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Christa Ritter's Blog

7. September 2020
von Christa Ritter
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Selbstentwicklung als Kunst

Vielleicht habt ihr gestern im ZDF „Aspekte“ gesehen. Lisa Eckart, diese junge Kabarettistin aus Austria, kurz-blond und wieder in Super-Versace, diesmal mit kunstfellartigen Bordüren die Schultern entlang. Sie redet selbst im Interview eigenartig verschroben, wie aus ungeheizten Schlossgemächern. Dabei blitzt sie und ich komme schwer mit. In jedem Satz ohne Punkt und Komma sind zwei neue Gedanken. Irgendwie. Und sie verzieht nie ihr fast starres Gesicht, während sie gestern mit Moderator Jo Schück sprach, völlig unaufgeregt: „Ich beschäftige mich weder mit Introspektion, noch mit irgendwelcher Psychoanalyse, was mein Selbst betrifft. Ich begegne mir äußerst selten.“ Wie, was? Und weiter: „Kunst ist Selbstentwicklung statt Selbstverwirklichung, die ist ganz weit weg vom Transzendentalen entfernt, das die Kunst eigentlich bieten sollte.“ Verstanden? Nochmal lesen. Also unsere derzeit so beliebten Egospielchen, die das große Ganze vergessen, übersteigt diese tollkühne Frau. Gemerkt habe ich mir noch: „…weg von dieser Ich-Verseuchtheit, sondern etwas zu schaffen, was gerade davon weggeht. Was einen Weltbezug hat und nicht nur aus dem persönlichen Nähkörbchen schmachtet.“

Lisa Eckart im Versace-Look

So also animierte mich an diesem Abend eine „Kunstfigur“ der Zukunft, möglicherweise aus der neuen Heimat des Internets, daher weit weg vom Jammern und Bedenklichen über Faschismus und die anderen ismen. Sie stand einfach drüber. Als käme sie eben aus dieser neuen, virtuellen Welt, kein weicher Körper, sie hat noch nie geschwitzt. Ist von künstlicher Intelligenz, aber nicht der, die uns angeblich beherrschen will. Viel weniger technisch: Und doch bilde ich mir ein, dass ich Kabel hinter der Stirn von Lisa Eckart sehe, wenn sie weiter blitzt. Hochwohlgeboren.

4. September 2020
von Christa Ritter
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Mehr Fragen, keine Antwort

Manche sagen: Corona zwingt Frauen wieder zurück ins Haus. Mir scheint eher: Das Virus zeigt überall deutlich, was unter uns nicht gut läuft. Es „demaskiert“. Also werden wir ändern. Eine gute Nachricht. Heißt aber auch: Wir Frauen haben zwar manches erreicht, aber, da hatten die Feministinnen recht, keine Gleichberechtigung. Gut so. Wollten wir nicht. Wussten zuletzt, dass uns der gleiche Schwachsinn, den alte weiße Männer fabrizieren, nicht reicht.
Ich würde sagen: Frauen wollen zu sich selbst, also auf weibliche Weise weiterkommen. Da nun der Irrweg der Gleichberechtigung deutlich wird, schauen wir Frauen genauer hin. Was will die Frau? Muss sich auch der Mann fragen, der nicht mehr alt und weiß sein will. Wo finden beide eine Antwort? Ich sehe hinter dem Hässlichen, das Corona so schön sichtbar werden ließ, erste Ansätze einer neuen Welt. Außen langsamer, keine Massen, nach Innen schauen, auch andere wahrnehmen, Sorgfalt. Überhaupt: Virtuelles Reisen, virtuelles Arbeiten, Kommunizieren, Feiern, Kulturelles. Das Internet als Menschsein-Training: Wir nehmen unsere Körper zurück, entlasten Schritt um Schritt den Planeten und gewinnen etwas, das wir bisher nicht kennen. Das, was wohl hinter unserem schneller-weiter-höher im eigenen Wesen steckt. Kann ich dann anfangen, mich zu lieben? Statt wie Frauen bisher: Immer alles von Männern zu erwarten, sogar die „Gleichberechtigung“? Social Distancing der Körper: Die Tiere kommen zurück, Bäume und Pflanzen wachsen, die Städte grünen, machen Platz, weil immer mehr lieber auf dem Land leben. Wer so „leicht“ lebt, wird auch nicht mehr viel Fleisch essen, weniger Alkohol trinken, er und sie wird mehr träumen oder meditieren und sich dabei als Mensch, als Mitmensch entdecken. Frauen und Männer als fortschreitend Androgyne. Oder hatten wir dafür den Begriff post-gender erfunden?

