merah.de

Christa Ritter's Blog

17. Februar 2020
von Christa Ritter
Keine Kommentare

Feministinnen nerven!

Es ist schon ein Kreuz. Was? Das mit den Frauen. Als Mutti’s Tochter kannte ich mich nicht, damals, musste aber dringend weiter und verlangte: gleichberechtigt. Hat mich gen Sackgasse gedrückt, ins Abseits von mir selbst. Frau ist anders, nicht gleich. Schon gar nicht in einer Welt, die so auf Macht setzt. Und Leistung. Lange Jahre Arbeit, ihr wisst, auch unter mehreren Frauen. Gestern wieder schmerzlich erlebt: Ich komme aus den Bergen zurück, zeige die Fotos. Berge, Schneefelder, zwei Fotos von mir. Rainer: „Wer ist denn das?“ (Meint mein Gesicht vor Sonne). Schaut weiter: „Zwei ohne Hälse“ (zwei Freundinnen). Ergänzt durch Brigitte’s Kommentar: „Hier sind deine Haare schön, so fluffig. Hier könnten sie anders…“ In mir schießt Wut hoch: Ihr Klugscheißer! „Kannst du auch mal was Positives sagen“, herrsche ich Rainer an. „Ja, ja,“ sagt er, „bei euch Frauen muss alles immer SÜSS sein. Ist die nicht SÜSS, schaut der nicht NETT aus!“ usw. „Ohne Widersprüchliches kommst du nie zu dir, kein Selbstbewusstsein. In den Konflikt gehen, das ist Leben.“ Schnappatmung. „Quatsch“, entgegne ich, „aaaaach, ödet mich das an, was SÜSSES will ich gar nicht hören. Du könnest einfach was Normales sagen.“ Ich verzwirble mich weiter und ärgere mich und argumentiere längst mit gehobener Stimme, schrill und äußerst genervt. Krieg: Rainer, der Besserwisser. Schon bin ich aus der Tür. Auch ich mochte die Fotos von mir nicht wirklich. Mütze abgezogen, Haare verwuschelt usw. – unentspanntes Gesicht, alles offenkundig. Nicht so toll. Aber Rainer, der darf das nicht sagen.

Männer nerven: sind anders, daher immer in Konfrontation zu mir, weiter, immer weiter. Ich will das oft nicht, bin faul, alles zu komplex. Saß gestern mit dem Foto-Streit plötzlich wieder mittenmang vom Puppenhaus: Will deine andere Sicht nicht, die männliche, die meine infrage stellt. Infrage? Vielleicht besser: ergänzt? Das Leben wird nämlich reicher, lebendiger, tiefer, weil zwiespältiger: durch die Sicht eines Mannes, der Männer. Sowas übe ich mit Rainer und den Frauen ja schon lange. Bis über das Übliche hinaus: nach „innen“. Wie ihr gelesen habt: Es bleibt schwierig. Ich Opfer, Rainer Täter, er stark, ich schwach: Verdacht, Manipulation und Häme. Offener Kampf versus Intrige. Die Eva sitzt SO TIEF. Da müssen wir Frauen durch. Ich muss durch. Geht nicht anders, also gut. Weitermachen. Heutige Feministinnen vermeiden sich, sperren die Männer aus, fordern in ihrer Bequemlichkeit einfach nur Platzmachen. Für umsonst gleichberechtigt? Lese in der SZ, was die Miss-Wahl-Gewinnerin 1982 über die Jury von Nur-Frauen der diesjährigen Miss-Wahl sagt: „Für mich fehlt der männliche Blick.“

Feministinnen fordern heute ziemlich laut und die Männer reißen überall devot die Türen auf. Schuldbewusst bieten sie Gleichberechtigung. Aber hinter den so zeitgeistig „Kastrierten“ läuft ihr Wir-entwickeln-das-Internet-für-eine-bessere-Welt-Projekt weiter. Hoffentlich! Aber bisher leider ohne uns Frauen. Denn ein Mann muss ein „Kämpfer“ bleiben, sonst wäre er kastriert. Den Geist des Silicon Valley teilen bisher nur wenige Frauen. Und für die Feministinnen sind das nur lauter Luschen? Geht’s nicht statt um Gleichberechtigung um Selbstermächtigung bei beiden? Also um Verhandlung immer mit sich selbst, Schritt um Schritt, nichts von Macht, ob als Opfer oder als Täter? Sich unterschiedlich zu verwirklichen, also nichts von GLEICH? So lange Frau die Herausforderung Mann nicht zulässt, bleibt sie blöd, weil einseitig. Hatte ich schon. Wie oben erwähnt: Ich war in dieser Sackgasse. Musste raus, ist schwer, aber nicht unmöglich. Feministinnen nicht raus sondern rein zu sich selbst. Weiter….mit dem Internet. Was ist denn dort los? Wir ahnen: Liebe.

 

8. Februar 2020
von Christa Ritter
Keine Kommentare

Stopt die Hexenjagd auf Julian Assange!

In München, Frankfurt und Berlin: Mahnwachen für Julian Assange. Endlich und zurecht! Der Anstoß dazu ging von den Recherchen des Uno-Sonderberichterstatters für Folter, Nils Melzer aus. Gnadenlose Rechtsverdrehung in Schweden, bösartige Verfälschung, zum Schluss Isolationshaft in einem Hochsicherheitsgefängnis in England. Psychische und physische Folter, die den Tod von Assange in Kauf nimmt. Melzer empört: Missachtung der Menschenrechte über lange Jahre, schleichender Abbau der Pressefreiheit durch die „Big Five“, vor allem der von England als Komplize der USA. Empörend, ja! Interessanter fand ich nach Gesprächen mit meinen Freunden Rainer und Brigitte: Dass hier Frauen, besonders eine feministische Frau, die schwedische Staatsanwältin, die Vergewaltigungen hinterhältig erfunden hat und damit die Hetzjagd auf diesen verdienten Whisleblower auslöste und 10 Jahre lang bestimmte. Das war und ist bis heute die unglaubliche Hexenjagd einer als Anwältin gleichberechtigten Frau.

