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Christa Ritter's Blog

25. Februar 2019
von Christa Ritter
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We code our way to liberty

Das Bewusstsein ist meist ein schwer überwindbarer Faulpelz. Auch meins. Hier erzähle ich immer wieder: Das Internet bringt’s! Und dann habe ich eigentlich vom Netz noch immer keine wirkliche Ahnung und ereifere mich vor Ort, dass die digitale Technik soviel Materie verschwendet. Diese Riesenserver! Afrikas Ressourcen ausbeuten! Von wegen Ausstieg aus dem Materialismus und seiner Ungerechtigkeit und Gewalt. Zurück in der Scheißwelt als ewige Materie besoffene Pessimistin? Konservativ wie die meisten Frauen. Dann aber entscheide ich mich, die Nörgeltante abzumelden und stattdessen mal ein bisschen Ruhe in mein System zu holen: Als ob es um Hardware ginge. Virtualität, Dummerchen, neue Gemeinschaften: Deshalb zieht mich das Netz eigentlich und vor allem an?

Das ist der Kern des Internets: Teilen, Informieren, Kommunizieren. Alles für alle, diese so viel bessere Welten-Family, wo Privatestes unaufhörlich aus den toxischen Kellern der Kleinfamilie befreit wird. Das ist nicht mehr zu stoppen, rattert es dann doch in mir, trotz aller Beschränkungen durch neue Gesetze. Ich las sogar gestern online eine herrlich gewagte Prognose: Das Internet könnte irgendwann den Staat abschaffen und tatsächlich die Macht unter uns „Citizens“ verteilen. Hab ich nicht immer mal wieder Ähnliches geahnt? Bitnation also, post-staatlich, auch in einem BR-Online-Beitrag. Der Staat werden wir?

Durch Scoring, auch durch die Auflösung jeglichen Besitzes privater Daten entstünde bereits die nötige Community, ein neuartiges Miteinander. Jeder wird darin als Einzelner verantwortlich für sein Leben und gestaltet so auch alles Gemeinschaftliche. Privatestes wird wertvollste Ressource, für alle. In diesem BR-online-Beitrag sagen erste Welt-Citizens in Amsterdam: Wir brauchen bald keine Regierungen mehr, wir brauchen einander. Schön nicht? Liebe statt Krieg, kaum vorstellbar und doch ein alter Traum der Menschheit. Bisher gäben Banken und Regierungen unseren Ton vor. Aber diese Auslagerung von Verantwortung würden wir uns zurückholen, anfangen, die Community für uns und die Nachbarn verantwortlich zu übernehmen. „We code our way to liberty“, sagt eine junge Frau. To Bitnation, wie diese IT-Utopisten es in dem Beitrag nennen. Statt also wieder mal ängstlich meinen Blick auf das große Ganze des Internets und unserer Zukunft zu verdüstern, bin ich zurück im Optimismus: Dem Netz als schwer erfassbare, aber doch mögliche Road to Love & Beauty.

18. Februar 2019
von Christa Ritter
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Was suchst du?

Was suchst du? Fragte mich eine gute Freundin und meinte sich, uns, mich. Als Thema zum Nachdenken am Abend. Wir treffen uns bei ihr in Giesing. Norman bringt in seinem Rucksack ein besonders kräftiges Bier aus NY mit. Malz, Hefe, starkes Aroma. Katrin hat dem Ofen Süßkartoffeln, Pastinaken, Sellerie, Zwiebeln anvertraut. Nur etwas Olivenöl drüber. Was suche ich? Etwas, was ich noch nicht kenne. Mich. Hinter den vielen Fassaden, Layers. Weit über mein Gender hinaus. Gibt’s das? Norman ist geschieden, Therapiecoach, tritt ab und zu auch als Songwriter mit Gitarre auf. Letzteres kommt ihm näher, dem was er sucht. Wir genießen das Gemüse, spielen mit Gedanken, Erfahrungssplitter. Mitten im Move, alle? Wir schauen neugierig, wohin sich diese wenden. Nochmal was draußen machen, sage ich, mit dem Bezug zu dem Unbekannten. Auch im Netz pöbeln und viel mehr. Eigentlich habe ich vergessen, wohin wir dann immer mehr abglitten. Dorthin, vermute ich nachträglich, wohin der Move geht. Eine neue Welt entsteht gerade. Eben: Unbekanntes, Virtuelleres. Plötzlich reden wir über den Verstand und sein erweitertes Gegenteil: Irrationales. Fake-News als erweitertes Wissen der anderen Art. Liebevoller, wie auf Drogen. Norman sagt: Meditation. Kann er das? Den Verstand immer wieder links liegen lassen. Oder rechts. Als wir dann im Flur beim Abschied noch ein Selfie machen, bricht unter uns das Lachen aus. Außerirdische, so sehen wir aus. Von welchem Planeten? Hier seht ihr uns, sagt ihr doch, was man uns Drei ansieht.

 

Aliens von links: Kathrin, me und Norman

 

Dann springe ich in letzter Minute in den vorderen Wagen der S-Bahn. Versuche noch ein Foto, ein Video zu machen. Vom Spiegel am Tunneleingang, wenn die S-Bahn ins Dunkel taucht. Etwas irreal, wie der ganze Abend. Stop Hauptbahnhof. Gerade sollen die Türen zugehen, als ein junger Typ noch schnell reindrängt. Setzt sich neben mich. Noch Glück gehabt, sagt er und schaut mich mit großen blauen Augen an. Hatte ich auch gerade, sage ich. Zwei Glückliche, erwidert er und lächelt. Der Typ fühlt sich so nah neben mir angenehm an. Er trägt einen kleinen Haarknoten und sagt, dass er Tagebuch führt und jeden Abend die drei positivsten Erlebnisse aufschreibt. Eine Richtschnur für das, was er sucht. Ja, ich bin auch suchend unterwegs, sage ich und lächle zurück. Ein guter Freund von mir hat einen indischen Meister, erzähle ich ihm, der empfiehlt das Suchen etwas anders. Jeden Abend schreibst du in dein Tagebuch das, was dir tagsüber nicht gelungen ist, das, woran du weiter arbeiten musst. Ja, zwei gute Timelines, murmelt er. Dass sich das Leben gerade auf wunderbare Weise verschiebt, durch dieses Virtuelle, sehnsüchtige Gedanken als Quelle eines immer besser werdenden Lebens. Halbsätze, Viertelsätze, dazwischen immer wieder Tür geht auf, next stop. Jetzt muss ich aussteigen, sage ich und lächle den Mann schon wieder an. Ich auch, sagt er. Nähe-Extension. Dann stehe ich auf der Rolltreppe und er rennt zwei Stufen auf einmal neben mir die Treppe hoch. Plötzlich sein Umdreher: Das war so schön mit dir, ich liebe dich, danke, du Unverhoffte und immer weiter! Mein Herz klopft. Zehn Minuten unabsichtliches Verliebtsein mit einem Fremden. War nicht fremd, ganz nah. 