4. September 2020
von Christa Ritter
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The Possibility of Breaking it

Es gibt für dich keine Grenzen, das Leben in seiner Fülle zu suchen, es auszuprobieren, erleuchtete mich heute Morgen ein Guru auf seinem Video. Empowerment, dachte ich auch, kurz davor. Und überlegte, wie ich diesen riskanten Aufruf für mich, über Mitte 70, umsetzen könnte. Schneller, weiter, höher, wie wir Westler das als Ruf in die Welt verstehen, nein, das geht nicht mehr, so scheitern wir ja gerade. Außerdem: Ich habe den Hebel ins Innere vor mehr als 40 Jahren entsprechend umgestellt. Weil es mir damals so wenig gut ging wie uns allen heute. Was aber dann: Empowerment, dieses Wort löst etwas aus? Mein noch unklares Ego fühlt sich ja gemeint, wenn der Guru weiter ermutigt: „You are not settled by limitations, you can experience the whole universe“. Habe ich eine uralte, feministische Blockade, die das volle Experiment „Leben“ jetzt in meinen letzten Jahren als „Alte“ noch immer verhindert? Opfersein, das klebt? Mich trotz ersten Schritten nach Innen immer noch körperlich zu begreifen, also eingeschränkt? Gender, Alter, wer setzt die Grenzen? Durch die Corona-Erfahrung verstärkt: Wir leben heute in einer Zeit der Neu-Erfindung, sehr kreative Zeiten, eigentlich. Wenn nicht immer wieder diese Bremsung einsetzte, weil mir der Körper zuflüstert: Unsinn, dein Platz ist die Couch. Das aber hieße Resignation: Frau bleiben, nah bei der Mutter, der Materie, den Grenzen, dem Puppenhaus, statt mich entschieden virtueller aufzustellen, sogar spirituell. Also mit Netz, dem Internet, zu fliegen, mit Freude höher, grenzenloser. Sind nicht all diese Menschen, die gerade demonstrieren, auch auf Abflug? Müssen aber kurz vorher den Körper mit veralteten Codes beruhigen: Black Lives Matter, Rechts-Retro, Fridays for Future, Weiße alte Männer beschuldigen. Vorbei! Genau: Das, wie der Guru weiter posaunt: „The possibility of breaking it” wird nun mein ständiges Mantra. Ist es das nicht schon? Ich glaube, ich lass mich immer noch viel zu oft von meinem Körper, dem alten, verarschen. Ist ja gut, sage ich ihm, aber recht hast du nicht.

 

4. September 2020
von Christa Ritter
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Peter Green ist tot

Am 25. Juli 2020:

Peter Green ist tot. Wie häufig sagt die Familie: Er ist friedlich eingeschlafen. Peter, einer der ersten Fleetwood Macs, ein legendärer Gitarrist („God is Green“ lautete das Grafitti an einer Londoner Wand), der sich schwer tat mit dem schnellen Platz an der Sonne des brutalen Musikgeschäfts, der bald immer mehr zweifelte. Wie geht das richtige Leben? Bis er, supererfolgreich und immer trauriger, die Highfish-Kommunarden in München traf und schon ein paar Tage später ausstieg. One night in Kronwinkl near München: Ein Jude met the experienced new Germans und sah plötzlich, wonach er suchte. Sein Weg nach dieser Vision wurde dann zum Rätsel in der Musikgeschichte.
Darüber wollte ich mal einen Film machen. Klappte nicht. Peter ging damals 1970 zurück nach England, ins Land der Guten, einer Klassengesellschaft: Kommune leben hieß dort Heilanstalten, ein „Exilant“, keine Liebe nirgendwo. Er wurde für verrückt erklärt, bald auch von seinen Ex-Macs. Später beschuldigten sie die Münchner: Nazis, Schwarzmagier, Jetsetter hätten ihren lieben Freund umgedreht. Nichts hatten sie verstanden. Aber Fleetwood Mac legte zu. Immer weiter an die Spitze! Ihr Anfangserfolg verdreifachte sich mit dem Umzug in die USA und einem der größten Hits aller Zeiten. „Rumours“.
Einmal traf ich Peter „zufällig“ in London auf dem Flughafen. Eine halbe Stunde erster Gesprächsversuch. Dann Jahre später ein Konzert in München (Splinter-Group). Er lebte zurückgezogen, wirkte nicht ganz da. Wo war er wirklich? Kürzlich meldete sich bei Rainer und mir sein Sohn: Was war damals passiert, als Peter die Kommunarden traf? So fragte er. Ob er inzwischen noch mit Peter darüber sprechen konnte?

