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Christa Ritter's Blog

20. Januar 2019
von Christa Ritter
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Ein Schritt vor, zwei zurück

Das waren noch Zeiten! Wie hinter den sieben Bergen und dennoch utopisch: Als wir Frauen und ein Mann uns ungebremst und radikal ehrlich voreinander in privaten Räumen entblößten. Harem als erstes Reich der Frauen. Unvergesslich. Anfangs nur unter uns, später vor diversen TV-Kameras auch öffentlich. Entsetzlich, schamlos fanden wohl die meisten Zuschauer. Das Eva-Prinzip der harmonischen, liebevollen Frau so ungeschönt zur Disposition zu stellen, war zum Wegschalten hässlich, war von uns Frauen gewollte Kündigung, daher Verrat an weiblicher Macht und dürfte bis heute noch immer ein Skandal sein. Die dunkle Seite der Frau verschwand wieder im Schatten. Aber auch wir „Haremsfrauen“ sprangen schnell kleinlaut. Zurück in die heimische Kiste. Das Private ist politisch als 68 eingeführte Utopie kam für die Bildschirme und auch für uns letztlich zu früh und jede versteckte wieder ihr Eingemachtes. So fing jede an, sich lieber individuell tastend zu sich selbst aufzumachen.

Sieht aus: War zu früh. Gab einzelnen Klärungsbedarf. So eine grundrevolutionäre Entblößung dauert. Erst jetzt, mit dem Internet, könnte einj nächster Anlauf klappen. In Shitstorms hier auf Facebook, auf Twitter übt sich fast schon geschlechtslos. Hier kloppt sich ohne Gesicht. Und Frauen dürfen daher alterslos und fast anonym draufhauen, damit vielleicht schon ein bisschen mehr lieben. Was? Hetzen und Pöbeln soll erweiterte Liebe sein? Ja, versuche ich mit mir zu klären. Ja, das mag stimmen: Jedes Verlassen rollenkonformer Zone könnte one step forward zum eigenen authentischen Ich bedeuten. Raus aus der Komfortzone, rein zu den Gladiatoren. Rollenspiele der Selbstsuche. Wer bin ich und wenn ja, wie viele? Der Shitstormer will ja den anderen nicht wirklich vernichten. Er/Sie sucht sich als Post-Gender: Zunächst die innere Fratze aus dem Keller holen, dann vor aller Welt ihre Hässlichkeit präsentieren, schließlich in neuem Gewand umarmen.

Der Harem von links: Brigitte, Jutta, Christa und Rainer (Gisela und Anna fehlen)

Noch was zu Robert Habeck. Er hat sich vor einigen Tagen von heute auf morgen von seinen Shitstorms einer möglichen Transformation und Selbstsuche verabschiedet. Die taz: „Habeck schießt den Vogel ab“. In Übereile die gerade für einen Politiker der neuen Ära notwendig erhellenden Accounts gelöscht: Facebook, Twitter. Dumm gelaufen? Dieser beeindruckende Talker könnte so seinen Schatten anschauen, eben jene Kellerleichen, die jeder hat. Die dürfte auch ein Grüner Politiker gehortet haben. Und wenn er dieses Private ent-kontrolliert, indem er veröffentlicht, gestattet er sich auch einen Lernprozess, jene heute für ein gelingendes Leben wohl not-wendige Prozedur zum Besseren der Welt. Tut weh, ja: Widersprüche zwischen Schein und Sein. So sind inzwischen alle mehr oder weniger auf Tour in die Gewissheit des Ungewissen. Habeck schrieb: Die Sozialen Medien machten ihn desorientiert und unkonzentriert. Eben das, was auch ich immer wieder fürchte: Diese Botschaften von Sendern und Empfängern als Fake-News aus dem Unbekannten, dem Irrationalen. Kontrollverlust sind heilsam? Ob wir genau damit damals diesen merkwürdig autistisch wirkende Zuckerberg beauftragt haben?

17. Januar 2019
von Christa Ritter
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Was will die Frau?

Ja, die Frauenfrage. Sie lässt mich nicht los: Was will die Frau? Bisher unbeantwortet. Warum? Gleich mal vorab: Von mir hier auch als eine gesellschaftliche Frage gemeint. In welcher Welt wollen wir Frauen leben? Die Frage ist nicht neu. Sie stellte sich vehement in den Sechzigern: Dieses System voller Gewalt, Ungerechtigkeit und Unterdrückung wurde von allen Jüngeren gekündigt. Dieses bleierne Ungetüm, so fand ich, diese lieblose Welt fressender Wölfe, die Männer über Jahrtausende aufgeführt haben, war dringend abzuschaffen. Trotz aller Firnis, die bürgerlich Kultur hieß. Für eine liebevollere Welt würden Frauen ganz selbstverständlich mitsorgen, sie mitgestalten. Schließlich hatte uns alle 67/68 dafür etwas Eigenartiges den Kopf verdreht. Irgendwie post-gender. Bei mir: Ich traute mir alles zu, kein Wenn und Aber. Sogar Liebe! Ich war dann zwar bald wieder merkwürdig kämpferisch drauf, frauenbewegt mit hasserfülltem Tunnelblick: Der Mann ist das Monster, er muss sich ändern, mich hatte es nie gegeben. Schwerer Fehler?
Mich hatte es als Nicht-mehr-Eva doch mal kurz gegeben und ich hatte das nicht geträumt: Der alte Vertrag, das System Eva-aus-Rippe-von-Adam war unwiederbringlich gekündigt. Frauenbewegt gab es kein Zurück mehr. Übliches Puppenhaus: Ging nicht mehr. Diese Matrix klemmte erheblich. In meinem Hass auf die unterdrückenden Männer ahnte ich, es waren nicht ihre patriarchalen Verhältnisse, die mich einsperrten, ich würde mich ändern müssen. Grundtief. Das Private war wirklich politisch? Ich? Ist da wer? Mit meinem diffusen Gefühl war ich nicht allein. Eine Generation tauchte ab und suchte. In Therapien, auf Asienfahrten, bei Gurus, per Drogen. Aber die Depression blieb, also Selbstmord? Nicht ganz falsch: Der Prozess, dass ich als Eva sterbe, hatte, von mir kaum bemerkt, doch längst begonnen. Bewusstsein? Nichts! Seine Deutung kam aus der alten Matrix, nur von Adam: Freud, Jung, Reich. Während frauenbewegte Hetze kein Ende nahm: Nur der Mann, nichts von ich. Da kamen mir die Frauen und Rainer gerade recht. Bis heute, 40 Jahre lang. Kommune als Alternative. Harem! Was will die Frau?

