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Christa Ritter's Blog

19. November 2019
von Christa Ritter
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Coole Gretas

Mir scheint, die Greta-Generation der ganz jungen Frauen sieht sich nicht mehr so gender-fixiert wie noch meine 68er Generation der Frauenbewegten oder der heutigen Feministinnen. Die Gretas sind divers, multi, genderfluid. Als wäre da tatsächlich eine Art Bruch passiert. Vorbei die nervige Opfer-Täter-Ecke, so mein Bild dieser FFFs. Das Internet bringt tatsächlich die Frauen weiter, lässt selbst feministische Lobhudelei hinter sich? Diese Coolness gefällt mir. Dahinter vermute ich: Weder muss ich gefallen, noch geliebt oder sonst wie gepampert werden. Ich mache mein Ding, unbeirrt, so wie jede und jeder der Menschen um mich. Schlaglöcher inklusive, gehört dazu, lassen mich wachsen. Nach dem Motto: Wer bin ich und das werde ich in diesem Leben herausfinden. Mit einer oder einem, ganz sicher aber mit vielen. Denn im Grunde aber bin ich sowieso dank Instagram oder Facebook mit allen Menschen zusammen, lasse mich inspirieren auf dem Trip zu der, die ich werden will. Hinter so einer offenen Haltung eigener individueller weiblicher Täterschaft bleiben heutige Feministinnen ziemlich zurück. Denn sie fordern ihren Anteil am patriarchal-materialistischen System, der aussichtslosen Welt von Macht und Ohnmacht, die gerade scheitert. Ich weiß, ist auch nicht einfach, sich ins Ungewisse aufzumachen, hab selbst noch diverse opfertypische Hangups. Die Frau als Mensch, also weder als Prinzessin noch als Mutter gebauchpinselt, on the way to soulbeauty, ist wohl die Vision, die durch das Internet beschleunigt vorangetrieben wird. Vermute ich.

20. Oktober 2019
von Christa Ritter
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Der tiefschwarze Messias

Hab einen verstörenden Film gesehen: JOKER. Er fällt so aus dem Hollywood-Rahmen, dass ich nachts aufwachte, um darüber nachzudenken. Dieser verrückte Typ, selbstverliebt und doch ein entsetzlich-liebender Loser. Mama-fixiert, der Vater weit weg und stinkreich. Die Story bricht manchmal ab, weg, unwichtig, die Kamera irrt weiter, immer diesem Irren hinterher. Zwei Stunden lang: Gotham City, das schaurige NY der 70er Jahre. So einem wie ihm wird nichts gegeben, immer mehr weggenommen, bis er anfängt, den Menschen in seiner Nähe das dürre Leben wegzunehmen. Wegzuballern. Amokläufer, Pillenfresser, Extrem-Armut vs. Superreich, ein Comedian, der es schließlich in die Talkshow schafft. Joker ist zart und ohne Erbarmen, ein Messias, ein tiefschwarzer natürlich, einer, der aus der Kälte kommt. Nur so einer findet irgendwann? In sein Tagebuch schrieb er: Das Leben ist tot, nur im Tod das Leben. Vater, warum hast du mich verlassen, fragt er den reichen Mann, den er für seinen Vater hält. Liebst du mich endlich?

Ich folge atemlos diesem verzweifelten Lauf eines Clowns, der nach Licht sucht, der die verletzte Mutter mit dem Kissen erstickt, aus Mitleid vielleicht, nicht fassbar für die Ermittler, auch nicht für mich. Seinen Kreuz-Amoklauf durch den Film, rasend, zärtlich, entsetzlich, sehe ich als eine Allegorie auf das Amerika heute. Der Joker ist Trump oder er ist die Wähler, die Trump wählten. Erbarme dich unser: Make America great again! Die Demokraten, das aufgeklärte Amerika sind die Schattenfiguren der Korruption, der Verlogenheit, des tödlichen Systems. How dare you! Ich sehe den fortschreitenden Tod des Kapitalismus, da hat vielleicht sogar einer von den Mächtigen schon den Knopf gedrückt. Und die Jugend brandschatzt durch die Straßen, zwei heben den Verletzten mit der Clownsmaske auf ihre Schultern. Sie lieben Joker, großartig, Tränen in seinen Augen. Kill the Rich! Heißt es auf ihren Flyern. Gibt es irgendeine Rettung? Für Joker, für Amerika, für uns, für mich? In der letzten Einstellung sieht man einen langen weißen Gang, alles weiß, fast überirdisch zart. Hinten stürzt der Joker, ganz in Weiß gekleidet, von einer Seite ins Gegenüber, gefolgt von einem ebenso weißen Wesen. Sie verschwinden und tauchen rasend wieder aus der Ecke auf. Zurück. Wohin? Ein fantastischer Film über Amerika, aber letztlich auch über uns.

13. Oktober 2019
von Christa Ritter
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Was ist mit den Rechten los?

Überall sterben täglich Menschen, viele Menschen, so rede ich daher, etwas kopflos, zynisch könnte man meinen, als ich Gisela bei ihrem Frühstück störe. Gestern #Halle, Nachrichten, später Illner und Lanz. Wir erleben gerade zwei Tote in Halle und die deutschen Medien stehen Kopf. Verrückt nicht? Das hätte ich ganz und gar nicht sagen sollen. Gisela reagiert entsprechend aufgebracht: Die Deutschen haben nichts gelernt, alles Nazis, diese Ossis spinnen doch.