4. September 2020
von Christa Ritter
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Es gibt nur toxische Männer?

Heute hat mich wieder die Empörung einer Frau erreicht: Du hängst immer am Langhans. Es gibt auch Männer, die sich ähnlich beschweren. Besonders solche, die an ihren Frauen hängen. In feministisch aufgemischten Zeiten dürfen Männer Süßholzraspeln, aber Frauen…oh Gott. Aber tatsächlich: Hatte ich schon mal, frauenbewegt, und bin in dieser Opferrolle depressiv geworden. Und feindselig. Seit 40 Jahren nun der Versuch einer Kehrtwende: Ein Mann an meiner/unserer Seite, der ins Innere geht. Mit Hilfe eines Meisters. Frauen neben ihm müssen anders sein. Die Frauen und Langhans: Wir stärken uns gegenseitig. Auch ich will in dieses Innere. Als einzigen Ausweg aus meiner Eva-Opferrolle, meiner Fixierung auf das Körperliche. Eben: diesem westlichen Dilemma als Hintergrund unserer Kriege gegen alles und jeden. Faschismus, Sexismus, Antisemitismus usw.

Rainer und Christa (me)

Unsere Gefährtenschaft ist nicht bequem, meint aber ein sich Begleiten auf diesem Weg ins eigene Unbekannte. Langhans denkt gerne nach, schaut aus autistischer Perspektive, häufig eher von Innen, was mir als Extravertierte sehr schwerfällt, ermutigt und regt an. Oft ist er für mich in seiner Entschiedenheit unerträglich, manchmal verfluche ich ihn. Aber das geht mir auch mit anderen Menschen so, die mir zu nahekommen, mich infrage stellen. Bis ich merke: Ich könnte lernen, statt wieder nur gepempert zu werden. In der Summe: Ich bin tatsächlich froh, jemanden wie ihn gefunden zu haben. Einen Mann, der sich sucht, dafür ins Innere unterwegs ist, der eine Frau auch als Suchende achtet, sie (oft leider) darin also ernst nimmt und ihr nie den Hintern küsst. Anstrengend, eine Herausforderung, zum Wachsen superwichtig. Von der sogenannten Liebe und Bestätigung lebende Männer kenne ich zuhauf. Daran krankt unser auslaufendes Patriarchat, dieser toxische Materialismus: muttifixiert, Körper, Sex. Okay, es ist schwer, sich von diesen Glücksversprechen zu verabschieden, extrem mühsam. Tu mich selbst damit schwer, immer noch. Trotzdem: Du hast keine Chance aber nutze sie!

4. September 2020
von Christa Ritter
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Rainer wird 80

Foto-Serie für STERN und SPIEGEL mit Fotograf Simon Lohmeyer

19. Juni 2020. Zum Geburtstag von einem Menschen, der mit 80 sagt, es ginge ihm immer besser und

er fühle sich immer jünger haben wir eine Streaming Party gefeiert. Ich fand, seine Freude,

vielleicht so etwas wie Liebe, war für alle spürbar, die mitmachten.

4. September 2020
von Christa Ritter
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Mut ist gefragt

Lese gerade in meiner Website http://merah.de/styx-ebook/ zu meinem EBook „STYX – die Reise beginnt“ diesen kurzen Abschnitt:
Ich kenne nur wenige Frauen, die sich trauen, wirklich ins Unbekannte ihrer tiefen Lieblosigkeit hinein zu schauen, ihr Inneres mit all dem Hässlichen zu erforschen und es ins Licht zu holen, murmelt Jutta. Ich schweige. Bei mir ist es die Gier nach Aufmerksamkeit, die mich nicht loslässt Jede leidet auf ihre Weise: Nicht genug Zuneigung, nirgends Resonanz. Alte Verlassensängste melden sich als Attacken der Boshaftigkeit: Eh du es merkst, rasen sie wieder in dir, du stürzt mitten ins schwarze Loch. Jede will als Einzige konditionslos wahrgenommen werden. Stillstand, hässlich, nicht schön.

seit über 40 Jahren eine Gemeinschaft Einzelner: Heute 2020 drei Frauen und ein Mann.

