merah.de

Christa Ritter's Blog

16. September 2018
von Christa Ritter
Keine Kommentare

Faschismus als Fegefeuer ins Licht?

Wie kann das sein? Vielleicht ein Jahr, nachdem Merkel die frohe Botschaft verkündete und die Geflüchteten am Münchner Hauptbahnhof von ziemlich vielen Leuten fast begeistert begrüßt wurden, begann sich auf meiner FB-Timeline ein merkwürdig aggressiver Ton durchzusetzen. Weniger in den Posts, es waren eher die Kommentare. Links-Liberale Hetze begann, etwas Eiskaltes. Freunde beteiligten sich, von denen ich diesen Ton nie erwartet hatte. Ich war erstaunt und dann immer wütender. Bis mir klar wurde, dass ich diese Wut kenne, dieses Vernichtende, von mir selbst.

 

Shitstorms übernahmen, überall. Die Medien warnten, eher Rechtes im Fokus. Sollte ich die Posts löschen, die Freunde rauswerfen? Ich fing an, zu beobachten. Was war das? Diese Freunde hatte ich bisher eher als unverrückbar freundlich eingestuft. Darunter waren Piraten, mittelalte Netizens, Normalos, alle aufgeschlossen und mehr oder weniger gebildet. Der Shitstorm ebbte dann wieder ab, kam aber zurück, er taumelte in Wellen. Trump wurde gewählt, dieses Schwein. Den durfte jeder ins KZ schicken, so einhellig die scheinbar banale Botschaft. Alle hateten ihn, sogar die angeblich objektiven Berichterstatter. Aber: Ich auch! Jeden Tag machte sich Trump hässlich, ätzte Tweets um die Welt, als wäre alles ganz anders. Wahrheit, was ist das? Alles Vertraute nur Lüge, ein ungeheuerliches Statement. Wird die alte Demokratie untergehen? Da ich die noch nie als gelungen empfand, änderte sich mein Gefühl. Warum nicht? Warum nicht mal einen Schritt weiter, raus aus der räuberischen Konsumwelt? Ein irgendwie positiveres Gefühl stellte sich ein.

 

Dann wurde in Paris geschossen, fuhren LKWs in Menschengruppen. Nizza, Berlin. Terroristen! England entschied sich für den Brexit. Pegida, die rechte Fraktion rüstete auf, AfD zog in den Bundestag ein. Dagegen kam mir FB nun manchmal wie eine Art hübsches Poesiealbum vor. Ich freute mich über süße Katzenfotos, während es draußen, auf Foren der Öffentlichkeit, immer mehr knallte. Sau rauslassen. Die Sprache verroht, jammern nun die Zeitungen. Alles wird emotional. Von Schreirede schrieb eine Zeitung und meinte Martin Schulz, der die runterhetzte, die wie er gewählt wurden.

Sind wir alle des Teufels? Kotzen sogar Gutmenschen ihre Wut raus? Alle Faschisten? Ich erinnere mich an das erste Harems-Jahrzehnt. Die könnte diesen Prozess erklären. Wir vier, manchmal fünf Frauen, an unserer Seite Rainer als erfahrener Kommunarde. Wir Frauen wollten die Revolution. Unsere Revolution. Wir wollten raus aus der Biologie, uns unverschämt in etwas Größeres wagen. Wie soll ich das nennen? Selbstentdeckung, bessere Welt, gleiche Augenhöhe, Spiritualität? In unserer weiblichen Kommune haben wir erstmal viel davon studiert, was andere zuvor erforscht hatten. Dann ging’s geradewegs ans Eingemachte. Die Komfortzone platzte und, ich sag’s mal minimal: Wir schrien auf, wir klotzten. Da explodierte so viel Wut und Schmerz und Gnadenlosigkeit. Bei jeder auf ihre Weise. Wir zeigten uns entsetzliche Faschismen, einen radikalen Gesichtsverlust. Wenn Rainer nicht wäre, hätte ich dir nicht mal ein Glas Wasser angeboten. Oder so ähnlich schrien wir. Und schlugen los. Er war es, der immer wieder etwas Schlichtendes, etwas Tröstendes vermitteln konnte, letztlich, dass ich nicht nur diese Hyäne bin, aber da durch muss. Dass ich auch den Weg durch die eigene Scheiße zum rettenden Ufer schaffe. So sei es immer: Nur durch den Faschismus in eine bessere Welt.

 

Keine von uns hat dann durchgehalten. Oder anders: Jede musste sich nach dem gemeinsamen Furor an die persönliche Kleinarbeit machen. Auf den Weg durch die individuelle Hölle, dorthin, wo es heller wird. Allein den Blick auf den eigenen Faschismus aushalten, um ihn dann zu erlösen? Nie wieder Krieg heißt es doch. Dieser Prozess der Selbstkonfrontation hält an. Bis heute und ich habe ihn oft verflucht. Gute Gefühle, aber meist Depression.

