merah.de

Christa Ritter's Blog

22. Juni 2018
von Christa Ritter
Keine Kommentare

Mutter & Martini

Eben mit Rainer über die SZ-Besprechung des Buches „Die Sünde der Frau“ (von Connie Palmen) geredet. Darin werden beschrieben: Marilyn Monroe, Marguerite Duras, Jane Bowles, Patricia Highsmith. Dass Frauen sich bestrafen, runtermachen, wenn sie das Urbild der Frau Ehe/Gemeinschaft nicht erfüllen können. Schmerz, der sich aus einer frühen Verstörung in Aufbegehren wandelt. Daher not-wendige Suche nach Alternative und doch bestrafen sie sich innerlich dafür. Leide ich selbst bis heute dran. Verrückt. Wir empfinden unser Aufbegehren, die Suche nach einem angeblich „unweiblichen“ Weg immer noch als „Sünde“. Alkoholismus, Depression, Selbstmord seien häufig die Folge. Wir „durchbrechen die Regeln des Anstands, unseres Geschlechts, der herrschenden Moral“ und erleben uns mangelhaft (nennt Palmen „Mutter“ & „Martini“), nicht auf einer eigenwilligen Selbstinszenierung, die aus dem klassischen Frauenrollen-Gefängnis raus führen soll. Selbstverletzung, die zur Selbsterfindung, also positiv, werden muss/könnte. Mein eigener Auftrag.

Bild könnte enthalten: eine oder mehrere Personen

5. April 2018
von Christa Ritter
Keine Kommentare

Die Ehe ist tot

Die Ehe ist tot stand (ausgerechnet!) auf einem BUNTE-Titel im Juli 1993 und der zeigte uns Frauen in von der Redaktion gewünschten, von uns lachend ausgesuchten Haremsklamotten, in der Mitte unseren Pascha. Das Foto war bei diesem Titeltext nicht etwa ironisch, sondern durchaus revolutionär gemeint. Ja, Frauen können anders als Puppenhaus, einen ersten Mann dafür gibt es auch: Einen, den sie sich für ihre weibliche Utopie aussuchten, einen, der sich nicht mehr hinter der Macht der Hüfte versteckt. Eine Utopie, an der wir zu dieser Zeit schon 15 Jahre miteinander durch Dick und Dünn experimentierten. Als die Aufnahmen zu dem Titel in Berlin entstanden, fühlten wir uns ganz besonders obenauf. Ja, das geht! Wir können uns mit der Welt mitteilen, unseren Weg zu neuen Menschinnen öffentlich teilen. Denn wir hatten einen Tag zuvor in der Sendung „Einspruch“ von SAT1 eine kleine Schlacht geschlagen. Gegen zwei alte Besitz-Ehe-Vertreterinnen. Im Scheinwerferlicht einer Art Manege, ich glaube, sogar live auf Sendung, herausgefordert auch vom Moderator Uli Meyer. Frauen können mehr als Mutti, Geliebte, Sekretärin. So funkelten unsere Augen. Und selbst unsere häufigen Eifersuchts-Attacken wagten wir als großartiger Krieg gegen die eigene Trägheit, die natürlich immer mal wieder aufkommenden Zweifel geradezu als notwendige wie spannende Greek Tragedy selbstbewusst zu verkaufen. Ich erinnere mich, dass die beiden uns herausfordernden Kontrahentinnen in der Sendung keine wirkliche Chance gegen uns hatten. Obwohl sie doch die vermeintliche Zuschauer-Mehrheit vertraten.

