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Christa Ritter's Blog

Der halbe Millimeter

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Alphamädchen, Sexismus, alter Feminismus, neo-feministisch, post-gender… was ist mit den Frauen los? Es zickt und kreischt. Vor allem: Auch die jungen Frauen beschuldigen noch immer andere. Wie damals ewiges Opfer in neuer Verkleidung? Könnten wenigstens die jungen Frauen nicht endlich weiter sein als wir? Nachdem wir 68 nie so werden wollten wie unsere Mutter und uns als freie, freche Frauen visionierten, ist alles schief gegangen? Einmal Opfer, ewig Opfer? Die Frau stagniert? Oder versteckt sich sogar rückwärts?

In einer Diskussion meiner angeblich so fortgeschrittenen Piraten- Arbeitsgruppe diskutierten wir (4 Männer und ich) vor ein paar Tagen darüber, welche Revoluzzer der bayerischen Historie piratig waren, weil sie eine neue, gerechtere Welt versucht hatten: Räuber, Komiker, Wilderer usw. Immer wollten solche Volkshelden, statt der Obrigkeit zu gehorchen, das bessere Leben auf gleicher Augenhöhe und den Besitz mit anderen erzwingen. Gewaltsam, noch ganz und gar nicht demokratisch. Erste Einzelne, erste Verrückte also, die häufig ihr Leben riskierten und die das Volk dafür bewunderte oder verdammte. Nicht selten endeten sie am Galgen oder wenigstens im Gefängnis. Freiheitssuche als großes Scheitern! Meine Arbeitsgruppe wird ein Wahlwerbe-Video der Piratenpartei für den Wähler auf dem Land drehen. Die hoffnungsvolle Message: In jedem Bayer steckt ein Pirat. Kneissl, Jennerwein, Valentin und dann auch bei uns Piraten das, was TV und Parteien schon lange tun: Die Alibifrau muss her. Gab‘s sie überhaupt in Bayern? Anette Kolb, Sissi, Sophie Scholl. Ja, die Sophie wäre genau richtig. Hat ihre Überzeugung gegen die Nazis öffentlich gemacht und damit ihr Leben verloren. Nee, ist zu schwierig, das mit den Nazis, das ist zu ernst. Weil wir einen Spot mit Augenzwinkern drehen wollen. Ein wenig lustig kommt besser an, sagt die Runde. Plötzlich: Wie wär’s mit Lola Montez? War die nicht allen voraus? Eine richtig wilde Frau? Wir googeln diese Exotin. Nee, die ist in Irland geboren, lesen wir. War die nicht später lange in Bayern? Was hat die hier denn gemacht? Ihr Bild wird auf die Wand gebeamt. Schöne Frau. Die war nur eine Mätresse des Königs? Wir googeln weiter. Eh, die hat bei einem ganzen Studentencorps die Beine breit gemacht, steht hier. Spinnt ihr? Die hat Ludwig I. beraten und viele andere Politiker auch. So kann man das auch nennen, hö, hö. Hier steht, die war Tänzerin und wurde später als Hochstaplerin entlarvt. So eine ist doch genau richtig und passt zu den Räuber-Männern: Sie scheute kein Risiko, war beweglich und klug! Lachen. Die war sicher in München in Intrigen gut, höre ich. Wieso, das ist doch eine spießige Unterstellung, sage ich und die Jungs schauen mich irritiert an. Wikipedia besteht aus männlicher Geschichtsschreibung, aus solcher Denke stammt auch euer Sexismus, sage ich wütend. Was hat Wikipedia also mit Wahrheit zu tun? Sogar das Netz vertritt immer noch eine traditionelle Sicht, nämlich eine patriarchale, die zweite, die weibliche Seite fehlt fast immer. Nicht nur wenn revoluzzernde Männer, auch wenn eine Frau etwas Gewagtes lebt, wird sie erst mal mit den alten Augen und dann noch mit Angst bewertet. Verständlich, oder? Alle Vorurteile sind dann gut genug. Ach Quatsch, lies mal hier: Lola löste in Bayern einen Skandal nach dem anderen aus, wenn sie mit ihrer Dogge Turk Zigarre rauchend durch München zog. Dogge und Zigarre, Kopfschütteln, geht gar nicht. Und dann sind sie sich einig: Das ist doch kein Frauen-Modell, das sich die Piraten wünschen. Ich sehe meine Runde ungläubig an. Welche Frau wünschen sich denn die Piraten, frage ich spöttisch. Verlegenes Lachen. Ich finde, sage ich, diese Lola ist cool, die war klug und sexy und mutig und in jeder Hinsicht eine selbstbestimmte Frau. Die wollt ihr nicht? Wieder Kopfschütteln, diesmal energisch. Hier liest du ja, ihr wurde die bayerische Staatsbürgerschaft aberkannt. Nee, die können wir Piraten nicht nehmen. Selbstbestimmung bedroht also Männer wie Frauen wie Piraten. Immer noch. Wie vor kurzem bei den Aufschrei-Frauen: Ausweglos? Oder gibt’s gerade hinter einem Geschrei immer erste Veränderung?

