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Christa Ritter's Blog

25. November 2018
von Christa Ritter
Keine Kommentare

Shitstorms, that’s how the light comes in

This is a talk I did one week ago at „Lightening Talks Munich“. The audience: international students and IT-youngsters.

10. November 2018
von Christa Ritter
Keine Kommentare

Könnte ein Lächeln faschistisch sein?

Wie peinlich ist das denn? Nein, es war mir mehr als peinlich und ist es immer noch. Vielleicht nach 40 Jahren Trial & Error inzwischen etwas seltener. Ich spreche von: Die Sau rauslassen. Tiefer und schlimmer noch: diesen Killer, den verdeckten, noch unbewussten Faschisten in mir selbst. Wir fünf rätselhaft entschiedenen Frauen haben mit dieser Kur de Force am Anfang unserer gemeinsamen, teils auch einsamen Innenarbeit vor Jahrzehnten begonnen. Ich fand das lange entsetzlich, grausam, geradezu unmenschlich. Wenn wir uns unter der Gürtellinie gegenseitig „aufschlitzten“, wenn wir uns, allerdings selten, sogar schlugen. Diese Gewalt als meine zutiefst eigene wirklich tiefer anzuschauen, dazu brauche ich immer noch meist ein paar Tage. Großer Widerstand. Zu dick die Schutzbrille meiner „Sesshaftigkeit“, dieses komische „ich will dazu gehören“, ich will, wem auch immer, gefallen, brauche Applaus. Auch mein automatisches Lächeln, nach manchen Sätzen eine Art Kurzlachen. Interessant und fürchterlich. Ja, wir Menschen spielen verdrehte soziale Wesen, aber auch noch etwas anderes?

Ich will, dass es auf dieses Andere hinter meinem Faschismus hinausläuft! Bei immer mehr Menschen. Hier: Kein Lachen. Umso verrückter kam mir daher zunächst Rainer’s Sicht auf diesen neuen Präsidenten vor. Trump sei mit seinen Tweets der erste Avatar des Internets, einer, der seine Wähler in die virtuellere Welt mitnimmt, der seinen Faschismus ausstellt, daher nicht mehr betrügt, der endlich sogar politische Versprechen umsetzt. Der wirklich diesen Rätselsatz „Make America great again“ ernst meint: ein besserer Mensch werden? Ein Trump, der in seiner Hässlichkeit echt ist, während die anderen lügen und betrügen. Der daher nun auch in den Midterms den Senat ausbauen konnte.

 

Hab Rainer nicht wirklich kapiert. Und doch… Endlich scheint sich neuerdings meine Sicht auf Trump zu erweitern. Ich sehe plötzlich eine Ähnlichkeit zu der Arbeit unter uns fünf Frauen und einem Mann. Diese Ehrlichkeit privatester „Ungeheuer“-lichkeiten, sprich Faschismus: Erinnern, nennen Therapeuten den ersten Schritt zur Heilung. Die weiteren: Wiederholen, zuletzt Durcharbeiten. Der Schlusspunkt Aus der Hölle zum Licht. Das Private ist politisch: Trump traut sich was. Und alle schauen angewidert, aber auch fasziniert hin. Eine vergleichbare Frau ist bisher nicht aufgetaucht. Melania scheint Trump durchaus privat-politisch zu beraten, bleibt aber im Hintergrund. Und wir Fünf? Ich weiß nicht, wo genau ich stehe. Es dauert. Schon 40 Jahre: Die Hälfte dieser Zeit ein Graben im Virtuellen ohne Internet. Meditation, tagelang aufn einer Wiese am See.

Ob das Internet als Tool den Prozess der Selbstvirtualisierung tatsächlich beschleunigt: Dem eigenen Faschismus ins Auge zu blicken, ihn also als Shitstormer oder Hater zu wiederholen, um ihn dann durchzuarbeiten? Du, ich, wir alle? Damit wir nicht mehr fragen müssen, wie ständig auf Facebook zu lesen: Rodung des Regenwaldes, Jemen, Hambach, Tierquälerei, alles draußen in der Welt so furchtbar, was sollen wir machen? Selbstveränderung, ja! Gerade im Spiegel gelesen: „Es geht um die Welt, die noch nicht ist.“ Die, die erst hinter meinem Faschismus möglich ist?

24. Oktober 2018
von Christa Ritter
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Was will die Frau?

Es gab mal eine kurze, verrückte Zeit, da traute ich mir alles zu. Angstfrei, irgendwie grenzenlos. Es war in den Sechzigern. Kurz danach fiel ich zurück: Fühlte mich minderwertig, zutiefst verquer. In dieses alte Leben: nein! Ich sah mich frauenbewegt und an meiner Misere waren natürlich die Männer schuld.