18. Februar 2019
von Christa Ritter
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Erfinde dich selbst!

Die Maßlosigkeit einer grundsätzlichen Weltveränderung in den eigenen Lebensplan einzubauen, hat ungeahnte Nachwirkung. Nach dem ersten, unglaublichen, doch unerklärlichen Gefühl des 68er Peak als Post-Gender, musste ich die anschließende Frauenbewegung als Sackgasse erleben. Die Frauen fielen zurück in das Rätsel ihrer Körperlage, es gab wieder zwei Gender. Damals Frauen als eher unbekannte Wesen, daher natürlich Opfer der Herrschenden und die machten dann auch nur das alt-gendermäßige, versuchten Revolution. Und ich landete innerlich verstört im Zwiespalt der Imitation, einerseits braves Papi-Mädchen, das in der toxischen Männerwelt ankommen wollte, anderseits mit großem Widerwillen gegen das Althergebrachte. Das war doch alles krank, so mein verheimlichtes Gefühl, ich war krank oder eigentlich verrückt.

Dann aus dieser zunehmenden Malfunction so etwas wie eine Morgenröte: Mit klassischer Angst vor dem ganz Unbekannten, überwiegend aber doch merkwürdig begeistert, unterschrieb ich zum ersten Mal einen Vertrag mit mir selbst, mit dem Urgrund, den ich in mir noch gar nicht kannte. Aber immerhin ahnte. Diese Ahnung hatte sich durch tagelange gesprächige Aufwühlung mit Rainer hergestellt. Von jetzt an studierte ich im „Harem“, einer weiblichen Kommune. Das war Ende der Siebziger Jahre. Ich dachte, einerseits naiv und auch wie eh und je größenwahnsinnig: Nur hier geht’s lang, um als Frau bis auf die gleiche Augenhöhe zu reisen, um eben ein großes, weil erfülltes, weil geistiges Leben zu entdecken. Mich nicht mehr zu verbiegen im falschen, dem gestrigen Leben. Das ging nur mit einem, der schon etwas erfahren hatte, der die allgemeine Zärtlichkeit der Kommune I kannte, der auch nie wie fremdbestimmt den Röcken hinterherlief, der inzwischen sogar einem geistigen Lehrer zu folgen versuchte. All diesen üblichen Frauenmist, vor allem dem Mann gefallen zu wollen, seine Welt auch in seinen Büros mitzubauen, all das hatte jede von uns fünf Frauen genügend beackert. Letztlich erfolglos, mehr oder minder. Denn talentiert darin war keine. Gescheitert im Banalen der Frau an seiner Seite konnten wir mehr, wussten wir und wollten jetzt mehr. Ich sah mich daher bald auf der richtigen Seite in eine fantastische Utopie unterwegs. Selbstbezogen, daher liebevoll mit anderen, offen einem unabsehbar liebevolleren Leben zugewandt. Neben mir dieser radikale Sucher, schon immer post-gender, der uns Frauen infizierte, inspirierte, umdrehte und in das eigene Fordern schubste. Der dabei ständig redete: Immerzu was Neues, noch nie Gehörtes. Bewusstseinsstudium, schon stark.

Speiste sich aus der radikalen 68er Erfahrung, einer kurzen, unbegreiflichen, bis heute wirksamen. Bis heute versteht das wohl niemand und die Jungen tun es einfach. Alle mit allen, als erweiterte, also liebevollere Ichs. Selbst wenn davon wenig zu hören ist und nur die Lauten bashen und meckern. Zurück auf Anfang: Dank „Harem“ ging irgendwie bei mir zunächst die Sonne auf. Ich stand Kopf. Vor mir der Weg: Ich wollte endlich von mir geliebt werden, nicht von einem Mann. Nicht von dieser kaputten Gesellschaft, nicht von diesem kriegerischen System. Da sollte was ganz Unbekanntes um die Ecke kommen. Eigentlich: vom Himmel. Deswegen studierte ich mit den anderen zunächst himmlische Bücher, versank dank Fasten immer wieder ins Schweigen, versuchte mich mit Meisterschülern in Meditation. Kurz. Dann wurden wir, wurde ich nämlich heftig zurückgepfiffen. Es war ja ans Eingemachte gegangen! Eine schwarze Welle des Widerstands traf auch mich: Es war nicht die fiese Welt, nicht die toxischen Patriarchen, ich spielte mit, war Teil des Patriarchats und daher auch Faschistin. Gemeines, Kriegerisches, Machtgeiles, Intrigantes. Mein egozentrischer Trieb nach Aufmerksamkeit wirkte toxisch, dahinter Selbsthass, nichts von Liebe. Da die üblichen Spielplätze patriarchaler Gewalt als Ehe oder Karriere abgestellt waren, blieb ich einem nackten Spiegelbild ausgesetzt. Unerträglich! Und doch wurde keine rausgeschmissen, gab es keine Scheidung. Neugierige Besucher und kurzfristig Interessierte kamen, gingen aber auch schnell wieder.