Post-Gender mag eine Option im Netz sein, sowas wie die Zukunft einer neuen Gesellschaft: Weniger Opfer, kaum Täter. Stattdessen Menschen! Denn du scheinst in einem virtuelleren Raum friedlicher zu sein, weniger Körper, daher gesichtslos. Für die Meisten von uns noch Scheinwelt, die aber immer mehr Wirklichkeit werden könnte. Oder, wie viele Netizens sagen, schon immer ihre Heimat ist. Aber sobald sie in Fleisch und Blut zurück sind, wird es verdammt schwierig. Hauen und Stechen sind angesagt. Nicht nur wenn sich Piraten gegenüber sitzen oder vor Parlamenten die Machtfrage gestellt wird. Unser Bewusstsein von geteilter Brüderlichkeit scheint der Praxis gewaltig hinterherzuhinken. Erstmal.

Der 68er Aufbruch hatte eine ganze Generation junger Frauen die Augen geöffnet: Kündigung des patriarchalen Eva-Vertrags.  Wir waren plötzlich in diesem rätselhaft virtuellen Raum gelandet und daher anspruchsvoll: Eva good-bye. Ich bin kein Opfer, letztlich auch kein Täter, jemand wunderbar anderes. Aber wer ist das? Die Frauenbewegung versenkte uns dann in der Sackgasse der Männer-Beschuldigung. Gefühlte 100 Jahre später empören sich die Jüngeren nicht anders als wir und nennen es #Aufschrei: Die bösen Männer! Junge Frauen beschimpfen und beschuldigen: Sie scheinen sich lange nach unserer Kündigung tatsächlich kein Fitzelchen aus ihrer Opferrolle raus bewegt zu haben. Wie wir starren sie auf den Mann, statt auf sich selbst: Er macht und tut, er ist schuld, wenn es ihnen schlecht geht. Viel Gezicke und Geheul, häufig sogar Depression.

Big vision, long time, much work. Alles umsonst? Auch mir geht es nicht gut genug, nicht meinen Haremsschwestern. Dabei waren wir Vortänzer nach dem Blues in der Sackgasse radikal erfinderisch: Unser moderner Harem, so Mitte der Siebziger die Verabredung, würde unserer Utopie des Aufbruchs dienen und ein Labor für freie Frauen werden. Dafür suchten wir, um nicht in die Gefahr der Anfälligkeit in Beziehungskisten zu geraten, um uns nicht mehr als einen Mann anzusiedeln. Er musste für sich entschieden sein, um die Evas/Janes in Schranken zu weisen und dahinter die  Furien auszuhalten. Irgendwie schienen wir früh zu ahnen, dass es dabei um unsere verdrängte Gewalt gehen würde. Den Schatten! Wir Frauen sind also seit 68 dabei, die wilde Frau in uns zurückzuholen. Das kracht, kotzt und hört sich für landläufige Ohren nur hässlich an. Auch unter uns kommt häufig Scham auf. Bloß nicht! Adam, die Tarzans der Welt könnten uns verlassen. Zurück in die sklavische Eva mit gesenktem Kopf, der piepsigen Stimme. Bei so viel verständlichem Kleinmut hat immer die Häme von draußen ein wenig recht. Natürlich nicht ganz. Kein Opfer mehr zu sein, ist ein Totentanz. Da geht es um den Krieg der Frau mit sich selbst.

Warum der Krieg? Dazu eine These: Unsere zunächst geistigen Kräfte, verkörpert in Lilith oder Kali, wurden zu Urzeiten erfolgreich vom Patriarchat verbannt, die Frauen hatten den Druck gemacht. Sie waren es, die vermutlich aus dem stagnierenden Matriarchat aussteigen wollten und deshalb die Männer vorschickten. Wie die These dieser Täterschaft der Frau weitergehen könnte, um bei der heute ächzenden, missbrauchten Erde anzukommen, weiß ich nicht. Jedenfalls ist Lilith aus der Verbannung zurück, wo sie böse geworden ist. Sie gilt es in uns zu erlösen?images (1)

Bis heute hört der Krieg unter uns Älteren nicht auf, gellt mir der #Aufschrei im Internet entgegen.  Aus vermutlich guten Grund: Um zu sehen, dass wir die Gewalt nicht sind, weil wir das Eigentliche sind, das, was dahinter ist. Ich tue mich noch schwer, das Liebe zu nennen. Aber der Beobachter in mir, den gibt es schon und er kann sie sehen: Eva kämpft mit Lilith/Kali. So etwas muss es sein, was wir wollen. Wo wir uns vielleicht schon einen halben Millimeter ins Menschsein wagen. Weiter!