Julian Assange in Isolierhaft in England

Der Fall Assange wurde zunächst von zwei Frauen ausgelöst. Sie waren wegen Klärung zur Polizei gegangen: Zwei Nächte mit Assange, gerissenes Kondom, HIV-Verdacht. Der Sex sei einvernehmlich gewesen. Aber die schwedische Polizei folgte dem neuen, fast fundamentalistischen Zeitgeist des Feminismus und schrieb die beiden Frauen zu Anklägerinnen um. Sie mussten in der Sache Opfer gewesen sein. #metoo lässt grüßen (ebenso bei uns der Fall Kachelmann). Eine selbst-herrliche Staatsanwältin übernahm als gnadenlose Rächerin. Sie verfälschte, manipulierte, verhinderte die bei jedem Verdacht, jeder Anklage nötigen Anhörungen. Und so wurde die Geschichte zur übelsten Menschenjagd, die einen vielleicht etwas feministisch unbedarften Julian Assange zum Vergewaltiger abstempelte. Der Fall nahm Fahrt auf: Auch die beiden Frauen gerieten so zwischen die Räder, Assange bot immer wieder ein Verhör an, erst in Schweden, dann auch in London. Keine Chance! Ist so Feminismus als Gleichberechtigung gemeint? Wird der geradezu zwangsläufig so aussehen, so lange jede Kritik an Frauen vermieden wird? Ich glaube sogar, dass wir Frauen brutaler sind als Männer, wenn wir einmal den Taktstock schwingen.

Irgendwann schaltete sich England als Handlanger der USA ein. Da hatte ja eine „neue Frau“, eine Feministin in Schweden herrlich vorgearbeitet. Passt doch, wo der Mann die Sauereien der US-Army geleakt hat. Soweit die Recherchen des Sonderberichterstatters. Dass hier eine Feministin ihren Status missbraucht, Rache am Mann übt, eine Lügengeschichte erfindet, wird von Melzer höchstens angedeutet. Als braver Schweizer will er sich mit einer Feministin nicht anlegen, könnte ich ableiten.

Heute gibt der feministisch geprägte Zeitgeist jeder Frau sofort recht: Die Männer sind schuld. So fing schon die Frauenbewegung nach 68 an. Ich erinnere mich gut an meine damalige Phase der Erregung. Plötzlich kam in mir der Hass hoch. Den kannte ich bis dahin nicht: Ich sah Männer als Unterdrücker von mir, von der ganzen Frauenwelt, sah sie als Verursacher einer toxischen Welt: Das Patriarchat ist schuld! Wir Frauen sind die armen Opfer. Ich fühlte mich vielleicht zurecht behindert: klein und ohnmächtig, ein unerträgliches Gefühl. Weil ich keinerlei Macht über mich selbst hatte? Diese Frage kann ich erst heute überhaupt ansatzweise denken: Damals war ich weit davon entfernt. Es gab mich nicht. Wer und wie eine Frau ist, anders als ein Mann, war unbekannt. Wir standen im Schatten der eigenen Wahrnehmung. Selbst bei Männern hieß es: Was will die Frau? Wir waren ihnen ein Rätsel, ich war mir ein Rätsel. Also starrte ich nur auf den Mann, auf seine Macht, auf seine hässliche Welt. Die ich nun als Gleichberechtigung auch haben wollte. Obwohl ich die furchtbar fand. Ungerecht und grausam. Die wollte auch ich mit Macht erobern? Was für ein Widerspruch!

Wir Frauen des Harem mit unserem Gefährten Rainer Langhans (Foto: Jurga Graf)

Ich habe damals mein eigenes Entsetzen über mich selbst erlebt. Nur privat, also im stillen Kämmerlein, davon durfte niemand etwas sehen. Das Private ist politisch? Furchtbarer Gesichtsverlust, also langsam bitte! Entsprechend liefen meine Beziehungen, ich bald wieder als Opfer obenauf, vergaß schnell meinen Schock über den Hass. Die Macht meiner Opfer-Rolle blieb unhinterfragt. Opfer? Ich wollte und konnte mich darin nicht als Täterin sehen: meine Gewalt in der Intrige, in Besitzwut, in der Eifersucht, in Verachtung des anderen. Diese dunkle Seite wurde vor 40 Jahren der Grund, dass ich mich vier Frauen und einem Mann zur Selbsterkenntnis als „Harem“ anschloss. Wir wollten uns diese Odyssee zumuten, um als weibliches Wesen verantwortlich zu werden: Erst in der Mitte der Dunkelheit ist das Licht, heißt es. Oder anders: Die Selbsterkenntnis des Schattens, der dunklen Täterschaft, trägt wohl auch eine Frau zu sich selbst. Als wir diese grausame Seite dann in die TV-Öffentlichkeit trugen, waren wir vielleicht zu früh dran. Nur wenige wollten uns so düster sehen. Zurück ins Nest, wir bekamen Angst vor unserer eigenen Courage. Laut in der Öffentlichkeit sind wie 68 heute nur Feministinnen und sie bieten ein gewalttätiges Bild, ein toxisches, weil es im Opfer-Modus die Gleich-Berechtigung erkämpfen will: Der Mann ist ein böser Täter. Weißer alter Mann, toxisch. Er soll aber die Steigbügel halten für weiße alte Frauen, so toxisch wie die Staatsanwältin in Schweden.