 

Warum ich so lange aus meiner Haremszeit erzähle? Weil man darin das Prinzip vielleicht wirklich erkennen könnte. Sobald du höher hinaufwillst, zu dir, zu etwas Größerem, nenn es bessere Welt, wird nach den ersten begeisterten Schritten hinter dir die Fratze des Faschismus auftauchen. Rainer sagt aus einer Erfahrung, er sei das entsetzliche Extrem des Kapitalismus. Da müssten wir durch und wollen es auch. Seit 68, seit der Vision einer weltweiten Community. Ich stelle mir vor, dass sich unsere Gesellschaft dank dieser Vision ihre Unmenschlichkeit seitdem unbewusst austreibt. Mit Hilfe des Internets, das uns den Zugang zu feineren Welten öffnete. Der Faschismus musste sich zwischenschalten und drohen. Denn unser faschistoider Kapitalismus gibt nicht einfach so auf. Wie ich es im Harem erlebte. Er zeigt mir, dir, uns Deutschen, was hinter unserer Fassade des Wohlstands steckt: Nenn es Sexismus oder Rassismus. Die Erfindung des Internets, die anfängliche Begeisterung, hat Unbewältigtes hochgespült. Statt „nie wieder“, kann sich jeder der eigenen Hölle stellen. Shitstorms helfen, sich selbst zu bewältigen, um voran zu gehen. Verrückt!

12. September 2018
von Christa Ritter
Keine Kommentare

Geistesblitze beim Nord-Treff

Gestern Abend: Sechs Leute zwischen dreißig und vierzig treffen sich, ich als Ausnahme-Oma, nur die, die einlud und als Einzige alle kennt. Thema: AfD und diese ätzenden Rechten, diese dröhnenden Nazis. Warum? Schnell sind wir bei der Frage: Ob nicht hinter diesen hässlichen Posen der Provokation etwas anderes steckt. Weder Faschismus-Revival, noch Fremdenhass. Die sind ja wie der Trump, sagt dann jemand. Hetzen, Aufmischen weil er für seine Wähler was Besseres again sucht. Ja, nein, ein Millionär als nicht-von-der-Wallstreet-gekauft kann sich trauen. Barbarisch, sind wir uns einig. Wer hat so jemanden gewählt und warum? Ähnlichkeiten, die uns Angst machen? Versteckt sich diese Fratze hinter unserem aufgeklärten Schöngeist?

Obwohl außer mir alle in der Runde studiert haben, drei sogar Politik, gerät die Diskussion schnell in, wie ich finde, sympathische Schieflage. Wird emotional, wie das heute so schön genannt wird. Lachen, Draufreden, Protest, Unterbrechen, Empörung und, ja auch, Zuhören. Verstärkt durch Weißwein, viel Weißwein. Die Echokammer umkreist und fetzt schließlich bis nach Zwölf. Dabei streifen wir: Die Ossis wollten Banane. Nicht wirklich unseren Kapitalismus, unseren Konsum. Wollten sie Reisefreiheit? Kühne Geistesblitze? Jedenfalls ein anderes Leben! Bekamen sie bis heute nicht wirklich. Nur leere Versprechungen. Ein Land taumelt. Enttäuschung? Der Jurist sagt plötzlich, diese Rechten hätten ja keinen Funken Vernunft. Ihre Argumente sind unvernünftig? Darauf habe ich gewartet. Was issen das? Die Vernunft hat uns doch dieses Abseits beschert, keinen ewigen Frieden gebracht, rufe ich und fühle mich endlich mittendrin. Aufklärung, Ratio, haha. Meine eigentliche Seite setzt nach: Mit Vernunft am Abgrund. Da sind wir, raus aus der Komfortzone und ich habe Angst. Erstaunen. Darf ich als vernünftig gepolte lästerhaft aussprechen, verteidige ich mich. Versuche schon eine lange Weile zur Selbstoptimierung, meine zweite Begabung, das Irrationale/Intuitive zu verbreitern. Ohne Droge mühsam.