11. Mai 2020
von Christa Ritter
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Die Reise des Schmetterlings

Friseure in Quarantäne, meine Haare zu lang. Es hat ein paar Tage gedauert, bis ich selbst mit der Schere ritsch-ratsch endlich aktiv wurde. Eine selbst designte Frisur entstand, mit der ich mich irgendwie bei mir fühle. Nun denke ich nach: Nur ein kleiner Akt gegen meine Vaterprägung, aber doch ein Mini-Schritt von Selbstbestimmung? Noch ist mir eher selten bewusst, was aus mir selbst, meinem tiefsten Kern, meinem authentisch Inneren heraus getan/gedacht/bestimmt wird. Dass ich wenigstens einen Millimeter lang nicht dem normalen, genormten Programm folge, dem Patriarchat, mich stattdessen selbst überrasche. Ein ganz besonderes Gefühl seltener Intimität mit mir selbst. Vor langer Zeit las ich einmal über die Künstlerin Louise Bourgeois, dass sie erst in ziemlich hohem Alter so weit war, sich in ihren Objekten urgrundmäßig selbst zu erfinden. Erlösung vom Vater, nannte sie das. Das hat mich berührt: War ich nicht auch auf diesem Weg?
Weißt du überhaupt, was mit dir los ist, wer eigentlich durch dich die ganze Zeit spricht? Wer bist du? So ähnlich. Bisher sehe ich kaum Frauen, die schon authentisch für sich auftreten. Mit eigener Stimme. Es ist die patriarchale Matrix, aus der sie erfolgreich sind: Wissenschaftlerinnen, Ehefrauen, Moderatorinnen, selbst noch die jungen Influenzerinnen sind erfolgreich mit Hilfe des alten weißen Mannes. Denn sie sind nach wie vor Partnerinnen des Patriarchats, das durch das Virus gerade gegen die Wand zu fahren scheint. Einem toxischen System, das Eva mit Adam verabredete und das die Frau bis Ende des 19. Jahrhunderts zu ihrem eigenen Glück gerne mittrug. In seinem Schatten ging es ihr so gut, dass sie den Vertrag einhielt. Das änderte sich, wie wir wissen, mit der ersten Frauenbewegung. There’s a crack in everything, that’s where the light comes in (Leonard Cohen). Frauen wollten von damals an auch auf die Reise gehen: Sich sehr vorsichtig verbessern, vielleicht sogar die Welt, irgendwann Mensch werden. Eine lange Reise der ständigen Evolution für beide.
Seitdem immer wieder kleine Backlashs, scheinbar, dann wieder Schübe. 68 war ein wesentlicher, rätselhaft und verschwommen, auch für mich. Im frauenbewegten Backlash versank ich opfermäßig. Deshalb dann dank meiner versteckten Verzweiflung der entschiedene, weil bewusste Schub: Harem mit den Frauen und Rainer. Raus aus dem Opfer, meiner tief sitzenden Verneinung, etwas Negativem: Ausdrückliche Kündigung der patriarchalen Matrix, von genormter Ehe und Sex-Deals, landläufige Karriere in eine Art Selbsteroberung. Irgendwie ein tolles wie beängstigendes Gefühl von: Freier Flug ins Nichts! Meine zwanghafte Vaterprägung als Verneinung würde ich aufdröseln, auch die der Mutter. Seitdem eine unglaubliche Reise, zwischen Zweifel und Momenten der Euphorie: Kleinstschritte in dieses Unbekannte, begleitet von Gejammer und Ungeduld. Und doch: Irgendwie ist diese Reise ins Unbekannte zwar mühsam, doch irgendwie ziemlich großartig! Siehe mein eigener Haarschnitt. Selbst erfunden, gefühlt, aus tieferem Grund. Dann heute wieder Downfall: Meine nur scheinbar unbezwingbare patriarchale (von Mutter und Vater) Sperre kommt mir ätzend in die Wege: Ich krieg meinen YouTube-Account der über 100 gesammelten Videos nicht hin. Obwohl bestens angeleitet. Widerstand, Angst vor dem Neuen, Angst vor Unfähigkeit und schon bin ich auch unfähig. Zurück zur unmündigen Frau. Scheiße. Wie ihr von euch vermutlich kennt: Ich taumele im Zwiespalt. Und das ist gut so. Denn die Reise geht ja weiter, noch im eher Verborgenen, vermutlich ähnlich wie bei Louise Bourgeois.
Frauen sind bisher „sprachlos“, kennen sich nur als Schatten des Mannes. Liebt er mich? Grauenhaft? Nicht ganz: Denn jede ist auf ihre Weise „irritiert“ und fängt irgendwann an. Aber Feminismus ist nur eine Vorstufe, so meine Erfahrung. Es folgt das Wesentliche: Das Privileg „Weib“/“Mutter“ usw. aufzugeben, das dunkle Weibliche zu konfrontieren. Aus der Frauen-Identität einer Eva zu „sterben“. Noch weiß ich wenig davon, aus welcher Freiheit ich leben könnte. Als Frau ein geistiger Mensch werden? Klingt verrückt und ist es irgendwie auch. Doch unbewusst haben längst alle den Vertrag des Patriarchats gekündigt? Corona könnte diese Reise mit einem kräftigen Schub weiter vorantreiben.