Bedeutet die Emanzipation nur wieder noch mehr Gewalt, diesmal von Frauen? Die Mehrheit wollte eigentlich nie so werden wie ein Mann. Gleich-berechtigt. Und so sind seit 68 irgendwie die „leiseren“ Frauen doch auf dem Weg, eher noch unbewusst, sich in ihrer Weiblichkeit zu entdecken. Sehr langsam wird das Private von uns tatsächlich politisch. Es ist möglicherweise das Internet, das nun den jüngeren Frauen gerade über die Shitstorms hilft, dahinter die eigene, authentisch weibliche Täterschaft zu ergründen. Dunkles wird sichtbar: Um als Täterin über die alte, aber so mächtige Rolle des Opfers hinauszuwachsen, weit über „die Rippe“ hinaus. Eine großartige Möglichkeit, die es nie zuvor in der Menschheitsgeschichte gab. Eine ganz andere, wirkliche, weil innere „Revolution“. Mann und Frau als Menschen. Auf gleicher Augenhöhe.

 

1. Februar 2020
von Christa Ritter
Keine Kommentare

Simple Life and High Thinking

  • Dieser Text ist von Rainer Langhans:
  • Ich glaube, außer mir ist es kaum jemandem von damals gelungen, zu unserer 68er-Erfahrung zurückzukehren, obwohl es viele verzweifelt versucht haben. Geholfen hat mir ein indischer Guru, ohne den ich heute vermutlich tot wäre. Der Schlüssel lautet „Simple Life and high Thinking“ – ich konsumiere sehr wenig, esse bio und vegan und gehe nach innen. Wir hier im Westen können das indische Yoga nicht richtig praktizieren, weil wir zu sehr im Materiellen verstrickt sind. Selbst mir, der ich seit fast 50 Jahren Yoga übe, fällt es immer noch schwer, meine Energien, und darum geht es, nach innen zu lenken. Das wird auch noch den „Fridays For Future“-Aktivisten zum Problem werden: dass die Menschen hierzulande zum geforderten Verzicht auf Wachstum oder Weiterentwicklung nicht fähig sind. Wohin also wachsen? Nicht mehr ins Materielle, sondern ins Geistige. Ein wichtiges Tool dafür ist meiner Ansicht nach das Internet – sozusagen das westliche Yoga.
  • Damit können die Menschen hier umgehen, das kann ihnen helfen, auf einer geistigen Ebene miteinander in Verbindung zu treten und sich aus der Materie, dem Eigentumsgefängnis zu befreien. Ich glaube, wir sind auf dem Weg in eine neue, eine innere Welt. Aber natürlich macht das erst einmal Angst, ruft Abwehr hervor. Das erleben wir gerade. Es lässt sich mit einem Therapieprozess vergleichen: Erinnern, wiederholen, durcharbeiten. Wir haben eine faschistische Vergangenheit und bewegen uns wieder auf den Faschismus zu, mit Trump, der AfD, den ganzen Shitstorms etc. Müssen wir mit dieser Wiederholung vorsichtig sein? Natürlich! Aber nicht so vorsichtig, dass wir uns nicht trauen, den Faschisten in uns selbst zu erkennen, damit wir schließlich darüber hinausgehen: vom alten Unmenschen zum neuen Menschen, durch die Dunkelheit zum Licht.

23. Januar 2020
von Christa Ritter
Keine Kommentare

Erinnern, wiederholen, durcharbeiten

Was willst du denn mit dieser Fotze. Schon flogen die schweren Eishockey-Stiefel nah an seinem Kopf vorbei. Geschrei: Immer ist sie die Schönste, Klügste. Die Frau schlug die Tür mit einem solchen Knall zu, dass fast das Haus einstürzte. Zurück, Tür auf: Hau ab, sie ist ja auch schon so viel weiter, hau ab. Die beiden waren nicht allein. Weitere Frauen im Raum, sie zogen die Schultern ein, verdrehten die Augen. So lief es häufig, eine lange Zeit, unvorhersehbar, unter uns allen. Laut, brutal, weibliche Mördergruben, die wir bisher nicht zeigten. Hier gab es dafür weder Strafe, noch Scheidung, noch Rauswurf. Es ging um das, was zwischen den Zeilen passierte.

Adorno: Nach Auschwitz keine Gedichte. Die Version der ersten 68er: Nach Auschwitz keine Kleinfamilie, sie ist die Zelle des Faschismus. „Kommune leben“ lautete daher die Praxis von ein paar wild Entschlossenen. So könnte es gehen, erfand die Kommune I, kein Mördermonster zu werden, Liebe gar? Vielleicht weil ich hinter meiner Fassade mir selbst so unausstehlich war, hatte mich dieses kurze, magische Jahr berührt, das ich bis heute nicht beschreiben kann. Als hätte dieses Rätselhafte meiner eigenen Mördergrube eine Chance gegeben, etwas eigenartig Unverschämtes aufgemacht. Was war das? Ich traute mir plötzlich in der Welt alles zu und wagte manches. Irgendwie war ich endlich gut drauf. Weder Frau noch Mann. Nicht lange: Beziehungen klappten nicht, auch beruflich war der Wurm drin. Was hatte ich nur geträumt? Könnte ich diese verlogene Welt nicht einfach vergessen? Bald mischte nur noch die RAF die Republik auf.

 

Ratlos hielt ich mich an ersten Meditationsversuchen fest, versuchte mich auch frauenbewegt. Ein Therapeut wollte mich „passend“ trimmen, back to the roots von Adam- und Eva. Afrika und Asien brachten mir wenig, Drogen schon mehr. Wo war meine unbeschwerte Seite geblieben? Unwirklich. Ich sah längst wieder überall Kampf und an allem waren die Männer schuld! Sie waren der hässliche, aber so mächtige Männerbund: ungerecht, krank, toxisch. Aber wie meine Mutter wollte ich auch nicht leben. Bloß nicht Kinder und Küche: Wenigstens in die weite Welt und Karriere machen! Wie aber geht das? Grinsen, lächeln, anpassen, gespielter Optimismus? Aus dem ewig gewalttätigen Spiel schien ich, jetzt immer mehr Komplizin, nicht rauszukommen. Um mich bald depressiv zurückzuziehen: In mir eine wachsende Leere, die weh tat. Meine kühn behauptete Ablehnung des üblichen Spiels, um anti-mäßig doch mitzumachen, hatte mir nichts wirklich gebracht. In meinem Anti blieb ich gefühlt die „Rippe“, blieb die Opferfrau, schwach an seiner Seite? Es war also leider doch wie schon immer: Dem Puppenhaus konnte keine Frau entkommen? Weibliche Selbstverwirklichung ist nicht in der Männerwelt zu holen?