Mit unserem Auftritt und seinen Folgen hätten wir vielleicht in der Folge die Nation aufmischen können. Aber Mut und Oberwasser hielten nicht lange an. Wir Frauen knickten schon bald nach dem Foto-Shoot wieder ein. Gut so? Ich weiß es nicht. Meine Angst hatte mehrere Gründe. Einer war sicher, dass ich mich nicht mit aller Konsequenz traute, mich öffentlich genauer und damit ausdrücklicher gegen alle Frauen des Landes zu stellen. Gegen all die Muttis, Geliebte, Sekretärinnen. Die weiter im Schatten der Männer, mit Blick auf ihn, nicht auf sich, dem Schutz der Großen Mutter zu folgen bereit waren. Puppenhaus als Komfortzone. Aber so einfach war und ist es bis heute auch für mich nicht. Damals jedenfalls: Statt großer Knall also zurück zu leisen, kleineren Schritten. Ich brauche Umkreisungen, nutze Besenkehren in weiteren Kellerinstanzen, so erscheint mir manchmal meine Wegstrecke. Nur nicht aufgeben! Als dürfe die Große Mutter nicht merken, dass ich gekündigt habe. Sonst frisst sie mich, wie Niobe ihre Kinder. Ich bin überzeugt, dass aus demselben Grund auch ihr euch aus einem Versteck zum nächsten hangelt, immer unter dem Radar. Andererseits muss die Mutter-Göttin mir den Segen geben. Daran komm ich wohl nicht vorbei. Und wohin willst du gehen, Tochter, wird sie aufheulen. Ins Unbekannte, dorthin, wo die Frauen noch nie waren. Wie nennt man diese Zonen? Sie wird mich mit einem Schwall von Drohungen einzuschüchtern versuchen: Bakterien, Demenz, Krebs. Das hat noch keine geschafft und nun gerade du, du neurotischer Nichtsnutz. Nein, sie wird mit all der ihr möglichen Liebe locken, einer Liebe, die ich nie tiefer spüren konnte. Das wird sie tun. Schwer, dann nein zu sagen. Wo ich doch immer Liebe suchte und keine fand. Verdammte Verlockung und doch nur Täuschung? In diesem Moment höre ich meinen und unseren Mann der Zukunft sehr leise, kaum hörbar, murmeln: Die Ehe ist tot. Lange schon. Heute sind die meisten Ehen keine Ehen mehr. Verabredungen vielleicht, mehr mit sich selbst als mit einem anderen. Erst danach… Genau deshalb machten wir bis heute weiter. Zum ersten Mal in mir Freude, immer häufiger.

 

4. April 2018
von Christa Ritter
Keine Kommentare

Eine Frau sieht Zukunft

Eine Frau rannte auf ihn zu: Das ist ja Einstein, der Mann der Zukunft. Sie sind es, nicht wahr? Der Mann neben mir lächelte. Na klar, ist er, dachte ich. Eben hatte er noch zu mir gesagt: Diese ganzen Präsidenten und Politiker lügen doch seit Jahren. Dies und das machen wir, da wird aufgestockt sogar repariert. Und es bleibt die alte Scheiße, der ewige Krieg. Das war auch mit Obama nicht anders: nur Sprechblasen. Ich antwortete: Eben habe ich auf FB das Video eines Historikers gesehen. Darüber, welche Kriege die Amis seit Korea geführt haben. Die USA als Weltpolizei, Invasionen, immer imperialistisch unterwegs.

Unglaublich, eigentlich. Am Himmel lichtet sich der Dunst, die Sonne kommt raus. Einstein: Da kam nun plötzlich einer und will dieses Land great again machen. Ein Kind, sagen sie und lachen hämisch. Wenn die alten Männer nur immer wieder Bomben werfen konnten, sollte man doch ein Kind machen lassen. Dem Kind wird was einfallen. Und dem Land geht es auch schon besser. Ich wende ein: Wenn ich an Amerika denke, sehe ich ein verarmtes Detroit, Elend und White Trash. Einstein: Nö, das sind unsere Fake-News. Dem Land geht es durch Trump längst gut. Kommt nur wenig in unseren Medien vor. Wir laufen den Berg runter.

4. April 2018
von Christa Ritter
Keine Kommentare

Derzeit Jubiläum: 50 Jahre Selfies

Wir alle folgen unseren Spuren durch das Leben eher stolpernd, also unbewusst. Vor allem, seit wir Autoritäten und vorgestanzte Modelle wie die klassische Ehe oder einen geradlinigen Beruf in den Sechziger Jahren kündigten. Seitdem gilt Selbsterfindung. Selfies. Und wozu diese Bemühung? Denn eine Bemühung ist es schon, diese Schritte in das Unbekannte zu unternehmen. Weil wir nicht mehr einer „von oben“ vorgegebene Abwicklung von Geburt bis Tod folgen. Wir leben selbstbestimmt, so „unser Gefühl“, versuchen uns ständig zu verbessern, zu lernen, nach dem Glück zu suchen. Was ist Glück? Ich vermute, es ist Liebe. Sich selbst zu erkennen und damit auch von anderen anerkannt zu werden. Anfangs, wenn man noch sehr jung ist, folgt man heute meist den Spuren der Eltern, um dann diese ganz einzigartige Spur meines ganz persönlichen Lebens zu entdecken. Inzwischen höre ich öfter: Ich lasse mich nicht verbiegen, muss mich ausprobieren, will nicht abhängig sein von einem Mann, einem Boss – oder umgekehrt, mich der Manipulation einer Frau unterwerfen.