 

Mit ständiger Unterstützung von Rainer ging es durch die Hölle unbekannter Frauenpower: Als anfangs gnadenlose Rivalinnen, unfähig als Freundinnen, keine hörte zu, Sprachrohr patriarchaler Meinungen, unkreativ weil geistig träge, besitzverrückt, neidisch, unfähig Auseinandersetzungen durchzustehen und für sich selbst einzustehen. Ich könnte noch länger. Ich lernte dabei: Frauen sind keine Opfer, wir sind verborgene Täter und das gnadenlos. Ester Vilar („Der dressierte Mann“) hatte recht: Frauen sind vielleicht, weil bisher ohne eigene weibliche Kultur, sogar die brutaleren Täter. Wo sieht man denn sowas? Man sieht es und auch wieder nicht: Aber in der Familie herrscht Gewalt. Frauen lenken ihre Kriege aus dem Hintergrund. Diese Macht würden wir im „Harem“ auflösen. Nicht weil dieser Selbstkrieg uns masochistisch Spaß gemacht hätte, sondern weil sich erst dahinter eine wirklich authentische Weiblichkeit, ein komplexes Wesen, ein Mensch, zeigen würde. Okay, was ich hier zu analysieren versuche, ist erst viele Jahre später in unseren Köpfen entstanden. Mit not-wendigem Abstand. Und das auch immer noch mit manchen Unklarheiten.

Ein bisher unbekannter Abgrund hatte sich aufgetan, individuell bei jeder von uns. Und wir waren mit dieser Nachtseite nicht wirklich verrückt oder anders als andere Frauen. Es ist eben genau dieses Unbekannte der Frau, ihre mörderische Macht, die heute immer noch besser verborgen bleibt, sagen die Frauen. Weil sie sich fürchten: Privilegien verlieren. Zu recht! Nochmal: Sobald eine Frau den patriarchalen Schutz verlässt, damit das abendländische Navi in die Ecke wirft, weil.. ja, weil, warum, wieso? Weil sie zutiefst Sehnsucht nach ihrem komplexen Wesen als authentisches Ich hat, nach einem eigenen Geist, letztlich einer besseren Welt, fällt sie raus aus ihrer weiblichen Komfortzone und steht nackt da. Dann bist du wirklich mal verrückt! Wer will das schon?

Kein Wunder, dass sich Frauen selten sowas trauen. Sehr selten. Wir stellten davon bald ein wenig im Fernsehen aus und waren darüber selbst erschreckt. Auch kaum ein anderer wollte uns sehen. Höchstens: Schräger Boulevard. Ich bekam noch mehr Angst, jede verstummte. Und dann hat irgend etwas, Papi und Mami, als Vertreter der Großen Mutter, jedenfalls eine große Kraft uns erneut zurück geschmissen. Wohin eigentlich? In die alte weibliche Komfortzone? Abwarten! Denn der grundverändernde Riss war passiert: Zurück ging nicht mehr. Nicht wirklich. Will ich auch nicht. Seitdem geht jede von uns ihre eigenen Schritte, manchmal kleine, dann wieder größere, dann scheinbar retro, was es nicht gibt, weil man so vermutlich einen nächsten Anlauf versucht: den Sprung hin zu euch, in dieses Experiment einer Internet-Gesellschaft? Wo sich immer mehr Verrückte üben? Wer bin ich und wenn ja, wieviele?

There’s a crack in everything, thats how the light gets in. Ich habe oft die Schönheit meiner Reise durch die Hölle vergessen wollen, wir wurde dann schlecht im scheinbaren Stillstand. Kein Vertrauen, dass da Licht ist, immer wieder. Aber es geht weiter! Also: Wankelmütig bis heute. Kein Wunder bei mehreren tausend Jahren eingeübtes Patriarchat. Bisher immerhin 40 lange Jahre kleine Schritte aus diesem veralteten, toxischen Lebensmodell raus. Denn das war mal mein Ding: Karriere machen, mit Toxen einen Oscar gewinnen. Nee, lief dank großem Glück anders, wunderbar und verrückt. Unablässig in Richtung Zukunft, ja zur Utopie. Hätte ich Rainer nicht als ständigen Berater gehabt, einen, der selbst Verrücktes ausprobiert, wären die Gefährtinnen als „Harem“ nicht gewesen, wäre so eine andauernde Nachtmeerfahrt in einer Katastrophe geendet. Ist sie doch, sagt ihr? Weil ihr euch ständig wiederholt, auf der Stelle tretet, Nabelschau von Frustrierten. Also sei der „Harem“ gescheitert, wir, alle Frauen sind längst weiter. So ähnlich tönt es manchmal. Auch hier auf Facebook: Shitstorms sind das, okay, muss sein. Dunkle Wellen faschistischer Abgründe bei euch wie bei uns. Jüngere sehen in uns anderes und damit ermutigen sie mich. Wie sieht es bei euch aus?

18. Februar 2019
von Christa Ritter
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Have a nice day, bitch!

Mich nerven manche Leute, viele. Total. Kein Auskommen. Dieses Genöle, diese alltägliche Schwarzseherei. Oder Depression, hinter Belanglosem. Ich will diese Leute nicht in meiner Nähe haben. So anstrengend! Bin selbst so zerfleddert, also, liebes Leben, servier mir bitte lieber Nette, Freundliche, eben Menschen, die mich streicheln. Aber: Ein weiser Mensch sagt, der schlimmste Feind ist dein bester Freund, er bringt dich weiter, nicht der, der nett zu dir ist. Was für eine Ansage.