 

Vielleicht beeinflusste mich die Nazi-Vergangenheit, vielleicht die bleiernen Fünfziger: Die Fähigkeit zur romantischen Liebe hatte ich nie parat. Bindungsversuche scheitern. Nach kurzem Aufbruch: Der Hass auf alles und jeden begann mich zu quälen, nach außen Lächeln, ein falsches. Versteckte Depression. Ich traf einen Mann, der anders war, unabhängig. Also dockte ich bei ihm und seinen radikalen Sucherinnen an. Wir rissen uns in dramatischen Encounter so etwas wie klebrige Fetzen misslungener Verkleidungen des alten Eva-Komplexes vom Leib und hatten sie doch am nächsten Tag schon wieder an. Seit Anfang immer wieder, immer besser. Ich war erschüttert: Die Macht als Verkleidete, als behauptetes Opfer, war riesig. Ein penetrantes Muster: Ich will geliebt werden, ohne mich selbst zu lieben, vom Mann, von der Welt. Was für ein Horror! Und doch tat sich etwas. Risse, Bröckeln? Ich würde nicht aufgeben. Was will die Frau, was will ich?

 

Zum großen Ganzen aller inzwischen bewegter Frauen: Ein Narrativ wäre gut, das uns die Opfermaske als Wertlose wegreißt. Uns endlich zur Täterin befreit. Denn seit jenem Aufbruch scheitern, uns kaum bewusst, beide Geschlechter zur Freiheit, zu mehr Menschsein. Zuerst formten die Männer das Internet zu neuer Heimat. Wir Frauen folgen : Die treue Eva, die Shopping Queen, auch sie kündigt dieser bürgerlichen Matrix? Was will die Frau? Ablegen der alten Verkleidung, auch durch #metoo? Angst vor Kontrollverlust, nicht mehr Geliebtzuwerden, diesem Nacktsein, einem vermuteten Nichts. Lieber würde ich sterben! Jammert es auch immer wieder in mir. Ja, Sterben als impotente Eva, genau darum geht es, schrie es iauch täglich in unserem Labor. Das bessere Narrativ mit mehr Realität könnte also lauten:  Ursprünglich waren die Frauen an der Macht. Vor tausenden Jahren: Mutter, Mater, Gebärende. Aber ihr geistiger Funke drängte dann die Männer: Verlasst unser Nest, erobert die Welt, wir stützen euch. Im anschließenden Patriarchat stützten sie ihre Männer vom Nest aus, wurden für ihre Helden neben der Mutterrolle neu fruchtbar, letztlich als inspirierende Musen unserer wachsenden Kultur des Abendlandes. Keine Opfer, sondern heimliche Lenker, verdeckt kreativ aber eben vom Schlafzimmer aus sehr mächtig. Irgendwann wurde die Schattenarbeit langweilig. Den Evas reichte die Verkleidung nicht mehr. Ihre Rebellion begann. Das Problem: Eva hatte mit ständigem Blick auf den tätigen Adam vergessen, dass sie es ist, die hinter ihm zuverlässig am Steuer lenkt. Sogar sein Auftraggeber ist. Und die Täter lieferten, sie liefern inzwischen gekündigt in ihrem Auftrag. Wunderbare Männer, treue Diener, Entwickler des Internets!

 

Kann es daher sein, dass ich keine Angst haben muss? Nicht vor einer Macht des Mannes, nicht vor meiner Nacktheit, diesem vermeintlichen Nichts? Ich könnte den Opferblick senken, mir die Augen wischen, eine klare Brille aufsetzen und frohgemut das machen, wonach mir heute der Sinn steht. Will ich das, will das die Frau? Selbstverantwortung?

 

Bisher beschuldigen Feministinnen in der Öffentlichkeit , stellen sich selbst keine Frage: #metoo. Der Mann sei schuld, ihr Credo. Sind die schweigenden Frauen, diese Mehrheit schon weiter? Auch ich bin meine Schwergeburt. Aber der Weg fühlt sich zunehmend besser an, ein wenig. Als ich mit dem Labor oder Harem anfing, schien ich genau zu wissen: Ich will den Geist, einen menschlichen Geist sogar für mich als Frau. Für diesen Weg ins Unbekannte müsste ich mir einen Gefährten suchen, möglichst auch Gefährtinnen. Menschen, die denselben Weg verfolgen wollen. Die fand ich und damit begann das Schwierigste in meinem Leben. Inzwischen gibt es das Internet. Ich vermute, weil es nicht nur ein kleines Labor ist, weil es die Welt zur Community vernetzt, wird es den Weg von allen auch beschleunigen. Zu mehr Kommunikation, durch das Haten und Kotzen hindurch, diese hässlichen Restbestände alter Verkleidungen, immer weiter, alles Übungen, bis wir nackt sind, alle. Und damit Menschen? Das will auch die Frau?