Nochmal: Bloß nicht vernünftig? Aufschrei, verwirrte Zustimmung, besonders der Psychologe scheint plötzlich zu „sehen“. Schon driften wir zum Begriff Herrschaftssprache, die wollen die Rechten nicht mehr, dieses „von oben“ der Leute, die sich an die Wirtschaft verkauft haben. Und die Jungen, ihr Jüngere, wo steht ihr? Zwei sind Beamte, haben geheiratet. Der Psychologe, der auch Musik macht, interessiert mich besonders. Er hört meist zu und fasst irgendwann zusammen, was die anderen ins Spiel brachten. Und die Jüngeren? Elitäres interessiert sie nicht, sagt mein Gegenüber. Sie verdummen mit dem Internet, heißt es oft abschätzig von den Alten, statt Lernen googeln die ja nur. Es ist anders! Die Intelligenz wertet sich um. Also auch hier in das Irrationale? Ein anderes Irrationales, als wir bisher kennen. Wir zappeln zurück zu den Rechten, diesen Fratzen, diesen Faschisten. Sie wollen die Vernunft der Selbstgerechten nicht, sie sind anders. Vielleicht sind sie gar keine Faschisten? Oder wir sind es alle, so faschistisch und erheben uns nur künstlich? Das Hin und Her unter uns an diesem Abend könnte AfDlern gefallen: Die Besitzstände des Systems Deutschland bröckeln an allen Ecken und Enden. „Emotionalisiert“ sich. Was für ein Deutschland wollen diese Leute? Was wollen wir? Wohin bewegt sich unser Land?

Heute, am Tag danach, habe auch ich im gestrigen Furor etwas „eingesehen“. Finde nicht so leicht dafür eine Sprache, auch hier nicht. Die Gastgeberin rief mich eben an und sagte: Gestern Abend habe sie plötzlich verstanden. Mehr als Verstand. Ich glaube, faschistisch ist das nicht, sagt sie noch. Die besetzen etwas, was letztlich uns allen Impulse geben sollte. Finde ich auch.

2. September 2018
von Christa Ritter
Keine Kommentare

Bye Mother

Wie kommst du als Frau zu dir selbst? Mindestens so zu dir wie ein Mann, der sich selbstbestimmt fühlt. Sagen sie, die Männer. Ich sitze heute am grauen Sonntag mit dieser entscheidenden Frage mal wieder zurückgezogen in meiner Kemenate und grüble. Für mich ist dieses „Nicht-mein-eigener-Täter-Sein“ an einem solchen Tag nur ein halbes Leben oder bin ich dann zu ungnädig? Gebe mir zu wenig Zeit? Du bist auf dem Weg in diese Selbstbestimmung, könnte ich mich beruhigen. Ja, bin ich. Seit vielen Jahrzehnten. Und das ist wertvoll. Eigentlich geht es bei dieser Frage um das Geistige, das eben auch einer Frau zustehen könnte. Kann! Das wusste ich, das wussten wir im 68er Aufbruch. Eine so große Vision gab es zuvor für Frauen nicht. Aus der Körperfixierung rausfinden, aus der Biologie des Mütterlichen, aus dem Materialismus, dem Kapitalismus, Faschismus. Jetzt gehe ich zu weit? Okay, so weit gehen nun die meisten Männer auch noch nicht. Immerhin trennt sich ein Mann, wenn er Mann wird, ein Stück weit von der Mutter. So wird er ein Selbst. Und die Frau bleibt entsprechend ihrer Weiblichkeit lange – oder ewig – mit der Mutter, der Frau verbunden.

Seit den Sixties leitet uns Frauen diese Vision: Zu sich selbst zu kommen, auf gleiche Augenhöhe zum Mann. Dorthin gerate ich nur, wenn ich mich als Täterin, als Designerin meines Lebens annehmen kann. Mir bewusst werde, dass ich alles kreiere, was ich erlebe. Gerade auch das Unangenehme, Gewalttätige. Ich baue also selbst mein Gefängnis, jeden Stolperstein, genauso, wie ich mir meine Flügel in die Liebe, immer wieder selbst anlege. Zum ersten Mal bin ich als Frau auf dem Weg in den Geist und dauert es ewig, diese Bemühung auch wahrzunehmen. Check it!