In Sturm, Eis und Schnee, im modrigen Dreck, nur da wird dir irgendwann die Sonne erscheinen: Mit einer Freundin im verschneiten Park. Wir stapfen durch fluffig weißes Tiefglitzern, fast gestresste Augen fast zu viel Sonne. Anna ist ganz bei dem Buch, das sie liest. Datenklau, Monster-Monopolisten, Internet alles Mist. Der oberste Schweini sei Zuckerberg: Immer wenn er ermahnt wird, antworte er, unsere Daten werden nicht verkauft. Ein Lügner sei der, nur geldgierig. Ich denke, was willst du denn in dieser hässlichsten aller Welten retten? Anna, krieg dich ein. Versiffte Landwirtschaft, abgeholzte Urwälder, rülpsende Rindersteaks, Plastikhalden bis zum Horizont. Kapitalismus besser machen? Geht doch nicht. Revolutionen haben doch nie geklappt. Jetzt bin ich die Nöltante, heftig. Mit dem Internet können wir raus, weil dann wir und die Welt sowieso virtueller leben, selbst mit riesigen Servern hinter den Bergen. Denn wir sharen unsere Daten in all ihrer privaten Unglaublichkeit bis sie uns lang genug um die Ohren geflogen sind. Sozusagen als Reinwäsche, ein bisschen. Und so werden wir bessere Menschen! Heftiges Contra. Anna hat Angst. Bitte kein Kontrollverlust. Auch ich kann nicht loslassen, meine Stimme überschlägt sich: Die Daten gehören uns, also gehören uns auch Facebook & Co. Wir sind die Unternehmer, nicht Zuckerberg. Denn sobald wir User unser Privatestes nicht mehr investieren, gibt es kein Geschäft mehr. Gut gebrüllt, Löwe. Und nur etwas sanfter: Die Jungen seien da ganz unbefangen. Ihre Welt dürfte in der Zukunft weitaus weniger verhunzt aussehen.

Alles emotional, bei uns beiden im Grunde hoch aggressiv. Ich fühle mich im Recht, Anna genauso. Meine Pumpe jagt: Wo ist die denn gelandet? Anna vielleicht: Diese Rechthaberei, Christa spinnt doch! Daher endlich tief durchatmen. Wir schweigen irritiert. Für einen kurzen Moment des Sortierens? Auch hier auf FB ähnliche Storms. Sogar öffentliche Gespräche verlaufen derzeit wie Attacken, Sachlichkeit war gestern. Objektives gab es nie? Wir sind also alle in Fake-News gelandet und die behauptet immer der andere. Das sei tantrisch, lächelt Rainer. Tantrisch, was ist eigentlich Tantra? Bei Wiki lese ich: Verbindet Sinnlichkeit mit Spiritualität. Aha. Könnte also ein Übergangsspiel der heftigen Sorte sein, eine Art Arche. Arche Zuckerberg? Vom Kapitalismus oder Materialismus in höhere Regionen. Oder erweitertes Bewusstsein. So retten wir uns und die Welt? Ich müsste mich also freuen können, wenn ich mal wieder hier auf FB mit dir und dir zu tun habe, in real life mit Anna oder anderen aufmüpfigen Fightern. Weil sie nicht schmeicheln, weil sie weh tun. Als würde ich in den Spiegel schauen.

1. Februar 2019
von Christa Ritter
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Was meinst du mit Fake-News?

Was versteht ihr eigentlich unter Fake-News? Also diesen „falschen Neuigkeiten“? Vielleicht geht mir gerade dazu ein Seifensieder auf, weil ich hier auf den Accounts damit eine ganz praktische Erfahrung mache. Seit vielen Jahren kippt unsere Wahrnehmung, also die unserer Gesellschaft. Wir fokussieren uns immer stärker auf unser ganz persönliches, privates Bild von uns selbst, auf unsere Meinungen, die Welt und das große allgemeine Gespräch, eine Verbindlichkeit für viele, nimmt entsprechend ab. Hier habe ich auch schon mal gelesen: „Du kannst doch nicht von „wir“ und „alle“, also von einem kollektiven Konsens schreiben. Den gibt es nicht. Schreib von dir.“

Stimmt. Gerade hier, in den Sozialen Medien, sind für diese Übung des Privaten, das zum Politischen wird, entsprechende Plattformen entstanden. Jeder sagt oder schreibt das, was er meint und das ist geradezu erwünscht, weil seine persönliche Wahrheit und daher nicht angreifbar. Der „friend“ wird hier ermutigt, seine Fake-News zu äußern. Fake deshalb, weil sie nur seiner Sicht, nicht meiner oder der anderer entsprechen dürften. Ich bin anders, ein Mensch anderer Erfahrungen. Da diese „Meinungen“ eher emotional aus den jeweiligen Köpfen schießen, entsprechen sie keinen Lehrbüchern, kaum der Obrigkeits-Kultur, wirken häufig „verrückt“ und irrational. Eben in ihrer spontanen Gefühligkeit überhaupt nicht abgehangen. Damit bilden wir hier in der Vielfalt der Fake-News einen ziemlich irren Chor unterschiedlichster Erfahrungsstimmen, Vorurteile und Neurosen. Political correctness, verstaubt. Wunderbar! Könnte ich sagen, wenn diese häufig aggressive Vielfalt nicht auch sehr anstrengend wäre. Natürlich vor allem, wenn die eigene Rechthaberei getroffen wird. Von links oder rechts, von Trump bis zur bisher besten Freundin. Schnappatmung hat das neulich hier jemand sehr treffend genannt. Aber auch Anregung: Wer bin ich und wenn ja, wie viele?

1. Februar 2019
von Christa Ritter
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Worüber redet ihr eigentlich?

Wie ihr wisst, lebt Rainer seine 68er Erfahrung seit damals weiter. Heute sieht er das Internet als ein Tool, das uns alle und daher diese Welt gesellschaftlich auf den Weg in die damalige kurz erlebte Utopie einer liebevolleren Welt führen dürfte. Wir Frauen versuchen diesen Blick schon lange, allerdings mit erheblichen Widerständen zu teilen. Frauen seien konservativer, träger, höre ich immer mal wieder. Stimmt schon. Wir hängen an Mutti mehr als Männer. Selbst, wenn Grenzen heute weniger deutlich erscheinen. Unsere „Kommune“ besteht aus Einzelgängern, ist virtuell, wir wohnen nicht zusammen, wir unterstützen uns aber auf einem Experiment. Könnte ich Weg nennen. „Falsches“ wird schrittweise abgelegt, dann wieder aufgenommen, nochmal bedacht, schließlich überwunden. Immer wieder Jammern aber auch Unermüdliches. Rainer sieht es deutlicher als ich: So scheitern wir, letztlich jede an ihrem Platz, durchaus mühsam in einem langen Prozess aus dem schlechten Leben des Turbo-Kapitalismus mit Hilfe des Internets langsam in eine bessere, virtuellere Welt.