20. Oktober 2018
von Christa Ritter
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Eine freiheits-verrückte Frau

Gestern ausgelesen: Franziska zu Reventlow, eine Biografie von Kerstin Decker (Berlin-Verlag). Ein Buch über eine freiheits-verrückte Gräfin, die vor hundert Jahren, auch einer Aufbruchszeit, jede Adels-Privilegien ablehnte, damit die Eltern entsetzte, vor allem die Mutter, letztlich aber auch ihre Geschwister. Der „Zarathustra“ von Nietzsche war dann ihre Offenbarung: „Das war nicht mehr Verstehen und Begreifen“, so Reventlow „und alles andere, der Alltag, das Alltagsleben und -empfinden schrumpfte in eine öde, farblose Masse zusammen, verlor sein Dasein – nur das wahre, heilige, große Leben leuchtete, lachte und tanzte“.

Fanny entdeckt Schritt um Schritt ein Niemandsland, das es damals für Frauen, vor allem so privilegierte, nicht gibt. Die Freiheit hinter dem Status, ihr radikal selbst designtes Leben: keine Kompromisse, ständig ohne Geld, keine Sicherung, nirgends. Männer hier und da, viele. Ein Tanz auf dem Vulkan. Diese unerhörte Freiheit – für mich, innerhalb unseres Sozialsystems und in einer schwierigen Nach-68er-Selbstermächtigungszeit, selbst dank Hilfe des Internets immer noch fast unvorstellbar – wird zu ihrem Kapital: Sie trifft in ihrem Wahnmoching (München-Schwabing) die wichtigsten Männer des wilden Geistes jener Jahre eines Aufbruchs. Klages, Rainer Maria Rilke, die „Kosmiker“ Karl Wolfkehl und Stefan George, Mühsam, Gross, auch den Jules aus „Jules und Jim“ Franz Hessel. Die grenzenlose Neu-Heidin befeuert deren Geist und vice versa. Kurze Zeit eine Kommune zu Dritt, auch den Monte Verita hat sie besichtigt. Nur die ersten Frauenbewegten mag sie nicht.

Das Schreiben entdeckt Fanny eigentlich nur aus Not: Um wieder ein paar Groschen für die nächsten Wochen zu verdienen. Also gerät nichts von ihr wirklich zu bürgerlicher Kunst, nicht ihre Essays und Romane, nicht ihre Roman-Übersetzungen aus dem Französischen. Stattdessen segelt sie kreativ im Hier und Jetzt durch Räusche, Zweifel, Sorgen und Depressionen. Immer wieder Umzüge, weil die Miete nicht bezahlt wurde, die spärlichen Möbel wieder im Pfandhaus landen. Die häufig nicht gerade wohlhabenden Männer, die um sie schwirren, die Verehrer treiben manchmal irgendwie Geld für sie auf. Sie findet Gönner. Dennoch ein ständiges Leben nah am Abgrund: Und erst daher frei? Jedenfalls liebt sie auch den Sex als Rausch, ist „erotisch“. Eine zeitlang sogar in einem Edel-Bordell und das macht ihr sogar Spaß. Abtreibung, eine Zwillingstöchter-Geburtspanne, eine Fehlgeburt. Nur ein Sohn bleibt am Leben, wird ihr Ein und Alles. Dieses Mutterglück darf kein Mann stören, sie übertreibt geradezu besitzergreifend. Diese Liebe wird zu ihrer einzigen inneren Sicherheit. Diese Einmalige ist auch Malerin, in ihren Essays und zwei Romanen eine teilnehmende, amüsierte Beobachterin der privaten Kriegereien, und will eine Schriftstellerin, so etwas „Patriarchales“ doch nie sein: Das eigene, ganz persönliche Leben ständig neu erfinden, keine Anpassung, immer nur aus sich selbst heraus weiter, das ist ihr ungewöhnliches Lebenswerk. Dabei wird sie oft krank, immer ohne jede Krankenversicherung, stirbt bereits in ihren Vierzigern nach einem Fahrradunfall an Herzversagen.

Ihre Kindheit und Jugend gingen mir nahe. Ähnlichkeiten, bei mir, ohne Adel: Diese autoritäre Nachkriegs-BRD, Wirtschaftswundermief, dieses Gefängnis musste auch ich verlassen. Die spätere Fanny empfand ich durchaus ambivalent. Ist meine Grenzgängerei hundert Jahre später lustiger, weil virtueller?n Liegt es daran? Andererseits: Ihre radikale Besessenheit zur Freiheit berührt mich. Wunderbar! Statt einer Sicherheit, alles und gnadenlos immer wieder Selbsterfindung. Eben doch manches wie bei uns Frauen seit 68 bis heute. Und doch auch wieder nicht. Manchmal dachte ich: Wie kann man so einsam radikal dennoch so weit gehen? Und das in jener Zeit! Fanny würde mich vielleicht spöttisch ansehen, um mich dann großzügig ins damals so beliebte Café Leopold auf der Brienner Straße zu einem tollen Essen einzuladen. Bezahlen würde natürlich sie, nämlich mit den Kröten, die ich ihr zuvor für die Miete geschenkt hatte. Never mind!