2. September 2018
von Christa Ritter
Keine Kommentare

Wir sitzen im Zug und sehen nur Bahnhof

Tischtennis unter sonnenverbrannten Kastanienbäumen. Die zarte Brise kühlt ein wenig. Mein Gegenüber Bettina ist eine Generation später als ich. Diese ganze Politik interessiert mich nicht mehr, sagt sie und verschmettert den nächsten Ball. Wen interessiert die eigentlich überhaupt noch? Mich auch nicht wirklich, kommt meine Antwort. Als ich frage, was sie dann interessiere, verweilt sie im Aufschlag. Ich höre mich: Wir sind alle mit der Suche nach dem eigenen, sehr privaten, ganz persönlichen Glück beschäftigt. Du sicher auch, so wie ich. Alles den Meisten ganz unbewusst. Das ist die neue Politik des Privaten. Wumm, mein Schmetterball kommt endlich mal gut. Überrascht schaut sie mich an: Ja, genau, das ist es, was uns die ganze Zeit wie nichts anderes beschäftigt. Ich will mein Leben gut hinkriegen. Wir setzen uns auf die Steinplatte vom Tisch. Das ist ja alles so spannend und unvorhersehbar, sagt sie dann. Ich habe keine Kinder gewollt, meine Männer auch nie, und nun habe ich schon lange immer mit den Kindern anderer zu tun. Reicht doch, lacht sie, reicht mir. Siehst du, sage ich, diese ganze alte Welt der gestanzten äußeren Normen und Institutionen, dieses gewaltsam Reglementierte, wollten wir 68 nicht mehr und nun setzt sich seitdem diese Vision Schritt um Schritt bei uns allen durch. Bettinas Beine baumeln, meine auch, wie zwei Schulmädchen sitzen wir auf dem Tischtennistisch. Wie sich das, was wir täglich leben, in so etwas wie Parteien und Regierungen umsetzt, wer weiß das schon. Niemand hat bisher den Blick dafür.

Ein paar Stunden später stehe ich mit einer Bekannten in der Küche. In ihrem Zimmer läuft das Radio. Nachrichten. Sie: Diese Politiker fabrizieren eine solche Scheiße, die Merkel… Ich: Die Merkel ist so Scheiße wie ich und du. Vermutlich haben wir immer die Leute an der Macht, die wir wollen. Die Welt ist also unsere Projektion. Und dann zanken wir, nicht wirklich heftig, aber doch. Was, ich bin nicht wie die. Ich schlage etwas zu laut zurück: Keiner ist nur Fassade. In dir steckt auch das, was du an anderen nicht magst, die Merkel zum Beispiel. Ist bei mir nicht anders, bei jedem. Sie poltert zurück: Nein, jeder ist anders, immer deine Verallgemeinerungen. Mach ich manchmal, sag ich, ist nicht immer ganz falsch. Ich habe keine Lust auf Morgenstreit. Lassen wir’s, sag ich laut.

Mein Gast murmelt noch, sie habe ´68 nicht mitbekommen, diese ständigen Diskussionen, diese nervige Sinnsuche. Sieht so aus, gifte ich (ganz leise), aber grundbös. Andererseits: Ich möchte glauben, dass sich seit damals alle verändern. Auch wenn’s nur wenigen bewusst ist. Manche schneller, manche brauchen halt Zeit. Bin ich nicht viel zu langsam, zweifle ich mal wieder und trinke einen Schluck Morgenkaffee. Nicht runter machen, freundlich zu sich sein. Ist ein langer Weg. Egal. Karma, Schicksalsfäden, jeder folgt endlich irgendwie seinem ganz persönlichen Ding. Und teilt es sogar im Netz mit vielen anderen. Auch Zweifel, auch Unverdautes. Ob das reicht, um unseren Planeten in letzter Minute zu retten? Nicht enden wollende Gier als Konsumrausch gebiert Hitzewellen, Überschwemmungen, Erdbeben.

Und die Jungen machen mit oder sind doch schon woanders? Rainer redet immer vom Internet als ein Tool, das uns raus helfen wird. Aus diesem vernichtenden Kapitalismus. Intensivste Kommunikation als eine Art westliche Meditation? Später treffe ich ihn, der sich gerade mit sehr jungen polyamoren Leuten in Berlin intensiv ausgetauscht hat. Die sind schon so anders drauf, sagt er mit Überzeugung. Sein kurzer Bericht hört sich gut an.

22. Juni 2018
von Christa Ritter
Keine Kommentare

Mutter & Martini

Eben mit Rainer über die SZ-Besprechung des Buches „Die Sünde der Frau“ (von Connie Palmen) geredet. Darin werden beschrieben: Marilyn Monroe, Marguerite Duras, Jane Bowles, Patricia Highsmith. Dass Frauen sich bestrafen, runtermachen, wenn sie das Urbild der Frau Ehe/Gemeinschaft nicht erfüllen können. Schmerz, der sich aus einer frühen Verstörung in Aufbegehren wandelt. Daher not-wendige Suche nach Alternative und doch bestrafen sie sich innerlich dafür. Leide ich selbst bis heute dran. Verrückt. Wir empfinden unser Aufbegehren, die Suche nach einem angeblich „unweiblichen“ Weg immer noch als „Sünde“. Alkoholismus, Depression, Selbstmord seien häufig die Folge. Wir „durchbrechen die Regeln des Anstands, unseres Geschlechts, der herrschenden Moral“ und erleben uns mangelhaft (nennt Palmen „Mutter“ & „Martini“), nicht auf einer eigenwilligen Selbstinszenierung, die aus dem klassischen Frauenrollen-Gefängnis raus führen soll. Selbstverletzung, die zur Selbsterfindung, also positiv, werden muss/könnte. Mein eigener Auftrag.