Dieser Weg ist ein ständiges Jonglieren. Vorn und wieder zurück. Und daher dauert es lang, auch nur ein paar Zentimeter zu bewältigen. Der Weg dauert bis man stirbt. Dieser entschiedene Impuls zur Selbstgestaltung. Vor allem deutlich unter den Jüngeren zu sehen. Und dafür nutzen sie das Internet, teilen dort ihre Daten, weil sie vermutlich „wissen“, dass jeder Austausch ihrer privatesten Belange sie weiter voranbringt, immer näher zu mehr Freundlichkeit, letztlich sogar Liebe. So sind sie dabei, die Welt ständig zu verbessern. Ich versuche das auch, aber scheitere seit ich in den Sechzigern aufgebrochen bin, scheitere also ständig und dann geht’s mir erstmal wieder schlecht, weil ich dem Gescheiterten hinterher jammere und nicht sehen kann, dass es für mich bei diesem Scheitern-Schritt genau darum ging, wieder ein kleinstes Stückchen meiner eigenen Lieblosigkeit zu erkennen und dadurch zu verlassen und hoffentlich zu einem besseren Menschen zu wachsen. Ich könnte mich also über jede „Ent-Täuschung“ freuen. Viel verlangt. Kann ich gar nicht. Erst viel später, meist sehr viel später, scheint mein System sich so zu ordnen, dass es sich ein wenig dankbar streckt. Wieder nach vorn. Also ein Schritt weiter und zwei zurück? Da muss ich kurz lachen. Menschen sind ganz schön verrückt.

20. März 2018
von Christa Ritter
Keine Kommentare

Deal gekündigt, das Netz übernimmt

Tausende Jahre hat der Deal zwischen Mann und Frau so gut funktioniert, dass keiner daran etwas ändern wollte. Diese Phase des Patriarchats bedeutete vermutlich für jedes Geschlecht, dass der Deal stimmte. Und dann war alles anders: Ja, ich meine schon wieder die Sixties, als wir aus heiterem Himmel einen neuen Deal erträumten. Tarzan und Jane, jeder von beiden, sollte vom anderen unabhängig sein, nicht mehr die eigene Unvollständigkeit ergänzen, in Abhängigkeit im Nest der Kleinfamilie vertrocknen. Die Liebe einer Zweierbeziehung, vor allem als Ehe erschien plötzlich schal und voller Unglück – Puppenhaus statt Liebe. Als Vorspiel zu dieser Kündigung hatten mir meine Eltern eine Botschaft mitgegeben: Nie vom Geld des Mannes zu leben.

Als ich dann nach erstem ziemlich verwirrenden Supertraum einer Welt ohne Geschlechterkrieg wieder in Alltägliches abstürzte, trudelte ich frauenbewegt umso heftiger in einen fiesen Groll gegen Mann und Maus. Ich konnte diese Aggression, die in mir hoch schäumte, nicht fassen. Damals erschien mir der alte Deal, in dem ich zurück hockte, als grausig klar: Jane verkauft ihren Körper, Tarzan zahlt mit seinem Status in der Welt. Er erobert die Welt, Jane ist seine Prostituierte. Ätzend! Eine solche Frau wollte ich nicht werden. Aber, da waren tausende Jahre, auch in meinen Knochen.

 

Inzwischen feiern wir 50 Jahre Kündigung des Deals. Was ist passiert? Wenig. #Metoo zeigt ja, dass wir Frauen wie zur Zeit der zweiten Frauenbewegung zwar die Männer beschuldigen, sie müssten sich ändern. Aber wir selbst? Nach wie vor Sendepause. Ein Elend, finde ich: Wir interessieren uns noch nicht einmal für unsere eigene Täterschaft, verharren im Opfer-Status. Tarzan soll nur ein bisschen mehr zahlen. Es ist nicht lange her, dass auch ich meinem Gefährten vorwarf: Hätte ich dich nur nicht getroffen usw. Dieser Krebs ist also noch immer tief in uns Frauen wirksam. So schenken wir unsere Macht, Kreativität, Menschlichkeit anderen und bleiben stumm. Frauen gibt es (mit seltenen Ausnahmen) auch noch nach 50 Jahren „auf dem Weg“ noch nicht. Ein Grund zum Heulen, finde ich. Sei nicht so undankbar zu dir selbst, ermahnt mich meine Schwester, zum Leben. Und noch ein Zitat: Gestern sagte dazu Rainer: Ich vermute, es waren vor tausenden Jahren die Frauen, das Matriarchat, das den Männern den Auftrag gab, ihre Welt zu verändern. Sie waren keine Opfer, sie leiteten das Patriarchat ein. Kann das sein? Daraus könnte ich schließen: Wenn wir Frauen den damaligen Aufbruch in eine bessere Welt einleiten konnten, sollte es auch heute gelingen. Aber, diese tausende Jahre… Mit dem Internet geht’s schneller. Noch ein Zitat?