Mit 33 in New York

Um schließlich doch auf etwas Unglaubliches zu stoßen und eine Wahlfamilie zu finden. Meinen Standort in Düsseldorf, die Freunde, die eigene Agentur, hatte ich aufgegeben. Filmemachen lernen, schrieb ich hoch-mütig auf meine Fahne. Ich dachte: Lebenssinn finde ich im Gestalten, einer Kunst jenseits von Kommerz. Auf nach München! Zunächst traf ich einen, der mir weitaus besseres bot. Während vieler Filmdreh-Wochen schredderte mir Rainer Langhans mein #metoo von Opfergetue und Selbstmitleid als verlogene Performance. Ich sei in meinem laschen Ehrgeiz, in meiner unentwickelt, daher unauthentischen Weiblichkeit kalt und gnadenlos, durch frauenbewegte Damenkränzchen verblödet. Und toxisch sei auch die Kunst als Alibi der Spießer, eine Filmkarriere unmöglich, wenn man so wenig über sich und die Menschen weiß wie ich. Dieser Ex-Kommunarde bot mir damit etwas, das ich insgeheim dringend brauchte: einen ehrlichen Spiegel. Was ist mit mir los, wer bin ich? Nach vorn, also utopisch als Menschwerdung gedacht! Wenn nicht die Eva, die ich nie sein wollte. Das war krass: Ich hatte keine Ahnung!

 

Drei Frauen und dieser Mann experimentierten mit etwas, das sie „das Innere“ nannten. Oder „Geist“ oder „eine liebevollere Welt“. Mir wurde langsam klar: Markierungen unserer Zeit des Aufbruchs. Von diesem Inneren war ich seit damals durchaus berührt und hatte doch praktisch keinen blassen Schimmer. Innen, was könnte das sein: Alles Bisherige auf den Kopf stellen, diese falsche, weil brutale Welt, in der du gewalttätig im Kreis rennst, vollgestopft von unnötigem Mist, unter Rivalen ständig überlastet, eben toxisch! Auch ich habe mich dann kleinlaut, wenn auch ausdrücklich zur Sucherin ermutigt, zog in ein karges Apartment mit nur Matratze, Tisch, Stuhl, Regal und Schrank. Jeder von uns wohnte minimalistisch einzeln und wir trafen uns täglich. Rauchen, Fleisch, Alkohol, Klamotten – gestrichen. Das Lernen des Filmemachens: mein Auslaufmodell. Ich suchte Erhellendes, Heilendes: Ausgiebiges Fasten, lesen geistiger Bücher, gemeinsam viel Zeit an der Isar, in heftigen Gesprächen und stiller Natur. In mir setzte erste Weite ein, etwas Weiches, ein Gefühl von „so ist es richtig“. Bald trug ich Baumwollenes, aß längst vegetarisch und versuchte ernsthaft zu meditieren. Ich hatte Gefährten gefunden, nichts von Sekte.

die Anfänge des Harem: Christa, Jutta, Brigitte

Sicherheiten, schale Gewohnheiten abschaffen, um letztlich auf etwas anderes zu stoßen. Dieses Unbekannte, das ich bisher nicht sehen konnte, höchstens ängstlich ahnte, fand unter uns als Labor für „verrückte“ Frauen den not-wendigen Raum. Die Jahrtausende lang verdrängte Gewalt der Schlafzimmer als Opfer-Frau zeigte sich schnell in jeder von uns. Drastisch und hässlich! Ich war Sklavin aufgeblähter Einbildungen, nichts Selbstbewusstes. Erst sehr langsam tauchte erstes schmerzlich Klärendes vor meinen Augen auf: Gewalt gegen jeden, dieses Laute, Harte. Ich hätte mich vor mir selbst fürchten müssen. „Riefenstahl“ nannten mich die anderen Frauen. Gnadenlos wüteten in mir „Feldwebel“ und „Großkotz“ und schufen erst die Welt, vor der ich vermutlich Angst hatte. Ich lernte: Frauen sind weiß Gott nicht die besseren Menschen, ihre unbewussten Machtspiele aus der zweiten Reihe, ihr Besitzwahn wirken umso toxischer. So führt der Mann als eingebildeter Mächtiger aus, was  die stramme Mutti zuhause befiehlt. Was für ein Zustand! Immer wieder versuchten wir, unsere Mördergruben aufzuführen, um schließlich durch solche Schrecken als ständige Schattenarbeit hindurch zu finden: Erinnern, wiederholen, durcharbeiten – wie in der Therapie bekannt. Wir Hyänen übten, in solchen Höllen nicht hängen zu bleiben, sondern weiterzugehen. Das erhellte: Wir sind auch anders! Nur kurz, schon stand die nächste Hölle an. So nutzten wir unser Labor analoger Shitstorms zu Versuchen der Selbsterkenntnis in einer Odyssee durch die Nacht: Auch Frauen sind Faschistinnen und müssen darin nicht stecken bleiben. Weibliche Mördergruben rauf und runter. Für viele Jahre eine ständige Nachtmeerfahrt.