Okay, wir leiden daran: Das Bewusstsein tut sich schwer, kommt kaum nach. Die neue Superfrau auf gleicher Augenhöhe zum Mann sind wir trotz aller Übung noch nicht geworden. Vielleicht sogar: Noch weit davon entfernt! Menschsein scheint schwer zu sein, ein langer Weg. Sieht aus, als wären tausende von Eva-Jahre nicht so schnell aufzulösen, wie wir mal hofften. Wenig, sehr wenig, das stimmt, aber auch viel, wenn man Eva und ihr kleines Leben nicht mehr als Alternative sehen kann.

Die Kali-Lilith-Diskussion, die jetzt auf Facebook und hier im Blog trollt, könnte ein guter Anfang sein, öffentlich mehr als den #Aufschrei zu wagen. Denn wenn ich genauer hinschaue, zeigt sich der halbe Millimeter doch als der helle Schimmer am Horizont: Nichts war umsonst, alles bewegt sich.IMG_3721 (2)

Und mein Labor, das Labor meiner oft verhassten und dann doch plötzlich ein ganz klein wenig auch geliebten Schwestern mit Rainer, namens Harem, das ist nicht zu ersetzen. Finde ich und mache mir und meinem Beobachter damit Mut. Selbst wenn ich gleich wieder fluche. Das Labor lebt weiter, wir streiten und ächzen, wir lieben uns aber heimlich auch und vor allem: Wir sind auf dem Weg. Wie die anderen Frauen. Vergesst das nicht! Anstrengend, ja. Unendlich mühsam, auch ja. Wisst ihr was Besseres?

17 Kommentare

  1. Das bessere ist wohl: begreifen, daß wir innerlich völlig gleich sind – da gibt es kein männlein – weiblein getue – nichts dergleichen: reines bewußtsein, das innen nur licht und musik ist, außen aber wahrnehmen des anderen als reines, freies Sein, eingegrenzt in einer physischen hülle. Wie wir dem wesen vor uns begegnen, wird allein von unserer zuneigung oder zweckbestimmheit definiert – da sind wir völlig frei und sehen nur die seele vor uns. Aber wenn wir das vergessen, nur den körper sehen, kommen natürlich all die körperlich bestimmten zwänge ins spiel (besitz – oh, das ist allein mein! – nimm es mir ja nicht weg!! – sonst vernichte ich dich!!). Wollen wir das? Jede seele kann sich für körper oder reines sein entscheiden!

    • Was du schreibst ist für mich ein mystisches Idealziel, das ich nicht kenne. Schön wäre es, dorthin zu kommen. Noch in diesem Leben? Aber wie? Ich meine: sich auch als Frau auf den Weg machen. Zunächst verantwortlich für sich selbst werden. Als Anfang der großen Reise…

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  8. (in einem Brief an René Schickele, 1934) Wenn ich heute sage, »il y a des Nazis dans tous les pays« [Anm.: es gibt Nazis in allen Ländern], wer könnte mir da widersprechen? Aus verschiedenen psychologischen und politischen Gründen trägt Deutschland die schreckliche Verantwortung, diese Seuche über die Welt gebracht zu haben, aber an der Verantwortung für ihre wachsende Verbreitung haben alle teil. Müssen wir die Nazis nennen, die bereit sind, Hitler in Wien, Prag, Warschau, Oslo, Kopenhagen, Brüssel, Amsterdam, Luxemburg, Paris, Belgrad, Athen, Kreta und so weiter zu helfen? Können wir für einen Augenblick daran zweifeln, daß die englischen Nazis mit von der Partie wären, – gäbe es nicht Churchills feste Kontrolle. Und Amerika? Sie sind hier genauso eine Prozentfrage wie unsere anderen gefährlichen Verbrecher. Es ist die höchste Pflicht für jeden von uns, sie zu besiegen – unter äußerster Nichtachtung für die persönlichen Folgen. In einer Welt unter ihrer Herrschaft wäre es nicht wert zu leben.

    • Ich sehe, dass sich dank 68 und dieser Vision der Liebe zwar die Gesellschaften nur langsam (nicht so ekstatisch schnell, wie wir Junge hofften) öffnen, aber doch beständig. Überall auf der Welt. Globalisierung mit Internet nennt man das. Da haben die Nazi-Ideen immer weniger Chancen. Das Private wird politisch! Siehst du das nicht?

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