27. September 2018
von Christa Ritter
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Sich hinter der Opferrolle als Täterin entdecken

Zwischen den meditativen Phasen hier am Meer immer wieder kurze, wichtige Gespräche. Zum Beispiel, etwas verallgemeinert, aber jeweils mit dem eigenen Leben zu vergleichen: Vielleicht höchstens 20 % der Frauen sind Feministinnen, der Rest andere, sagt einer. Wir fahren gerade durch grüne, weil hier im Süden Sardiniens sommerlich beregnete Landschaft. Daraufhin: Was will die Frau? Wieso, wollen die meisten Frauen keine Veränderung, nur Feministinnen? Ich hab’s lange so wahrgenommen, daher frage ich. Genauer gesagt: Bis jetzt. In meinen Zellen nach wie vor verachtete Weiblichkeit. Und auch wieder nicht. In meinem Kopf rasselt es: Ja, ich gehörte damals zu den Frauen, die die Männer als Verursacher dieser ungerechten Welt sah. Ich war nach 68 eine Opferfeministin, so wie noch heute alle Feministinnen, in der #metoo Debatte gut zu sehen. Irrtum. Die Frage bleibt daher: Wann und wie ermächtigt sich eine Frau zu sich selbst?

Ich bin vor 40 Jahren mit meinem Opferfeminismus also nicht weit gekommen. Ratlosigkeit, Versuche, bald Depression. Ich war vor die Wand gefahren. Meine Rettung, so schien mir damals, war dieser suchende Kommunarde Rainer und die Frauen um ihn. Eine weibliche Kommune, später wurden wir „Harem“ genannt. Mein Labor, mich als Frau von mir als Opfer zu befreien. Wenn es denn so einfach gewesen wäre. Es ist bis heute ein schwerer Gang durch ungeheure Widerstände in Richtung Freiheit. Meine Widerstände! Mich dominierte weiter, ich spüre, immerhin viel weniger als früher, der Mann, auch der in meiner Nähe, dieser wichtige Sucher. Verrückt, nicht? Einmal Opfer, immer Opfer?

Damals ahnte ich nicht mehr als Konfuses, das mein Weg werden sollte: Irgendwie müsste es doch einen weiblichen Menschen in mir geben, der nicht nur aus äußerer „Bestimmung“ gebaut ist. Eltern, Gesellschaft, Frau in zweiter Reihe. Wollen in die Freiheit der weiblichen Authentizität also vor allem diese vielen Frauen der Welt, diese Mehrheit? Das überall in der Welt verachtete, weil unbewusste Weibliche in die Bewusstheit erheben? Ist der Feminismus bisher auf dem falschen Weg? Egal: War er jedenfalls für mich! Raus aus diesem klebrigen, kraftlosen Opferstatus und dieser Weg dauert bis heute so schmerzhaft an. Als stünde ich vor einer schweren Tür, die ich aufstemmen müsste. In Wirklichkeit ist sie längst offen?

Wir wohnen hier in Sardinien nämlich wie in jedem der letzten Jahre ungewohnt eng beieinander. Zuhause ist es anders: Ich in meiner eigenen Wohnung, jede in ihrer. Hier stößt mich die Nähe wieder auf Klartext, soll sie mich stoßen: In der Selbsterfindung kracht es. Nun bereits nach den ersten fünf Tagen. Der Nachbar, die andere, alles plötzlich feindlich. Nicht nur, aber immer wieder. Was will die Frau? So lautet nun überdeutlich für mich die Frage aller Fragen, während wir auf unserer Fahrt inzwischen am Obststand der Bäuerin angekommen sind. Zunächst: Feministinnen als Verdrängung des Weiblichen. Sie wollten gleiches Geld, gleiche Positionen wie die Männer. Auch ich. Dafür war ich bereit, das klassische Terrain aufzugeben: Beziehung, Ehe, Kinder, Familie, Sex. Teile davon nur noch viertelherzig durchlaufen. Sackgasse! Daher meine Depression, alles falsch! Die Frau will eine authentisch weibliche Welt? Wie könnte die aussehen? Häuslicher, also introvertierter, mehr erst Schauen, dann Handeln, ein bisschen mehr Merkel, bis heute mit ihrem „Aussitzen“ missverstanden? Geht es eher darum, das Weibliche nicht feministisch zu verachten, sondern sich bewusst zu erobern und damit die eigene Welt? Um als Frau ein Mensch zu werden?