Das Gespräch mit Gisela ging nicht weiter. Ich fand mich mit meiner Bemerkung irgendwie daneben und doch auch wieder nicht. Zu kompliziert. Next day, next try: Unser Hauspark, an meiner Seite Rainer. Du hast schon recht. Diese Verunsicherung überall, die Angst, entsprechende Überreaktionen der Medien. Rainer hatte die beiden TV-Diskussionen auch gesehen. Was mich doch erstaunt hat, so Rainer, war die Ratlosigkeit. Niemand in den Runden habe eine Idee gehabt, was jetzt zu tun sei. Gegen rechts, präventiv, was da überhaupt in solchen Köpfen tobt. Mit diesen Faschisten ins Gespräch zu kommen, sie also abholen, wie es so schön heißt? Mir fällt nur ein: Die finde ich grauenhaft, diese Glatzköppe, Ossis verstehe ich sowieso nicht. Rainer eher emotionslos: Mit diesen Ossis kommt uns der Faschismus sehr nah und wir werden bald merken, das dürfte auch der unsrige sein. Nicht nur der von ein paar Abgehängten, sondern der auch von uns, von Normalos, den Demokraten, den Linken und Neoliberalen.

Wir alle merken also, dass unser bisheriges Lebenskonzept nicht mehr reicht, werfe ich ein. Deshalb marschieren wir aber nicht brüllend durch die Straßen, erschießen Juden und hassen jeden Flüchtling. Hier im spätherbstlichen Park von Schwabing: Friede ist mit uns! Vereinzelt sitzt jemand auf einer Bank, auf dem Spielplatz ist fröhliche Action angesagt, noch viel mehr Gerenne auf der Fußballwiese. Manche lesen im Gras oder sonnen sich. Und diese Oberfläche soll nur Trug und Schein sein? Dahinter wie eh und je Hass und Mordlust?

Warum gerade die Ossis? Warum schreien gerade die, die doch dankbar sein könnten, jedenfalls viele von ihnen, so voller Hass gegen alles an, während „wir“ in Berlin und München ganz cool in den Cafés unsere Smoothies trinken? Man müsse sie mitnehmen, irgendwo abholen, so heißt es immer wieder. Außerdem gäbe es auch Militante in Wessiland, zum Beispiel im Ruhrpott. Rainer weiter: Diese Ossis seien nicht undankbar. Sie spürten aber als Erste, dass sich etwas in dieser Welt grundsätzlich verändert. Früher als wir in den alten Bundesländern fühlten sie das. Schließlich hätten die Ossis vor kurzem schon einmal die Auflösung ihres Staates erlebt. Alles weg, nichts blieb. Alle vertrauten Felle sind ihnen damals davon geschwommen. Krass. Und jetzt schon wieder? Sie haben daher als Erste Angst und die zeigen sie auch. Warum dann aber ausgerechnet die braune Jauche?

Wir gehen an der Bank unter einem riesigen Kastanienbaum vorbei. Ein schöner Platz, durch die üppige Baumkrone etwas dunkel. Wie versteckt hocken hier immer Obdachlose, machen Musik, trinken, reden. Auch heute. Zwei Frauen sind dabei, ein junger Mann spielt Gitarre. „Imagine“, das Lennon-Lied. Auch hier wirkt niemand, als hätte er Angst. Aber sie haben Angst, jeder hat Angst, wenn etwas Vertrautes wegbricht und völlig Unbekanntes auf einen zukommt. Die Rechten in Deutschland sind die besseren Seismographen? Und wir Bürgerlinke wähnen uns in falscher Sicherheit? Du weißt doch aus eurer Harems-Erfahrung, so Rainer: Wenn alles Vertraute den Bach runter stürzt, bringen sich die schlimmsten Fratzen des alten Systems in Stellung: Das wirst du nicht überleben! Kreischen sie. Im Kapitalismus hießen nun mal die Fratzen: Sexismus, Rassismus, Antisemitismus, Faschismus. Nur an der Oberfläche seien wir „aufgeklärt“. Stimmt, muss ich mir eingestehen. Als wir Frauen mit diesem Weg raus aus dem alten System in den Siebzigern anfingen, hießen unsere Fratzen: Eifersucht, Beziehungswahn, Geltungssucht, Männerhass. Auch alles faschistisch. Und das hat uns geschockt und eingeschüchtert. Seitdem machen wir zwar weiter, aber in doch sehr viel zaghafteren Schritten. Immer auf der Hut, von den Fratzen ertappt zu werden.

Also: Ratlosigkeit in den beiden Talkshows. Durch Verbote werden wir nicht weiterkommen, glaube ich zu wissen. Aber die Fratzen der anderen kommen immer näher: Es gilt sich ihnen zu stellen. Vor Jahrzehnten hat Rainer einmal in einem taz-Interview gesagt: Wir müssen die besseren Faschisten werden. Klingt irre, oder? Und dann auch wieder nicht. Meint nämlich: Nicht im Hass hängen bleiben, sich von der Gewalt einschüchtern lassen, sondern durchgehen. Dazu leider nochmal ein unverständlicher Spruch: In der Mitte der Dunkelheit ist das Licht. Wenn du nicht aufgibst, werden die Fratzen blasser, irgendwann verschwinden sie. Ich weiß nicht wirklich, ob das so stimmt. Bisher kann ich nur glauben. Und bleibe dran.

12. Oktober 2019
von Christa Ritter
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Was kommt, könnte uns freuen!

Unter uns gehen die Strandgespräche weiter. Meist erst, nachdem jede lange still unter den Sonnenschirm abgetaucht war, vom Sprung ins Meer unterbrochen. „Dieses Bild mit dem Kreuz ist stark,“ sage ich. Damit beziehe ich mich auf die Geschichte eines Heiligen, die wir am Tag zuvor vorgelesen hatten. Jeder von uns Vieren erinnert sich sofort: Das Kreuz, das ja auch Jesus trug. Im Kreuzgang durch Jerusalem, tief gebeugt, die Menschen belustigen sich, spucken ihn an. „Aufgestachelt von den Pharisäern,“ ergänzt Gisela. Brigitte hebt den Kopf. „So richtig habe ich die Geschichte nicht kapiert,“ schiebe ich nach. Zunächst Stille, Gedanken sammeln. „Ich glaube, der Heilige rät uns, kein bequemes Leben zu führen, sondern ein erfülltes“, murmelt Rainer. Heute würden wir das nennen: sich selbst verwirklichen. Was aber bedeutet das eigentlich? Den persönlichen Weg des Wachstums gehen, nicht des Egos? Weshalb im Grunde jeder auf diese Welt kommt? „Den Weg einschlagen, ein Mensch zu werden“ Rainer weiter, „seiner Not-Wendigkeit folgen, dem Sinn seines Hierseins. Daran wollte uns wohl die Geschichte erinnern.“