6. Februar 2018
von Christa Ritter
Keine Kommentare

Die Opferrolle gefällt mir nicht!

Ein zweites Mal klagen Frauen die Gewalt der Männer an. Kein Respekt, nirgends. Der Mann nutze seine Macht, um sie als Abhängige zu missbrauchen. Die Anklage der Frauenbewegung Ende der Sechziger lautete ähnlich. Hat sich in 50 Jahren also nichts bewegt? Oder kann man damals nicht mit heute vergleichen?  Aber auch nach dem 68er Aufbruch fühlten wir Frauen uns als Opfer. Zum ersten Mal mit radikaler Empörung: Der Mann ist mein Unterdrücker, er ist an der ganzen Weltmisere, natürlich auch an meiner, schuld. Deshalb muss er sich ändern! Ich hatte mich kurz zuvor, in dem ersten verrückten, dem eigentlichen 68er Jahr noch wie auf Schwingen gefühlt. Alles ist möglich! Nun war plötzlich die schöne Vision einer liebevolleren Welt der Gleichen, der Freunde, abgestürzt. Ich fühlte mich merkwürdig betrogen, als Opfer, vom Mann kolonialisiert, hatte keine Ahnung, wohin ich ging, was Frausein im Gegensatz zu Mannsein bedeutet. Mein Blick auf Mann und Welt war wieder patriarchal geworden. Heute würde ich sagen: ich war nicht in der Lage, mich als vollwertige Frau zu sehen. Ich sah nur den Mann, war geradezu  auf ihn fixiert. In bester Eva-Tradition gab ich damit Adam die Macht zurück: Er bestimmte, wo’s langgeht und das war für mich zwar bequem, weil allgemeine Gewohnheit, passte mir gleichzeitig ganz und gar nicht. Ich bockte und blieb im Puppenhaus sitzen. Und die Frauenbewegung? Sie versandete im ähnlichen Dilemma: Selbsterkenntnis, Gleichheit konnte nur vom Mann ausgehen.

Der Mann! Denn durch meine Opferaugen war er wieder der selbstherrliche Gatekeeper, ich insgeheim seine beleidigte Widersacherin. Mein Selbstbild war zurück im Negativen oder war nicht mal vorhanden und wo oben war, stand der Patriarch. Nur der Mann hatte Geist, Macht, war kreativ. Daher beschloss ich, ihn zu beklauen: Nutzte seine sehr langsam anlaufende Bemühung um Selbsterkenntnis, also seine Gefühlswelt, sein Wissen – in Beziehung und Arbeit. All diese Angebote unserer von Männern dominierten Gesellschaft, von ihm definiert, nicht von mir: Auf diese Weise blieb ich ein Mädchen mit Sehnsucht aber weit entfernt von einer selbstbewussten Frau. Seelisch wie psychisch gesprochen: außen ein ständig falsches, weil verlogenes Lächeln im Gesicht, weil nur innerlich rebellierend.  Hinter meiner Maske blieb ich störrisch, irgendwie Opfer der Verhältnisse. Die Frauenbewegung hatte uns Frauen mit ihrem einseitigen, weil nur an Männer adressiertem Anspruch, vom patriarchalen Thron zu steigen, als Opfer, Räuberinnen oder auch Hexen zementiert. In solcher Defensive  lernte ich nichts über mich, über das Mädchen hinaus, über die Räuberin, über meine eigene Täterschaft. Langsam landete ich immer mehr in einer Depression.

Statt mich dann umzubringen,  lernte ich ein paar verrückte Frauen und einen Mann kennen, die einen Weg raus aus dem vertrackten Geschlechterscharmützel übten. Rainer und die Frauen wussten längst, dass Mann oder Frau im Krieg verhakt bleiben, wenn sie im Geschlechtlichen hängen bleiben. Projektion zurücknehmen.  Sie hatten sich so auf den Weg der Selbstveränderung gemacht. Ihr Rückzug aus den üblichen Angeboten funktionierte wie ein Labor, wo du den gierigen Blick nach außen umdrehst nach Innen.  In diese Arbeit stieg auch ich ein, machte mich endlich auf den Weg: Wer bin ich? Raus aus dem bequemen Puppenhaus, aus Mutti-Bequemlichkeit oder Papi-Auftrag, als vermeintliches Opfer von Tätern beschützt, als ein Mädchen, das mit räuberischem Lächeln dennoch immer ins Leere läuft.