16. September 2018
von Christa Ritter
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Faschismus als Fegefeuer ins Licht?

Wie kann das sein? Vielleicht ein Jahr, nachdem Merkel die frohe Botschaft verkündete und die Geflüchteten am Münchner Hauptbahnhof von ziemlich vielen Leuten fast begeistert begrüßt wurden, begann sich auf meiner FB-Timeline ein merkwürdig aggressiver Ton durchzusetzen. Weniger in den Posts, es waren eher die Kommentare. Links-Liberale Hetze begann, etwas Eiskaltes. Freunde beteiligten sich, von denen ich diesen Ton nie erwartet hatte. Ich war erstaunt und dann immer wütender. Bis mir klar wurde, dass ich diese Wut kenne, dieses Vernichtende, von mir selbst.

 

Shitstorms übernahmen, überall. Die Medien warnten, eher Rechtes im Fokus. Sollte ich die Posts löschen, die Freunde rauswerfen? Ich fing an, zu beobachten. Was war das? Diese Freunde hatte ich bisher eher als unverrückbar freundlich eingestuft. Darunter waren Piraten, mittelalte Netizens, Normalos, alle aufgeschlossen und mehr oder weniger gebildet. Der Shitstorm ebbte dann wieder ab, kam aber zurück, er taumelte in Wellen. Trump wurde gewählt, dieses Schwein. Den durfte jeder ins KZ schicken, so einhellig die scheinbar banale Botschaft. Alle hateten ihn, sogar die angeblich objektiven Berichterstatter. Aber: Ich auch! Jeden Tag machte sich Trump hässlich, ätzte Tweets um die Welt, als wäre alles ganz anders. Wahrheit, was ist das? Alles Vertraute nur Lüge, ein ungeheuerliches Statement. Wird die alte Demokratie untergehen? Da ich die noch nie als gelungen empfand, änderte sich mein Gefühl. Warum nicht? Warum nicht mal einen Schritt weiter, raus aus der räuberischen Konsumwelt? Ein irgendwie positiveres Gefühl stellte sich ein.

 

Dann wurde in Paris geschossen, fuhren LKWs in Menschengruppen. Nizza, Berlin. Terroristen! England entschied sich für den Brexit. Pegida, die rechte Fraktion rüstete auf, AfD zog in den Bundestag ein. Dagegen kam mir FB nun manchmal wie eine Art hübsches Poesiealbum vor. Ich freute mich über süße Katzenfotos, während es draußen, auf Foren der Öffentlichkeit, immer mehr knallte. Sau rauslassen. Die Sprache verroht, jammern nun die Zeitungen. Alles wird emotional. Von Schreirede schrieb eine Zeitung und meinte Martin Schulz, der die runterhetzte, die wie er gewählt wurden.

Sind wir alle des Teufels? Kotzen sogar Gutmenschen ihre Wut raus? Alle Faschisten? Ich erinnere mich an das erste Harems-Jahrzehnt. Die könnte diesen Prozess erklären. Wir vier, manchmal fünf Frauen, an unserer Seite Rainer als erfahrener Kommunarde. Wir Frauen wollten die Revolution. Unsere Revolution. Wir wollten raus aus der Biologie, uns unverschämt in etwas Größeres wagen. Wie soll ich das nennen? Selbstentdeckung, bessere Welt, gleiche Augenhöhe, Spiritualität? In unserer weiblichen Kommune haben wir erstmal viel davon studiert, was andere zuvor erforscht hatten. Dann ging’s geradewegs ans Eingemachte. Die Komfortzone platzte und, ich sag’s mal minimal: Wir schrien auf, wir klotzten. Da explodierte so viel Wut und Schmerz und Gnadenlosigkeit. Bei jeder auf ihre Weise. Wir zeigten uns entsetzliche Faschismen, einen radikalen Gesichtsverlust. Wenn Rainer nicht wäre, hätte ich dir nicht mal ein Glas Wasser angeboten. Oder so ähnlich schrien wir. Und schlugen los. Er war es, der immer wieder etwas Schlichtendes, etwas Tröstendes vermitteln konnte, letztlich, dass ich nicht nur diese Hyäne bin, aber da durch muss. Dass ich auch den Weg durch die eigene Scheiße zum rettenden Ufer schaffe. So sei es immer: Nur durch den Faschismus in eine bessere Welt.