 

Rainer ermutigte uns, nicht abzulassen, nicht aufzugeben. Dahinter wirkte eine östliche Spiritualität, die er gefunden und ihn nach dem 68er Höhenflug gerettet hatte. Sie wurde unser aller Orientierung, wenn auch bei mir stümperhaft. Immerhin spürte ich an guten Tagen erste minimale „Bewegungen“ in mir. War das schon Inneres? Und Stunden später war davon nichts mehr da. Ein ständiges Scheitern in eine neue Welt, in etwas, das nicht zu fassen war? Einmal zeigten wir unsere Odyssee sogar als Reality-Soap wochenlang vor TV-Kameras. Damals war diese Schattenseite von Frauen für ein Fernseh-Publikum vermutlich schockierend, unbegreiflich, das Internet der Shitstorms noch weit weg. Inzwischen hat sich das Internet als Forum der Selbsterkenntnis für alle aufgetan, von den Alten ständig gebasht: Aber besonders die Jungen nutzen die Sozialen Medien. Ihre Shitstorms so ähnlich wie einst unsere: Als Anschauungsunterricht der eigenen Mördergruben. Faschistisches öffentlich erinnern, wiederholen und durcharbeiten.

Nach Video-Experimenten erstes Selfie-Drehen mit Mini-Kameras

Unsere in den Medien der Achtziger und Neunziger jedoch so skandalösen Shows öffentlicher Höllen von Frauen führten zum Rückzug. Zuviel „niemand liebt mich“, zu wenig selbstbewusste Zuversicht! Befreundete Männer, die zuvor noch fasziniert unsere Nähe gesucht hatten, auch einige Frauen, waren plötzlich verschwunden. Würde man mich bald als Hexe verbrennen? Ungeliebt und nicht anerkannt, da knickte ich ein. Jede Ablehnung eines TV-Projekts, das ich den Sendern anbot, verstärkte meine Zweifel. Kommunikation erweitern, mich endlich eigensinnig und authentisch bewegen, das wollte ich noch immer außen erreichen, in dieser alten schlechten Welt der Konkurrenz. Dass ich längst jeden Tag virtuelle Filme drehte, dafür blieb ich blind. Obwohl ich spürte: In diesem langatmigen, weil Hardware-Filmgeschäft des Männerbunds zu kämpfen, lohnt sich nicht. Meine Freude am Medialen würde ich grundsätzlicher verorten müssen: Also zog ich in eine größere Wohnung, lud Menschen ein, die mich interessierten, übte in dieser Art Salon oder Talkshow Fragen stellen, zuzuhören, eine eigenständigere Sprache für meinen Weg zu entdecken.

Aber ich hatte noch immer nicht tiefer verstanden, dass es auf meinem Weg raus aus dem Eva-Schwachsinn weiter um Scheitern ging. Scheitern aus letztlich allen Aspekten der Opfer-Rolle, aus weiblicher Rivalität, aus Intrige und Machtspielen in etwas so viel Besseres, in das Eigentliche, eine größere Kommunikation der Liebe willen. Großes Wort: der Liebe willen. Die Vision meiner 68er Generation, letztlich also meine, kann gar nicht sterben. Sie wirkt weiter im Verborgenen, von mir und allen Menschen unbemerkt. Scheitern aus einer veralteten Welt der Feinde. Vertrautes schwindet, Angst vor dem Neuen kommt auf. Dranbleiben!

 

Unser Ex-Kommunarde und Gefährte Rainer Langhans ist die einzige Lichtgestalt in dieser Wüste, die ich kenne. Er geht unbeirrt seinen Weg, ermutigt mich, meine Gefährtinnen, plädiert in der Öffentlichkeit immer wieder für das Internet als einem ersten Tool, das die Menschheit bewusster nutzen könnte, um weiter aus der üblen Welt eines überbordenden Materialismus heraus zu scheitern. Nach wie vor packen mich immer wieder Zweifel, komme ich vom Weg ab, so erscheint es mir in solchen Phasen, und werde blind für meine neue Realität. Fake-News irritieren gewaltig, weil sie den engen Verstand sprengen. Auch meinen. Wir seien längst mitten im Umbruch, sagt der Gefährte, nutzten derzeit unseren Genozid der Natur als bedrohlichen Klimawandel, um aufzuwachen. Vielleicht müssen noch mehr Schrecken kommen: Erinnern, wiederholen, durcharbeiten. Bis das Licht für Mehrheiten sichtbar wird. Denn, so Rainer aus eigener Erfahrung: In der Mitte der Dunkelheit läge das Licht. Die Super-Kommunikation aller als kommende Liebe sei eigentlich schon jetzt in Teilen sichtbar, keine Illusion aber als „Fremdes“ noch äußerst bedrohlich. Natürlich muss ich bei solchen Umdeutungen nörgeln: Das dauert alles so lange! Daraufhin sein Lächeln: Den Zeitfaktor kennt natürlich keiner.

5. Januar 2020
von Christa Ritter
Keine Kommentare

I want to believe

Australiens Ostküste brennt, Trump eskaliert, wir sind in Europa reich und fett geworden, der Planet ächzt. Glaubt hier noch jemand an Aufklärung und Kapitalismus? Woran glaube ich? 68 war ein Turning Point, Fridays for Future auch ein wenig. Nicht genug? Alles Radikale scheint nur den Gegner auf den Plan zu rufen, bleibt stofflich. Vor 40 Jahren habe ich mein Leben auf den Kopf gestellt und musste immer wieder zurückrudern. Nur scheinbar? Veränderungen gehen also nur langsam. Vielleicht weil es immer um innere Veränderung gehen muss, die sich dann außen abbildet. Woran glaube ich? Vor ein paar Tagen telefonierte ich mit einer früheren Freundin: Sie ist glücklich, sagt sie. Sie glaubt an die Methode der Meditation ihres Gurus. Da säße sie viel. Einen Moment bin ich beeindruckt und freue mich.