Wir sprachen weiter über farbige Freunde, Verachtung der Frauen, über den unausrottbaren Geschlechterkrieg, Klassengesellschaften wie in Frankreich oder England. Es sind diese hässlichen Ungerechtigkeiten, die in dieser materialistischen, der alten Körperwelt nie aussterben werden. Wieso nicht, frage ich und weiß auch schon die Antwort: Derzeit kracht die bisherige Gewissheit des Westens. Unsere Bemühung der Aufklärung zum Beispiel. Eine große Sache, die Frieden und Glück verhieß. Sie ist vor die Wand gefahren, nirgendwo eine Lösung. Heute wissen wir, dass die Welt zwar inzwischen wohlhabender, gesünder und gebildeter da srteht, aber hinter dieser Oberfläche Kriege als Wirtschaftskriege weiter zündeln. Der Mensch ist immer noch des Menschen Wolf. Ich überlege: In diesem System bleibt trotz aller aufgeklärten Liberalität Neger, Frauen, Ungebildete, Dicke, Kranke, ja alle bleiben unten und andere oben. Keine Gerechtigkeit. Selbst wenn das Gegenteil behauptet wird. Es gibt keine Erlösung von den Übeln? Doch, denn 68 war die Lösung als nötige Utopie spürbar. Rainer hat sie in der Kommune I sogar praktiziert, ohne das zu verstehen. Erst heute glaubt er, sich und die Welt zu verstehen. Erst indem alle sich langsam in eine feinere, also gewaltfreiere Welt aufmachen, könnte Gerechtigkeit gelingen. Post-Gender, post-kapitalistisch, post-rassistisch, post-faschistisch – also als große Kommunikation offenen Sharings. Mich trifft dieses Bild: Alle emanzipatorischen Schritte innerhalb des Materialismus greifen nicht. Wenn wir Frauen oder „Neger“ oder „Dicke“ uns materiell aufmachen, bleibt diese „Revolution“ in der Welt der Mater, der Mutter, als Materie immer nur eine Behauptung, wird nie wirklich real. Erst wenn wir uns in die Virtualität entwickeln, werden wir langsam in eine Gerechtigkeit finden. Muss ich länger drüber nachdenken, interessant. Klar! Nur in den ersten Tagen der zweiten Frauenbewegung flogen Frauen sogar für kurze Zeit auch mal weiter oben, „sahen“ diesen Weg und schon kurz danach forderten sie nur noch „Gleichberechtigung“ – also an der gewalttätigen Welt des Kapitalismus genauso beteiligt zu werden wie die Männer. Wow!

Und die Flüchtlinge, diese Massen, die zu uns kommen? Auch sie suchen diese gerechtere, weil kommunikativere Welt, die sich durch das Internet anzudeuten beginnt. Das Smartphone ist ihr „Sender“, sie üben dort erste Schritte einer „Revolution“, so wie die IS-Terroristen auf ihre, so brachiale Weise. Die Welt steht Kopf, darin scheinen sich derzeit alle einig zu sein und wir neigen zum Bedauern, wollen uns am Alten festhalten, strampeln – alles letzte Kontrollversuche, das Vertraute nicht aufgeben zu müssen. Aber wir scheitern darin. Move fast and break things, nennen die Leute im Silicon Valley diesen Weg in ein besseres Leben.

Wir redeten natürlich noch viel mehr. Fortsetzung folgt. Bitte nehmt es in Kauf, dass ich hier nicht so ausführlich berichten kann, wie geredet wird, wie ich dabei in Gespeichertes eintauche. Hier auch noch stilistisch gut zu schreiben, das dauert mir zunächst zu lang. Wir betreten in diesen Gesprächen das Irrationale, also Fake-News, die News schon einer neuen Welt des Inneren. Ungewohnt, ja. Ich hoffe aber, dass euch die Themen anregen, so wie mich.

20. Januar 2019
von Christa Ritter
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Ein Schritt vor, zwei zurück

Das waren noch Zeiten! Wie hinter den sieben Bergen und dennoch utopisch: Als wir Frauen und ein Mann uns ungebremst und radikal ehrlich voreinander in privaten Räumen entblößten. Harem als erstes Reich der Frauen. Unvergesslich. Anfangs nur unter uns, später vor diversen TV-Kameras auch öffentlich. Entsetzlich, schamlos fanden wohl die meisten Zuschauer. Das Eva-Prinzip der harmonischen, liebevollen Frau so ungeschönt zur Disposition zu stellen, war zum Wegschalten hässlich, war von uns Frauen gewollte Kündigung, daher Verrat an weiblicher Macht und dürfte bis heute noch immer ein Skandal sein. Die dunkle Seite der Frau verschwand wieder im Schatten. Aber auch wir „Haremsfrauen“ sprangen schnell kleinlaut. Zurück in die heimische Kiste. Das Private ist politisch als 68 eingeführte Utopie kam für die Bildschirme und auch für uns letztlich zu früh und jede versteckte wieder ihr Eingemachtes. So fing jede an, sich lieber individuell tastend zu sich selbst aufzumachen.

Sieht aus: War zu früh. Gab einzelnen Klärungsbedarf. So eine grundrevolutionäre Entblößung dauert. Erst jetzt, mit dem Internet, könnte einj nächster Anlauf klappen. In Shitstorms hier auf Facebook, auf Twitter übt sich fast schon geschlechtslos. Hier kloppt sich ohne Gesicht. Und Frauen dürfen daher alterslos und fast anonym draufhauen, damit vielleicht schon ein bisschen mehr lieben. Was? Hetzen und Pöbeln soll erweiterte Liebe sein? Ja, versuche ich mit mir zu klären. Ja, das mag stimmen: Jedes Verlassen rollenkonformer Zone könnte one step forward zum eigenen authentischen Ich bedeuten. Raus aus der Komfortzone, rein zu den Gladiatoren. Rollenspiele der Selbstsuche. Wer bin ich und wenn ja, wie viele? Der Shitstormer will ja den anderen nicht wirklich vernichten. Er/Sie sucht sich als Post-Gender: Zunächst die innere Fratze aus dem Keller holen, dann vor aller Welt ihre Hässlichkeit präsentieren, schließlich in neuem Gewand umarmen.