Ihr werdet es kaum fassen können: Mein Räuberwesen dauert bis heute an, ist aber immerhin weniger geworden. Denn lange Zeit klaute ich von meinem Gefährten Rainer alles, was nicht niet und nagelfest war. Seine Thesen, viel seiner nachdenklichen Seite, seine Anregungen, bei meinen Projekten auch seine Mitarbeit. Immer gleichzeitig zeternd, dass ich nicht authentisch als Frau (oder Mensch?) selbst kreativ war. Dieser schwierige Weg zu mir selbst dauert sehr lang, war bisher nur selten Friede, Freude, Eierkuchen, ist manchmal so, dass ich verzweifeln möchte. Und doch wüsste ich nichts Besseres. Denn irgendwie ist es auch fantastisch, wenigstens den Hauch einer Veränderung zu spüren. Den merke ich oft nur, wenn mein Obergefährte mich erinnert. Weitermachen! Raus aus dem Puppenhaus bedeutet eben vor allem ein Weg der Entschlackung von der weiblichen Körperfixierung: Unterwerfung und Leugnung der Macht, die ich mir als Opfer oder versteckte Räuberin ständig selbst anmaße. Also auch nur selbst auflösen kann. Und da sehe ich auch wieder die Verbindung zu #metoo. Diese Debatte meint vielleicht wie 68: Frau will den alten Deal nicht mehr mitmachen. Sie versucht wieder einen Anlauf: Aber mangels Sicht auf sich selbst beschimpft die Frau erneut den Mann. So bleibt vorerst im Schatten, welches Machtspiel sie selbst betreibt.

 

20. Januar 2018
von Christa Ritter
Keine Kommentare

Selbst-Revolution: Auch was für Frauen!

Es ist noch Vormittag. Ich liege bereits völlig erschöpft auf dem Sofa, gleich platzt mein Kopf. Den eigenen Wahnsinn auszuhalten, ist schwer. Kein Wunder, dass ich den so lange verdrängt habe, zumindest nicht ganz nah an mich heran ließ. Meinen und den der alten Welt. Gestern hat er mich wie Orkan Friederike ereilt. Mich verließ jeder Bezug zu so etwas wie der sich auflösenden wie der leise anklopfenden Realität und ich fiel in die Depression. Mein Normalzustand seit Jahren. Alle 68er sind depressiv? Stimmt das? Ich gestehe mir dieses schwankende Brett unter mir nicht gern ein. Ein unguter Zustand, der, wenn ich Rainer glauben könnte, gleichzeitig bereits der Weg in diese neue, virtuellere Weg einer Internet-Community ist. Aber kaum jemand könne dieses Netz größerer Kommunikation bisher schon als ein Tool begreifen, das uns einen ersten Schritt aus der mörderischen Welt des Kapitalismus, letztlich auch dich aus deiner Depression raus helfen wird. Ermutigt mich dieser Mensch immer wieder, der seine 68er Kommune-Erfahrung mit der heutigen Lage in Verbindung bringt. Der sogar in der derzeitigen gefühlten Zeitenwende den konsequenten Abgesang auf eine gescheiterte Aufklärung und einen evolutionären, Sinn machenden Übergang in eine bessere Welt sieht.

Das Internet, als Erfindung der Hippies, wie 68 kurz visionär erlebt: Wir vergrößern im Netz unseren Freundeskreis (Milliarden Facebook-Freunde!), verteilen unsere Daten, tauschen persönlichste Infos aus. Alles gehört jedem, wir sind alle Eins. Die allgemeine Zärtlichkeit der damaligen Berliner Kommune würde derzeit so zu einer weltweiten Community, erläutert mir Rainer zum tausendsten Mal. Na klar: Make love not war. Aber wo ist sie denn, die Liebe? Oder auch nur die allgemeine Zärtlichkeit. Bin ich blind? Der fair getraidete Kaffee hilft mir leider heute Morgen nicht, der Frage näher zu kommen. Häme, Haudrauf und Katzenfotos, jaja: die Freunde sind unterwegs. Wir alle strampeln uns im Netz ab, um am Ende des Tunnels das Licht…