Die traditionelle Familie als Urzelle unserer Gesellschaft sei tot. Längst ist jeder gefordert, seinen ganz eigenen Weg zu erkennen und ihm zu folgen? „Woher weiß ich, was mein Weg ist,“ frage ich. „Geht nicht immer jeder seinen Weg, das ist doch ganz normal,“ argumentiert jetzt Gisela. „Nein, nicht jeder sucht diese Verantwortung,“ so Rainers Antwort. Gemeint sei wie man sich auch von Buddha erzählt: Die eigene sichere Gegebenheit, das Ego und seine Wünsche als Ausgangsort in der äußeren Welt zu verlassen und sich von da ab jeder noch so fürchterlichen Aufgabe zu stellen und daran zu wachsen. Die käme nun aus dem Inneren. Je entsetzlicher fürs Gemüt, zum Beispiel für die Bequemlichkeit, umso besser für diesen Weg ins Unbekannte. Odysseus fällt mir ein oder die Marvel-Sagen. „Das machen eigentlich nur Männer,“ behaupte ich mit leichtem Nörgelton. „Bisher nur vereinzelt, aber es gab auch eine Hildegard von Bingen,“ höre ich. Volksmäßig natürlich die Nazis. „Und Greta,“ freut sich Gisela. „Und Uschi Obermaier,“ lacht Brigitte. „Die das leider später wieder vergessen hat“, bemerkt Rainer. Wenn es auch nur eine solche Frau je gab, sei das Tor letztlich aber für alle Frauen geöffnet. Ach, immer wieder dieses Höhere, der Geist, das Innere. Passt mir gerade alles nicht, zu schwer. Ich will nur blöd in den Wellen schaukeln.

Was war da noch mit Jesus? Rainer: „Der musste ja erstmal sterben, um als neuer Mensch aufzustehen.“ Auch unter uns Freunden ginge es seit vielen Jahren um ein ständiges „Scheitern“ oder „Sterben“ aus diesem trägen, gewalttätigen Ego raus in etwas, das wir kaum sehen können, geschweige denn bisher mit aller Entschiedenheit verfolgen. Da hat er recht, denke ich. Jede von uns startete anfangs auf diese Weise in den Harem: Radikal. Ich startete zum Beispiel mit raus aus der Altbauwohnung, Umzug in ein kleines Apartment. Möbel abschaffen, Klamotten reduzieren. Auto blieb, aber ergänzend Fahrrad angeschafft. Rauchen, Alkohol, Fleisch weg. Langsames Auslaufen meiner Arbeit draußen, kein Sex mehr. Stattdessen vegetarische Ernährung, Fasten, Meditation, offene Gespräche mit gnadenlosen Analysen, dabei häufig auf Wiesen und an Seen gelegen. Hochinteressante wie merkwürdige Studien des Inneren: Für mich der Anfang eines Weges in das völlig Unbekannte. An dem ich immer wieder zweifle. „Schaut mal da hinten, sind das Pinguine oder Möwen?“ Ich liebe es, mich bei ernsten Gesprächen ganz schnell abzulenken. Die Köpfe meiner Freundinnen drehen sich zum Meer hin. „Pinguine,“ lacht Brigitte, „Möwen sind selten schwarz-weiß.“

„Diese Reise in die eigene Dunkelheit wurde in unserer Kultur mal die Nachtmeerfahrt genannt,“ fährt Rainer fort. Das sei eben dieses Kreuzaufnehmen, wovon der Heilige erzählte. Gisela leise ironisch neben mir: „Der Unsinn des Lebens.“ Ich grinse. Schon lange suchten in unserer Gesellschaft doch immer mehr Menschen nach Erfüllung. „Weil wir erleben, dass uns der Konsum, der satte Bauch nicht glücklich macht.“ Der berühmte Satz von Brecht fällt mir ein: Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral. Die Moral als: das Kreuz auf sich nehmen, statt den Weg zu leugnen oder gar zu behindern. „Auch ihr könntet dabei fröhlicher sein, vor allem, wo wir alle zum ersten Mal ein Tool haben, das uns rausführt: das Internet,“ sinniert Rainer weiter. Rausführt aus dem „Fressen“, der überbordenden Konsumgesellschaft? Ein solches Vehikel habe es in der Menschheitsgeschichte zuvor nie gegeben. Daher nach jedem begeisterten Aufbruch ein grauenhaftes Morden. Bei uns zuletzt die Nazis. „Keine Nation, keine Revolution hat bisher den Ausstieg aus Krieg und Gewalt geschafft und nun sind wir alle dank Internet möglicherweise zum ersten Mal global privilegiert,“ höre ich, als wäre es das erste Mal. Wir könnten uns freuen? Ich mit meinem Leben auch? Freuen über das Scheitern, weil ich nur aus dem Unglück heraus scheitere in etwas Besseres?