 

Dann, gefühlt nach einem Jahrhundert, erste Rauchwolken in einer sich scheinbar verändernden Welt: #Aufschrei!I Nix ging: Männer sind schuld. Vorletztes Jahr #metoo, diesmal weltweit und ziemlich laut: Nur Männer sind Täter. Frau unbeirrt unsichtbar im alten Deal: Eva bietet Sex, Mann Status. Der alte Vertrag der Geschlechter, offenbar unausrottbar. Das einzig Neue: Frau schreit laut auf allen medialen Kanälen. Mehr will sie nicht: Angleichung von Gagen und Gehältern. Darüber hinaus sei die Frau heute zufrieden. Das ist alles? Sind Frauen noch immer genügsam und blöd? Anspruchsvoll, nie gehört?

 

Die Lage ist zum Heulen: Junge wie mittelalte Frauen kündigen keinen Vertrag, reparieren lieber weiter diese unheilige Welt der Patriarchen. Mit lautem Getöse fordern sie nicht mehr als eine bessere Ausstattung. In dieser vom Turbo-Kapitalismus für alle sichtbar zerlegten Welt, bleiben Frauen stumm und wollen wie zu allen Zeiten geliebt werden. Ihm gefallen. Dafür Shoppen, Konsumieren, versteckte Gewalt in den Familien, die Frau an seiner Seite sogar bei Wirtschaftskriegen. Hier und da kleine Verbesserungen, nur nichts Wesentliches. Was will die Frau? Während immerhin ein paar von den Hippies Inspirierte, auch nur wenige Männer, im Sillicon Valey versuchen, mit dem Internet in bessere, in ganz neue, virtuellere Welten vorzudringen. Weniger Materie, weniger Muttiland, in einer neuen Heimat kaum Frauen. Eher lassen die sich derzeit auf allen Kanälen im Unauthentischen, nämlich als ewige Eva feiern. Her mit der Quote und so.

Ja, es scheint manchmal zum Heulen zu sein. Aber das Klagen hilft nicht. Auch ich komme mir überwiegend wie ein blindes Huhn vor, wenn ich wieder verzage. Nur im Retro hänge. Der Weg aus der Matrix eines mörderischen Geschlechtervertrags ist lang. Das Private wird erst, anders als wir träumten, in kleinsten Schritten politisch. Siehe #metoo. Überall Schonkost. Verführung? Machen Frauen doch nicht. Sie sind die besseren Menschen, möchte auch „man“ zu gern weiter träumen. Also bleiben unsere Mördergruben mangels Ich-Suche versteckt. Meine Freundinnen, auch die damals ganz vorn standen, sind eigenartig verstummt. Ich glaube, sie haben wie ich etwas von ihren Mördergruben gesehen und sind erschreckt zurückgesprungen. Hoffentlich doch als Anlauf zu neuem Ufer. Per Internet! Denn: Auch ich bin anders als diese Depri-Tante. Eigentlich. Eben sagte Rainer: Warum schaust du nicht nach vorn? Jetzt, wo das ganze Haus brennt. Ich glaube, er meinte: Go jolly!

6. Januar 2019
von Christa Ritter
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Burger Saloon: Man trifft sich

Gestern trafen sich in einem Burger-Saloon einige alte Vertraute, die wir vor wenigen Jahren mal zur Piratenpartei gehörten. Gettogether. Inzwischen in alle Winde verstreut und jetzt alle (außer mir) forever Nerds. Was auch sonst? Erfreutes Hallo, als seien wir noch immer verschworen, die neue Zeit einzuleiten. Wie damals: Digitale Wahlverwandtschaften als Flow durch ein noch zu entwerfendes Liquid-Tool zur Emanzipation aus altmächtiger Politik in eine direkte des Privaten. Menschlicheres oder so ähnlich. Wohin ist diese Vision nur gewandert, fragt mich der Yogalehrer. Keine Ahnung, sage ich. Visionen gibt es derzeit nicht, aber alle suchen. Alex, der Physiker nickt: Die Linke hat ihre Ideen gegen die Wand gefahren, ihre PCs wurden allgemein als Fake erfühlt, alle totenstill. Simon, der Imker bestellt die nächste Lychie-Bionade: Schade, wir Piraten haben es vermasselt, sind an der Machtfrage gescheitert. Ihr wolltet die privaten Daten ja wieder zurückpfeifen, sage ich, hat mich schwer abgeturnt. Wohl auch die Wähler. Total unglaubwürdig, eben retro, hätten die alten Gründer-Schweden gelacht. Ja, damit haben sich die Piraten das Grab geschaufelt. Waren wir nicht mal bei fast 12 Prozent? Heute ist es der Robert Habeck, lacht Andreas, der seit drei Jahren an den Pazifik ausgewandert ist. Steht er für Neues? Ich verziehe meine Falten. Der Kleine mir gegenüber: Wer ist denn Robert? Waaas, den kennst du nicht, ist das ein Witz? Pause.

