bis ich schließlich etwas einschlief und doch wieder Design einführte. Warum zurück im Wahnsinn des Konsums? Aufgegeben? Ja, mir gings dann schlecht. Deshalb erneuter Anlauf mit vier Frauen und jenem Ex als eine weibliche Kommune. Eine virtuelle, denn jede von uns „Reisenden“ in so etwas wie „das Andere“ oder „das Innere“ lebte dann einzeln: Ich zog in ein kleines Apartment. Matratze, Tisch und Stuhl, eingebauter Schrank, mehr nicht. Worüber wir uns jeden Tag an- und aufregten, war so viel mehr als diese ganze Konsumscheiße. Irgendwann dann wieder eingeknickt, nein, kein Design, aber doch zwei Zimmer mit Gedöns, nicht teuer gekauft, aber gebraucht von dem und jener. Das war ein deutliches Zeichen für mein Gemüt: nicht mehr ganz so krass konsumarm, etwas softer in der Bescheidenheit. Der Weg in diese virtuellere, innere Welt nach dem Motto „materiell arm aber geistig reich“ war langsamer geworden, aber niemals verlassen. Er hatte eben mit 68 unkündbar begonnen, mit Klauen und Apfelsinenkisten. Sehen wir gesamtgesellschaftlich offenbar anders: Die Älteren, auch die grün Verbandelten, bashen das Internet, pflegen Überlegenheitsfantasien und konsumieren weiter.

Sieht aus, als hätten wir Älteren verloren. Nichts von besserer Welt: Die Linken, die Liberalen, alle, die seit 50 Jahren den Ton angeben gehören heute zu den wohlhabenden Superverbrauchern. Besonders wir Frauen sind zu den schlimmsten Shopping Queens geworden. Die Fridays for Future fordern den Umbau. Für das Klima, für den Planeten, für uns. Wie wollen sie leben? Ich vermute: Die Mehrheit der Jungen ist nicht nur oberflächlich systemverbessernd unterwegs, in Richtung vegan, keine Autos, Parties im Park, Sachen tauschen. Gedöns und Klamotten rauf und runter haben sie ja bei ihren Eltern erlebt. Dieser massive Konsum bringt nichts, macht traurig, das wissen sie. Deshalb sind sie spätestens als Teenies ausgewandert. Ins Internet, dort extrem kommunikativ, weltweit im Geist und Wissen verbunden. Ich habe es noch nicht ganz verstanden, aber dieses eher Irrationale des Netzes stellt sich für diese Generation wohl längst trotz Shitstorms als freundlicher, freundschaftlicher heraus, als alles, was wir deprimierten Alten ihnen materiemäßig anbieten.

Wir Alten haben 68 kurz die Zukunft als kurze Realität erlebt. Als ein merkwürdiges Gefühl der Freiheit und Liebe. Zwischenzeitlich vergessen, taucht etwas davon gerade wieder durch die Jungen auf. Ihre Erfahrung im Netz treibt sie an. Und wir Alten? Wir wachen auf und erinnern uns. Mein Keller muss weiter entrümpelt werden. Vor allem aber: Mit Freude ins Netz, in die virtuellere Welt der Freunde, damit raus aus der Depression. Ich schließe mich den Demonstranten begeistert an.

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