Bin ich nicht oft verzagt, leicht depressiv, einfach schlecht drauf und lasse das auch noch an anderen aus? „Bespucke“ andere, wie damals in Jerusalem, bespucke aber eigentlich mich? „Ein hoher Anspruch. Ich finde, sowas überfordert,“ bemerkt Gisela und vergräbt ihre nassen Haare im Handtuch. „Finde ich auch“, ergänze ich, „beim ständigen Scheitern kommt doch keine Freude auf.“ Schreit das Ego, ich weiß. Aber wenn man wie Jesus einen Gott zum Vater hat… ist das anders? Habe ich auch so einen? „Wir leben in einer gottlosen Zeit,“ sage ich mit resigniertem Unterton. Konsum, Fetische, auch in uns nur Müll? „Schöne These: Nur wenn wir weiter scheitern, entkommen wir dem tödlichen Überfluss“ so Gisela. „Wir haben uns diesen Planeten bis zur Halskrause zugemüllt, Vegetation und Tierwelt vernichtet, um uns unsere Gewalt vor Augen zu führen,“ sagt Rainer jetzt. „Die Klimakrise dürfte nur eine Metapher dafür sein, dass wir uns in eine bessere Welt aufgemacht haben.“ Wie lange das dauert, also der Zeitfaktor, der sei nicht absehbar. Die Leute im Silicon Valley hätten die schöne Utopie anfangs laut gesagt: Mit dem Internet in eine bessere Welt! Inzwischen seien sie sich darin nicht mehr so sicher.

Das Kreuz. Wenn ich die Aufgabe meines Lebens nicht annehme, den mühsamen Weg zu meinem Menschsein, dann war mein Leben sinnlos? Ich werde auch nicht gut sterben können? Ich finde: Ich bin verrückt, wir Vier sind ganz schön verrückt. Wälzen so ein Thema, während die Sonne Italiens uns zum „dolce far niente“ verführen will. Auf dem Rückweg vom Strand werde ich im Café einen Nettare löffeln. Hm!

4. Oktober 2019
von Christa Ritter
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How dare you!

Sardinien, ein bisschen wie am Ende der Welt: Von draußen gesehen gleicht hier wirklich fast jeder Tag dem Tag zuvor. Kaum äußere Ablenkung. Sandstrand (immer weiß und weit), Meer (mal weich, mal heftig), Sonnenschirme aufbauen (möglichst viel Schatten), Wind (still, Brise oder heftig). Kuhle suchen, Stille zulassen, Nichtstun. Toll, was? Luxus! Today I hate it! Und doch, wie heute wieder, entsteht manchmal ein Gespräch. Nicht dass einige von euch weiterhin denken, wir Frauen wären nie beteiligt. Auch häufig missverstanden: Ich gäbe mal wieder die Propagandistin von Rainer. Glaube ich ja manchmal noch selber, sehe aber auch, dass zum Beispiel diese Posts der Anfang sind, meine eigene Stimme durch Veröffentlichung überhaupt erst zu entdecken. In einer außerhalb meiner Wahrnehmung. Ein schwieriger Weg: Aus dem Autoritären raus, dem Fremden, Konventionellen, dem des „Systems“, in etwas, was ich wirklich sein könnte. Ein Widerspruch in sich? Was mir also schwer fällt: Ich kann sowas Neues noch immer nur schwer in mich hinein lenken, dort sortieren und mit mir verbinden.

Denn wir Frauen, jede auf ihre Weise, sind auf einem Weg. Schon lange, kaum außen sichtbar, mühsam und voller Auf und Abs. So laufen auch diese Gespräche in Pro und Contra. Mal „nur“ durch Zuhören und Zulassen, oft erst in heftig aggressiven Einwürfen, die eine Bewegung ins Innere einleiten. Letztlich geht es dabei um einen Mix lebendiger Erfahrungen, die wir miteinander teilen: verrücktes Reden, also Überschreiten des Bekannten, annähern, sacken lassen. Durch den Raum unter uns animiert, der bei solchen gemeinsamen Gesprächen entsteht, bilden sich, so kommt es mir vor, erweiterte Bewusstseinsströme.

Merkwürdig alles, unerklärlich und doch geschieht etwas. Schwer zu beschreiben. Rainer sucht dafür die Worte, die es in der Verstandessprache noch nicht gibt. Und er traut sich. Vielleicht liegt es an seinem Talent „Autist“, vielleicht auch daran, dass er ein Mann ist, vielleicht an seiner intensiven 68er Kommune-Erfahrung, dass er in diesem „Zauber“ eine Spur findet. Die Initiative zum Aufbruch in dieses „Irrationale“ geht eher von uns Frauen aus. Rainer hat das Mansplaining schon sehr lange verlassen, finde ich. So sind immer und unvorhersehbar alle beteiligt.

Seit Jahrzehnten teilen wir diese Ausflüge in eine neue Welt: Aus der alten Frauenrolle von Identifikation mit unserer Biologie, dem Adam-Eva-Modell, dem Opfer-Täter-Spiel aussteigen zu üben – mit allen Schwierigkeiten – und dafür etwas von diesem Irrationalen, dem Unbekannten zuzulassen. Ich muss gestehen: Ich ahne manchmal, verstehen kann ich davon nichts, etwas in mir „weiß“. Wenn ich manchmal darüber verzweifle, versucht mich Rainer zu beruhigen. Der Weg sei mühsam, ihm ginge es nicht anders. Es sei nur der Verstand, der immer zweifelt und den Weg nicht sehen kann. Aber da geschehe durchaus etwas. Weil meine innere Stimme mich letztlich bestätigt, bleibe ich dran. Verrückt, nicht?