Andreas fliegt nächste Woche für die Allianz nach China, gibt einen Workshop. Sein Riesenburger wird serviert. Mit Avocados. Über die Chinesen hab ich ja lachen müssen, sagt er. Auf zum Mond! Alle nicken. Wir müssen uns ganz schön sputen, mahnt Michael und meint jeden, eben global. Die Welt gefühlt am Ende. Ich glaube, er arbeitet als IT bei BMW. Michael meint wohl das Klimaproblem und alle sonst längst laufenden Dystopien. Sonst schaffen wir den Absprung nicht mehr. Kurzes Gedrängel: Der nächste fette Burger wird serviert. Hab ich eben richtig gehört? Es gibt zwei Planeten, wohin es klappen könnte, da gibt’s Wasser. Auswandern, evakuieren, aber nur die Klügsten. Die Reichen haben sich angeblich in Neuseeland schon Bunker gebaut, gerettet, aufgegeben. Hat einer in der NYTimes berichtet. Alex lächelt: Vielleicht schaffen wir es mit digitaler Technik, Sauerstoff kann man bald künstlich produzieren. Wirklich? Wieso also auf einen anderen Planeten? So’n Quatsch. Diese ganze Aufregung um Fake-News: Haben wir Angst vor uns selbst? Vor unseren eigenen Abgründen? Warum nicht endlich mal hier zuhause richtig aufräumen? Das viele Geld für unsere Erde, nicht für den Orbit. Sind die Chinesen bekloppt? Ja, nickt die Runde. Ihr glaubt nicht mehr ans Internet, frage ich und sehe als Antwort erstaunte Gesichter. Ihr seid auf den Verstand hereingefallen, den ewig ängstlichen Controller. Nö, verschämtes Lachen. Stimmt ja, so Simon, die Materie bringt nichts mehr, echter Downfall. Schluß mit lustig?

Keiner weiß eine Lösung. Michael zögerlich: Aber dass uns das Internet in den Abgrund reißt, ist doch auch gequirlte Kacke. Aha! Klingt schon besser. Klaus, der Pazifik-Surfer hat Freunde im Valley. Sieht er dort Düsteres? Eigentlich sei es doch so, dass eine starke Vision nie falsch werden könnte. 68 setzt sich durch, hast du mal gesagt. Ja klar, dem Ungeheuerlichsten kann man einfach nicht den Hals umdrehen. Der Liebe nämlich. Sie setzt sich durch, unbemerkt. Alle lachen: Du wieder! Bettina, die in unserer Piraten-Video-Gruppe sehr fleißig war, steigt ein: Unsere Daten kannst du nicht mehr einfangen und das mit dem Verstand… er ist aber supermächtig, quatsche ich dazwischen. Bettina weiter: …der löst sich längst auf. Weiß ich! Sie schaut fast triumphierend in die Runde. Stimmt! Fake-News, Trump und Twitter, das Klima tanzt. Alles wird besser, sagt sie noch. Nö, wir stopfen unser schlechtes Leben in den Internet-Waschgang und werden dadurch einfach mal klarer, sauberer, einfach besser. Alles muss raus. Naiv? Man müsse nur erinnern? Die Utopie, es gab sie ja. Und sie wirkt. Wie gesagt: Unter dem Pflaster, längst. Es soll ein arktischer Winter werden. In den USA und Europa minus 20 Grad. Warm anziehen, sagt die Bedienung und bringt den nächsten Burger.

 

2. Januar 2019
von Christa Ritter
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Der Lautsprecher von Langhans

Kann man etwas einfach so „vergessen“? Ich sehe gerade die Amazon-Serie „Homecoming“, in der die Protagonistin eine wichtige Zeit ihres Lebens einfach „vergessen“ hat. Ein wesentlicher Slot versank scheinbar im Unbewussten. Oder ist einfach nicht wirklich passiert? Oder von einer anderen Sicht überschrieben worden? Wie sich in einer späteren Folge zeigt: Es wurde von ihr selbst gelöscht. Aus Liebe. Immer noch zum Mann, noch nicht zu ihr selbst.

Immer wieder erlebe ich Empörung. Hier und im realen Leben. Wie kannst du einem Mann alles nur nachquatschen. Ja, etwas in mir sagt auch: Bist du sein Lautsprecher? Immer mal wieder: Ich bin nichts, er weiß alles. Oder: Ich bin nur eine dumme Pute, er ist so viel weiter. Anfangs, als ich mich mit dem einen Mann unter uns Frauen zusammentat, war an dieser Einschätzung vielleicht sogar was dran. Ich kam aus meiner feministischen Opferwelt, hatte von mir selbst keine Ahnung. Das wollte ich in diesem Labor ändern und gab meinen neuen Freunden aus guten Gründen einen Vorschuss. Sie hatten die erste Klasse bereits hinter sich, ich war die Nachzüglerin. Natürlich nicht wirklich, aber dazu später.