11. Mai 2020
von Christa Ritter
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Die Quarantäne macht uns nackt

Kleiner Bericht aus der Quarantäne. Alles anders? Ein Freund (35) verdichtet sein Gaming, macht Home-Office und widmet sich ausführlich seiner neuen Freundin. „Sie ist sehr nett“, sagt er, „mir geht’s gut“. Ein Freund (62) ist auch im Home-Office. Das findet aber seit 6 Wochen nicht mitten am Glockenbach, seiner Stadtwohnung statt, sondern im Haus am See. Mit Studenten-Söhnen und Freundin. Viel gut kochen, also essen und noch mehr trinken (Alkohol). „Ich werde eher dicker, aber ich genieße die Ruhe.“ Nicht zu vergessen: jeden Morgen joggen, auch einen neuen Wirlpool einarbeiten. Auch mein Autisten-Freund (58) hielt es in München nicht aus und floh in seine größere Wohnung im Schwarzwald. Von der Terrasse aus mit Aussicht, tatsächlich, in Bäume. Er hat nach wie vor Mühe, sich zu entspannen. Beschäftigung: Schlafen, Fahrradfahren durch die Hügellandschaft. „Bin immer noch ständig unter Druck. Erbkram von meiner Mutter abarbeiten.“
Und die Frauen in meiner Nähe? Eine (70) ist rigoros. Mit Mundschutz nur zum Einkaufen und im Park unterwegs. Telefonieren, allein Filme schauen. „Meine Katze dreht auch bald durch,“ berichtet sie, halbwegs fröhlich. Eigentlich lebe sie ja schon lange zurückgezogen. Eine andere Freundin (53) mit Ehemann ist sonst eher rührig, nun aber völlig abgetaucht. Höchstens Emojis erreichen mich. Sie lebt! Eine jüngere Freundin (37) mit Hund floh schon vor Wochen zu Mutti und Papi an die Mosel. Home-Office von dort aus. Sie räumt auch noch das Elternhaus auf. „Erstaunlich, was ich hier alles entdecke. Die Macken vererben sich.“ Innenschau im Familien-Wahnsinn.
Alle „erfahren“ noch, brauchen Zeit, bisher kaum was verdaut.
Und ich? Schon in der ersten Woche spürte ich deutlich, was mich vorher verspannte. Trotz 40 Jahre „Quarantäne“, also ähnlich wie jetzt zu leben, bin ich aus meinem Zwanghaften noch nicht raus. In mir steckt: Ich muss heute dies, morgen erwartet mich das, du bist nicht gut genug, die andere hat mehr. Und so weiter, das Ego, dieser Hund. Zu wenig meditiert? Deutlich wurde mir dieses Elend, weil ich per Corona, sozusagen im Kollektiv, doch plötzlich davon etwas freier wurde. Eine Pandemie als Meditation der Welt? Hatten mich leere Straßen, verblasster Lärm, frischere Luft in eine seltene Entspannung versetzt, die ich also sonst noch nicht eroberte? Höchstens mal in seltenen Ausnahmen, in den Bergen, am Meer? Leider könnte es damit viel zu schnell, vor wirklichem Be-Greifen vorbei sein. Heute, schon sechs Wochen später, donnern über meine Kreuzung wieder stinkende Autos, sind die zwitschernden Vögel kaum noch zu hören, wird die Luft nur noch durch einen kurzen Regen wieder klar. Zurück in den Wahnsinn?
Aus meiner Quarantäne ein kleiner Höhepunkt. Ich (77) hatte einen heftigen Fight mit einer Freundin (70), die ich schon sehr lange kenne. Eigentlich nichts wirklich Neues: Zumutungen halten unsere Freundschaft offen und spannend. Doch wir hatten uns zuletzt vielleicht einseitig eingerichtet. Harmonie-Getue unter Frauen. Nun aber attackierte sie/ich (sich/mich?) aus Verzweiflung. Ihre Wut: Warum hatte sie in ihrem Leben, in dieser hektischen, patriarchal-aggressiv gesteuerten Welt nie den Erfolg, ein kapitales Standing, um heute gelassen auf die jungen Frauen zu schauen, die inzwischen, von der Männerwelt gefeatured, überall in den Medien zu sehen sind? „Ich habe mein Leben vergeigt!“ schrie sie. Ich schrie mit Volldampf zurück. Weil ich diese Stimme nur zu gut von mir kenne: Das Leben vorbei, alles Scheiße gewesen, diese Jahrzehnte des Rückzugs, neu-familiäre Versuche als „verrückte“ Einzelne. Die also (scheinbar!) nicht wirklich rausfinden, aus der Gewalt des Alltags. Adam und Eva forever? „Wir mussten da raus, wollten eigentlich nie rein und jetzt das Erarbeitete bedauern?“ schrie ich zurück, „da wären wir ja verrückt“. Schau dir lieber an, was du stattdessen gemacht hast, flüsterte ich mehr zu mir selbst. Diese falsche Brille des „Normalen“, halt sie nicht fest, wirf sie endlich ab! Oder heute wieder mal ein Stückchen. Aber noch waren wir, war die Freundin nicht aufzuhalten. Die Wut muss raus, sie darf es! „Es ist etwas anderes entstanden, etwas, das sich bisher verborgen hält,“ versuche ich es mit Vernunft. Die Freundin hört nicht auf, hört weiter nur noch Endzeit. Genau, denke ich, hör in ihr dir zu. Denn diese Seite singt auch in mir ständig Endzeit. Obwohl ich doch, nicht unerheblich, ein wenig in der Neuzeit schon gelandet bin. Frauen auf dem Weg. Endlich! Wir bleiben dran und werden sehen. Schönen Sonntag, noch.