Heute ist Samstag. Wir Vier haben gemeinsam meditiert und sitzen noch immer auf dem zum Bett ausgezogenen Sofa zusammen. Brigitte stellt den Kühlschrank wieder an, draußen tschilpen schwarze Vögel in den vom Wind schwankenden Kiefern. Pause, Ausklang. „Greta…“ setze ich an. „Habt ihr das Death Metal-Video ihrer UN-Rede gehört,“ unterbricht Gisela, „krass und einfach toll“. Mit tief-knarzigem Röhren aus dem Underground erscheint sie wie eine Botin der Apokalypse, so Gisela weiter. Brigitte nickt. Rainer sieht darin Greta‘s nächsten Schritt verdeutlicht, der auch mich erstaunt hatte: „Mit ihrer ungewöhnlich emotionalen Rede hat sie die vernünftigen Appelle weit überschritten.“ Greta habe damit Zahlen und Messungen von Wissenschaftlern verlassen, also ihren bisherigen Standort. „Mit Tränen ihrer Empörung wird sie zur Wutbürgerin.“ Als ich das Video ihrer UN-Rede sah, bin ich auch erschrocken: Ein Teenie klagt mich an, so mein Gefühl. Traf mich mitten in den Bauch. Gisela ging es wohl ähnlich: „Dann nähern wir uns alle dieser neuen Welt als Wutbürger?“ Brigitte schaut ungläubig zu Rainer. Wutbürger? Nicht nur die Rechten? Was ist überhaupt rechts? Ich überlege: Die Gefühle der Wutbürger, einer Wutbürgerin sind wohl eher etwas noch schwer Definierbares. Sie kommen von irgendwoher. Aus dem Unbekannten, wohin wir uns unaufhaltsam bewegen? Beyond Music oder so? Zurück ins Gespräch, das längst weiter ging. „Greta betritt diese neue Welt der Wut und Empörung zum ersten Mal,“ so Rainer, „Sie ist damit auf der Ebene von Trump angekommen.“ Also „twittert“ sie im Grunde, denke ich, wenn sie vor Wut fast weint. Von dieser Explosion überrascht, ließen sich einige UN-Zuhörer tatsächlich mitreißen, sie applaudierten begeistert. Andere erstarrten und blieben stumm. Erschrocken wie ich? Gisela googelt: „Gretas Rede gibt es auch schon als den Pop-Song How dare you.“

Wir sind gerettet! Nein, ja, noch lange nicht. „Ich sehe hinter dem Klimawandel etwas anderes,“ überlegt Rainer. Dieser Wandel könnte für das stehen, wovon wir ahnen, dass es kommt, dass dieses Unbekannte schon hier ist, wir es aber noch nicht sehen können.“ Ist deshalb Greta‘s Apokalypse-Version auch in mich so merkwürdig reingefahren? Brigitte daraufhin: „Wie soll das denn gut gehen, dieser Umstieg?“ Und Gisela leise: „Hat was Wahnsinniges.“ Ich denke: Sind wir wirklich schon mitten drin? Ich fürchte JA. Ängstlich frage ich: „Glaubt ihr, die Menschheit muss den Kollaps unseres Planeten tatsächlich mit voller Wucht durchleiden?“ Hamburg fluten, Venedig sowieso, Hungersnot, Epidemien und Flüchtlingsströme überall? Eine Eiszeit der Dritten Art? Ich kriege Gänsehaut. Wer will schon sterben oder „auch nur“ andere sterben sehen? „Es hat längst angefangen,“ ist Rainer’s Antwort.

Rainer ist bereits über die Treppe verschwunden. Brigitte setzt Wasser für einen Tee auf. Gisela holt auf dem Balkon die trockenen Handtücher von der Leine. Ich drücke die Kissen glatt. Im Garten sind die Vögel verstummt. Oder einfach zu den Nachbarn geflogen.

28. September 2019
von Christa Ritter
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Greta meets Trump

Ferien in Capo Ferrato (Sardinien): Habe gestern lange still, fast entspannt mit Gisela, Brigitte und Rainer im Sand gelegen. Kaum Wind, die Sonne steht schon tief. In dieser heiligen Ruhe explodiert Greta zwischen uns. Und Trump natürlich, aus gegebenem Anlass! „Verspotten“ setzt Rainer zu einem Diskurs heftiger Gefühle an. „Wieso verstehen die Medien Trump‘s Tweet über Greta nur als „verspotten“?“ Rainer steht vom Handtuch auf, läuft jetzt nachdenklich zwischen unseren Sonnenschirmen hin und her. Rainer weiter: „Aber was hat er wirklich getan? Ich würde sagen, wir könnten versuchen, ihn und seinen Tweet aus viraler Sicht zu sehen. Komplexer, wie wir es nennen.“ Hä, verstehe noch nicht, Frage zulassen. Sagte Rainer nicht eben „komplexer“? Gisela: „Das ist deine Meinung, sowas siehst nur du!“ Hat sie recht, denke ich. Trump‘s Tweet ist böse, ironisch, gemein, wie dieser ganze unsägliche Typ. Gisela hebt den Kopf, als lauerte sie auf das nächste fette Stichwort zu auch ihrem liebsten Schwachkopf. Ja ja, Rainer, wir missverstehen diesen Mann der Zukunft. „Ich weiß, ihr denkt wie die Spießer, wie wir alle, wenn wir an der guten, aber doch längst gescheiterten Aufklärung festhalten.“

Brigitte, was macht eigentlich Brigitte? Sie liegt scheinbar regungslos unter ihrem Schirm. Ich bin sicher: mit gespitzten Ohren. Rainer ist jetzt mit seiner Umdeutung nicht mehr aufzuhalten. „Greta und Trump sind beide Internet-Menschen, die muss man weit über den Verstand hinaus lesen. Sie sind für die alte Welt nur verrückt, wie wir alle verrückt werden müssen.“ Bin ich auch schon irgendwie, grinse ich in das Tuch unter meinem Hüftgold. „Wie ihr wisst, lautete der Tweet von Trump: „Sie scheint mir ein sehr glückliches junges Mädchen zu sein, das sich auf eine fröhliche, wunderbare Zukunft freut. Das ist so schön zu sehen.“ Wir könnten diesen Tweet ganz einfach, direkt und positiv verstehen, ganz so wie er formuliert ist, dringt an mein Ohr. Ich schaue zu Gisela, als sie gerade die Augen verdreht. „Aber wir sind schon so negativ geworden, dass es nichts Positives mehr geben darf. Alles wird runter gemacht, grundsätzlich.“ Rainer weiter: „Im Internet verständigt man sich anders: drei, vier Wörter und der andere weiß schon, was gemeint ist. Keine Hintergedanken, kein langes Gefasel, ganz direkt. Weil wir hinter jedem Shitstorm längst Freunde sind. Als Freunde können wir sogar diese unsäglichen Shitstorms rauspusten, trauen uns ehrlich zu zeigen, ohne die Maske falscher Höflichkeit.“ Genau, finde ich, so hielten wir es auch im Harem, als es das Internet noch nicht gab: Alles muss raus! Echte Freunde dürfen sich alles sagen! Und dadurch lernst du.