Dass sich durch das Internet so viel geradezu grundsätzlich verändert, kann ich durch meine Piratenerfahrung und die täglichen Posts und Likes immerhin ahnen. Bin aber entfernt davon, diesen Trump als Botschafter der Kommunikation oder, wie ihn Rainer nennt, als einen ersten Avatar zu sehen. Er würde von den Alten genauso abgelehnt weil missverstanden wie damals die Kommunarden. Trump halte der Welt den nötigen Spiegel vor die Nase: Ich bin ein Arschloch und will great again werden, wie ihr auch. Revolution! Damit sei Trump ehrlich, zeige nämlich das Arschloch, das er erstmal ist. Erst wenn man dazu stehe, dass man krank ist, beginne die Besserung, so Rainer. Bei uns wuseln derzeit noch die Parteien, um eine Regierung hinzukriegen. Sie sagen noch nicht öffentlich, was wir im Privaten vielleicht schon erkennen können: Dass das Elend hinter den Bergen, dem Mittelmeer und den Wüsten unser eigenes ausgelagertes Elend ist. Aber die Geflüchteten zeigen mir meinen Krieg, die Gier, dieses ganze Elend unseres Kapitalismus. Dass die Aufklärung längst gescheitert ist, genauso der Marsch der Linken und Neoliberalen durch die Institutionen. Welche Revolution wollen deshalb die Rechten? In welcher Revolution stecke ich?

In einer, die es bisher noch nie gab: auch die der Frauen!

 

12. Oktober 2017
von Christa Ritter
1 Kommentar

Wir leben die Alternative und merken es noch nicht

Meine Zahnärztin heute: „Auch nach den #Wahlen, keine #Perspektive. In Deutschland, auf der ganzen Welt, geht nichts weiter. Alle verkrümeln sich oder schlagen um sich.“ Ich: „Wir sind schon auf einem Weg in die Zukunft, aber es ist uns nicht bewusst.“ Ich dachte dabei: Seit 40 Jahren übe ich mit dem #Harem, aus unserem #Besitzgefängnis rauszufinden. Lange Zeit, aber trotz allem, es gab nichts Besseres. Die Zahnärztin, als hätte sie meinen Gedanken gelesen: „Es ist verrückt. Eigentlich sind wir alle schon woanders, aber es reicht nicht.“ Ich nicke. Unruhe, everywhere. So lauten die meisten Gespräche unter uns? Ängstlich. Wir wissen eben, so geht’s nicht weiter, diese Selbstzufriedenheit und wir ahnen sogar, dass die #Alternative schon hinter der Ecke lauert. Nicht die #AfD.

Draußen, die sichtbaren Turbulenzen immer noch weit weg: Eine #Naturkatastrophe jagt dort die nächste. Aber die Einschläge werden näher kommen, die #Flüchtenden sind ja schon da.

Gestern spät nachts las ich einen spirituellen Text: „Unsere Welt ist düster und voller Gewalt. Aber die Menschheit entwickelt sich. Schritt um Schritt.“ Bisher hat sie sich nie aus Krieg und Gewalt befreien können, auch die Aufklärung ist am Ende. Alles Alte, das Vertraute stimmt nicht mehr, hat Schimmel angesetzt und disruptiert. Irgendwann wird das #GoldeneZeitalter anbrechen, heißt es im heiligen Buch weiter. Ich habe ja auch noch dieses kleine Buch mit #RainerLanghans gemacht. #soistsheißt es und ihr könnt es auf #Amazon bestellen. Ist wirklich aufschlussreich, plötzlich siehst du darin dein #Navi, wie alles gelaufen ist. Voll bisher verborgenem Optimismus, weil in Wirklichkeit der lange Weg einer positiven Erfahrung. Vieles davon kann ich übertragen, du vielleicht auch, wir alle. Rainer hat für sich (und für mich usw.) zunächst das Rätsel 68 gelöst, das viele von uns noch immer drückt. Für einen kurzen Moment verkündeten die #Beatles: All you need is Love. Und in Berlin tanzte die Kommune I auf dem Ku-Damm: Lächeln. Gleich danach: Alles wieder trüb, schwarz die Nacht. Während in Kalifornien ein paar kluge Leute langsam ein #Tool entwickelten: das #Internet. Seit 20 Jahren üben damit all wir kriegerischen Menschen, wir hasserfüllte Bürger, die globale #Kommunikation. Die bedeutet: Endlich wird der Giftschrank aufgestoßen. Öffentlich: Das Private ist politisch. Es stinkt gewaltig! Im Netz gibt’s somit erstmal wenig Lover, mehr #Hater. „Wir sollten anständig sein,“ fordert ein Autor auf der Buchmesse und rümpft die Nase. Oder diese Einigkeit aller Liberaler: Dieser Kindskopf, dieser Idiot #Trump. Überall Reibereien, das Abschlachten der alten Welt, ist zur #Disruption im Netz freigegeben. Veröffentlichung heilt? Da willst du lieber nicht hinschauen? Auch mich reißt oft die Wut vom Stuhl. So brutal ist der Mensch? Bin ich? Rainer beschreibt in seinem kleinen Buch #soists, einem Stream of Consciousness, wie er langsam, Schritt um Schritt, mit Hilfe eines Lehrers aus der Hölle raus kraxelt: „Mir geht es immer besser“. Er sagt daher: Es gibt ein Licht, wir sehen es nur noch nicht. Now more than ever, heißt es eben in der Mail von TEDx als Motto für realistische Ideen. Als wüssten auch diese Veranstalter: Die galoppierende Verrohung ist die Krake in uns, die vom Tool Internet gebändigt wird. Hasserfüllte Bürger, rüpelige Politiker und dahinter geht die Sonne auf? „Erste Schritte in die Liebe,“ sagt Rainer. Aufklärung 2.0