Der Harem von links: Brigitte, Jutta, Christa und Rainer (Gisela und Anna fehlen)

Noch was zu Robert Habeck. Er hat sich vor einigen Tagen von heute auf morgen von seinen Shitstorms einer möglichen Transformation und Selbstsuche verabschiedet. Die taz: „Habeck schießt den Vogel ab“. In Übereile die gerade für einen Politiker der neuen Ära notwendig erhellenden Accounts gelöscht: Facebook, Twitter. Dumm gelaufen? Dieser beeindruckende Talker könnte so seinen Schatten anschauen, eben jene Kellerleichen, die jeder hat. Die dürfte auch ein Grüner Politiker gehortet haben. Und wenn er dieses Private ent-kontrolliert, indem er veröffentlicht, gestattet er sich auch einen Lernprozess, jene heute für ein gelingendes Leben wohl not-wendige Prozedur zum Besseren der Welt. Tut weh, ja: Widersprüche zwischen Schein und Sein. So sind inzwischen alle mehr oder weniger auf Tour in die Gewissheit des Ungewissen. Habeck schrieb: Die Sozialen Medien machten ihn desorientiert und unkonzentriert. Eben das, was auch ich immer wieder fürchte: Diese Botschaften von Sendern und Empfängern als Fake-News aus dem Unbekannten, dem Irrationalen. Kontrollverlust sind heilsam? Ob wir genau damit damals diesen merkwürdig autistisch wirkende Zuckerberg beauftragt haben?

17. Januar 2019
von Christa Ritter
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Was will die Frau?

Ja, die Frauenfrage. Sie lässt mich nicht los: Was will die Frau? Bisher unbeantwortet. Warum? Gleich mal vorab: Von mir hier auch als eine gesellschaftliche Frage gemeint. In welcher Welt wollen wir Frauen leben? Die Frage ist nicht neu. Sie stellte sich vehement in den Sechzigern: Dieses System voller Gewalt, Ungerechtigkeit und Unterdrückung wurde von allen Jüngeren gekündigt. Dieses bleierne Ungetüm, so fand ich, diese lieblose Welt fressender Wölfe, die Männer über Jahrtausende aufgeführt haben, war dringend abzuschaffen. Trotz aller Firnis, die bürgerlich Kultur hieß. Für eine liebevollere Welt würden Frauen ganz selbstverständlich mitsorgen, sie mitgestalten. Schließlich hatte uns alle 67/68 dafür etwas Eigenartiges den Kopf verdreht. Irgendwie post-gender. Bei mir: Ich traute mir alles zu, kein Wenn und Aber. Sogar Liebe! Ich war dann zwar bald wieder merkwürdig kämpferisch drauf, frauenbewegt mit hasserfülltem Tunnelblick: Der Mann ist das Monster, er muss sich ändern, mich hatte es nie gegeben. Schwerer Fehler?
Mich hatte es als Nicht-mehr-Eva doch mal kurz gegeben und ich hatte das nicht geträumt: Der alte Vertrag, das System Eva-aus-Rippe-von-Adam war unwiederbringlich gekündigt. Frauenbewegt gab es kein Zurück mehr. Übliches Puppenhaus: Ging nicht mehr. Diese Matrix klemmte erheblich. In meinem Hass auf die unterdrückenden Männer ahnte ich, es waren nicht ihre patriarchalen Verhältnisse, die mich einsperrten, ich würde mich ändern müssen. Grundtief. Das Private war wirklich politisch? Ich? Ist da wer? Mit meinem diffusen Gefühl war ich nicht allein. Eine Generation tauchte ab und suchte. In Therapien, auf Asienfahrten, bei Gurus, per Drogen. Aber die Depression blieb, also Selbstmord? Nicht ganz falsch: Der Prozess, dass ich als Eva sterbe, hatte, von mir kaum bemerkt, doch längst begonnen. Bewusstsein? Nichts! Seine Deutung kam aus der alten Matrix, nur von Adam: Freud, Jung, Reich. Während frauenbewegte Hetze kein Ende nahm: Nur der Mann, nichts von ich. Da kamen mir die Frauen und Rainer gerade recht. Bis heute, 40 Jahre lang. Kommune als Alternative. Harem! Was will die Frau?

 

Dann, gefühlt nach einem Jahrhundert, erste Rauchwolken in einer sich scheinbar verändernden Welt: #Aufschrei!I Nix ging: Männer sind schuld. Vorletztes Jahr #metoo, diesmal weltweit und ziemlich laut: Nur Männer sind Täter. Frau unbeirrt unsichtbar im alten Deal: Eva bietet Sex, Mann Status. Der alte Vertrag der Geschlechter, offenbar unausrottbar. Das einzig Neue: Frau schreit laut auf allen medialen Kanälen. Mehr will sie nicht: Angleichung von Gagen und Gehältern. Darüber hinaus sei die Frau heute zufrieden. Das ist alles? Sind Frauen noch immer genügsam und blöd? Anspruchsvoll, nie gehört?

 

Die Lage ist zum Heulen: Junge wie mittelalte Frauen kündigen keinen Vertrag, reparieren lieber weiter diese unheilige Welt der Patriarchen. Mit lautem Getöse fordern sie nicht mehr als eine bessere Ausstattung. In dieser vom Turbo-Kapitalismus für alle sichtbar zerlegten Welt, bleiben Frauen stumm und wollen wie zu allen Zeiten geliebt werden. Ihm gefallen. Dafür Shoppen, Konsumieren, versteckte Gewalt in den Familien, die Frau an seiner Seite sogar bei Wirtschaftskriegen. Hier und da kleine Verbesserungen, nur nichts Wesentliches. Was will die Frau? Während immerhin ein paar von den Hippies Inspirierte, auch nur wenige Männer, im Sillicon Valey versuchen, mit dem Internet in bessere, in ganz neue, virtuellere Welten vorzudringen. Weniger Materie, weniger Muttiland, in einer neuen Heimat kaum Frauen. Eher lassen die sich derzeit auf allen Kanälen im Unauthentischen, nämlich als ewige Eva feiern. Her mit der Quote und so.