Ständig sei von Komplexität die Rede, grassierten Verschwörungstheorien. „Das sind die Vorboten der Spiritualität,“ deutet Rainer weiter, „jeder von uns spürt, dass die Welt, wie wir sie aufgeklärt und rational verstanden, heftig ins Rutschen geraten ist.“ Ich nicke, wie ich bemerke, nicht als Einzige. „We are experienced,“ so Rainer, als wolle er unsere Erinnerung abrufen, „das hieß auch damals wenig Worte, ein Blick, jeder wusste alles von allen. Für Außenstehende war das bedrohlich, verrückt.“ Heute gehörten wir mit unserer ängstlichen Seite zu den Spießern. Rainer hat’s geschafft: Tatsächlich weht mich ein Hauch des damaligen Gefühls an. Wie hat Greta auf den Tweet reagiert? Als Internet-Mädchen habe sie Trump mit seinem Tweet verstanden und seine Sätze in ihren Twitter-Account übernommen. Rainer scheint sich darüber zu freuen: „So ist das Treffen mit Trump, das Greta ursprünglich ablehnte, auf wunderbar virale Weise doch zustande gekommen. Gisela wieder im alten Spiel: „Trump wollte sie ja nicht sehen, erschien zu spät!“ „Der lief später aufgepumpt an ihr vorbei, der Hund,“ ergänze ich. Schon erleuchten mich Rainer‘s nächste Fake-News: „Der hat zwar ihre Rede verpasst, aber nur, weil er natürlich einen anderen Termin hatte. Trotzdem saß er plötzlich unerwartet unter den Zuhörern.“ Alles nur Vermutungen, kreischen wir durcheinander: „Du redest dir immer den ganzen Trump schön.“ „Kommt raus aus eurem Pessimismus… “ so Rainer, „ich bin, eben anders als ihr, optimistisch. Trump hat mit seinem Tweet doch noch Greta getroffen. In Wirklichkeit ist er nämlich wie sie in diesem euch so fremden „Irrationalen“ unterwegs, dem neuen Rationalen, entschlossen, uns ständig wunderschöne Fake-News zu liefern.“ Ja, Rainer ist verrückt und muss seinen, wie er glaubt, Optimismus nun zur Verstärkung auch noch wiederholen: „Trump hat Greta in ihrer UN-Speech zwar verpasst, aber viral erreicht. Zwei Freunde haben sich getroffen.“

Ich sinniere: In seinem Tweet ist also kein Spott, keine Ironie verborgen. Sie sei heute tatsächlich ein glückliches, junges Mädchen, so Rainer weiter. „Welches Mädchen kann sich schon in einer so weitreichenden Rolle erfinden?“ Dazu gehöre eine enorme Stärke, die sie sich dank ursprünglicher Leiden erarbeitet habe. Was habe ich da gelesen? Mit 12 Jahren ist Greta krank geworden, so berichtet ihre Mutter im Buch. Daraufhin hat die ganze Familie ihr Leben umgestellt, Greta hat jede Unterstützung erfahren. Sie gab den Ton vor. „Sonst hätte sie sich nie ganz allein vor das Parlament gesetzt und diesen Streik ausgelöst“, vermutet, nein, weiß Rainer. Greta sei nur deshalb so überzeugend, weil sie diesen Hintergrund hat. „Trump hat das verstanden. Denn er ist klüger als er bis heute überall missverstanden wird, schon immer ein Mann, der in seinem Leben nicht das Übliche machte,“ dringt an mein Ohr. Er sei daher alles andere als der klassische Parteipolitiker, der, wie selbst Obama durch Finanzierung seines Wahlkampfes an der Leine der Wall Street hängt. „Trump ist bereits unterwegs in etwas Neues, das er „great“ nennt, das nur mit der schwarzen Brille einer alten Welt fürchterlich aussieht.“ Der aber mit seinen hunderten Tweets an alle, einen gigantischen Kommunikationsversuch fährt. Der schon mal von Liebe rede, selbst, wenn er davon vielleicht nicht viel weiß. „Und Kommunikation ist immer Liebe. Sein Tweet an Greta dürfte also die FFFs anregen und weiter ermutigen“, erläutert uns Rainer.

Trump will Macht, ist ein Lügner, Narziss, alles Bilder unserer Angst vor dem zunächst Unbegreiflichen? Kennt eigentlich jeder. Weil das Neue nur mit alter Brille bedrohlich erscheint? Rainer beschwört seine Sicht, dieses für uns noch so „andere“, das ich nicht zu fassen vermag, aber doch ahne. „Trump will raus aus dieser verlogenen Welt, zu der er selbst gehört. Er wagt etwas, das eben bisher immer tragisch endete. Aber weil er klüger ist als alle anderen, hört er auf seinen Bauch, das Kind in ihm: Da ist das Internet und das wird mir einen Weg auftun.“ Aha, ein Instinktmensch, grummelt es in mir, einer, der die Nachtigallen husten hört. „Du spinnst,“ sagt Gisela, ganz trocken, „der ist so viel Kind, dass er für Flüchtlinge Kinder-KZs baut, Mauern für die lieben Nachbarn, seine Klimakrisen-Leugnung usw.“ Rainer lässt sich nicht erschüttern: „Das sind nur ehrliche Zwischenlösungen seiner faschistischen Seite. Er ist immerhin so ehrlich, sie öffentlich zu machen. Aber ich denke, er wird durch diese Phasen durchfinden. Wogegen die Demokraten ihren Faschismus verstecken, weiter lügen, viel behaupten und in einer scheußlichen Welt eigener Privilegien verhaftet bleiben, bleiben wollen.“ Faschismus? Durchfinden? Rainer hat recht: Diese feigen, elitären US-Demokraten, die ihre Ambitionen längst verrieten. Clinton & Co. gefallen mir noch viel weniger.