 

Keine von uns hat dann durchgehalten. Oder anders: Jede musste sich nach dem gemeinsamen Furor an die persönliche Kleinarbeit machen. Auf den Weg durch die individuelle Hölle, dorthin, wo es heller wird. Allein den Blick auf den eigenen Faschismus aushalten, um ihn dann zu erlösen? Nie wieder Krieg heißt es doch. Dieser Prozess der Selbstkonfrontation hält an. Bis heute und ich habe ihn oft verflucht. Gute Gefühle, aber meist Depression.

 

Warum ich so lange aus meiner Haremszeit erzähle? Weil man darin das Prinzip vielleicht wirklich erkennen könnte. Sobald du höher hinaufwillst, zu dir, zu etwas Größerem, nenn es bessere Welt, wird nach den ersten begeisterten Schritten hinter dir die Fratze des Faschismus auftauchen. Rainer sagt aus einer Erfahrung, er sei das entsetzliche Extrem des Kapitalismus. Da müssten wir durch und wollen es auch. Seit 68, seit der Vision einer weltweiten Community. Ich stelle mir vor, dass sich unsere Gesellschaft dank dieser Vision ihre Unmenschlichkeit seitdem unbewusst austreibt. Mit Hilfe des Internets, das uns den Zugang zu feineren Welten öffnete. Der Faschismus musste sich zwischenschalten und drohen. Denn unser faschistoider Kapitalismus gibt nicht einfach so auf. Wie ich es im Harem erlebte. Er zeigt mir, dir, uns Deutschen, was hinter unserer Fassade des Wohlstands steckt: Nenn es Sexismus oder Rassismus. Die Erfindung des Internets, die anfängliche Begeisterung, hat Unbewältigtes hochgespült. Statt „nie wieder“, kann sich jeder der eigenen Hölle stellen. Shitstorms helfen, sich selbst zu bewältigen, um voran zu gehen. Verrückt!

12. September 2018
von Christa Ritter
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Geistesblitze beim Nord-Treff

Gestern Abend: Sechs Leute zwischen dreißig und vierzig treffen sich, ich als Ausnahme-Oma, nur die, die einlud und als Einzige alle kennt. Thema: AfD und diese ätzenden Rechten, diese dröhnenden Nazis. Warum? Schnell sind wir bei der Frage: Ob nicht hinter diesen hässlichen Posen der Provokation etwas anderes steckt. Weder Faschismus-Revival, noch Fremdenhass. Die sind ja wie der Trump, sagt dann jemand. Hetzen, Aufmischen weil er für seine Wähler was Besseres again sucht. Ja, nein, ein Millionär als nicht-von-der-Wallstreet-gekauft kann sich trauen. Barbarisch, sind wir uns einig. Wer hat so jemanden gewählt und warum? Ähnlichkeiten, die uns Angst machen? Versteckt sich diese Fratze hinter unserem aufgeklärten Schöngeist?

Obwohl außer mir alle in der Runde studiert haben, drei sogar Politik, gerät die Diskussion schnell in, wie ich finde, sympathische Schieflage. Wird emotional, wie das heute so schön genannt wird. Lachen, Draufreden, Protest, Unterbrechen, Empörung und, ja auch, Zuhören. Verstärkt durch Weißwein, viel Weißwein. Die Echokammer umkreist und fetzt schließlich bis nach Zwölf. Dabei streifen wir: Die Ossis wollten Banane. Nicht wirklich unseren Kapitalismus, unseren Konsum. Wollten sie Reisefreiheit? Kühne Geistesblitze? Jedenfalls ein anderes Leben! Bekamen sie bis heute nicht wirklich. Nur leere Versprechungen. Ein Land taumelt. Enttäuschung? Der Jurist sagt plötzlich, diese Rechten hätten ja keinen Funken Vernunft. Ihre Argumente sind unvernünftig? Darauf habe ich gewartet. Was issen das? Die Vernunft hat uns doch dieses Abseits beschert, keinen ewigen Frieden gebracht, rufe ich und fühle mich endlich mittendrin. Aufklärung, Ratio, haha. Meine eigentliche Seite setzt nach: Mit Vernunft am Abgrund. Da sind wir, raus aus der Komfortzone und ich habe Angst. Erstaunen. Darf ich als vernünftig gepolte lästerhaft aussprechen, verteidige ich mich. Versuche schon eine lange Weile zur Selbstoptimierung, meine zweite Begabung, das Irrationale/Intuitive zu verbreitern. Ohne Droge mühsam.