Nach ein paar ersten Jahren Zuhören, Lesen, Beobachten fing ich mit dem Praktischen an. Videos machen, das anschließende Schreiben lernen mündete in TV-Dokus. Immer mit diesem Mann an der Seite. Und jetzt das Wesentliche: Nicht einem, der dem männlichen Ego folgte. Nach dem üblichen Motto: Die Frau an seiner Seite. Stattdessen Lernen von jemandem, der längst auf einem Weg in sein inneres Unbekannte ist, der daher im Hintergrund meine Schritte spiegelt und fördert. Natürlich habe ich ihn damals nicht so frei sehen können, saß noch immer feministisch fest: Ich war Opfer, unfähig zum Selbstbezug und das nahm ich ihm, dem Mann, übel. Irgendwie in aufgeblasener Konkurrenz, kein Blick auf mich. Ich hatte sogar Angst vor ihm. Vor seiner Kraft, vor Kampf, Gewalt, Übermächtigem. In meiner Kindheit hieß es oft: Männer sind immer Vergewaltiger. Ja, ja, steckte tief in mir drin. Geschlechterkrieg sowieso. Also musste eine lange Strecke des ständigen Scheiterns aus meinem Wahnsinn passieren. Gefühlt, weil immer wieder „vergessen“ (siehe oben): Ein Schritt vor, zwei zurück.

Bis heute. Was will die Frau? Was will ich? Diese Fixierung auf den mächtigen Mann zurückzunehmen, das scheint für Frauen nach wie vor extrem schwer zu sein. Alle Frauen beziehen ihre Identität bisher aus der männlichen Zuordnung, die sie selbst mit veranstalten. Ich kenne keine Frau, die diese Macht zurück nimmt. Der Vergewaltiger wäre dann nämlich sie selbst: Selbstverantwortung hieße das. Siehe #metoo. Ich bilde mir heute ein, dass sich die Nebel einer langen Reise durch die Nacht bei mir langsam zu lüften beginnen. Sehr langsam. Ähnlich nehme ich andere wahr. Ich irre mich?

Meine eigene Geschichte aus dem „Vergessen“ heraus entsteht also gerade erst, für mich kaum sichtbar. Rainer ermutigt mich immer wieder, inspiriert, reißt den Schleier meines „Vergessens“ auf. Nur, wenn ich ihn darum bitte. Kreativ aus mir heraus zu handeln, bleibt schwer. Obwohl ich es tue? Paradox! Mir Eigenes zuzumuten, kommt mir geradezu unverschämt vor. Und doch ist da die starke Sehnsucht plus 40 Jahre Praxis: Mach dein Ding! Folge nicht der Matrix dieser Gesellschaft, der deines inneren Vaters, deiner Mutter. Schau dich an, nicht andere! Oder: Schau genauer hin, welchen eigenen Unterwerfungs-Müll du wieder schreddern kannst. Sieh dich statt stumme Faschistin als tollkühnen Wanderer mit dem Wind (Alexandra David-Neel), weiblich und doch letztlich geschlechtslos, ständig scheiternd, sich selbst erfindend.  Der/die dafür Reflexe von außen, von Mitwanderern braucht, sie sogar sucht. Gerade auch diesen Mann, der sich Rainer nennt und der so entschieden vorangeht. Gestern habe ich wieder ein Gespräch mit ihm gesucht: Wie kann ich mein Nein dem Adam-Eva-Leben gegenüber weiter auflösen? Was wir redeten, kam bei mir an. Als Liebe: Es beschäftigt mich. Ich kann zu dir auch immer nur so viel sagen, wie du dir selbst zugestehst, hörte ich von ihm. Das gefällt mir: Ich bin mein Autor.

22. Dezember 2018
von Christa Ritter
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Zeig mir deine Arche Noah

Ich weiß, viele von euch wollen oder können es nicht sehen: Dass wir uns, also alle Menschen unserer deutschen wie internationalen Gesellschaften, an dem 68er Virus infiziert haben. Unbewusst werden wir von ihm gelenkt: der Vision einer virtuelleren Welt. Weniger Krieg, mehr Freundliches. Ich könnte dazu auch sagen: Wir teilen uns immer mehr mit, die Medien erweitern sich, das Internet kommt dazu. Wir reisen und machen die Fenster auf. Kleinfamilien ade. Flüchtlinge könnten dazu gehören. Alle suchen das Glück?

Shitstorms, Gehässigkeiten, Gewalt in Familien? Gibt’s doch auch. Ja klar. Es gibt inzwischen auch die Rechten, Menschen, die zwar zurückwollen aber vielleicht ebenso vorwärts, irgendwohin, wo sich die Linken noch nicht hindenken. In diesen Übergangszeiten, wo das Alte so bedrohlich wegbricht und das Neue noch so fremd ist, scheint niemand einen Kompass zu haben. Was war denn 68? Wie sah diese Vision einer liebevolleren Welt aus?

Gestern habe ich meine Spuren zurück aufgenommen. Ich rief eine alte Freundin an, von damals, als ich zwischen 25 und 35 Jahre alt war und in Düsseldorf wohnte. Das war schön, weil Karin und ich plötzlich diesen Raum aufmachten. Als wir verliebt alle und jeden, als wir so viel ausprobierten, jung und natürlich außen. Werbeagentur, Fotostudio, Fischerboot in der Ägäis, tödlicher Autounfall, erster Joint. Verliebt, nicht verlobt, immer wieder verheiratet oder wie bei mir: nie verheiratet. Abtreibung, Fehlgeburt, Reisen über Stock und Stein.

Was Karin und mich dann gestern vor allem bewegte: Dieses Nichtaufgeben, dass jeder einen ganz persönlichen Weg eingeschlagen hat, sich gestaltet, weiter und weiter. Rückschläge dazwischen, Entmutigungen. So ist es eben, wenn man sich aufmacht, sagte Karin, und ich gab ihr recht und freute mich, die Widerstände tauchen auf, da musst du durch, und dann taucht die nächste Klippe auf und trägt dich und du zweifelst und das Private wird doch immer politischer, greift längst ins Öffentliche. Mal Phasen der Depression, Verstörendes, doch etwas ganz Eigenes, etwas tief im Herzen, das nimmt langsam zu, mühsam auch.

