Ich bin’s – 1. Kapitel
Posted on 18 April 2011 | No responses
Ein Mensch wird dem anderen immer ein Rätsel sein. Auch wenn man sich noch so gut kennt – ein Rest an Unergründlichem bleibt. Für manche Dinge wird man nicht einmal eine Sprache finden. Selbst in der Dichtung nicht. Ich finde, dass man Geheimnisse verraten darf. Jene Geheimnis- se, die nicht verraten werden sollten, können gar nicht verraten wer- den, weil sie ein anderer niemals wirklich versteht. Sie schützen sich selbst. Jeder sollte alles wissen dürfen. Ich bin gegen Geheimnistuerei.
Ich habe mich sehr früh mit der Frage beschäftigt, wer ich bin und was ich hier soll. Was das Ganze überhaupt soll.
Schon als Kind ging es mir so, dass alle anderen seltsam unbeschwert auf mich wirkten. Wie hinter einer Milchglasscheibe schaute ich ihnen zu, wie sie redeten, lebten, ihr Ding machten. Ich gehörte nicht dazu. Mein Normalzustand war, dass ich mich fremd fühlte und nicht wusste, wie das Leben funktioniert. Weder im Großen noch im Kleinen. Selbst Danke oder Guten Tag sagen fiel mir schwer. Ich spürte den richtigen Moment nicht.
Ich habe mich gefragt: Warum bin ich das Kind meiner Eltern? Warum bin ich nicht wie meine Geschwister oder meine Kameraden, die so unbefangen miteinander umgehen? Ich wusste nicht, was mit mir los ist. Das ging soweit, dass ich das Gefühl hatte, aus dem Körper herauszufallen. Ich habe damals nicht viel herausgefunden mit dem ewigen Reflektieren, diesem Bohren in mir selbst. Da waren keine Ergebnisse, Erkenntnisse oder Sinnzuwächse, die ich hätte verzeichnen können. Und dann gab es einen ersten Schimmer von Begreifen – in der Studentenrevolte. Plötzlich waren alle um mich herum von dem Gefühl überwältigt, dass ein ganz anderes Leben möglich wäre. Für mich jedenfalls war es entscheidend, man kann fast sagen lebensrettend, als ich das erste Mal sah: Ich bin gesund – und krank ist die alte Ordnung, die mich bisher so bedrängt hat mit ihrer vermeintlichen Richtigkeit.
Weil ich so dringend Veränderungen brauchte und diese Zeit so intensiv erlebte und damit auch verkörperte, bin ich zu dieser etwas merkwürdigen und bekannten Figur geworden, die für viele Leute wichtig war. Zu Beginn war ich nicht politisch oder links, und ich wollte nicht die Welt verändern. Es war nichts davon. Ich habe mich einfach rein gestürzt. Mehr als viele andere.
Meine Exkommunarden sagen heute noch: Du spinnst. Die Geschichten mit deinen Frauen, das ist doch alles Quatsch. Du hast eine Macke gehabt. Und das Guruding sowieso. Wir alle konnten nur einen kleinen Sprung in ein neues Leben machen und uns eine Weile darin aufhalten, was schon ungeheuer viel ist. Von heute auf morgen alles verändern – subito! –, das konnten wir nicht.
Als die Bewegung zusammenbrach, hatte ich das gleiche Problem wie viele andere: nämlich, zu überleben. Ich wollte keineswegs mehr in meinen alten Körper und in die alte trostlose Welt zurück, wo jeder einem nur sagt: Was willst du hier eigentlich? Du gehörst nicht zu uns, du gehörst nirgendwohin. Viele aus der Bewegung sind verschwunden. Sind erschossen worden oder haben sich umgebracht. Kamen von Trips nicht mehr zurück. Sind in bürgerliche Existenzen eingetaucht und haben so getan, als ob nicht viel gewesen wäre. Andere haben versucht, auf kleinen Inseln weiterzumachen. Zu diesen gehörte auch ich – bis ich irgendwann dachte: Das ist das Ende. Ich wusste nicht mehr weiter.
In diesem Augenblick kam die entscheidende Wende. Ich bin eine Zeit lang aus dem Leben verschwunden und habe meine gesellschaftliche Existenz und sämtliche Gewohnheiten noch einmal sehr viel massiver in Frage gestellt als in der Zeit der Kommune.
Seit meiner spirituellen Klausur, die länger als zehn Jahre dauerte, bewege ich mich wieder mehr nach außen. Es ist bis heute so, dass ich meine inneren Erfahrungen nicht privatistisch verstecken – ein Erbe meiner 68er-Erfahrungen – sondern mit dem Außen verbinden möchte.
Das heißt nicht, dass ich viel erreicht hätte. Im Gegenteil. Ich halte mich nach wie vor für einen Stümper. Für einen ziemlich unerfahrenen Menschen. Und habe auch zu meinem Entsetzen festgestellt, dass ich gar nicht dieser großartige, geistige Mensch bin, für den ich mich hielt. Sondern eigentlich ein ziemlich stumpfsinniger Mensch – gemessen an den neuen Möglichkeiten, die ich jetzt sah. Das mag ja in der Studentenbewegung noch ganz toll gewesen sein, da gehörte ich mit zu den Größten, aber danach, an neuen Maßstäben gemessen, überhaupt nicht mehr.
Es gibt einen Dämon, der mich treibt, die berühmte Frage zu beantworten: Warum bin ich hier?
Er verlangt eine Antwort von mir, aber nicht die Antwort des Wissens. Er will, dass ich richtig lebe, und er lässt mich nie entspannt sein, so dass ich sagen könnte: Okay, ich habe einiges erreicht und bin irgendwo angekommen, jetzt bin ich hier, und es ist alles ganz gut so wie es ist – sondern er treibt und treibt mich weiter und lässt mir keine Ruhe. Ich habe dazulernen können, so dass ich nicht nur von ihm in fürchterlichen Stößen getrieben und geschleift werden muss, sondern dass ich einigermaßen, wenn auch stolpernd, mit ihm Schritt halten kann: Ich muss tun, was ich tue, ich bin bereit, mich zu verändern, mache die Dinge vielleicht nicht mehr so sehr verkehrt, dass er mir wieder einen Tritt geben muss: wieder falsch, komm jetzt, los, los, los …
Darauf beruht mein zunehmendes Glück.
Das Schlimmste war, dass ich lange Zeit keinen Glauben, keine Hoffnung, keine Zuversicht besaß, dass das besser werden könnte, mein Leben.
Manifest DAS NETZ
Posted on 18 April 2011 | 1 response
Was ist es?
Es ist ein geistiger Raum, der mit elektronischen Mitteln zunehmend Allen zugänglich wird. Geistiger ist er als der bisherige Materialismus, vor allem des “Westens”: Vorherrschend ist in ihm nicht mehr der Mangel, sondern die Fülle. Entsprechend vermindert sich das Kämpfen um das immer zu Knappe. Die Tendenz zur Liebe verstärkt sich. Wir nennen dieses “Geistige” heute Information, Kommunikation.