Der Wind ist stärker geworden, wir packen unsere Taschen. „Brexit, die Rechten, Trump sind die ersten Zeichen der Auflösung unseres Konzepts der Aufklärung, einer materialistischen Welt. Wir verlassen diese Welt bereits. Was als Fake-News erscheint, sind die Real-News einer neuen Welt. Auch ihr fürchtet euch davor, wenn ihr hier losschreit. Das verstehe ich.“ Rainer’s Stimme klingt jetzt sanft, als wolle er uns beruhigen. Aber Trump, das sehe man ja auch schon in seiner Politik mit dem Iran, den Russen oder Chinesen: Er pendelt sich durch viele Phasen, macht seine Politik emotional, schon sehr anders als alle Präsidenten der letzten Jahre. „Aber nicht nur ihr, wir alle verstehen noch nicht, was da mit uns und unserer alten, engen Demokratie passiert.“ Und nun stürzten sich alle auf Greta, die fast weinend mehr fordert, als nur eine Techno-Lösung. Als ahnte sie ihren Demo-Followers voran: Es ginge nicht um die kleinen Reparaturen hier und dort. „Die Welt verändert sich grundsätzlich.“

Die Sonnenschirme sind zugeklappt, die Taschen gepackt, wir laufen den Weg zurück zu unserem Haus. Durch ein weites Feld braun-rötlicher Dolden. Wilder Fenchel, Anis. Dicke Raupen auf dem Sandweg, manche wunderschön. Grüne mit roten Punkten und langen Härchen, gelbe mit schwarzen Streifen und spitzem Horn. Als wollten sie ankündigen: Aus uns schlüpfen demnächst die schönsten, buntesten Schmetterlinge.

28. September 2019
von Christa Ritter
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Studium des Inneren

Mein plötzliches Interesse an Anna W. will ich besser verstehen. Das erste Gespräch unter uns, mein letzter Post, reicht nicht. Es erfasst noch nicht das Rätsel dieser Frau, das auch andere beschreiben: unaufdringlich, unaufgeregt, der Stern am Modehimmel. Ausgerechnet dort ist eine „cool“! Selbst Billie Eilish schaut bei ihr vorbei. Die Vogue-Vorsitzende etwas Besonderes, ja, es ist ein Rätsel, sind wir uns einig. Wintour habe sich zuerst eine innere Identität erarbeitet. Nur mit ihr sei ein erfülltes Arbeiten, sei Kommunikation und Netzwerken möglich. Diese Identität sei nicht mehr von der klassischen Frauenmacht bestimmt: Schönheit, Sex, Körper. Erst diese geistigere Kraft gebe ihr eine Autorität der dritten Art zur Überwindung der Glasdecke, an der bisher fast alle Frauen scheitern. Ohne einen inneren Standort kein Selbstvertrauen: Du kannst nicht überzeugen und wirst langfristig vielleicht sogar krank. Resignation, Depression, im Alter Hexe.

Ja, Mona Schröder hat hier mit ihrem Kommentar recht: Neid und Missgunst. Sie plagen mich immer wieder, weil ich mein Studium des Inneren so wenig wahrnehme. Anders als Anna W. Kommunikation und Netzwerken nicht hinkriege. Trotz 40 Jahre Übung in einer weiblichen Kommune. Als entschlossener Versuch von fünf Frauen und einem Mann, in diesem Labor nach innen, auf diese long and winding road zu gehen. Als erstmal sehr oberflächlich angelegtes Wesen hatte ich diesen Shift wohl besonders dringend nötig. Schnelles hallo-hallo Gegrinse ohne festen Boden unter den Füßen: plump extravertiert, so war ich. Habe ich die vielen Jahre meines „Studiums“ im Retreat verschleudert, nur weggeguckt? Die Zweifel rauf und runter lassen mich selten los. Gleichzeitig bin ich sicher: Da gibt es für mich keine Alternative: Ich bleibe dran! Das Innere, ein Rätsel… Und das soll Anna W. schon bewältigt haben?

Zumindest ein wenig. Denn die winding road hört nicht auf. Ewig langer Abstieg in dieses dunkle, unbekannte Innere. In der Mitte der Dunkelheit sei das Licht, heißt es. Konzentration, Meditation, Disziplin, kein weiblicher Firlefanz? Langsam, Schritt um Schritt. Schon der Anfang verändert dein Leben, sagen weise Menschen. Machen Männer auf ihre Weise, wenn sie sich als Jungs von der Mutter lösen, um zum Mann zu werden. Training, Fights, sich mit anderen Jungs messen. Konflikte austragen, seinen eigenen Weg verfolgen. Dann wirst du wer, kannst andere lassen, selbstbewusst führen, aus innerer Personality. Ist auch für sie nur ein Anfang, der nie endet. So hat, vermute ich, auch Anna W. den Zen geküsst. Dank ihrer geistigeren Verortung hat sich die Glasdecke aufgelöst. Da sei sie weiter als Frauen wie Madonna oder Beyoncé, die nach wie vor mit klassisch weiblicher Verführungskraft wedeln.