Ich freue mich über diesen Telefonaustausch. Diese ersten aufgeregten Erfahrungen aus meiner jungen Zeit mit heutiger Brille nochmal durchzugehen, sie endlich anzunehmen. Meinen Weg dadurch etwas deutlicher zu befestigen. Am Wegrand die Gefährten, die Freunde, die wir alle neurotisch wurden, irgendwann narzisstisch oder schon immer autistisch. Schüchtern und posttraumatisch, verrückt oder nicht therapierbar. Wenn du aus der bleiernen Enge aussteigst, Dystopisches anzettelst, so sieht‘s halt aus, entfaltet sich ein Regenbogen. Traumhaft schön und beängstigend! Karin möchte die digitale Farbenpracht, die ich als Arcxhe Noah begreife, glatt übersehen. Sie sagt: Ich lese nicht mal Mails, das tut Andy, auch für mich. Ich lache: Immerhin habe ich dich dort gegoogelt.

12. Dezember 2018
von Christa Ritter
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Ist das Böse weiblich?

Warum habe ich 1978 meine hochtrabende Film-Ambition, ja den, wie ich mir erträumte, vermeintlich sicheren „Oscar“, links liegen lassen und bin zum Hohenzollernplatz gezogen? In ein kleines Apartment in der Nähe von diesem strengen, freudlosen Rainer? Eine krasse Kehrtwende, die mir auch Angst machte. Als spürte ich, etwas ganz Anderes wird meine Chance werden. Später habe ich diesen radikalen Turn scheinbar unrealistisch gedeutet: Rainer hatte einen spirituellen Meister gefunden, also wollte ich so etwas wie heilig werden. Unter großartig durfte es bei mir nicht sein. Stimmte aber nicht! Wenn ich nämlich heute diesen bisher radikalsten Schritt raus aus meiner Großfrausucht nach Anerkennung, bis zu meiner vielleicht möglichen Selbstentdeckung eines inneren Weges zu deuten versuche, sieht das Bild anders aus.

Rainer könnte eine Tür ins Wesentliche öffnen, so meine Ahnung. Der Anfang: Zurückgezogen leben, außen bescheiden. Um mich weitere Frauen, schöne, kluge.  Irgendwie war ich zuvor im ersten Drittel meiner Vita dank einer tiefen Verweigerung in, wie ich fand, viel zu kleinen Erfolgen stecken geblieben: Durch Nichthinhören, Draufhauen anderer, dahinter mich. Liebe, nirgendwo. Die Welt war mir unheimlich, drohte sogar: Sie, der Mann war an allem schuld. Frauenbewegung, Therapie, ein Guru, all dies berührte meine Kälte nicht. Ich sah noch nicht mal, dass ich auf so oberflächliche Weise in einem Opferstatus stagnierte. Aber mit Rainer und den Frauen, so wurde bald klar, würde ich mich meinem Unbekannten stellen müssen. Das machte mir Angst, Rainer machte mir Angst.

Mit seinem Vorsitz übten wir Frauen uns bald in höheren Erkundungen, um ziemlich schnell dort zu landen, wovor ich mich fürchtete. Vor den Gatekeepern jeden Heiligwerdens, dem mir total unbewussten Leichenkeller von Frauen. Von uns Frauen, von mir! Dort, wo wir nur heimliche Täterinnen sind. Verstörend dieses düstere Terrain und wir schrien auf. Schnell war Rainer schuld, war er derjenige, der uns das leichtere Leben vermasselte. Obwohl er uns dann irgendwie immer ermutigte: Bleibt dran! Da kämen wir durch.

Unsere Leichen, bisher bestens in raffinierten Verstecken verborgen, hatten unterschiedliche Fratzen: Gefallsucht, was fast jeden Mann betraf, Eifersucht, wen angeblich Rainer wieder favorisierte, Gier nach Anerkennung, als Frauen-Körper ganz selbstverständlich, mitten im rauen Hyänenkrieg von uns Rivalinnen. Du Feldwebel, du Riefenstahl, ätzten damals meine Sistas. Hart gesagt: Lautes Herrschen und Dominieren, immer die Auserwählte sein zu müssen, stellte sich bedrohlich als mein Zwang dar. Als meine Form von Faschismus, der Freundschaft, gar Liebe schon immer verhindert hatte. Schwere Kost! Wir schenkten uns nichts. Schritt um Schritt wurde so immer wieder unser mächtiger Täter-Abgrund auf hässlichste Weise sichtbar.

Jede von uns ist dann entsetzt vor der eigenen Hölle zurückgewichen und wieder in die alte Komfortzone getürmt. Dorthin, wo es wieder schön warm war. Auslöser für das ausdrücklichste Retour entpuppte sich vielleicht unsere „Big Brother“-artige Doku-Soap, die uns 2 Wochen lang mit 9 Kameras rund um die Uhr auf einem kleinen TV-Sender als gar nicht nette Frauen beobachtete. Sogar dort hatten wir uns mutig ziemlich nackt gezeigt, vielleicht zu früh. Nur sehr fortgeschrittene Zuschauer verstanden den bahnbrechenden, positiven Hintergrund. Frau nicht nur schön, auch hässlich, damit ansatzweise Mensch.

Wir zogen uns schnell wieder zurück, übten bald vorsichtiger in kleineren Schritten. Ein Schritt vor, zwei zurück. Die Terroristin, ja die Faschistin in mir ließ nicht locker: Ich bin unschlagbar und verlange gebauchpinselt zu werden. Den Oscar! Gab’s natürlich nicht und diese Löwin war schwerstens beleidigt, ist es bis heute. Das Neuland, eine selbstbestimmte Frau zu werden, schien weit weg zu sein.