Bild könnte enthalten: eine oder mehrere Personen

5. April 2018
von Christa Ritter
Keine Kommentare

Die Ehe ist tot

Die Ehe ist tot stand (ausgerechnet!) auf einem BUNTE-Titel im Juli 1993 und der zeigte uns Frauen in von der Redaktion gewünschten, von uns lachend ausgesuchten Haremsklamotten, in der Mitte unseren Pascha. Das Foto war bei diesem Titeltext nicht etwa ironisch, sondern durchaus revolutionär gemeint. Ja, Frauen können anders als Puppenhaus, einen ersten Mann dafür gibt es auch: Einen, den sie sich für ihre weibliche Utopie aussuchten, einen, der sich nicht mehr hinter der Macht der Hüfte versteckt. Eine Utopie, an der wir zu dieser Zeit schon 15 Jahre miteinander durch Dick und Dünn experimentierten. Als die Aufnahmen zu dem Titel in Berlin entstanden, fühlten wir uns ganz besonders obenauf. Ja, das geht! Wir können uns mit der Welt mitteilen, unseren Weg zu neuen Menschinnen öffentlich teilen. Denn wir hatten einen Tag zuvor in der Sendung „Einspruch“ von SAT1 eine kleine Schlacht geschlagen. Gegen zwei alte Besitz-Ehe-Vertreterinnen. Im Scheinwerferlicht einer Art Manege, ich glaube, sogar live auf Sendung, herausgefordert auch vom Moderator Uli Meyer. Frauen können mehr als Mutti, Geliebte, Sekretärin. So funkelten unsere Augen. Und selbst unsere häufigen Eifersuchts-Attacken wagten wir als großartiger Krieg gegen die eigene Trägheit, die natürlich immer mal wieder aufkommenden Zweifel geradezu als notwendige wie spannende Greek Tragedy selbstbewusst zu verkaufen. Ich erinnere mich, dass die beiden uns herausfordernden Kontrahentinnen in der Sendung keine wirkliche Chance gegen uns hatten. Obwohl sie doch die vermeintliche Zuschauer-Mehrheit vertraten.

Mit unserem Auftritt und seinen Folgen hätten wir vielleicht in der Folge die Nation aufmischen können. Aber Mut und Oberwasser hielten nicht lange an. Wir Frauen knickten schon bald nach dem Foto-Shoot wieder ein. Gut so? Ich weiß es nicht. Meine Angst hatte mehrere Gründe. Einer war sicher, dass ich mich nicht mit aller Konsequenz traute, mich öffentlich genauer und damit ausdrücklicher gegen alle Frauen des Landes zu stellen. Gegen all die Muttis, Geliebte, Sekretärinnen. Die weiter im Schatten der Männer, mit Blick auf ihn, nicht auf sich, dem Schutz der Großen Mutter zu folgen bereit waren. Puppenhaus als Komfortzone. Aber so einfach war und ist es bis heute auch für mich nicht. Damals jedenfalls: Statt großer Knall also zurück zu leisen, kleineren Schritten. Ich brauche Umkreisungen, nutze Besenkehren in weiteren Kellerinstanzen, so erscheint mir manchmal meine Wegstrecke. Nur nicht aufgeben! Als dürfe die Große Mutter nicht merken, dass ich gekündigt habe. Sonst frisst sie mich, wie Niobe ihre Kinder. Ich bin überzeugt, dass aus demselben Grund auch ihr euch aus einem Versteck zum nächsten hangelt, immer unter dem Radar. Andererseits muss die Mutter-Göttin mir den Segen geben. Daran komm ich wohl nicht vorbei. Und wohin willst du gehen, Tochter, wird sie aufheulen. Ins Unbekannte, dorthin, wo die Frauen noch nie waren. Wie nennt man diese Zonen? Sie wird mich mit einem Schwall von Drohungen einzuschüchtern versuchen: Bakterien, Demenz, Krebs. Das hat noch keine geschafft und nun gerade du, du neurotischer Nichtsnutz. Nein, sie wird mit all der ihr möglichen Liebe locken, einer Liebe, die ich nie tiefer spüren konnte. Das wird sie tun. Schwer, dann nein zu sagen. Wo ich doch immer Liebe suchte und keine fand. Verdammte Verlockung und doch nur Täuschung? In diesem Moment höre ich meinen und unseren Mann der Zukunft sehr leise, kaum hörbar, murmeln: Die Ehe ist tot. Lange schon. Heute sind die meisten Ehen keine Ehen mehr. Verabredungen vielleicht, mehr mit sich selbst als mit einem anderen. Erst danach… Genau deshalb machten wir bis heute weiter. Zum ersten Mal in mir Freude, immer häufiger.