12. Oktober 2017
von Christa Ritter
Keine Kommentare

Allein in der Community

Bist du ein #Einzelgänger, fragte mich kürzlich meine Groß-Nichte. Sie wird in einer #Kleinfamilie groß. Natürlich in einer heutigen, die schon so viel offener ist, als die der bleiernen Vor-68er-Zeit. Als sie mich fragte, war ich gerade bei meiner Blutsfamilie zu einer #Hochzeit angereist. Ich fühlte mich in dieser alten Welt etwas fremd, aber längst nicht mehr so fremd wie früher. Eigentlich kam ich mir wie ein #Alien vor, der sich mal auf dem alten Planeten umschaut. Sympathisierend. Dann dachte ich über diesen Begriff Einzelgänger nach und stieß dabei auf die Zweifel, die mich immer mal wieder packen. Die Zweifel, ob als einzelgängerische Frau, als weiblicher Single ein gutes, ein besseres Leben als die Ehe oder Beziehung überhaupt möglich ist. Kann es einer Frau gelingen, sich von der Eva-Rolle, von ihrer Definition über den anderen, meist einen Mann, zu befreien, um sich selbst zu erkunden? Wird es mir gelingen?

Mit diesem Ziel tat ich mich vor 40 Jahren mit vier Frauen zusammen. Sie waren auf demselben Weg. Frauen mit mehr oder weniger #Beziehungsfrust wollten endlich zu sich kommen, zu Einzelgängerinnen werden, high und #postgender. Ich, als eine Frau auf gleicher Augenhöhe: Aus dem eigenen Inneren schöpfend mich minimal in der Welt bewegen.

Diese 40 Jahre wurden dann sehr aufregend. Es gab keinen #Trampelpfad, alles für mich unbekannt. Entsprechend oft war ich verzweifelt oder aggressiv gegen jede und jeden und alle anderen waren schuld. Aber dieses #Labor war auch wunderbar, wichtig und eigenartig schön – sonst hätte ich die Koffer gepackt. Den anderen Frauen ging es wohl ähnlich. Auch um diesen Weg nicht leichtfertig viel zu oft als Stillstand zu erleiden, machte ich in diesem Jahr das Buch #soists mit #RainerLanghans. Ich habe ihn früher mal meinen #Vortänzer genannt, einen Mann, der immer wieder und unermüdlich das Licht in mein Dunkel hält, wenn ich nichts mehr sehe. Das Buch erzählt Rainers Sicht auf die Welt, wie sie sich dank dieser #68erVision bis heute ins #Internet und höher/weiter verändert. Er schaut dabei natürlich durch seine persönliche Erfahrungs-Brille. Aber mir gefällt sie, ich kann darin immer wieder mal eine Resonanz zu meinem Weg entdecken. Und ich vermute, so könnte es jedem gehen, wenn er denn von seiner inneren Seite, dieser so unbekannten, aus sich zu schauen trauen will. Manchmal: in Not ist. Okay, wir haben für uns etwas scheinbar Besonderes, eine weibliche Kommune, den #Harem, erfunden.

Aber wir sind nicht die einzigen Einzelgänger, besonders, seit es das Internet gibt. Dieses Tool, das wissen wir ja, ist eine große #Community, das uns mit Freunden weltweit verbindet, die sich auch manchmal virtuell aufeinander als #Hater stürzen. Gehört zum weniger Lügen dazu, haben wir im Harem auch oft gemacht: Da musst du durch, um nach oben zu finden. Schritt um Schritt. Vorausscheitern, nennt das Rainer. Für die Jungen ist die weltweite Kommune schon kein großes Ding mehr: Das Internet löst also das Modell #Ehe, Einzelbeziehung schon lange auf. Immer mehr Freunde als Einzelgänger schenken #Facebook und anderen #SozialenMedien ganz easy all ihre privaten #Daten und bevölkern so eine schönere Heimat oder Ehe mit allen. Ob das ahnend meine kleine Groß-Nichte mit ihrer Frage meinte?