Warum entwickeln wir uns dahin?
Weil wir überwiegend geistige Wesen sind, nicht Überlebenstiere nur.
Was wollen geistige Wesen?
Erkenntnis, Sinn, Liebe.
Was ist diese Erkenntnis?
Die unserer selbst. “Erkenne Dich selbst”, das ist die Grundfrage unserer Philosophie. Sie ist zugleich die Erfahrung unserer höchsten Möglichkeit: was wir Gott nennen. Wenige konnten bisher Schritte in Richtung dieser Erfahrung machen. Nun sind es viele. Dieses Netz ermöglicht das erste Mal in der uns bekannten menschlichen Geschichte Allen, geistige Wesen zu werden.
Wie kam das?
Wir glauben, dass wir uns von tierischen Ursprüngen zu Sinn und Glück suchenden Wesen entwickelt haben. Beides wollte das so genannte Patriarchat durch sinnliche und materielle Befriedigung erlangen. Dabei stellte sich heraus, dass den Vielen der Mangel blieb und wenigen der Überfluss. Der
Überlebenskampf prägte das Leben der Meisten. Erst jahrtausendlange Akkumulation ermöglicht heute Vielen, gut zu überleben. So gut, dass sich Allen zeigt, dass das nicht glücklich macht. Da fehlt was.
Was ist das?
Wer ist glücklich? Glücklicher waren Menschen, die ihren Geist entwickeln konnten. Wirklich glücklich war der vergeistigte Mensch. Dahin streben wir – von allem Anfang an.
Wie taten wir das?
Ekstatisch. Ekstasen ermöglichten Menschen zu allen Zeiten, zeitweise ihren Körper, die Materie, zu verlassen und eine erweiterte, ja die Wirklichkeit zu erfahren. „Ja, das bin ich. So ist es.“ Daraus wurden manche Male Religionen, Volksschulen der Wahrheit. Doch auch sie ließen nur wenige nur kurze Zeit ahnen, was Glück ist. Was sie wirklich sind. Alle Versuche, das Himmelreich auf Erden zu holen und damit unser Recht auf Glück materiell zu verwirklichen, scheiterten blutig. Nun beginnen wir, dies aufzugeben und stattdessen es im “Geist” zu realisieren.
Im Netz.
Wie entstand das Netz?
Das Netz entsprang einer einzigartigen und beispiellosen globalen Ekstaseerfahrung oder Vision, die sich “1968″ nennt. Alle bisherigen Ekstaseerfahrungen blieben personal und regional, äußerstenfalls national: “Männer machen Geschichte”. Diese letzte Ekstaseerfahrung ist global und überwältigend wie nie zuvor. So stark, dass keine Religion daraus entstand, sondern eine Erfahrungsfamilie neuer Menschlichkeit.
Woher kam diese “Verrücktheit”?
Niemand weiß es. 1968 ist unbekannt bis heute. Aber wirksam. „Der Geist weht, wo er will – niemand weiß, von wannen er kommt und hinnen er geht.“ Es war ein rätselhafter Erleuchtungsschub, den jeder durch sein Verständnisfenster verschieden wahrnahm. Gemeinsam wussten alle, dass wir ganz anders sind, als wir bisher glaubten: “Liebe, nicht Krieg”. Freunde, nicht Fremde. Oder Feinde.
Woraus besteht das Netz?
Aus einem Rohstoff, der nicht mehr materiell, sondern feinstofflich ist: Information. Dieser Rohstoff ist das erste Mal in der Geschichte im Zentrum der Gesellschaft: das Ergebnis einer langen Akkumulation unserer Vorfahren. Wir ermessen noch nicht, was das bedeutet. Wir glauben uns noch kämpfend und leidend – in unserer Vergangenheit. Doch wir schreiten fort: Wir vergeistigen den Stoff durch Technik. Ein winziges Stück Materie wie ein Handy ist “smart”, überaus intelligent.
Doch all diese Vergeistigung des Stoffes, diese “Technik”, hat uns nicht glücklich genug gemacht. Sie scheint zudem sich selbst zu zerstören. Weniger Stoff und mehr Geist, dahin gehen wir zwar. Aber erst der heute sich vollziehende Schritt in das Überwiegen des Geistes stellt einen qualitativen Sprung dar ins Glück. In den Sinn.
Was ist das für ein Schritt?
Der ins Netz, die bislang smarteste Technik.
Diese Ekstase oder Erleuchtung heißt: nicht im Körper.
In ihm versuchten das verzweifelt auch 1968 noch Einige: Der körperliche Kampf für eine bessere materielle Welt. Und verloren. Aber es floss weniger Blut als je zuvor.
Das Netz entstand aus dieser Erfahrung: Das Glück ist nicht zu haben in dieser Welt. Daher der zunehmende und andauernde Trip in den Geist, die neue Welt. Mehr: Eine Völkerwanderung. Vor allem der Jungen, auch wenn sie es ungern zugeben. Die Älteren beschweren sich über die Restkörper, die sie uns zurücklassen: lasch, lahm.
Was tun die Jüngeren dort?
Zuviel, finden die Älteren und versuchen, das Netz zu ihrer alten und vertrauten Mangelwelt zu machen.
Wär’ ja noch schöner …!
Also was tun sie?
Sie erweitern ihr Bewusstsein. Letztlich erkennen sie sich selbst. Nennt sich Kreativität, zahllose Freunde oder communities, irre Bilder und Töne. Wissen. Liebe. Sie verwenden das Netz als Trainingsmaschine zur Vergeistigung. Üben, üben, üben. Wir sind noch ganz am Anfang. Denn so recht glauben, dass das Virtuelle die Realität und das Materielle ein Traum ist – das können auch die Jüngeren noch nicht. Das sitzt so tief – das Fleisch. Kommt noch, sagt die Morgenröte, die 1968 war. Wir wussten damals nicht, wie uns geschah. Es war zwar alles, was wir heute wissen – und doch noch viel mehr, was wir noch herausfinden werden.
Es war eine Singularität: alles verschlingend, alles hervorbringend.
Nicht nur Zukünfte wie das Netz bildete es, sondern auch Halos um die zu ihm hinführenden “Vorläufer”. Denn nachträglich erklären wir uns ängstlich, dass 68 ganz folgerichtig entstanden sei. Weil da doch schon so viel vorher war. Das musste so kommen. Nichts Besonderes. Lieber nicht wissen.
Warum nicht?