Nochmal: Bloß nicht vernünftig? Aufschrei, verwirrte Zustimmung, besonders der Psychologe scheint plötzlich zu „sehen“. Schon driften wir zum Begriff Herrschaftssprache, die wollen die Rechten nicht mehr, dieses „von oben“ der Leute, die sich an die Wirtschaft verkauft haben. Und die Jungen, ihr Jüngere, wo steht ihr? Zwei sind Beamte, haben geheiratet. Der Psychologe, der auch Musik macht, interessiert mich besonders. Er hört meist zu und fasst irgendwann zusammen, was die anderen ins Spiel brachten. Und die Jüngeren? Elitäres interessiert sie nicht, sagt mein Gegenüber. Sie verdummen mit dem Internet, heißt es oft abschätzig von den Alten, statt Lernen googeln die ja nur. Es ist anders! Die Intelligenz wertet sich um. Also auch hier in das Irrationale? Ein anderes Irrationales, als wir bisher kennen. Wir zappeln zurück zu den Rechten, diesen Fratzen, diesen Faschisten. Sie wollen die Vernunft der Selbstgerechten nicht, sie sind anders. Vielleicht sind sie gar keine Faschisten? Oder wir sind es alle, so faschistisch und erheben uns nur künstlich? Das Hin und Her unter uns an diesem Abend könnte AfDlern gefallen: Die Besitzstände des Systems Deutschland bröckeln an allen Ecken und Enden. „Emotionalisiert“ sich. Was für ein Deutschland wollen diese Leute? Was wollen wir? Wohin bewegt sich unser Land?

Heute, am Tag danach, habe auch ich im gestrigen Furor etwas „eingesehen“. Finde nicht so leicht dafür eine Sprache, auch hier nicht. Die Gastgeberin rief mich eben an und sagte: Gestern Abend habe sie plötzlich verstanden. Mehr als Verstand. Ich glaube, faschistisch ist das nicht, sagt sie noch. Die besetzen etwas, was letztlich uns allen Impulse geben sollte. Finde ich auch.

2. September 2018
von Christa Ritter
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Bye Mother

Wie kommst du als Frau zu dir selbst? Mindestens so zu dir wie ein Mann, der sich selbstbestimmt fühlt. Sagen sie, die Männer. Ich sitze heute am grauen Sonntag mit dieser entscheidenden Frage mal wieder zurückgezogen in meiner Kemenate und grüble. Für mich ist dieses „Nicht-mein-eigener-Täter-Sein“ an einem solchen Tag nur ein halbes Leben oder bin ich dann zu ungnädig? Gebe mir zu wenig Zeit? Du bist auf dem Weg in diese Selbstbestimmung, könnte ich mich beruhigen. Ja, bin ich. Seit vielen Jahrzehnten. Und das ist wertvoll. Eigentlich geht es bei dieser Frage um das Geistige, das eben auch einer Frau zustehen könnte. Kann! Das wusste ich, das wussten wir im 68er Aufbruch. Eine so große Vision gab es zuvor für Frauen nicht. Aus der Körperfixierung rausfinden, aus der Biologie des Mütterlichen, aus dem Materialismus, dem Kapitalismus, Faschismus. Jetzt gehe ich zu weit? Okay, so weit gehen nun die meisten Männer auch noch nicht. Immerhin trennt sich ein Mann, wenn er Mann wird, ein Stück weit von der Mutter. So wird er ein Selbst. Und die Frau bleibt entsprechend ihrer Weiblichkeit lange – oder ewig – mit der Mutter, der Frau verbunden.

Seit den Sixties leitet uns Frauen diese Vision: Zu sich selbst zu kommen, auf gleiche Augenhöhe zum Mann. Dorthin gerate ich nur, wenn ich mich als Täterin, als Designerin meines Lebens annehmen kann. Mir bewusst werde, dass ich alles kreiere, was ich erlebe. Gerade auch das Unangenehme, Gewalttätige. Ich baue also selbst mein Gefängnis, jeden Stolperstein, genauso, wie ich mir meine Flügel in die Liebe, immer wieder selbst anlege. Zum ersten Mal bin ich als Frau auf dem Weg in den Geist und dauert es ewig, diese Bemühung auch wahrzunehmen. Check it!

2. September 2018
von Christa Ritter
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Wir sitzen im Zug und sehen nur Bahnhof