Nichts passiert? Obwohl ich dranblieb? Jedenfalls tauchte jede von uns Frauen nicht ganz ab, musste sich damit abfinden, wie schwer und lang dieser Weg aus dem eigenen Gefängnis ist.  Auch ich bleibe mit der eigenen, persönlichen Odyssee beschäftigt. Nabelschau, nennen es manche. Immer noch oft unerträglich düster, dann wieder doch irgendwo ein kleines Licht. Meine Angst vor Rainer hat abgenommen. Inzwischen kann ich ihn schon milder sehen, bin sogar dankbar für manchen Nackenschlag. Erinnern, wiederholen, durcharbeiten. Wir sind alle auf dem Weg? Rainer sieht das Netz als ein Tool, durch das wir uns alle stellen können. Diesen schwärzesten Ecken. Auch Frauen, wenn sie denn den bequemen Opfermodus knacken wollen. Denn die Schrecken, so ahnen vielleicht in diesen Zeiten immer mehr von uns, sie sind nicht woanders, nicht in Afrika, nicht bei Trump, nicht bei irgendeinem Fremden, sie sind in dir. Oder bei mir: Ich mache also mit Unmöglichem weiter, wie ihr auch und ab und zu treffen wir uns. Im Internet?

Zum Thema: Ester Vilar hat vor 50 Jahren über die versteckte Täterin das Buch „Der dressierte Mann“ geschrieben. Dafür wurde sie von den Opfer-Feministinnen sogar einmal tätlich angegriffen, fast geteert. Um schließlich in die Schweiz auszuwandern. Und vor zwei Wochen erschien in der SZ ein Interview mit der Psychoanalytikerin und forensischen Gutachterin Hanna Ziegert. Es trug den Titel „Mütter“. Lesenswert! Sie hat die verborgene Täter-Seite der Frau beruflich erkundet, aber auch bei sich selbst, der Mutter, hinter die Fassade geschaut. Ausführliche Fälle in ihrem Buch: „Die Schuldigen“. Auf seiner Rückseite leuchtet mir dick und rot die Frage entgegen: Ist das Böse weiblich?

25. November 2018
von Christa Ritter
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Shitstorms, that’s how the light comes in

This is a talk I did one week ago at „Lightening Talks Munich“. The audience: international students and IT-youngsters.

10. November 2018
von Christa Ritter
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Könnte ein Lächeln faschistisch sein?

Wie peinlich ist das denn? Nein, es war mir mehr als peinlich und ist es immer noch. Vielleicht nach 40 Jahren Trial & Error inzwischen etwas seltener. Ich spreche von: Die Sau rauslassen. Tiefer und schlimmer noch: diesen Killer, den verdeckten, noch unbewussten Faschisten in mir selbst. Wir fünf rätselhaft entschiedenen Frauen haben mit dieser Kur de Force am Anfang unserer gemeinsamen, teils auch einsamen Innenarbeit vor Jahrzehnten begonnen. Ich fand das lange entsetzlich, grausam, geradezu unmenschlich. Wenn wir uns unter der Gürtellinie gegenseitig „aufschlitzten“, wenn wir uns, allerdings selten, sogar schlugen. Diese Gewalt als meine zutiefst eigene wirklich tiefer anzuschauen, dazu brauche ich immer noch meist ein paar Tage. Großer Widerstand. Zu dick die Schutzbrille meiner „Sesshaftigkeit“, dieses komische „ich will dazu gehören“, ich will, wem auch immer, gefallen, brauche Applaus. Auch mein automatisches Lächeln, nach manchen Sätzen eine Art Kurzlachen. Interessant und fürchterlich. Ja, wir Menschen spielen verdrehte soziale Wesen, aber auch noch etwas anderes?

Ich will, dass es auf dieses Andere hinter meinem Faschismus hinausläuft! Bei immer mehr Menschen. Hier: Kein Lachen. Umso verrückter kam mir daher zunächst Rainer’s Sicht auf diesen neuen Präsidenten vor. Trump sei mit seinen Tweets der erste Avatar des Internets, einer, der seine Wähler in die virtuellere Welt mitnimmt, der seinen Faschismus ausstellt, daher nicht mehr betrügt, der endlich sogar politische Versprechen umsetzt. Der wirklich diesen Rätselsatz „Make America great again“ ernst meint: ein besserer Mensch werden? Ein Trump, der in seiner Hässlichkeit echt ist, während die anderen lügen und betrügen. Der daher nun auch in den Midterms den Senat ausbauen konnte.

 

Hab Rainer nicht wirklich kapiert. Und doch… Endlich scheint sich neuerdings meine Sicht auf Trump zu erweitern. Ich sehe plötzlich eine Ähnlichkeit zu der Arbeit unter uns fünf Frauen und einem Mann. Diese Ehrlichkeit privatester „Ungeheuer“-lichkeiten, sprich Faschismus: Erinnern, nennen Therapeuten den ersten Schritt zur Heilung. Die weiteren: Wiederholen, zuletzt Durcharbeiten. Der Schlusspunkt Aus der Hölle zum Licht. Das Private ist politisch: Trump traut sich was. Und alle schauen angewidert, aber auch fasziniert hin. Eine vergleichbare Frau ist bisher nicht aufgetaucht. Melania scheint Trump durchaus privat-politisch zu beraten, bleibt aber im Hintergrund. Und wir Fünf? Ich weiß nicht, wo genau ich stehe. Es dauert. Schon 40 Jahre: Die Hälfte dieser Zeit ein Graben im Virtuellen ohne Internet. Meditation, tagelang aufn einer Wiese am See.