Weil das Bewusstsein nachhängt, weit nachhängt der Gegenwart. Das muss es, weil es Distanz zu seinen Gegenständen braucht, räumliche und zeitliche. Es weiß daher immer nur das Entfernte, Vergangene. Leben aber tun wir im Jetzt. Diese Differenz empfinden wir leidvoll. Und es dauert scheinbar so lang. Macht nichts. Läuft rasant. In Wirklichkeit hat die unendlich vielgestaltige Fülle des Netzes längst den Kapitalismus verlassen, das effektive Verteilersystem des ewigen Mangels. Und nicht nur ihn!
Der bleibt: im Körper. Das ist sein Kennzeichen.
Wie kann ich das “wissen”, sehen? Und glücklich sein?
Yes, you can.
Wer braucht schon Sex, wenn es Facebook gibt?
Posted on 11 April 2011 | No responses
Zum Panel “Die neuen 68er?” auf dem Medienkongress in Berlin
Rainer Langhans zumindest hätte dem nicht viel abgewinnen können. “Das Internet ist der Beweis dafür, dass wir gewonnen haben”, sagte er am Nachmittag auf dem Pannel “Die neuen 68er?”. Durch das Netz könne der grausame Materialismus, der in Fukushima wieder einmal vor die Wand gefahren sei, überwunden werden. Das Netz, die permanente Kommunikation, sei dagegen eine Form der Liebe, eine vergeistigte Form des menschlichen Miteinanders – jenseits der lästigen Körper und deren Überlebenskämpfe.
Wer braucht schon noch Sex, wenn es Facebook gibt? In der vergeistigten Welt herrsche endlich Friede. “Ja, weil wir dann alle tot sind”, rief jemand dazwischen. “Ein bisschen Körper wird schon bleiben”, sagte Langhans darauf, die Leute sollten auch ein wenig Sport machen, um nicht zu sehr in die Breite zu gehen.
Ganz verzichten will Langhans auf den Körper allerdings doch nicht: Zum Schluss sagte er, dass die maschinelle Kommunikation nur die Vorstufe zu einer rein-menschlichen Kommunikation sei: “Denn Liebe ist ja eigentlich ohne Maschinen.”
(Nachzulesen auch in seinem Internet-Manifest, das Langhans vor zwei Jahren geschrieben hat und auf dem Kongress auslegte.)
Mehr dazu in DER FREITAG
Ein glücklicher Mensch arbeitet anders?
Posted on 8 April 2011 | 1 response
Das Streiflicht (SZ vom 27.1.11)
Jeden Tag wälzt Sisyphos seinen Stein auf einen Berg. Er schwitzt und ächzt und seufzt, und fast hat er es geschafft: Er kugelt den schweren Brocken eben über die Kante, da gleitet er ihm aus den Armen und poltert zu Tal. Die Arbeit, zu der die Götter ihn verdammt haben, beginnt von Neuem. Wieder unten ansetzen, wieder die Mühsal des Aufstiegs, wieder scheitern. „Und es rann der Schweiß ihm von den Gliedern,“ heißt es bei Homer, „und der Staub erhob sich noch über sein Haupt.“ Albert Camus sah in dem antiken Helden Sisyphos den modernen Menschen in seiner ganzen Seinsgeworfenheit und kam deshalb auf die seltsame Idee, wir müssten uns diesen Ewigen Arbeiter als glücklichen Menschen vorstellen.
Schon wahr, Arbeit ernährt den Menschen, sie gibt ihm vielleicht sogar seine Würde, aber sie ist doch eine eher menschenfeindliche Erfindung. Arbeit macht zumeist unfroh, und dann schwitzt man auch noch furchtbar dabei. Rainer Langhans hat sich sein Leben lang vor echter Arbeit gedrückt. Vielleicht ist die Bundeswehr daran schuld, bei der er 1962 den Befehl verweigerte. Seither, seit bald fünfzig Jahren, tut Langhans nichts mehr. Er sät nicht und erntet nicht und die Öffentlichkeit ernährt ihn doch. Er war der Kommunarde, der Kiffer, der Esoteriker, der Barfußprediger, und dem weniger arbeitsscheuen Bürger ein Ärgernis. Ausgiebig hat er diesen Ärger bedient, seit er 1967 in die Kommune I einzog, seit er sich, Brust an bloßer Brust, mit Uschi Obermaier fotografieren ließ, erst recht, seit er einem „Harem“ von fünf Frauen vorsteht, die auf Sex verzichten und sich dafür spirituelle Unterweisung erhoffen. Mitten in der totalen Erwerbsgesellschaft tut Langhans das einzig Wahre: nichts.
Wahrscheinlich glaubten die Betreiber des RTL-„Dschungelcamps“, den großen Fang getan zu haben, als sie den großen Verweigerer nach Australien in den Busch holten. Sie wollen eine lächerliche Figur vorführen, einen Nullo, der aus der Zeit gefallen ist, und bekamen jemanden, der das ganze sadistische Schauspiel mit Schlangenfraß und Stromstößen scheitern ließ, weil er einfach nicht mitmachte. Den Gag-Schreibern im „Dschungelcamp“ fiel für dieses schamlose Privatisieren mitten in der Medienhölle von RTL nur die „fleischgewordene Pusteblume“ ein – eine Wendung, die der zwanghafte Wehrkraftertüchtiger Guttenberg als Beispiel für den Niedergang der Welt klaute. Ein Mann, der sich über Jahrzehnte vor der Arbeit drückt, der zehn Millionen Zuschauer düpiert, weil er sich nicht vor Maden gruselt, nicht über das schlechte Essen klagt und statt hysterisch zu streiten, sich auf die faule Haut legt und schläft, der kann kein schlechter Mensch sein. Wir müssen uns Rainer Langhans als glücklichen Menschen vorstellen.
Japan: Genicke & Gebelle
Posted on 24 März 2011 | No responses
Was soll dieser Leinsamenumschlag auf der moralisch empfindsamen Seele?
Hat man das für Haiti auch gemacht?
Japan ist eine der führenden Wirtschaftsnationen – alle Konzerne mit weltweitem Rang sind in Japan angesiedelt oder kommen aus Japan – Canon, Toyota, Sony, fujitsu, Nissan und hunderte mehr…. Japan hat 2 Atombomben erlebt – und unterscheidet in Kriegs- oder Friedensatom? Wie tödlich absurd. Diese Nikkei-hörigen Arbeitsroboter mit der permanenten Angst vor Gesichtsverlust – deswegen grinsen sie auch noch, wenn sie von Ihrer existentiellen Katastrophe berichten – Nikkei – Nick-Ei – das dauernde Genicke und Gebelle – die Japaner haben den Arbeitsroboter erfunden – und bespritzen Atomkraftwerke mit Gartenschläuchen – brauchen aus Deutschland einen Kran, um diese anzuheben….nehmen die Japaner Rücksicht auf Walfangverbot – oder auf bedrohte Tierarten, Hauptsache sie können ihre dauernden Potenzängste mit Nashornpulver und Tigerhoden bekämpfen – dieser senil-debile Kaiser hat Schatullen voller Geld – soll der doch diese öffnen ! Sollen die technikhörigen Japse doch ihre Konzerne unter Druck setzen, dass diese für ihre Fahrlässigkeiten das nötige Geld ausspucken – und da macht ihr euch Gedanken um 120 Euro, die ihr ersteigert, um diese nach Japan zu schicken. Wo soll denn dafür die Wolldecke gekauft werden und wie kommt sie zu dem, der friert – bis dahin friert er nicht mehr – das kommt mir ein bisschen bigottisch und doppelmoralig vor – wir beruhigen mit Kleinaktionismus unser Gewissen – aber doch bitte nicht bei den verblödeten Japanern mit Ihrem Shinto-Fatalismus und Ihrem Technik-Fanatismus! Und diese lassen Kernkraftbetreiber wurschteln nach Lust und Laune und ohne Kontrolle! Soll der Konzern, der das angerichtet hat, seine Insolvenzmasse an die Opfer verschenken!