Tischtennis unter sonnenverbrannten Kastanienbäumen. Die zarte Brise kühlt ein wenig. Mein Gegenüber Bettina ist eine Generation später als ich. Diese ganze Politik interessiert mich nicht mehr, sagt sie und verschmettert den nächsten Ball. Wen interessiert die eigentlich überhaupt noch? Mich auch nicht wirklich, kommt meine Antwort. Als ich frage, was sie dann interessiere, verweilt sie im Aufschlag. Ich höre mich: Wir sind alle mit der Suche nach dem eigenen, sehr privaten, ganz persönlichen Glück beschäftigt. Du sicher auch, so wie ich. Alles den Meisten ganz unbewusst. Das ist die neue Politik des Privaten. Wumm, mein Schmetterball kommt endlich mal gut. Überrascht schaut sie mich an: Ja, genau, das ist es, was uns die ganze Zeit wie nichts anderes beschäftigt. Ich will mein Leben gut hinkriegen. Wir setzen uns auf die Steinplatte vom Tisch. Das ist ja alles so spannend und unvorhersehbar, sagt sie dann. Ich habe keine Kinder gewollt, meine Männer auch nie, und nun habe ich schon lange immer mit den Kindern anderer zu tun. Reicht doch, lacht sie, reicht mir. Siehst du, sage ich, diese ganze alte Welt der gestanzten äußeren Normen und Institutionen, dieses gewaltsam Reglementierte, wollten wir 68 nicht mehr und nun setzt sich seitdem diese Vision Schritt um Schritt bei uns allen durch. Bettinas Beine baumeln, meine auch, wie zwei Schulmädchen sitzen wir auf dem Tischtennistisch. Wie sich das, was wir täglich leben, in so etwas wie Parteien und Regierungen umsetzt, wer weiß das schon. Niemand hat bisher den Blick dafür.

Ein paar Stunden später stehe ich mit einer Bekannten in der Küche. In ihrem Zimmer läuft das Radio. Nachrichten. Sie: Diese Politiker fabrizieren eine solche Scheiße, die Merkel… Ich: Die Merkel ist so Scheiße wie ich und du. Vermutlich haben wir immer die Leute an der Macht, die wir wollen. Die Welt ist also unsere Projektion. Und dann zanken wir, nicht wirklich heftig, aber doch. Was, ich bin nicht wie die. Ich schlage etwas zu laut zurück: Keiner ist nur Fassade. In dir steckt auch das, was du an anderen nicht magst, die Merkel zum Beispiel. Ist bei mir nicht anders, bei jedem. Sie poltert zurück: Nein, jeder ist anders, immer deine Verallgemeinerungen. Mach ich manchmal, sag ich, ist nicht immer ganz falsch. Ich habe keine Lust auf Morgenstreit. Lassen wir’s, sag ich laut.

Mein Gast murmelt noch, sie habe ´68 nicht mitbekommen, diese ständigen Diskussionen, diese nervige Sinnsuche. Sieht so aus, gifte ich (ganz leise), aber grundbös. Andererseits: Ich möchte glauben, dass sich seit damals alle verändern. Auch wenn’s nur wenigen bewusst ist. Manche schneller, manche brauchen halt Zeit. Bin ich nicht viel zu langsam, zweifle ich mal wieder und trinke einen Schluck Morgenkaffee. Nicht runter machen, freundlich zu sich sein. Ist ein langer Weg. Egal. Karma, Schicksalsfäden, jeder folgt endlich irgendwie seinem ganz persönlichen Ding. Und teilt es sogar im Netz mit vielen anderen. Auch Zweifel, auch Unverdautes. Ob das reicht, um unseren Planeten in letzter Minute zu retten? Nicht enden wollende Gier als Konsumrausch gebiert Hitzewellen, Überschwemmungen, Erdbeben.

Und die Jungen machen mit oder sind doch schon woanders? Rainer redet immer vom Internet als ein Tool, das uns raus helfen wird. Aus diesem vernichtenden Kapitalismus. Intensivste Kommunikation als eine Art westliche Meditation? Später treffe ich ihn, der sich gerade mit sehr jungen polyamoren Leuten in Berlin intensiv ausgetauscht hat. Die sind schon so anders drauf, sagt er mit Überzeugung. Sein kurzer Bericht hört sich gut an.

22. Juni 2018
von Christa Ritter
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Mutter & Martini

Eben mit Rainer über die SZ-Besprechung des Buches „Die Sünde der Frau“ (von Connie Palmen) geredet. Darin werden beschrieben: Marilyn Monroe, Marguerite Duras, Jane Bowles, Patricia Highsmith. Dass Frauen sich bestrafen, runtermachen, wenn sie das Urbild der Frau Ehe/Gemeinschaft nicht erfüllen können. Schmerz, der sich aus einer frühen Verstörung in Aufbegehren wandelt. Daher not-wendige Suche nach Alternative und doch bestrafen sie sich innerlich dafür. Leide ich selbst bis heute dran. Verrückt. Wir empfinden unser Aufbegehren, die Suche nach einem angeblich „unweiblichen“ Weg immer noch als „Sünde“. Alkoholismus, Depression, Selbstmord seien häufig die Folge. Wir „durchbrechen die Regeln des Anstands, unseres Geschlechts, der herrschenden Moral“ und erleben uns mangelhaft (nennt Palmen „Mutter“ & „Martini“), nicht auf einer eigenwilligen Selbstinszenierung, die aus dem klassischen Frauenrollen-Gefängnis raus führen soll. Selbstverletzung, die zur Selbsterfindung, also positiv, werden muss/könnte. Mein eigener Auftrag.

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