Foto: Jutta, Rainer und ich (in den Achzigern)

12. Oktober 2017
von Christa Ritter
Keine Kommentare

Da will was raus!

Nach dieser verrückten #68er Zeit, die mich in etwas Neues wirbelte, das ich noch gar nicht kapierte, las ich erste frauenbewegte Bücher aus den USA und England. #BettyFriedan (Ihr habt nichts zu verlieren außer eurem Staubsauger!), #KateMillet oder #GermaineGreer. Alles ist möglich, nur wie und was? Auch ich wollte eine ganz andere Frau werden als meine Mutter oder #Twiggy#MaryQuant oder #Barbarella. Wer bin ich? Immer mehr Freundinnen enttäuschten mich: Sie waren ganz schnell weg, sobald ein Mann auftauchte.

Trotz #Frauenbewegung und guter Vorsätze. Der Mann blieb also trotz Aufbruch die einzige Referenz für jede von uns? Etwa auch für mich? Nicht wirklich, glaubte ich. Aber ich blieb verstört, enttäuscht und landete damit zunächst beim #TMMaharishi und seiner #Meditation, eine Freundin in #Auroville, zwei bei #BaghwanOsho.

Die Frauenbewegung war zu unseren Ungunsten gestartet, hatte verkündet, nur die Männer müssten sich schwer ändern, damit auch Frauen besser leben als bisher. Nichts als eine Sackgasse? Was sollten uns die Gurus erzählen? Wieder jemand von außen, wieder ein Mann. Wie geht mein Frauenweg, wenn ich zu mir selbst kommen will, statt weiter auf den Mann zu starren? Keine Chance, nirgendwo: Egal, wohin ich mich in dieser Men’s World wende, immer ist sie geprägt von männlichen Genies, Politikern, Machern, Könnern. Eine einseitige Welt, in der ich als Frau immer im Schatten stehe. Opfer statt Täter? Ich müsste also einen weiblichen Raum finden, um zu üben, und um so den Weg aus meiner #Biologie herauszufinden? Aus den einzigen geübten #Rollenbildern für uns: Mutter, Geliebte, Hausfrau. Immer den Mann im Blick statt mich? Das war mir Mitte der Siebziger, mitten im großen Frust, gar nicht so klar. Klar war nur, dass es mir schlecht ging und ich ratlos vor mich hin driftete. Sogar in Richtung Traumjob: #Filmemachen, schwer besetzt von Männern. Welche Chance hatte ich? Denn ich war nicht bei mir, kannte mich nicht die Bohne. Vielleicht war es dann ein großes Glück, dass ich diesen #ExKommunarden traf, der schon aus dem üblichen Männer-Dominanz-Geschäft ausgetreten war, in das er dank zuvor #KommuneI auch nie wirklich eingestiegen war. Für ihn war längst auch Uschi vorbei, er hatte einen Meister für die Strecke des Raus-aus-dem-Biologischen gefunden. Und schon andere Frauen übten in seiner direkten Nähe diesen unbesetzten, weil not-wendigen, ersten weiblichen Raum: Wer bin ich?

Als ich diese Leute traf, ahnte ich, wie schwer es auch für mich würde, wenn ich mich zu dem geselle, was später die Medien einen #Haremnannten. Aber ich wusste nichts Besseres. Das geht bis heute so, trotz aller Höllen, die sich bald auftaten. Wir Frauen kannten zunächst ja unsere düstere Seite nicht, wollten sie aber erlösen, die dort gebunkerte Kraft erleuchten. Heute würde ich mich über die Erfahrungen seitdem gern auch mit anderen austauschen. Oder noch immer zu feige, brütend im Versteck? In welcher Sprache? Sprachlosigkeit überall? Denn auch der heutige#Feminismus hat sich aus der Sackgasse noch nicht befreit. Also redet bisher noch nur mein Gefährte, so in seinem Buch #soists – und ich bin die Ghostwriterin. Immerhin, stottert es in mir. Scheiße! Erzähl doch mal von dir, fordert gerade auch immer mal wieder Gisela. Wer noch? Sogar meine Speiseröhre speit Feuer und ätzt die Mundhöhle. Da will was raus!

Zur Werkzeugleiste springen