Wir haben auch Probleme und Not in Deutschland – Hartz 4 etc. – schenkt das Geld doch lieber einem bedürftigen Nachbarn als einem anonymen Japaner – und so pressewirksam wird das nicht, dass ihr dafür das Bundesverdienstkreuz bekommt – gut gemeint ist meist nicht gut gemacht! Wir sehen doch, dass der Wahnsinn auch kurzzeitig bei uns wirksam ist – nur das Moratorium dauert 3 Monate – und nix ist so inaktuell wie die Zeitung von gestern! Gebt das Geld für krebskranke Kinder oder alleinerziehenden Müttern, die von HeartsFour leben müssen. Da tut ihr was Sinnvolles – globale Solidarität, schöne Vorstellung – fein – idealistisch – altruistisch – nur sollten das die Japaner jetzt auch mal lernen – Inselvölker ohne Anrainer sind eh ein wenig verschroben und mentalitätsmäßig dubios – der Homo Faber sitzt in dem Nest, das er sich gebaut hat – ist doch durch philosophische Anthropologie zu belegen – oder wenn das zu kompliziert ist, lest Max Frisch!
Viel Erfolg – ihr Gutmenschen – wäre besser ihr hättet ein Auge für die Not in der Nachbarschaft!
Distanzierte Grüße
M. G. Symolka
PS. Das mag populistisch klingen – aber das ist meine ehrliche Meinung! Es gibt für alles Grenzen – auch im Globalen! Bei uns erfrieren auch Obdachlose in dieser zynischen Massackerkapitalismusgesellschaft und keiner guckt hin, der braucht ne Decke – Biedermann und Brandstifter – Phobos und Deimos! Ihr edlen Kunst-und Künstlergeister – Humanismus als leere Attitüde ist degoutant!
Die dicke Frau
Posted on 16 März 2011 | No responses
Mein Freund Günter.
Ich lernte Günter kennen, als wir Verstecke für die aus der JVA Staffelberg befreiten, jugendlichen Straftäter suchten. Unsere Kommune war nur kurzfristig geeignet, da zu auffällig, aber einige dieser Jungs gingen nach wie vor bei uns ein und aus, weil sie gerne Haschisch rauchten, was Günter aus politischen Gründen garnicht gefiel.
Nicht, dass wir immer einer Meinung waren — ich erinnere mich an einen düsteren Winternachmittag, als wir auf einer Frankfurter Verkehrsinsel gestrandet waren, wo wir uns mit revolutionärem Pathos anschrieen, um uns herum der fünf Uhr Verkehr — worum es ging, ist mir entfallen, aber unsere Leidenschaft ist erinnerungswürdig.
Günter war ein gutaussehender Mann, sexy, mit einem nicht zu übersehendem Charisma — und er war schwul — ein Mann, der Maenner liebte und zwar so selbstverständlich, dass es nie ein Thema war.
Sein Charisma war es sicher auch warum die Bundesrepublik Günter als “Rädelsführer” zu einer damals unbezahlbar hohen Summe verurteilen wollte, die sich aus den Kosten und Sachschäden einer Anti-Springer-Demonstration errechneten. Das war, soweit ich mich erinnere, ein juristisches Novum und offensichtlich zur Abschreckung geschaffen um weitere Proteste zu ersticken. Wir sorgten für permanente Anwesenheit während der Verhandlungstage und die Proteste gingen offensichtlich weiter.
Im Sommer desselben Jahres (’68 ’69?) lernte ich etwas von ihm, dass ich nie vergessen werde. Wir waren in der Frankfurter B-Ebene unterwegs, als eine fette, alte Frau uns hasserfüllt ansah, irgendwas obszönes in unsere Richtung murmelte und dabei das Ende der Rolltreppe übersah. Sie fiel und ich dachte: “Geschieht ihr ganz recht, dieser fetten Sau!” — als Günter ganz selbstverständlich hinzusprang, sie stützte, den Sturz verhinderte und sie wieder aufrichtete. Ich sah zu und kam mir vor wie das mistigste Miststück unter allen Miststücken! Love and peace, die bessere Welt, die Menschlichkeit — alles war mir offensichtlich abhanden gekommen! Ich erwischte mich als ganz hasserfüllt und beschloss, dies dürfe nie wieder vorkommen in meinem Leben. Günter war ein MENSCH — im Gegensatz zu mir. Er hatte natürlich keine Ahnung was in mir vorging und was er in mir angerichtet hatte.
Das waren die Sechziger Jahre und wir blieben immer in Kontakt.
Das letzte mal sahen wir uns in Basel zu Albert Hofmanns 100 jährigem Geburtstag.
Wir hatten vor, uns dieses Frühjahr zu treffen.
Dann wurde er von einem Auto erschlagen.
…waiting for the lights to change…
Ich kann den Gedanken kaum ertragen.
Brummbaer Los Angeles 2011
Keiner weiss, was Liebe ist
Posted on 12 März 2011 | 1 response
Hei Rainer,
ich sehe Dich so, weil Du so bist, und was meinst Du, wie mich das freut, dass es Dich gibt. Ich fühlte mich doch sehr alleine mit meiner Einstellung zum Leben und dessen Sinn. Alle um mich rum suchen ihr Glück im Konsum, doch um all das konsumieren zu können, muss ich doch wieder viel zu viel arbeiten ( habe nichts gegen Arbeit, wenn sie sinnvoll ist, Gemüse anbauen usw.). Wenn ich aber meine Zeit damit verbringe zu arbeiten, um Dinge zu kaufen, die mich einfach nicht glücklich machen, habe ich eben keine Zeit mehr, um den Sinn des Lebens zu finden. Der Tag hat 24 Stunden. Davon schlafe ich 7 und 10 Stunden brauche ich für Hin- Rückweg und die Arbeitszeit. So bleiben mir 7 Stunden am Tag für Einkauf, Wäsche waschen, Wohnung putzen, Essen machen und der Rest ist zum Suchen nach mir selbst und dem Sinn des Lebens.