Ob das Internet als Tool den Prozess der Selbstvirtualisierung tatsächlich beschleunigt: Dem eigenen Faschismus ins Auge zu blicken, ihn also als Shitstormer oder Hater zu wiederholen, um ihn dann durchzuarbeiten? Du, ich, wir alle? Damit wir nicht mehr fragen müssen, wie ständig auf Facebook zu lesen: Rodung des Regenwaldes, Jemen, Hambach, Tierquälerei, alles draußen in der Welt so furchtbar, was sollen wir machen? Selbstveränderung, ja! Gerade im Spiegel gelesen: „Es geht um die Welt, die noch nicht ist.“ Die, die erst hinter meinem Faschismus möglich ist?

24. Oktober 2018
von Christa Ritter
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Was will die Frau?

Es gab mal eine kurze, verrückte Zeit, da traute ich mir alles zu. Angstfrei, irgendwie grenzenlos. Es war in den Sechzigern. Kurz danach fiel ich zurück: Fühlte mich minderwertig, zutiefst verquer. In dieses alte Leben: nein! Ich sah mich frauenbewegt und an meiner Misere waren natürlich die Männer schuld.

 

Vielleicht beeinflusste mich die Nazi-Vergangenheit, vielleicht die bleiernen Fünfziger: Die Fähigkeit zur romantischen Liebe hatte ich nie parat. Bindungsversuche scheitern. Nach kurzem Aufbruch: Der Hass auf alles und jeden begann mich zu quälen, nach außen Lächeln, ein falsches. Versteckte Depression. Ich traf einen Mann, der anders war, unabhängig. Also dockte ich bei ihm und seinen radikalen Sucherinnen an. Wir rissen uns in dramatischen Encounter so etwas wie klebrige Fetzen misslungener Verkleidungen des alten Eva-Komplexes vom Leib und hatten sie doch am nächsten Tag schon wieder an. Seit Anfang immer wieder, immer besser. Ich war erschüttert: Die Macht als Verkleidete, als behauptetes Opfer, war riesig. Ein penetrantes Muster: Ich will geliebt werden, ohne mich selbst zu lieben, vom Mann, von der Welt. Was für ein Horror! Und doch tat sich etwas. Risse, Bröckeln? Ich würde nicht aufgeben. Was will die Frau, was will ich?

 

Zum großen Ganzen aller inzwischen bewegter Frauen: Ein Narrativ wäre gut, das uns die Opfermaske als Wertlose wegreißt. Uns endlich zur Täterin befreit. Denn seit jenem Aufbruch scheitern, uns kaum bewusst, beide Geschlechter zur Freiheit, zu mehr Menschsein. Zuerst formten die Männer das Internet zu neuer Heimat. Wir Frauen folgen : Die treue Eva, die Shopping Queen, auch sie kündigt dieser bürgerlichen Matrix? Was will die Frau? Ablegen der alten Verkleidung, auch durch #metoo? Angst vor Kontrollverlust, nicht mehr Geliebtzuwerden, diesem Nacktsein, einem vermuteten Nichts. Lieber würde ich sterben! Jammert es auch immer wieder in mir. Ja, Sterben als impotente Eva, genau darum geht es, schrie es iauch täglich in unserem Labor. Das bessere Narrativ mit mehr Realität könnte also lauten:  Ursprünglich waren die Frauen an der Macht. Vor tausenden Jahren: Mutter, Mater, Gebärende. Aber ihr geistiger Funke drängte dann die Männer: Verlasst unser Nest, erobert die Welt, wir stützen euch. Im anschließenden Patriarchat stützten sie ihre Männer vom Nest aus, wurden für ihre Helden neben der Mutterrolle neu fruchtbar, letztlich als inspirierende Musen unserer wachsenden Kultur des Abendlandes. Keine Opfer, sondern heimliche Lenker, verdeckt kreativ aber eben vom Schlafzimmer aus sehr mächtig. Irgendwann wurde die Schattenarbeit langweilig. Den Evas reichte die Verkleidung nicht mehr. Ihre Rebellion begann. Das Problem: Eva hatte mit ständigem Blick auf den tätigen Adam vergessen, dass sie es ist, die hinter ihm zuverlässig am Steuer lenkt. Sogar sein Auftraggeber ist. Und die Täter lieferten, sie liefern inzwischen gekündigt in ihrem Auftrag. Wunderbare Männer, treue Diener, Entwickler des Internets!

 

Kann es daher sein, dass ich keine Angst haben muss? Nicht vor einer Macht des Mannes, nicht vor meiner Nacktheit, diesem vermeintlichen Nichts? Ich könnte den Opferblick senken, mir die Augen wischen, eine klare Brille aufsetzen und frohgemut das machen, wonach mir heute der Sinn steht. Will ich das, will das die Frau? Selbstverantwortung?

 

Bisher beschuldigen Feministinnen in der Öffentlichkeit , stellen sich selbst keine Frage: #metoo. Der Mann sei schuld, ihr Credo. Sind die schweigenden Frauen, diese Mehrheit schon weiter? Auch ich bin meine Schwergeburt. Aber der Weg fühlt sich zunehmend besser an, ein wenig. Als ich mit dem Labor oder Harem anfing, schien ich genau zu wissen: Ich will den Geist, einen menschlichen Geist sogar für mich als Frau. Für diesen Weg ins Unbekannte müsste ich mir einen Gefährten suchen, möglichst auch Gefährtinnen. Menschen, die denselben Weg verfolgen wollen. Die fand ich und damit begann das Schwierigste in meinem Leben. Inzwischen gibt es das Internet. Ich vermute, weil es nicht nur ein kleines Labor ist, weil es die Welt zur Community vernetzt, wird es den Weg von allen auch beschleunigen. Zu mehr Kommunikation, durch das Haten und Kotzen hindurch, diese hässlichen Restbestände alter Verkleidungen, immer weiter, alles Übungen, bis wir nackt sind, alle. Und damit Menschen? Das will auch die Frau?