Ja, es scheint manchmal zum Heulen zu sein. Aber das Klagen hilft nicht. Auch ich komme mir überwiegend wie ein blindes Huhn vor, wenn ich wieder verzage. Nur im Retro hänge. Der Weg aus der Matrix eines mörderischen Geschlechtervertrags ist lang. Das Private wird erst, anders als wir träumten, in kleinsten Schritten politisch. Siehe #metoo. Überall Schonkost. Verführung? Machen Frauen doch nicht. Sie sind die besseren Menschen, möchte auch „man“ zu gern weiter träumen. Also bleiben unsere Mördergruben mangels Ich-Suche versteckt. Meine Freundinnen, auch die damals ganz vorn standen, sind eigenartig verstummt. Ich glaube, sie haben wie ich etwas von ihren Mördergruben gesehen und sind erschreckt zurückgesprungen. Hoffentlich doch als Anlauf zu neuem Ufer. Per Internet! Denn: Auch ich bin anders als diese Depri-Tante. Eigentlich. Eben sagte Rainer: Warum schaust du nicht nach vorn? Jetzt, wo das ganze Haus brennt. Ich glaube, er meinte: Go jolly!

6. Januar 2019
von Christa Ritter
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Burger Saloon: Man trifft sich

Gestern trafen sich in einem Burger-Saloon einige alte Vertraute, die wir vor wenigen Jahren mal zur Piratenpartei gehörten. Gettogether. Inzwischen in alle Winde verstreut und jetzt alle (außer mir) forever Nerds. Was auch sonst? Erfreutes Hallo, als seien wir noch immer verschworen, die neue Zeit einzuleiten. Wie damals: Digitale Wahlverwandtschaften als Flow durch ein noch zu entwerfendes Liquid-Tool zur Emanzipation aus altmächtiger Politik in eine direkte des Privaten. Menschlicheres oder so ähnlich. Wohin ist diese Vision nur gewandert, fragt mich der Yogalehrer. Keine Ahnung, sage ich. Visionen gibt es derzeit nicht, aber alle suchen. Alex, der Physiker nickt: Die Linke hat ihre Ideen gegen die Wand gefahren, ihre PCs wurden allgemein als Fake erfühlt, alle totenstill. Simon, der Imker bestellt die nächste Lychie-Bionade: Schade, wir Piraten haben es vermasselt, sind an der Machtfrage gescheitert. Ihr wolltet die privaten Daten ja wieder zurückpfeifen, sage ich, hat mich schwer abgeturnt. Wohl auch die Wähler. Total unglaubwürdig, eben retro, hätten die alten Gründer-Schweden gelacht. Ja, damit haben sich die Piraten das Grab geschaufelt. Waren wir nicht mal bei fast 12 Prozent? Heute ist es der Robert Habeck, lacht Andreas, der seit drei Jahren an den Pazifik ausgewandert ist. Steht er für Neues? Ich verziehe meine Falten. Der Kleine mir gegenüber: Wer ist denn Robert? Waaas, den kennst du nicht, ist das ein Witz? Pause.

Andreas fliegt nächste Woche für die Allianz nach China, gibt einen Workshop. Sein Riesenburger wird serviert. Mit Avocados. Über die Chinesen hab ich ja lachen müssen, sagt er. Auf zum Mond! Alle nicken. Wir müssen uns ganz schön sputen, mahnt Michael und meint jeden, eben global. Die Welt gefühlt am Ende. Ich glaube, er arbeitet als IT bei BMW. Michael meint wohl das Klimaproblem und alle sonst längst laufenden Dystopien. Sonst schaffen wir den Absprung nicht mehr. Kurzes Gedrängel: Der nächste fette Burger wird serviert. Hab ich eben richtig gehört? Es gibt zwei Planeten, wohin es klappen könnte, da gibt’s Wasser. Auswandern, evakuieren, aber nur die Klügsten. Die Reichen haben sich angeblich in Neuseeland schon Bunker gebaut, gerettet, aufgegeben. Hat einer in der NYTimes berichtet. Alex lächelt: Vielleicht schaffen wir es mit digitaler Technik, Sauerstoff kann man bald künstlich produzieren. Wirklich? Wieso also auf einen anderen Planeten? So’n Quatsch. Diese ganze Aufregung um Fake-News: Haben wir Angst vor uns selbst? Vor unseren eigenen Abgründen? Warum nicht endlich mal hier zuhause richtig aufräumen? Das viele Geld für unsere Erde, nicht für den Orbit. Sind die Chinesen bekloppt? Ja, nickt die Runde. Ihr glaubt nicht mehr ans Internet, frage ich und sehe als Antwort erstaunte Gesichter. Ihr seid auf den Verstand hereingefallen, den ewig ängstlichen Controller. Nö, verschämtes Lachen. Stimmt ja, so Simon, die Materie bringt nichts mehr, echter Downfall. Schluß mit lustig?