Wie irre ist das denn!
Habe sogar mal einen Psychiater aufgesucht, weil ich dachte, nun drehe ich durch. Nach dem dritten Termin hatte ich nachts einen Traum: Der Psychiater und eine Person, die wie Jesus aussah, lange Haare, weißes Gewand, sahen mir bei irgendeiner Tätigkeit zu. Psycho-Dok sagte irgendwas. Darauf antwortete die weiße Person, nun kommt‘s, es dürstet ihr im Geiste, sie ist nicht krank, mehr nicht. Als ich morgens wach wurde, war mir klar, ich bin nicht psychisch gestört, es dürstet mir nach Geistigkeit. Kurz darauf hatte ich noch einen Traum. Ich sah eine Gruppe von Menschen in weißen Gewändern, die am Waldrand lang gingen und jeder aß etwas. Bei genauerem Hinsehen sah ich, dass jeder nur ein Blatt von einem Baum nahm und es aß oder eine Frucht von einem Strauch. Als die vorbei waren, konnte ich nicht sehen, wo die lang gegangen sind. Es waren keine Spuren zu sehen oder von welchem Baum die gegessen haben. Es war nichts zu sehen, keinem Baum fehlte etwas. Was sie nahmen, riss keine Lücke, so dass es dem Baum nichts ausmachte, ein Blatt zu verlieren. Da wusste ich, ich brauche keine Psychiater, ich bin völlig okay. Vielleicht brauchen eher die anderen einen.
Dahinter steckt, glaube ich, manchmal Absicht. Wenn man den Menschen nur ordentlich beschäftigt, hat er keine Zeit zu erkennen, was er da eigentlich macht.
Wie kann man in eine Krise geraten, nur weil man nicht arbeitet? Angst vor dem Verlust von Konsumgütern, die eh nicht happy machen? So werden wir fleißig davon abgehalten, uns um uns zu kümmern. Wer aber erkannt hat, so wie Du oder ein bisschen auch wie ich, und ich glaube es gibt noch mehr von uns, der kauft nicht mehr ein, der reduziert sich, um sich zu sammeln. Das ist gefährlich für die Industrie. Zufriedene Menschen, in sich ruhende, benötigen nichts, um glücklich zu sein. Das ist aber nicht gut für eine Konsumgesellschaft.
Und die Liebe, alleine was uns in der Welt als Liebe verkauft (wieder
„kaufen“) wird… ich glaube, es weiß kaum noch einer, was LIEBE ist.
Ich finde genau wie Du, dass geistige Orgasmen eigentlich viel mehr als der sexuelle Akt für das Zwischenmenschliche bringen, weil sie uns helfen, uns geistig weiter zu entwickeln. Ich hatte das Glück, das mit einem guten Freund erleben zu können, doch leider ist er in eine
Beziehungsfalle gelaufen. Hm, ist auch schon wieder zehn Jahre her, und nun hat er wieder weltliche Probleme. Seine Beziehung bringt seine ganze Selbstfindung durcheinander. Er kommt zu mir und ist traurig, weil seine Frau nicht mehr mit ihm schläft. Hm, was soll ich ihm antworten? Sei doch froh, dann haste das wenigstens hinter dir? Er würde das evtl. sogar verstehen, aber er hält an der Zweisamkeit, die zur Einsamkeit führt, fest und leidet. Ich bin der Meinung, wenn ich nichts besitze, kann ich auch nichts verlieren.
Hui, das ist aber eine lange Mail geworden, naja, in meinem Umfeld
interessiert es auch niemanden, wie ich so denke. Deshalb sprudelt es gerade so aus mir heraus. Habe auch bewusst seit 15 Jahren keinen Sex mehr und vermisse nichts. Habe in dem Buch „Die fünf Tibeter“ eine Anleitung zu einer meditativen Übung gefunden, die man nur machen soll, wenn man keinen Sex mehr will. So kann die sexuelle Energie in geistige umgewandelt werden und das ist eine unglaublich starke Energie. Die kann Berge versetzen, lach nur. Nun gut, alles muss ein Ende haben, um den Anfang zu finden.
Ich würde mich freuen, immer mal wieder von Dir zu lesen oder zu hören. Vielleicht finden sich bald noch mehr suchende Seelen, uuuhiiie das wäre schön.
Alles Gute, nur die besten Wünsche, in LIEBE
Ursula
Kein Mundschutz, keine Handschuhe
Posted on 10 März 2011 | No responses
Andreas Wimmer (52), früher bei der Hypovereinsbank in München, dann im Stammhaus der Mutter Teresa (aus dem er hier berichtet), einem Sterbehaus in Kalkutta und jetzt, so hörte ich, hat er ein eigenes Haus, das Obdachlose aufnimmt…
Aufgeschrieben und bearbeitet von Christa Ritter
Seit 10 Jahren lebe ich mit kurzen Unterbrechungen in Kalkutta, gleich in der Nähe des größten Kali-Tempels. Hier in der Kaligath Road arbeite ich auch, im Stammhaus der Mutter Teresa, das sie 1950 der Stadt abknöpfte. Damals war es noch ein Pilgerhaus und wurde danach ein Sterbehaus für Schwerkranke, Todkranke. Für die, die sonst einfach in irgendeiner Ecke krepieren. Als mich das erste Mal jemand hierhin mitnahm, hatte ich Angst. Damals war ich ein Bank- und Computermensch auf ersten Reisen durch die Welt. Eigentlich hatte ich Biafra im Kopf und fürchtete, jetzt wird mir mein Weltbild um die Ohren gehauen. Mir könnte die Sicherung rausfliegen und das ist dann auch passiert. Aber anders als ich dachte. Du gehst erstmal durch einen dunklen Eingang, wo es nach tausend Düften stinkt und kommst zu den Pritschen. Da hing so ein 15-Jähriger runter, total aufgequollen, die Augen voller Fliegen. Oh Gott. Plötzlich hatte ich eine Schürze um, einen Löffel in der Hand und mußte ihn füttern. Learning by Living. Ich bin dann wieder weggefahren. Kalkutta ist nicht die schönste Stadt, lieber Thailand, Burma. Am liebsten den vorderen Orient. Die Pyramiden rauf und runter, Jerusalem, Ägypten, Syrien. Ein Traum. Aber ich mußte immer wieder zurück ins Haus, immer öfter und immer länger. Jetzt werde ich wohl bleiben, bis es nicht mehr geht. Anfangs habe ich in billigen Schlafsälen, später in einer WG gewohnt. Jetzt lebe ich für einen Euro am Tag in einem kleinen Privatzimmer. Jeden Tag stehe ich um Viertel nach Fünf auf, gehe rüber zum Haus und setze mich erstmal ganz still in die Kapelle auf dem Dach. Niemand ist da. Beten kann ich nicht so gut, besser meditieren. Aber ich war schon als kleiner Junge eher unorthodox und habe mich in der Kirche gelangweilt. Mir kamen diese Rituale stumpfsinnig vor und bin deshalb schon vor meinem Zwanzigsten aus der katholischen Kirche ausgetreten. Ich wurde anders religiös, mehr für mich und entwickelte dieses merkwürdige soziale Feuer. Natürlich ist das hier auch ein Ego-Trip, jedenfalls ein bißchen. Es ist letztlich vieles. Der kleine Narziß in mir sieht im Zimmermann’s Sohn, in diesem Jesus gelebte Spiritualität, seinen Guru.Wenn ich das nicht hätte, würde ich diese Hölle nicht überleben.