 

4. April 2018
von Christa Ritter
Keine Kommentare

Eine Frau sieht Zukunft

Eine Frau rannte auf ihn zu: Das ist ja Einstein, der Mann der Zukunft. Sie sind es, nicht wahr? Der Mann neben mir lächelte. Na klar, ist er, dachte ich. Eben hatte er noch zu mir gesagt: Diese ganzen Präsidenten und Politiker lügen doch seit Jahren. Dies und das machen wir, da wird aufgestockt sogar repariert. Und es bleibt die alte Scheiße, der ewige Krieg. Das war auch mit Obama nicht anders: nur Sprechblasen. Ich antwortete: Eben habe ich auf FB das Video eines Historikers gesehen. Darüber, welche Kriege die Amis seit Korea geführt haben. Die USA als Weltpolizei, Invasionen, immer imperialistisch unterwegs.

Unglaublich, eigentlich. Am Himmel lichtet sich der Dunst, die Sonne kommt raus. Einstein: Da kam nun plötzlich einer und will dieses Land great again machen. Ein Kind, sagen sie und lachen hämisch. Wenn die alten Männer nur immer wieder Bomben werfen konnten, sollte man doch ein Kind machen lassen. Dem Kind wird was einfallen. Und dem Land geht es auch schon besser. Ich wende ein: Wenn ich an Amerika denke, sehe ich ein verarmtes Detroit, Elend und White Trash. Einstein: Nö, das sind unsere Fake-News. Dem Land geht es durch Trump längst gut. Kommt nur wenig in unseren Medien vor. Wir laufen den Berg runter.

4. April 2018
von Christa Ritter
Keine Kommentare

Derzeit Jubiläum: 50 Jahre Selfies

Wir alle folgen unseren Spuren durch das Leben eher stolpernd, also unbewusst. Vor allem, seit wir Autoritäten und vorgestanzte Modelle wie die klassische Ehe oder einen geradlinigen Beruf in den Sechziger Jahren kündigten. Seitdem gilt Selbsterfindung. Selfies. Und wozu diese Bemühung? Denn eine Bemühung ist es schon, diese Schritte in das Unbekannte zu unternehmen. Weil wir nicht mehr einer „von oben“ vorgegebene Abwicklung von Geburt bis Tod folgen. Wir leben selbstbestimmt, so „unser Gefühl“, versuchen uns ständig zu verbessern, zu lernen, nach dem Glück zu suchen. Was ist Glück? Ich vermute, es ist Liebe. Sich selbst zu erkennen und damit auch von anderen anerkannt zu werden. Anfangs, wenn man noch sehr jung ist, folgt man heute meist den Spuren der Eltern, um dann diese ganz einzigartige Spur meines ganz persönlichen Lebens zu entdecken. Inzwischen höre ich öfter: Ich lasse mich nicht verbiegen, muss mich ausprobieren, will nicht abhängig sein von einem Mann, einem Boss – oder umgekehrt, mich der Manipulation einer Frau unterwerfen.

Dieser Weg ist ein ständiges Jonglieren. Vorn und wieder zurück. Und daher dauert es lang, auch nur ein paar Zentimeter zu bewältigen. Der Weg dauert bis man stirbt. Dieser entschiedene Impuls zur Selbstgestaltung. Vor allem deutlich unter den Jüngeren zu sehen. Und dafür nutzen sie das Internet, teilen dort ihre Daten, weil sie vermutlich „wissen“, dass jeder Austausch ihrer privatesten Belange sie weiter voranbringt, immer näher zu mehr Freundlichkeit, letztlich sogar Liebe. So sind sie dabei, die Welt ständig zu verbessern. Ich versuche das auch, aber scheitere seit ich in den Sechzigern aufgebrochen bin, scheitere also ständig und dann geht’s mir erstmal wieder schlecht, weil ich dem Gescheiterten hinterher jammere und nicht sehen kann, dass es für mich bei diesem Scheitern-Schritt genau darum ging, wieder ein kleinstes Stückchen meiner eigenen Lieblosigkeit zu erkennen und dadurch zu verlassen und hoffentlich zu einem besseren Menschen zu wachsen. Ich könnte mich also über jede „Ent-Täuschung“ freuen. Viel verlangt. Kann ich gar nicht. Erst viel später, meist sehr viel später, scheint mein System sich so zu ordnen, dass es sich ein wenig dankbar streckt. Wieder nach vorn. Also ein Schritt weiter und zwei zurück? Da muss ich kurz lachen. Menschen sind ganz schön verrückt.