Auch ich habe eine ähnliche Möglichkeit, seit Jahrzehnten: „Wahre Religion“ lese ich auf einer der notwendigen Erläuterungen. Es geht um den inneren Weg. Habe ich damit wirklich begonnen? Ein Freund sagt mir: Den merkt man erstmal kaum, auch wenn sich da etwas bewegt. Ich hätte immer noch die Brille der Welt auf, des Materiellen, verbunden mit Psycho-Wissen. Alles noch das Alte. Es geht also für mich darum, an diesen Weg „zu glauben“?

15. Dezember 2019
von Christa Ritter
Keine Kommentare

Nothing compares to you

Byoncé als Königin in Gold, Madonna not less: Diese Super-Göttinnen des westlichen Frauenolymps treten immer überwältigend auf. Als Super-Stars des Kapitalismus! Endlich zeigen wir, welche Macht die Hüfte schon immer hatte. Wie eh und je. Laut, körperlich despotisch, Glitzer-Body. So fantastisch die Inszenierung, umso langweiliger eigentlich. Finde ich. Diese US-Göttinnen sind nicht mehr als eine Erinnerung, ein Zitat vielleicht, in der Klimakrise aber eher nur ein schlechter Traum. Weil sich gerade unsere überbordende Konsumwelt als Genozid der Natur entpuppt, sehen die neuen Rolemodels anders aus. Dazu las ich heute Abend den Satz einer jungen Engländerin: „Der Kapitalismus funktioniert für die Jungen nicht mehr.“ Genau. Sie meint die ganz Jungen, die FFFs. Androgyn, jenseits weiblicher Körpermacht. Sie trauern um Verschwendung und Vernichtung, treten depressiv auf, fast traurig, eher melancholisch. Also suchen sie nach etwas, das Sinn macht, nicht nach Glitzer-Flitzer, sondern etwas Innerem: Diese Teenies, die kaum je lächeln. Billie Eilish, Greta Thunberg, sogar eine ältere Frau würde ich an ihrer Seite sehen. Sinead o‘Connor, die „Nothing compares to you“ gerade in Berlin wieder für sich und alle Leidenden dieser Welt gesungen hat.

Später sah ich Greta‘s Foto: Wie sie auf dem Boden eines ICE der Deutschen Bahn sitzt, im Gang zwischen Rucksack und Koffern, traurig, nachdenklich. Schlechte Nachrichten: Madrid hat nichts gebracht, die Mächtigen gaben nicht nach.

Noch später landete ich auf Netflix:  Fortsetzung „Homeland“. Nach längerer Pause schaute ich der Serie der CIA-Agentin mit bipolarer Störung wieder fasziniert zu. Carrie ist auch so eine depressive, letztlich „verpeilte“ Sucherin des Übergangs, eine, die den Kapitalismus noch nie schaffte, nur durch Pillen ihre Intuition als Begabung zu nutzen versteht, nichts von Göttin. All diese unsicheren, unangepassten Sucherinnen (auch „Jessica Jones“ als Serie) liebe ich: Längst interessieren mich in Filmen oder Serien kaum noch die hübschen oder erfolgreiche Frauen, wenn sie nicht wenigstens irgendwie „verstören“. Schon gar keine Diven oder Göttinnen. Alles Hollywood, protziger Suicide. Mich tröstet es geradezu, Frauen bei ersten Versuchen erweiterter Möglichkeiten zuzusehen. Ob bipolar, autistisch, narzisstisch, zickig oder querulantisch. Frauen, die sich Eva’s Macht verweigern, in die Unbekannte aufgebrochen sind, auf dem Weg nach Innen. Ich glaube, diese „Wesen“ üben ihre ersten Schritte der Selbstwahrnehmung im Netz: FFF und Billie wie Greta. Wie ich. Und du?

25. November 2019
von Christa Ritter
Keine Kommentare

Wer bin ich?

Drei Staffeln „Mr. Robot“ (Amazon Prime) liegen schon eine Weile hinter mir. Begeistert! Gerade freue ich mich über die vierte: Die Serie handelt vom jungen Elliot, einem merkwürdig schläfrigen und doch irgendwie hellwachen Hacker, der viel von seiner Vergangenheit „vergessen“ hat. Im Dark Net gerät er in Verwicklungen mit seinen diversen Ichs, dahinter eine mysteriöse Gang aus China, die sich die Weltwirtschaft unter den Nagel reißen will. An seiner Seite als ständiger Berater: der geheimnisvolle Mr. Robot.

Gestern hat mir die 7. Folge der vierten Staffel den Atem verschlagen. Elliots Therapeutin wurde von einem Fremden gekidnappt. Dieser Brother im Leid konfrontiert Elliot mit dieser einzigen „Vertrauten“, der nun gefesselten Therapeutin und seiner „Psycho-Akte“: Wer bist du, Elliot? Wer ist Mr. Robot? Der entpuppt sich als Schutzschild eines grausamen Schmerzes in Elliots Kindheit. Dad hat mich doch geliebt, stammelt Elliot. Und warum bist du dann aus dem Fenster gesprungen? Stück um Stück entblättert der Brother Elliots Lebenslüge, im Beisein der gefesselten Therapeutin. Neben ihr Mr. Robot. Der für die „Lebenslüge“ von Elliot steht, als eine Art Stellvertreter, seine „Lebenslüge“. Die Wahrheit ischneidet durch Elliots Herz: Dad fucked me. Ein Abgrund tut sich auf, Elliot stürzt, tief, aber überlebt.

Verdrängung als not-wendiger Schutz, früher. Langsam verstehe ich: Der Vater liebte diesen Jungen nicht, weil er selbst nie lieben konnte. Er „tötete“ ihn und Elliot sprang. Und flüchtet sich seitdem immer mehr, nicht wie die meisten, in übliche Normalitäten der Anpassung: Dieser bequemere Weg war ihm verstellt. Er „versteckte“ sich im Dark Net in diverse Identitäten, vor allem aber geschützt vom obersten Hüter seiner Verdrängung einer brutal verletzten Männlichkeit, diesem Mr. Robot.