Den Dienst beginne ich wie alle anderen erst um 8 Uhr. Von 12 bis 2 ist dann Mittagspause. Hier, wo das Haus steht, ist das Viertel der Ärmsten und der Prostituierten – alles kostet nur ein paar Rupies. Mittags spring ich schnell drei Häuser weiter und esse für 20 Cent einen Teller Reis mit Linsensoße und Kartoffeln. Wenn ich mich wiedermal über die Reispampe beschwere, antwortet Rashid: „Aber es ist billig.“ Und da hat er recht. Derzeit verbrauche ich im Monat 100 Euro. Ich könnte vielmehr Geld ausgeben, besser wohnen und essen. Ich brauch das nicht. Mir gefällt diese einfache Lebensweise. Ich habe keinen Kühlschrank und keinen Ventilator. So ist das auch im Haus. Mutter Teresa hat das eingeführt: Keine Waschmaschinen, nichts. Alles wird mit der Hand gewaschen und du kannst dabei sogar noch meditieren. Wirklich wichtig ist was ganz anderes, das Teilen und Mitteilen, die Aufmerksamkeit. Mutter Teresa wollte deshalb immer nur das Einfachste. Wenn zum Beispiel ein Patient stirbt, wird noch heute sein Befund auf den Krankenblättern ausradiert und danach das Papier wiederverwendet. Obwohl alle möglichen Spender uns liebend gern Papierrollen liefern würden. So hat sie es sogar im New Yorker Haus gehalten. Da waren, als wir es kauften, Heizung, Teppiche und Tapeten drin und sie hat alles rausreißen lassen. Einfachheit, keine Gemütlichkeit. Wenn ich da an meinen neuen CD-Player denke: der ist für mich schon das Höchste. Wie schnell landet man in der Abhängigkeit.
Ich versuche, mich nicht zu verzetteln, sondern mich im wesentlichen auf meine Arbeit zu konzentrieren. Die besteht aus knuddeln, waschen, lächeln, füttern, Gehübungen – solche Zuwendung ist Arbeit und ich arbeite extrem. Immer ohne Handschuhe, ohne Mundschutz. Ich ließ mich noch nie impfen, weil ich denke: Anstecken tu ich mich schon, aber Angst habe ich nicht. Viele Leute, die uns besuchen, ziehen sich bereits auf der Straße die Handschuhe an. Das sind ü+berflüssige Sorgen. Es geht um was anderes. Du mußt vor allem dein Herz öffnen und das gelingt mir auch nicht immer. Trotzdem versuche ich immer, darauf zu vertrauen, daß ich mich in den Menschen verliebe und mich deshalb nicht anstecke. Ich knuddel und knutsche die Leute, alles ganz nah. Da hustet mir einer ins Gesicht, wenn ich ihn anfasse. Geht nicht anders. Trotzdem war ich nie wirklich krank, nur zweimal Malaria, einmal Hepatitis, ein gebrochener Arm, einmal war es wohl TB. Der Arzt stellte fest: Die rechte Lunge war kollabiert und voller Wasser. Es stimmt schon: Anders als in Deutschland ist hier der Tod mitten unter uns. Für mich passiert endlich das Leben pur, die Essenz – da ist kein Spielraum für Kultur und hübsche Schnörkel. Sowas fasziniert und hält mich, weil es mir hilft, an meine Seele ranzukommen. Meine Seele liegt hier eher bloß und ist nicht wie in Deutschland überdeckt von Entertainment.
Manchmal geht es mir aber auch richtig schlecht und ich zweifle und bin leer. Gerade an Tagen, wo sie wie die Fliegen sterben. Dann flüchte ich zur Toilette und heule: Was soll das Ganze? Wenn du leben willst, mußt du den Tod in Kauf nehmen? Absurd oder nur logisch? Dabei sterben die Menschen hier meistens ganz ergeben, auch weil keine Hinterbliebenen sie mit ihren Tränen im Körper festhalten. Sie sagen immer, sie hätten nichts zu verlieren. Als wüßten sie, wohin sie gehen. Ich halte dabei ihre Hand, streiche über ihren Kopf und singe leise. Erst später kommt das Praktische: Waschen, einwickeln, zur Einäscherung bringen. Es geht mir hier eigentlich um etwas, das ich schwer beschreiben kann. Wo mich plötzlich etwas erreicht, wenn auch nur für Sekunden. Wo ich denke: Jetzt hab ich’s. Ein winziger Moment und du siehst alles. Einmal bin ich heim. Es hat in Strömen geregnet. In einer Gasse saß in der Ecke ein nackter junger Mann. Als ich vorbeiging, streckte das Skelett die Hand aus und flüsterte: „Ich bin nicht ganz richtig im Kopf und habe Hunger. Hast Du Brot?“ Ich habe dann geschaut, was ihm fehlt. Er hatte Fieber und zitterte. Ich habe ihn auf eine Rikscha geladen und ins Haus gebracht. Dieser Suaresch war das Elend in Person: hungrig, nackt, allein, zurückgeblieben, krank. Als ich ihn dann gewaschen hatte und ihm einen Teller Reis gab, hat er geweint. Vielleicht, weil er noch nie eine menschliche Regung erfahren hat. Diese Sekunde der Liebe, sie war plötzlich wieder da. Oder bilde ich mir sowas nur ein? Er hat sich dann gut erholt, blieb aber geschwächt und krank und ist nach 8 Monaten gestorben. Da war ich fix und fertig.