20. Oktober 2018
von Christa Ritter
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Eine freiheits-verrückte Frau

Gestern ausgelesen: Franziska zu Reventlow, eine Biografie von Kerstin Decker (Berlin-Verlag). Ein Buch über eine freiheits-verrückte Gräfin, die vor hundert Jahren, auch einer Aufbruchszeit, jede Adels-Privilegien ablehnte, damit die Eltern entsetzte, vor allem die Mutter, letztlich aber auch ihre Geschwister. Der „Zarathustra“ von Nietzsche war dann ihre Offenbarung: „Das war nicht mehr Verstehen und Begreifen“, so Reventlow „und alles andere, der Alltag, das Alltagsleben und -empfinden schrumpfte in eine öde, farblose Masse zusammen, verlor sein Dasein – nur das wahre, heilige, große Leben leuchtete, lachte und tanzte“.

Fanny entdeckt Schritt um Schritt ein Niemandsland, das es damals für Frauen, vor allem so privilegierte, nicht gibt. Die Freiheit hinter dem Status, ihr radikal selbst designtes Leben: keine Kompromisse, ständig ohne Geld, keine Sicherung, nirgends. Männer hier und da, viele. Ein Tanz auf dem Vulkan. Diese unerhörte Freiheit – für mich, innerhalb unseres Sozialsystems und in einer schwierigen Nach-68er-Selbstermächtigungszeit, selbst dank Hilfe des Internets immer noch fast unvorstellbar – wird zu ihrem Kapital: Sie trifft in ihrem Wahnmoching (München-Schwabing) die wichtigsten Männer des wilden Geistes jener Jahre eines Aufbruchs. Klages, Rainer Maria Rilke, die „Kosmiker“ Karl Wolfkehl und Stefan George, Mühsam, Gross, auch den Jules aus „Jules und Jim“ Franz Hessel. Die grenzenlose Neu-Heidin befeuert deren Geist und vice versa. Kurze Zeit eine Kommune zu Dritt, auch den Monte Verita hat sie besichtigt. Nur die ersten Frauenbewegten mag sie nicht.

Das Schreiben entdeckt Fanny eigentlich nur aus Not: Um wieder ein paar Groschen für die nächsten Wochen zu verdienen. Also gerät nichts von ihr wirklich zu bürgerlicher Kunst, nicht ihre Essays und Romane, nicht ihre Roman-Übersetzungen aus dem Französischen. Stattdessen segelt sie kreativ im Hier und Jetzt durch Räusche, Zweifel, Sorgen und Depressionen. Immer wieder Umzüge, weil die Miete nicht bezahlt wurde, die spärlichen Möbel wieder im Pfandhaus landen. Die häufig nicht gerade wohlhabenden Männer, die um sie schwirren, die Verehrer treiben manchmal irgendwie Geld für sie auf. Sie findet Gönner. Dennoch ein ständiges Leben nah am Abgrund: Und erst daher frei? Jedenfalls liebt sie auch den Sex als Rausch, ist „erotisch“. Eine zeitlang sogar in einem Edel-Bordell und das macht ihr sogar Spaß. Abtreibung, eine Zwillingstöchter-Geburtspanne, eine Fehlgeburt. Nur ein Sohn bleibt am Leben, wird ihr Ein und Alles. Dieses Mutterglück darf kein Mann stören, sie übertreibt geradezu besitzergreifend. Diese Liebe wird zu ihrer einzigen inneren Sicherheit. Diese Einmalige ist auch Malerin, in ihren Essays und zwei Romanen eine teilnehmende, amüsierte Beobachterin der privaten Kriegereien, und will eine Schriftstellerin, so etwas „Patriarchales“ doch nie sein: Das eigene, ganz persönliche Leben ständig neu erfinden, keine Anpassung, immer nur aus sich selbst heraus weiter, das ist ihr ungewöhnliches Lebenswerk. Dabei wird sie oft krank, immer ohne jede Krankenversicherung, stirbt bereits in ihren Vierzigern nach einem Fahrradunfall an Herzversagen.

Ihre Kindheit und Jugend gingen mir nahe. Ähnlichkeiten, bei mir, ohne Adel: Diese autoritäre Nachkriegs-BRD, Wirtschaftswundermief, dieses Gefängnis musste auch ich verlassen. Die spätere Fanny empfand ich durchaus ambivalent. Ist meine Grenzgängerei hundert Jahre später lustiger, weil virtueller?n Liegt es daran? Andererseits: Ihre radikale Besessenheit zur Freiheit berührt mich. Wunderbar! Statt einer Sicherheit, alles und gnadenlos immer wieder Selbsterfindung. Eben doch manches wie bei uns Frauen seit 68 bis heute. Und doch auch wieder nicht. Manchmal dachte ich: Wie kann man so einsam radikal dennoch so weit gehen? Und das in jener Zeit! Fanny würde mich vielleicht spöttisch ansehen, um mich dann großzügig ins damals so beliebte Café Leopold auf der Brienner Straße zu einem tollen Essen einzuladen. Bezahlen würde natürlich sie, nämlich mit den Kröten, die ich ihr zuvor für die Miete geschenkt hatte. Never mind!

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