20. März 2018
von Christa Ritter
Keine Kommentare

Deal gekündigt, das Netz übernimmt

Tausende Jahre hat der Deal zwischen Mann und Frau so gut funktioniert, dass keiner daran etwas ändern wollte. Diese Phase des Patriarchats bedeutete vermutlich für jedes Geschlecht, dass der Deal stimmte. Und dann war alles anders: Ja, ich meine schon wieder die Sixties, als wir aus heiterem Himmel einen neuen Deal erträumten. Tarzan und Jane, jeder von beiden, sollte vom anderen unabhängig sein, nicht mehr die eigene Unvollständigkeit ergänzen, in Abhängigkeit im Nest der Kleinfamilie vertrocknen. Die Liebe einer Zweierbeziehung, vor allem als Ehe erschien plötzlich schal und voller Unglück – Puppenhaus statt Liebe. Als Vorspiel zu dieser Kündigung hatten mir meine Eltern eine Botschaft mitgegeben: Nie vom Geld des Mannes zu leben.

Als ich dann nach erstem ziemlich verwirrenden Supertraum einer Welt ohne Geschlechterkrieg wieder in Alltägliches abstürzte, trudelte ich frauenbewegt umso heftiger in einen fiesen Groll gegen Mann und Maus. Ich konnte diese Aggression, die in mir hoch schäumte, nicht fassen. Damals erschien mir der alte Deal, in dem ich zurück hockte, als grausig klar: Jane verkauft ihren Körper, Tarzan zahlt mit seinem Status in der Welt. Er erobert die Welt, Jane ist seine Prostituierte. Ätzend! Eine solche Frau wollte ich nicht werden. Aber, da waren tausende Jahre, auch in meinen Knochen.

 

Inzwischen feiern wir 50 Jahre Kündigung des Deals. Was ist passiert? Wenig. #Metoo zeigt ja, dass wir Frauen wie zur Zeit der zweiten Frauenbewegung zwar die Männer beschuldigen, sie müssten sich ändern. Aber wir selbst? Nach wie vor Sendepause. Ein Elend, finde ich: Wir interessieren uns noch nicht einmal für unsere eigene Täterschaft, verharren im Opfer-Status. Tarzan soll nur ein bisschen mehr zahlen. Es ist nicht lange her, dass auch ich meinem Gefährten vorwarf: Hätte ich dich nur nicht getroffen usw. Dieser Krebs ist also noch immer tief in uns Frauen wirksam. So schenken wir unsere Macht, Kreativität, Menschlichkeit anderen und bleiben stumm. Frauen gibt es (mit seltenen Ausnahmen) auch noch nach 50 Jahren „auf dem Weg“ noch nicht. Ein Grund zum Heulen, finde ich. Sei nicht so undankbar zu dir selbst, ermahnt mich meine Schwester, zum Leben. Und noch ein Zitat: Gestern sagte dazu Rainer: Ich vermute, es waren vor tausenden Jahren die Frauen, das Matriarchat, das den Männern den Auftrag gab, ihre Welt zu verändern. Sie waren keine Opfer, sie leiteten das Patriarchat ein. Kann das sein? Daraus könnte ich schließen: Wenn wir Frauen den damaligen Aufbruch in eine bessere Welt einleiten konnten, sollte es auch heute gelingen. Aber, diese tausende Jahre… Mit dem Internet geht’s schneller. Noch ein Zitat?

6. Februar 2018
von Christa Ritter
Keine Kommentare

Die Opferrolle gefällt mir nicht!

Ein zweites Mal klagen Frauen die Gewalt der Männer an. Kein Respekt, nirgends. Der Mann nutze seine Macht, um sie als Abhängige zu missbrauchen. Die Anklage der Frauenbewegung Ende der Sechziger lautete ähnlich. Hat sich in 50 Jahren also nichts bewegt? Oder kann man damals nicht mit heute vergleichen?  Aber auch nach dem 68er Aufbruch fühlten wir Frauen uns als Opfer. Zum ersten Mal mit radikaler Empörung: Der Mann ist mein Unterdrücker, er ist an der ganzen Weltmisere, natürlich auch an meiner, schuld. Deshalb muss er sich ändern! Ich hatte mich kurz zuvor, in dem ersten verrückten, dem eigentlichen 68er Jahr noch wie auf Schwingen gefühlt. Alles ist möglich! Nun war plötzlich die schöne Vision einer liebevolleren Welt der Gleichen, der Freunde, abgestürzt. Ich fühlte mich merkwürdig betrogen, als Opfer, vom Mann kolonialisiert, hatte keine Ahnung, wohin ich ging, was Frausein im Gegensatz zu Mannsein bedeutet. Mein Blick auf Mann und Welt war wieder patriarchal geworden. Heute würde ich sagen: ich war nicht in der Lage, mich als vollwertige Frau zu sehen. Ich sah nur den Mann, war geradezu  auf ihn fixiert. In bester Eva-Tradition gab ich damit Adam die Macht zurück: Er bestimmte, wo’s langgeht und das war für mich zwar bequem, weil allgemeine Gewohnheit, passte mir gleichzeitig ganz und gar nicht. Ich bockte und blieb im Puppenhaus sitzen. Und die Frauenbewegung? Sie versandete im ähnlichen Dilemma: Selbsterkenntnis, Gleichheit konnte nur vom Mann ausgehen.