Manchmal gibt es schon auch was zu lachen. Es war Donnerstag, wie immer mein freier Tag. Ich hatte einen gebrochenen Arm und konnte deshalb meine Bettwäsche nicht selbst waschen. Ich hatte sie gerade bei einer Reinigung abgeholt und sah auf einer Müllhalde einen Sterbenden sitzen, einen Drogensüchtigen. Es gibt davon so viele. Süchtig nach Smack, auf Heroinbasis. Auch dadurch gibt’s immer mehr Aids in Indien. Ich sag zu ihm, ich bring dich in ein Krankenhaus. Er meinte, da will er erst morgen hin. Morgen geht nicht, war meine Antwort. Ich habe mein frisch gewaschenes Bettuch um ihn gewickelt, saß dann mit ihm im Taxi. Er lag mit seinem Kopf in meinem Schoß und sein Haar hat sich vor lauter Läusen richtig bewegt. Ein Gewimmel! Aus meinem Schoß meinte er dann, ob es denn da, wo wir hinfahren, auch was zu essen gäbe. Ja, auch Medizin. Und Smack? Drogen nicht. Schade…und dann kuschelte er sich wieder hin. Sin Leben hieß Smack. Zwei Tage später ist er gestorben, aber lustig war’s mit ihm eigentlich bis zur letzten Minute.
Abends gehe ich um 7 Uhr nach Hause und wenn ich heimkomme, will ich mich nur noch zurückziehen. Die Beine auf den Tisch legen und ein bißchen klassische Musik. Ich bin nie in den Orden eingetreten. Meine Arbeit mache ich ehrenamtlich. Ich lebe also von Erspartem und spekuliere an der Börse. Transaktionen. Gerade habe ich die Hälfte meines Vermögens verloren und warte erstmal ab. Ich kannte Leute, die fahren Aktien-Rallye, aber ich setze eher auf solide Werte. Was Prestige betrifft, bin ich ganz ruhig geworden. Ich hab’s ja damals in der Bank gebracht und mir bewiesen: auch Prokurist könntest du werden. Das reichte. Mein Traum war nie eine Familie mit Eigenheim. Ich wollte schon immer ein bißchen anders leben. Das, was jetzt abläuft, ist weit mehr, als ich mir je für mein Leben vorstellte und kommt einer Berufung schon sehr nahe. Auf diese täglich immer neue Freude fahre ich sehr ab. Sobald mir das schwer fällt, meditiere ich mit der Bitte, mehr Geduld zu haben und auf die Menschen besser eingehen zu können. Geduld und Aufmerksamkeit sind vielleicht das Wichtigste. Nach jahrelanger Erfahrung weiß ich, nur diese menschliche Zuneigung wirkt wirklich. Alles andere ist zweitrangig. Oft sind die Augen der Kranken schon erloschen, fast gebrochen, wenn sie zu uns gebracht werden. Du gibst ihnen Waschen, Essen, Medizin, aber vor allem diese Aufmerksamkeit. Dann fangen die Augen langsam wieder an zu leuchten. Oder die vielen Schwachsinnigen. Sie sind sowas von lieb. Das ist nicht gleich zu entdecken, denn die pinkeln erstmal überall hin. Denen mußt du oft die Scheiße mit dem Rasiermesser von der Haut kratzen. Die sind manchmal so verdreckt, daß du mit Einweichen und Schrubben nichts abkriegst. So einer hat noch nie warmes Wasser gespürt und wenn ich mich dem zuwende und ihn wasche…Wie schön das sein muß, kann ich dann nachempfinden. Plötzlich sieht der Mensch viel jünger aus, weil er deine Nähe gespürt hat, sauber ist und sogar gut riecht. Dann kannst du dich gleich ein bißchen in ihn verlieben. Die meisten sind schon irgendwie skuril, zurückgeblieben, ein wenig verlangsamt, sehr nett, so richtig exzentrische Menschen von der Straße. Nicht alle Tassen im Schrank, aber liebenswert. Mir kommt es dann vor, als wäre ich ganz nah am Himmel. Von solchen Orten gibt es nur wenige: Sinai, Jerusalem, ganz oben im Himalaya… Dorthin fahre ich manchmal. Nepal liegt ja vor der Haustür. Hier in Kalkutta ist es irrsinnig laut, nie auch nur ein Anflug von Stille. Bevor mir die Ohren abfallen, steige ich manchmal erst in den Bus, dann in den Zug. Schon zwei Tage später bin ich in Katmandu und ziehe mir einen schönen Trekk rein. Im Basislager des Everest, auf fünfeinhalb tausend Meter Höhe war ich schon fünfmal. Ich bin im Grunde am liebsten allein. Eine Freundin? Wenn ich aber bei uns im Haus eine Volontärin nett finde, kann ich sie nicht einfach anbaggern. Unmöglich! Die vielen Freunde im Haus sind mir eigentlich auch wichtiger und ich bin bereit, ihnen soviel zu geben, wie ich kann und wenn es das Leben ist. Manchmal denke ich, es könnte mich das Leben kosten – auf welche Weise auch immer.
Nimm alles mit!
Posted on 9 März 2011 | No responses
Sabine, mir ging es früher wie Dir. Ich lebte in einer Welt, die es mir unmöglich machte, mit ‘normalen’ Menschen zu kommunizieren. Schließlich fand ich einen Meister, der mich lehrte und führte, in dieser normalen Welt zu leben und in der meinigen – ja, sogar noch weit darüber hinaus…
Du wirst auch jemanden finden.
Rainer
Rainer, ja, das hört sich für mich logisch an. Vielleicht muss ich einfach Geduld haben und auf diesen Menschen warten, der mich anleiten kann. Ich fühle mich innerlich so aufgewühlt und durcheinander. Ich denke täglich über diese Dinge nach und auch in der Nacht bis ich einschlafe. Da komme ich einfach schlecht wieder raus, weshalb ich dir auch meine Mail geschrieben habe. Ich merke, dass ich über diese Gedanken einfach nicht mehr lebe. Ich muss doch auch für meine Kinder da sein, im Hier und Jetzt leben. Ich muss schauen, dass ich das alles irgendwie vereine.
Ich verstehe jetzt auch dich. Wenn du eine klare Linie gefunden hast, einen Weg wie du zu dir kommen kannst mit Hilfe dieser anleitenden Person ist das natürlich sehr positiv für dich. Dann bist du mit dir im Reinen und auf dem richtigen Weg. Stand dir die Person nahe oder kanntest du sie gar nicht? Und ging es dir ähnlich wie mir, bevor du sie kennen gelernt hast?