Nur mit Hilfe seiner Hüter-Figur konnte Elliot bisher in einer Welt der Gewalt überleben. Nun ist Mr. Robot als Elliots Erfindung enttarnt. Elliot wirkt wie befreit. Aber diese irre 7. Folge zeigt nur den ersten Schritt von Elliots Heilung als „Erinnern“. Wie in Therapien üblich, wird danach folgen müssen: Wiederholen, Durcharbeiten als Weg zu dem wahren Elliot. Doch schon in dessen Erinnern spürt man die aufkommende Stärke dieses „vergewaltigten“ Mannes, seinen ersten Ansatz in die Freiheit eigenständiger Männlichkeit. Aufwühlend. Elliot bin ich auch: Der Kern meines Ichs (wie weit noch?) „vergewaltigt“. Mrs. und Mr. Robot flüstern mir Wahrheiten zu, die aus dem Gefängnis des Puppenheims stammen. Wie lange noch?

19. November 2019
von Christa Ritter
Keine Kommentare

Coole Gretas

Mir scheint, die Greta-Generation der ganz jungen Frauen sieht sich nicht mehr so gender-fixiert wie noch meine 68er Generation der Frauenbewegten oder der heutigen Feministinnen. Die Gretas sind divers, multi, genderfluid. Als wäre da tatsächlich eine Art Bruch passiert. Vorbei die nervige Opfer-Täter-Ecke, so mein Bild dieser FFFs. Das Internet bringt tatsächlich die Frauen weiter, lässt selbst feministische Lobhudelei hinter sich? Diese Coolness gefällt mir. Dahinter vermute ich: Weder muss ich gefallen, noch geliebt oder sonst wie gepampert werden. Ich mache mein Ding, unbeirrt, so wie jede und jeder der Menschen um mich. Schlaglöcher inklusive, gehört dazu, lassen mich wachsen. Nach dem Motto: Wer bin ich und das werde ich in diesem Leben herausfinden. Mit einer oder einem, ganz sicher aber mit vielen. Denn im Grunde aber bin ich sowieso dank Instagram oder Facebook mit allen Menschen zusammen, lasse mich inspirieren auf dem Trip zu der, die ich werden will. Hinter so einer offenen Haltung eigener individueller weiblicher Täterschaft bleiben heutige Feministinnen ziemlich zurück. Denn sie fordern ihren Anteil am patriarchal-materialistischen System, der aussichtslosen Welt von Macht und Ohnmacht, die gerade scheitert. Ich weiß, ist auch nicht einfach, sich ins Ungewisse aufzumachen, hab selbst noch diverse opfertypische Hangups. Die Frau als Mensch, also weder als Prinzessin noch als Mutter gebauchpinselt, on the way to soulbeauty, ist wohl die Vision, die durch das Internet beschleunigt vorangetrieben wird. Vermute ich.

20. Oktober 2019
von Christa Ritter
Keine Kommentare

Der tiefschwarze Messias

Hab einen verstörenden Film gesehen: JOKER. Er fällt so aus dem Hollywood-Rahmen, dass ich nachts aufwachte, um darüber nachzudenken. Dieser verrückte Typ, selbstverliebt und doch ein entsetzlich-liebender Loser. Mama-fixiert, der Vater weit weg und stinkreich. Die Story bricht manchmal ab, weg, unwichtig, die Kamera irrt weiter, immer diesem Irren hinterher. Zwei Stunden lang: Gotham City, das schaurige NY der 70er Jahre. So einem wie ihm wird nichts gegeben, immer mehr weggenommen, bis er anfängt, den Menschen in seiner Nähe das dürre Leben wegzunehmen. Wegzuballern. Amokläufer, Pillenfresser, Extrem-Armut vs. Superreich, ein Comedian, der es schließlich in die Talkshow schafft. Joker ist zart und ohne Erbarmen, ein Messias, ein tiefschwarzer natürlich, einer, der aus der Kälte kommt. Nur so einer findet irgendwann? In sein Tagebuch schrieb er: Das Leben ist tot, nur im Tod das Leben. Vater, warum hast du mich verlassen, fragt er den reichen Mann, den er für seinen Vater hält. Liebst du mich endlich?

Ich folge atemlos diesem verzweifelten Lauf eines Clowns, der nach Licht sucht, der die verletzte Mutter mit dem Kissen erstickt, aus Mitleid vielleicht, nicht fassbar für die Ermittler, auch nicht für mich. Seinen Kreuz-Amoklauf durch den Film, rasend, zärtlich, entsetzlich, sehe ich als eine Allegorie auf das Amerika heute. Der Joker ist Trump oder er ist die Wähler, die Trump wählten. Erbarme dich unser: Make America great again! Die Demokraten, das aufgeklärte Amerika sind die Schattenfiguren der Korruption, der Verlogenheit, des tödlichen Systems. How dare you! Ich sehe den fortschreitenden Tod des Kapitalismus, da hat vielleicht sogar einer von den Mächtigen schon den Knopf gedrückt. Und die Jugend brandschatzt durch die Straßen, zwei heben den Verletzten mit der Clownsmaske auf ihre Schultern. Sie lieben Joker, großartig, Tränen in seinen Augen. Kill the Rich! Heißt es auf ihren Flyern. Gibt es irgendeine Rettung? Für Joker, für Amerika, für uns, für mich? In der letzten Einstellung sieht man einen langen weißen Gang, alles weiß, fast überirdisch zart. Hinten stürzt der Joker, ganz in Weiß gekleidet, von einer Seite ins Gegenüber, gefolgt von einem ebenso weißen Wesen. Sie verschwinden und tauchen rasend wieder aus der Ecke auf. Zurück. Wohin? Ein fantastischer Film über Amerika, aber letztlich auch über uns.

13. Oktober 2019
von Christa Ritter
Keine Kommentare

Was ist mit den Rechten los?