11. Mai 2020
von Christa Ritter
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Not back to normal

Wenn mir plötzlich jemand mit Maske ausweicht: nicht komisch, wirkt bedrohlich. Als wären wir alle verfeindet und unser früheres, normales Leben immer nur eine Farce gewesen. So etwa erlebte ich vor 40 Jahren auch meine ersten Schritte mit vier Frauen und einem Mann. Wir zogen uns extrem zurück, waren plötzlich Terroristen in innerer, der eigentlichen Sache und rissen uns die Masken aus gutem Grund vom Gesicht. Was ist hinter meiner Depression eigentlich los? Alles Lüge, woran ich mich bisher festhielt? Als Kind hatte ich mal diese Erwachsenenwelt genauso deutlich als Lügengeschäft gesehen. War lange her. Nun hielt der letztlich misslungene Verrat nicht mehr.
Jetzt scheint es für die ganze Welt eine solche Chance der Neugeburt (oder Rettung?) zu geben. Wir erleben also dank Virus einen ähnlichen Moment des möglichen Wandels. Davor aber steht Hässliches: Gewalt in den Familien, Ausgrenzung der Alten, der Flüchtenden, Enteignung der Ärmeren. Ich entdecke, dass ich trotz langem Rückzug seit damals noch immer in Druck und Spannung hänge, also von Gewalt dominiert bin. Wenig Vertrauen in das Leben. Gestern sprach ich mit Freunden darüber: Welche wahnsinnige Wut besonders in den meisten Frauen steckt. Ja, da bin ich auch. Wutbürgerin. Dass es die Wut auf das eigene mangelnde Bewusstsein ist, kein Opfer zu sein, sondern schon immer die Täterin meines Weges. Im Guten wie aber auch im Bösen. Entsprechend selten dankbar für das, was dabei schon gelungen ist. Entspannung und Nachdenken stehen also weiter an, dringend.
Daher wünsche ich mir noch eine lange Quarantäne. Merkel hat recht: Damit wir klarer sehen lernen, wie sich längst das Neue auftut. Das Internet beschert uns das Virus? Eben: Mehr innen als außen. Das Netz wird mir weiterhelfen, uns. Gerade hörte ich dafür ein schönes Wort: Meditationstool. Werde das ins Smartphone- oder Laptop-Glotzen daher als Reise in dieses Unbekannte, Virtuelle verstehen lernen. Dieses Tool ist jetzt, während der Krise, endlich sehr beliebt geworden. Und die Natur dankt uns: Eine Freundin erzählte gestern, dass ihr im Nymphenburger Park morgens wieder Rehe begegnen. Die schauen auf, lange und äsen ruhig weiter.
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