Viele Grüße
Sabine
Sabine,
ich verstehe. Es gibt Menschen, die so etwas erleben. Eigentlich könnten sie dankbar sein, aber wenn sie keine Anleitung haben, dann kann das sehr beängstigend sein. Und das ist auch mein Gefühl: Ohne Führung sollte man nicht nach innen gehen. Meine Erfahrungen damit sind allerdings sehr begrenzt, sodass ich Dir wohl nicht allzu viel helfen kann. Aber es gibt Menschen, die das können. Man muss sie suchen und mit ihnen einen Weg nach innen beschreiten. Du wirst so einen Menschen finden. Ich, der ich bei weitem nicht so begabt wie Du darin bin, habe so jemand gefunden. Er ist nun allerdings schon 35 Jahre nicht mehr im Körper. Wenn Du willst, können wir weiter darüber sprechen…
Herzlich
Rainer
Ja Rainer, du hast ja Recht, aber ich habe da einfach auch Angst vor. Ich habe in meiner Kindheit viele merkwürdige Dinge erlebt und dachte ich könne sie einfach vergessen. Jedoch habe ich vor einem Jahr meine Tochter bekommen und seitdem ist alles anders. Ich verlasse seitdem immer wieder meinen Körper, was ich aber gar nicht will. Das passiert nur, wenn meine Tochter neben mir liegt, sie zieht mich regelrecht heraus. Seitdem suche ich nach Antworten. Im Internet, in Büchern, bei anderen Menschen, aber ich bin zu keinem Ergebnis gekommen. Dann habe ich dich im Fernsehen gesehen. Ich kannte dich überhaupt nicht, bin auch erst 1982 geboren, aber was du sagtest passte gut zu meinen Erlebnissen.
Seitdem habe ich das Gefühl, ich müsse mit dir in Kontakt treten, da wahrscheinlich du einer von den Menschen bist, der vielleicht die Antwort kennt? Schließlich begibst du dich freiwillig in die Situationen, die ich unbedingt vermeiden will. Weißt du, warum mir das passiert und was das zu bedeuten hat? Soll ich mich darauf einlassen? Ich habe Angst, dass ich nicht mehr zurück in meinen Körper finde…
Welche Erfahrungen hast du gemacht?
Sabine
Sabine,
ich dachte und lebte wie Du.
Bis mich eine Erfahrung lehrte, dass dies Leben, dieses Menschsein überwiegend Geist ist, der für eine Zeitlang sich in den
Körper gesperrt hat. Will ich voll leben, wie Du anrätst, dann werde ich diesen Geist möglichst oft aufsuchen…
Rainer
Hallo Rainer.
Von dir hat man in letzter Zeit viel in den Medien gehört und gesehen. Du hast oft von dem Verlassen des Körpers
geredet, dass du schon mal “Üben” möchtest für den Ernstfall (Tod). Ich glaube, du irrst dich. Ich habe schon öfters meinen Körper verlassen, aber das kann und wird nicht der Sinn des Lebens sein. Ich glaube, wir sollen möglichst viel erleben in unserem körperlichen Leben und nicht vorher schon den Körper verlassen und irgendetwas trainieren. Es gibt nichts zu trainieren. Du kannst es doch dann sowieso, wenn du stirbst. Nach meinem körperlichen Ableben werde ich mich intensiv mit diesem Leben, was ich zuletzt geführt habe auseinandersetzen und nicht vorher schon. Vertrau auf das Leben, es ist alles gut so wie es ist. Verschwende nicht deine Zeit, mit Dingen, für die du hinterher noch massig Zeit haben wirst. Wenn du jetzt nicht lebst, wann dann? Mit Leben meine ich wirklich Leben. Genieß die Natur, das Essen, die große Trauer und die große Freude. Nimm alles mit! Es wird die alles weiterhelfen, denn nur dann kannst du dich mit deiner Seele auf eine höhere Ebene begeben.
Ich weiß nicht, warum ich dir das alles schreibe. Verstehe diese Mail bitte nicht als feindselig, denn so ist sie nicht
gemeint. Ich hatte nur das Gefühl, dir das alles mal sagen zu müssen. Ich würde mich freuen, wenn du mir mal antworten
würdest.
Viele Grüße
Sabine
Die beste Droge ist das Nichts
Posted on 2 März 2011 | No responses
Sehr geehrter Herr Langhans,
Ihre Aussage beim Dschungelcamp “Die beste Droge ist das Nichts” (oder so ähnlich) fand ich sehr treffend beschrieben. Wenn der Verstand und das Ego nicht mehr versuchen diese Stille zu erreichen, um sich selbst damit aufzuwerten, sondern dieses Nichts einfach nur noch als Teil des Lebens auftaucht, kann man die ganze Tragweite erfassen. Es gibt kein höheres Gut als das Nichts und wer das Leben bisher als Auf und Ab erlebte, wird diese innere Ruhe endlos schätzen. Verloren gehen nicht nur die negativen Aspekte des Lebens, sondern auch die bisher als positiv erachteten werden von einer ganz neuen Qualität der Fülle abgelöst werden. Aber es gibt nichts, mit dem man diese Stille nach Außen weitergeben könnte. Warum sollte man es auch versuchen, denn es gibt im Außen nichts besseres dafür im Austausch. Dennoch unterliegt unser Körper mit seinem Verstand und Gefühlen den weltlichen Resonanzen und der Veranlagung zu gesellschaftlichem Wirken. Die Veranlagung zur Kommunikation liegt in unserer Natur und so geschieht es vollkommen im Einklang mit dem Nichts, dass man seine vom Verstand erlebten Erfahrungen, auftauchenden Fragen und neuen Weltbilder mit anderen austauschen möchte.
Sehr interessant finde ich dabei die Übergangsphase zwischen der alten und neuen Wahrnehmung. Wenn man die Tragweite des Nichts erkennt und es kontra zur bisherigen Lebensanschauung steht. Vor allem wenn man bereits unnachgiebig auf der Suche war und immer dachte “etwas Hohes” gefunden zu haben, entwickelt man automatisch eine Skepsis gegenüber einem neu auftauchenden “Höchsten”. Aber genau an diesem Punkt ist es dann komplett anders: Wo man vorher ahnte, dass es mehr gibt und man weiterhin auf der Suche war, herrscht plötzlich Gewissheit. Die Suche endet und es bleibt eine tiefe Demut vor den Spielregeln des Lebens.
Naturgemäß laufen die bisherigen Muster und Resonanzen aber vorerst weiter und mit einem bisher regen Verstand tauchen zeitweise Zweifel über die neue Erkenntnis auf. Leider gibt es hier wenig Literatur oder passende Ansprechpartner, die darüber berichten. Bei den einen gab es keine oder kaum Zweifel, bei anderen einen langen Kampf, den Verstand & Ego führen bis diese Form der Energie erlischt. Mich würde interessieren, ob Sie da ähnliche Erfahrungen gemacht haben.
Ich habe mein Leben immer der Suche untergeordnet, bin Wege gegangen, die für andere nicht nachvollziehbar waren und musste auch aufgrund meines extremen Verwirklichungswillen viel selbstgemachten Problemen trotzen, wie ich später in Demut erkannt habe. Aber alles würde ich nochmals genauso machen, denn es war immer das, wie ich gerade war und es bestärkt mich darin weiterhin, so zu sein, wie ich bin.
Gerne würde ich mich da ein wenig mit Ihnen aufgrund Ihres reichen Erfahrungsschatzes austauschen, wenn es für Sie stimmig ist und Sie die Zeit dafür finden.
Viele herzliche Grüße aus Ueckermünde am Stettiner Haff
Katharina (31J.)