Überall sterben täglich Menschen, viele Menschen, so rede ich daher, etwas kopflos, zynisch könnte man meinen, als ich Gisela bei ihrem Frühstück störe. Gestern #Halle, Nachrichten, später Illner und Lanz. Wir erleben gerade zwei Tote in Halle und die deutschen Medien stehen Kopf. Verrückt nicht? Das hätte ich ganz und gar nicht sagen sollen. Gisela reagiert entsprechend aufgebracht: Die Deutschen haben nichts gelernt, alles Nazis, diese Ossis spinnen doch.

Das Gespräch mit Gisela ging nicht weiter. Ich fand mich mit meiner Bemerkung irgendwie daneben und doch auch wieder nicht. Zu kompliziert. Next day, next try: Unser Hauspark, an meiner Seite Rainer. Du hast schon recht. Diese Verunsicherung überall, die Angst, entsprechende Überreaktionen der Medien. Rainer hatte die beiden TV-Diskussionen auch gesehen. Was mich doch erstaunt hat, so Rainer, war die Ratlosigkeit. Niemand in den Runden habe eine Idee gehabt, was jetzt zu tun sei. Gegen rechts, präventiv, was da überhaupt in solchen Köpfen tobt. Mit diesen Faschisten ins Gespräch zu kommen, sie also abholen, wie es so schön heißt? Mir fällt nur ein: Die finde ich grauenhaft, diese Glatzköppe, Ossis verstehe ich sowieso nicht. Rainer eher emotionslos: Mit diesen Ossis kommt uns der Faschismus sehr nah und wir werden bald merken, das dürfte auch der unsrige sein. Nicht nur der von ein paar Abgehängten, sondern der auch von uns, von Normalos, den Demokraten, den Linken und Neoliberalen.

Wir alle merken also, dass unser bisheriges Lebenskonzept nicht mehr reicht, werfe ich ein. Deshalb marschieren wir aber nicht brüllend durch die Straßen, erschießen Juden und hassen jeden Flüchtling. Hier im spätherbstlichen Park von Schwabing: Friede ist mit uns! Vereinzelt sitzt jemand auf einer Bank, auf dem Spielplatz ist fröhliche Action angesagt, noch viel mehr Gerenne auf der Fußballwiese. Manche lesen im Gras oder sonnen sich. Und diese Oberfläche soll nur Trug und Schein sein? Dahinter wie eh und je Hass und Mordlust?

Warum gerade die Ossis? Warum schreien gerade die, die doch dankbar sein könnten, jedenfalls viele von ihnen, so voller Hass gegen alles an, während „wir“ in Berlin und München ganz cool in den Cafés unsere Smoothies trinken? Man müsse sie mitnehmen, irgendwo abholen, so heißt es immer wieder. Außerdem gäbe es auch Militante in Wessiland, zum Beispiel im Ruhrpott. Rainer weiter: Diese Ossis seien nicht undankbar. Sie spürten aber als Erste, dass sich etwas in dieser Welt grundsätzlich verändert. Früher als wir in den alten Bundesländern fühlten sie das. Schließlich hätten die Ossis vor kurzem schon einmal die Auflösung ihres Staates erlebt. Alles weg, nichts blieb. Alle vertrauten Felle sind ihnen damals davon geschwommen. Krass. Und jetzt schon wieder? Sie haben daher als Erste Angst und die zeigen sie auch. Warum dann aber ausgerechnet die braune Jauche?

Wir gehen an der Bank unter einem riesigen Kastanienbaum vorbei. Ein schöner Platz, durch die üppige Baumkrone etwas dunkel. Wie versteckt hocken hier immer Obdachlose, machen Musik, trinken, reden. Auch heute. Zwei Frauen sind dabei, ein junger Mann spielt Gitarre. „Imagine“, das Lennon-Lied. Auch hier wirkt niemand, als hätte er Angst. Aber sie haben Angst, jeder hat Angst, wenn etwas Vertrautes wegbricht und völlig Unbekanntes auf einen zukommt. Die Rechten in Deutschland sind die besseren Seismographen? Und wir Bürgerlinke wähnen uns in falscher Sicherheit? Du weißt doch aus eurer Harems-Erfahrung, so Rainer: Wenn alles Vertraute den Bach runter stürzt, bringen sich die schlimmsten Fratzen des alten Systems in Stellung: Das wirst du nicht überleben! Kreischen sie. Im Kapitalismus hießen nun mal die Fratzen: Sexismus, Rassismus, Antisemitismus, Faschismus. Nur an der Oberfläche seien wir „aufgeklärt“. Stimmt, muss ich mir eingestehen. Als wir Frauen mit diesem Weg raus aus dem alten System in den Siebzigern anfingen, hießen unsere Fratzen: Eifersucht, Beziehungswahn, Geltungssucht, Männerhass. Auch alles faschistisch. Und das hat uns geschockt und eingeschüchtert. Seitdem machen wir zwar weiter, aber in doch sehr viel zaghafteren Schritten. Immer auf der Hut, von den Fratzen ertappt zu werden.

Also: Ratlosigkeit in den beiden Talkshows. Durch Verbote werden wir nicht weiterkommen, glaube ich zu wissen. Aber die Fratzen der anderen kommen immer näher: Es gilt sich ihnen zu stellen. Vor Jahrzehnten hat Rainer einmal in einem taz-Interview gesagt: Wir müssen die besseren Faschisten werden. Klingt irre, oder? Und dann auch wieder nicht. Meint nämlich: Nicht im Hass hängen bleiben, sich von der Gewalt einschüchtern lassen, sondern durchgehen. Dazu leider nochmal ein unverständlicher Spruch: In der Mitte der Dunkelheit ist das Licht. Wenn du nicht aufgibst, werden die Fratzen blasser, irgendwann verschwinden sie. Ich weiß nicht wirklich, ob das so stimmt. Bisher kann ich nur glauben. Und bleibe dran.

Zur Werkzeugleiste springen