Der Mann! Denn durch meine Opferaugen war er wieder der selbstherrliche Gatekeeper, ich insgeheim seine beleidigte Widersacherin. Mein Selbstbild war zurück im Negativen oder war nicht mal vorhanden und wo oben war, stand der Patriarch. Nur der Mann hatte Geist, Macht, war kreativ. Daher beschloss ich, ihn zu beklauen: Nutzte seine sehr langsam anlaufende Bemühung um Selbsterkenntnis, also seine Gefühlswelt, sein Wissen – in Beziehung und Arbeit. All diese Angebote unserer von Männern dominierten Gesellschaft, von ihm definiert, nicht von mir: Auf diese Weise blieb ich ein Mädchen mit Sehnsucht aber weit entfernt von einer selbstbewussten Frau. Seelisch wie psychisch gesprochen: außen ein ständig falsches, weil verlogenes Lächeln im Gesicht, weil nur innerlich rebellierend.  Hinter meiner Maske blieb ich störrisch, irgendwie Opfer der Verhältnisse. Die Frauenbewegung hatte uns Frauen mit ihrem einseitigen, weil nur an Männer adressiertem Anspruch, vom patriarchalen Thron zu steigen, als Opfer, Räuberinnen oder auch Hexen zementiert. In solcher Defensive  lernte ich nichts über mich, über das Mädchen hinaus, über die Räuberin, über meine eigene Täterschaft. Langsam landete ich immer mehr in einer Depression.

Statt mich dann umzubringen,  lernte ich ein paar verrückte Frauen und einen Mann kennen, die einen Weg raus aus dem vertrackten Geschlechterscharmützel übten. Rainer und die Frauen wussten längst, dass Mann oder Frau im Krieg verhakt bleiben, wenn sie im Geschlechtlichen hängen bleiben. Projektion zurücknehmen.  Sie hatten sich so auf den Weg der Selbstveränderung gemacht. Ihr Rückzug aus den üblichen Angeboten funktionierte wie ein Labor, wo du den gierigen Blick nach außen umdrehst nach Innen.  In diese Arbeit stieg auch ich ein, machte mich endlich auf den Weg: Wer bin ich? Raus aus dem bequemen Puppenhaus, aus Mutti-Bequemlichkeit oder Papi-Auftrag, als vermeintliches Opfer von Tätern beschützt, als ein Mädchen, das mit räuberischem Lächeln dennoch immer ins Leere läuft.

Ihr werdet es kaum fassen können: Mein Räuberwesen dauert bis heute an, ist aber immerhin weniger geworden. Denn lange Zeit klaute ich von meinem Gefährten Rainer alles, was nicht niet und nagelfest war. Seine Thesen, viel seiner nachdenklichen Seite, seine Anregungen, bei meinen Projekten auch seine Mitarbeit. Immer gleichzeitig zeternd, dass ich nicht authentisch als Frau (oder Mensch?) selbst kreativ war. Dieser schwierige Weg zu mir selbst dauert sehr lang, war bisher nur selten Friede, Freude, Eierkuchen, ist manchmal so, dass ich verzweifeln möchte. Und doch wüsste ich nichts Besseres. Denn irgendwie ist es auch fantastisch, wenigstens den Hauch einer Veränderung zu spüren. Den merke ich oft nur, wenn mein Obergefährte mich erinnert. Weitermachen! Raus aus dem Puppenhaus bedeutet eben vor allem ein Weg der Entschlackung von der weiblichen Körperfixierung: Unterwerfung und Leugnung der Macht, die ich mir als Opfer oder versteckte Räuberin ständig selbst anmaße. Also auch nur selbst auflösen kann. Und da sehe ich auch wieder die Verbindung zu #metoo. Diese Debatte meint vielleicht wie 68: Frau will den alten Deal nicht mehr mitmachen. Sie versucht wieder einen Anlauf: Aber mangels Sicht auf sich selbst beschimpft die Frau erneut den Mann. So bleibt vorerst im Schatten, welches Machtspiel sie selbst betreibt.

 

Zur Werkzeugleiste springen