Keiner weiß eine Lösung. Michael zögerlich: Aber dass uns das Internet in den Abgrund reißt, ist doch auch gequirlte Kacke. Aha! Klingt schon besser. Klaus, der Pazifik-Surfer hat Freunde im Valley. Sieht er dort Düsteres? Eigentlich sei es doch so, dass eine starke Vision nie falsch werden könnte. 68 setzt sich durch, hast du mal gesagt. Ja klar, dem Ungeheuerlichsten kann man einfach nicht den Hals umdrehen. Der Liebe nämlich. Sie setzt sich durch, unbemerkt. Alle lachen: Du wieder! Bettina, die in unserer Piraten-Video-Gruppe sehr fleißig war, steigt ein: Unsere Daten kannst du nicht mehr einfangen und das mit dem Verstand… er ist aber supermächtig, quatsche ich dazwischen. Bettina weiter: …der löst sich längst auf. Weiß ich! Sie schaut fast triumphierend in die Runde. Stimmt! Fake-News, Trump und Twitter, das Klima tanzt. Alles wird besser, sagt sie noch. Nö, wir stopfen unser schlechtes Leben in den Internet-Waschgang und werden dadurch einfach mal klarer, sauberer, einfach besser. Alles muss raus. Naiv? Man müsse nur erinnern? Die Utopie, es gab sie ja. Und sie wirkt. Wie gesagt: Unter dem Pflaster, längst. Es soll ein arktischer Winter werden. In den USA und Europa minus 20 Grad. Warm anziehen, sagt die Bedienung und bringt den nächsten Burger.

 

2. Januar 2019
von Christa Ritter
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Der Lautsprecher von Langhans

Kann man etwas einfach so „vergessen“? Ich sehe gerade die Amazon-Serie „Homecoming“, in der die Protagonistin eine wichtige Zeit ihres Lebens einfach „vergessen“ hat. Ein wesentlicher Slot versank scheinbar im Unbewussten. Oder ist einfach nicht wirklich passiert? Oder von einer anderen Sicht überschrieben worden? Wie sich in einer späteren Folge zeigt: Es wurde von ihr selbst gelöscht. Aus Liebe. Immer noch zum Mann, noch nicht zu ihr selbst.

Immer wieder erlebe ich Empörung. Hier und im realen Leben. Wie kannst du einem Mann alles nur nachquatschen. Ja, etwas in mir sagt auch: Bist du sein Lautsprecher? Immer mal wieder: Ich bin nichts, er weiß alles. Oder: Ich bin nur eine dumme Pute, er ist so viel weiter. Anfangs, als ich mich mit dem einen Mann unter uns Frauen zusammentat, war an dieser Einschätzung vielleicht sogar was dran. Ich kam aus meiner feministischen Opferwelt, hatte von mir selbst keine Ahnung. Das wollte ich in diesem Labor ändern und gab meinen neuen Freunden aus guten Gründen einen Vorschuss. Sie hatten die erste Klasse bereits hinter sich, ich war die Nachzüglerin. Natürlich nicht wirklich, aber dazu später.

Nach ein paar ersten Jahren Zuhören, Lesen, Beobachten fing ich mit dem Praktischen an. Videos machen, das anschließende Schreiben lernen mündete in TV-Dokus. Immer mit diesem Mann an der Seite. Und jetzt das Wesentliche: Nicht einem, der dem männlichen Ego folgte. Nach dem üblichen Motto: Die Frau an seiner Seite. Stattdessen Lernen von jemandem, der längst auf einem Weg in sein inneres Unbekannte ist, der daher im Hintergrund meine Schritte spiegelt und fördert. Natürlich habe ich ihn damals nicht so frei sehen können, saß noch immer feministisch fest: Ich war Opfer, unfähig zum Selbstbezug und das nahm ich ihm, dem Mann, übel. Irgendwie in aufgeblasener Konkurrenz, kein Blick auf mich. Ich hatte sogar Angst vor ihm. Vor seiner Kraft, vor Kampf, Gewalt, Übermächtigem. In meiner Kindheit hieß es oft: Männer sind immer Vergewaltiger. Ja, ja, steckte tief in mir drin. Geschlechterkrieg sowieso. Also musste eine lange Strecke des ständigen Scheiterns aus meinem Wahnsinn passieren. Gefühlt, weil immer wieder „vergessen“ (siehe oben): Ein Schritt vor, zwei zurück.

Bis heute. Was will die Frau? Was will ich? Diese Fixierung auf den mächtigen Mann zurückzunehmen, das scheint für Frauen nach wie vor extrem schwer zu sein. Alle Frauen beziehen ihre Identität bisher aus der männlichen Zuordnung, die sie selbst mit veranstalten. Ich kenne keine Frau, die diese Macht zurück nimmt. Der Vergewaltiger wäre dann nämlich sie selbst: Selbstverantwortung hieße das. Siehe #metoo. Ich bilde mir heute ein, dass sich die Nebel einer langen Reise durch die Nacht bei mir langsam zu lüften beginnen. Sehr langsam. Ähnlich nehme ich andere wahr. Ich irre mich?

Meine eigene Geschichte aus dem „Vergessen“ heraus entsteht also gerade erst, für mich kaum sichtbar. Rainer ermutigt mich immer wieder, inspiriert, reißt den Schleier meines „Vergessens“ auf. Nur, wenn ich ihn darum bitte. Kreativ aus mir heraus zu handeln, bleibt schwer. Obwohl ich es tue? Paradox! Mir Eigenes zuzumuten, kommt mir geradezu unverschämt vor. Und doch ist da die starke Sehnsucht plus 40 Jahre Praxis: Mach dein Ding! Folge nicht der Matrix dieser Gesellschaft, der deines inneren Vaters, deiner Mutter. Schau dich an, nicht andere! Oder: Schau genauer hin, welchen eigenen Unterwerfungs-Müll du wieder schreddern kannst. Sieh dich statt stumme Faschistin als tollkühnen Wanderer mit dem Wind (Alexandra David-Neel), weiblich und doch letztlich geschlechtslos, ständig scheiternd, sich selbst erfindend.  Der/die dafür Reflexe von außen, von Mitwanderern braucht, sie sogar sucht. Gerade auch diesen Mann, der sich Rainer nennt und der so entschieden vorangeht. Gestern habe ich wieder ein Gespräch mit ihm gesucht: Wie kann ich mein Nein dem Adam-Eva-Leben gegenüber weiter auflösen? Was wir redeten, kam bei mir an. Als Liebe: Es beschäftigt mich. Ich kann zu dir auch immer nur so viel sagen, wie du dir selbst zugestehst, hörte ich von ihm. Das gefällt mir: Ich bin mein Autor.

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