28. September 2019
von Christa Ritter
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Zen-Master Anna W.

Ich kreise mal wieder. Diesmal um die Mode, die Klamotten, die Gefallsucht der Frauen, die unseren Planeten mit ihrer toxischen Industrie maßgeblich zerstört. Vor ein paar Tagen am Strand: Wintour-Artikel gelesen, wehte es zu mir. Ach die, grummelte ich, die kann ich nicht leiden. Seichte Vogue, blöder Bob-Helm, immer hinter einer Sonnenbrille versteckt. Für noch immer Ahnungslose: Die Teufelin, die Prada trägt. Eine weitere weibliche Stimme unter einem Sonnenschirm: Ich auch nicht, die ist ne Zicke, hochnäsig, kalt. Da solltet ihr nicht so leichtfertig sein, tönt eine weitere Stimme, nämlich die von Rainer, lest mal, was sie gelernt hat. Ihre Erfahrungen: in Zen gemeißelt. Ich plustere: Die hat sicher viele Weinsteins genutzt, so weit nach oben geht’s nicht ohne. Darauf er: Du mit deinem blöden Feminismus, deinem Opfergetue, das ist doch uraltes Zeug. Anna Wintour ist vor allem eine versierte Netzwerkerin. Sowas bringt ihr nicht! Wäre großartig, wenn ihr in der Lage wärt, auch nur einen Hauch von ihr umzusetzen. In meinem Kopf fängt das Pochen an. Netzwerkerin, diese Frau der Macht, Vorsteherin eines geistlosen Glamourblattes im Auftrag nutzloser Protz-Syndikate und ihrem Profit? Die soll etwas wissen, was ich nicht weiß? Das Pochen wird stärker: Zen, Meditation, Konzentration, Neeetzwäärken? Ich ahne, mich hat gerade etwas ganz Wichtiges gestreift. What the heck?

Wie heißt es bei den FFFs nochmal: Planet over Products? Nicht nur die großen Konzerne, die Jungen meinen im Grunde zuvorderst auch uns Frauen und unseren elenden Verschleiß von Ressourcen der Eitelkeit und Geltungssucht: Klamotten und Cremes, gieriges Shopping rauf und runter. Aber noch ist davon öffentlich nichts angekommen. Die Frau als Täterin, ich als Verantwortliche, immer noch gut für jähzornigen Aufruhr. Am liebsten ohne Vorwarnung. Was natürlich jemand schon lange hinter sich gelassen hat, der die Zen-Meisterin lebt. Im SZ-Artikel lese ich ihre Essenzen einer digitalen Masterclass, nichtig wie einfach: Wenn es regnet, einen Regenschirm mitnehmen. Du kannst nicht allen gefallen. Folge deinem Instinkt. Das hilft? Damit kann frau erfolgreich netzwerken, so erfolgreich, dass Hollywood einen Film über sie während ihrer Lebzeiten dreht?

Ich lese keine Vogue. Was heißt „lese“: Ich blättere höchst selten drin rum. Kleiner Sprung zurück, in die vier Tage bevor ich diesen Strand mit meinen Freunden bevölkere. Neben mir mein Koffer als Handgepäck, vor mir der Schrank. Er quillt, er ist voll, die Sachen stürzen mir fast entgegen. Was nehme ich mit? Es ist noch nicht lange her, da habe ich meine Wohnung möbelmäßig entmüllt. Oder freundlicher: minimalisiert. So ist es um mich endlich luftig und heller geworden. Liebe FFFs: Ich lebe einfacher! Diese Entschlackung sollte ich auch auf meine Klamotten anwenden. Weniger ist mehr, ist das nicht auch schon Zen? Wie oft habe ich meine Roben in diesem Leben schon abgespreckt! Irgendwie werden sie aber trotzdem nie weniger. Weibliche Magie? Halt die Klappe, wir sind beim Zen. Magie war vorgestern, heute ist Klimakrise, also geht es auch im Schrank einer Frau um Klarheit. Ich aber habe nur Unklares zum Anziehen. Schlecht für das Netzwerken. Sehr schlecht. Ich lasse auf YouTube ein Video mit Wintour laufen. Sie trägt nicht nur immer diesen superperfekten Haaraufbau, sie trägt auch immer einfach gemusterte Hänger. Nennt man solch unscheinbare Kostbarkeiten „Hänger“? Die fallen ihr nicht aus dem Schrank entgegen, die lässt sie vermutlich vorlegen, aus mindestens 3 begehbaren Kleiderschränken, während ihr Haar von einem Superstylisten sorgfältig gefönt wird.

Es lässt sich nicht verbergen: Noch habe ich A.W. nicht wirklich verstanden. Erst am nächsten Morgen nach der Irritation am Strand ahne ich: Auch Kapitalisten des Modewahnsinns können nachhaltig werden. Wenn sie Zen üben, während sie netzwerken. Es gibt keine Machtschweine, nicht gut, nicht schlecht, ob Mann oder Frau. Menschen des Erfolgs meditieren nämlich auch und trennen sich immer mal wieder von dem einen oder anderen Schuh. Planet over Products.

16. September 2019
von Christa Ritter
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Gamen und Bergsteigen

Gestern mal wieder Reinhold Messner bei Lanz zugehört. Er sagte etwas, das mich auch in Bezug auf meine eigene Biografie noch immer beschäftigt. Dass er zu der Generation gehört, die autoritär erzogen wurde. Erst indem er immer wieder scheinbar unbezwingbare Widerstände überwand, habe er sich zu sich selbst entwickelt. Gefahren, Berggipfel, sowas war‘s bei ihm. Er betonte dann: Entwickelt zu dem Eigentlichen, was erst einen Menschen ausmacht. Heute würde er sagen, Kinder sollten so wenig wie möglich von Erwachsenen gelenkt werden. Sie sollten ihren eigenen Weg finden, sich erfinden. Sein Sohn saß neben ihm und nickte.

Foto: Karneval 1959 in Düsseldorf auf der Kö. In der Mitte meine Freundin Hilla, die später den Verleger vom März-Verlag heiratete. Ich bin links und küsse mit Blondie-Perrücke. Ich glaube, ich dachte, in Blond bin ich schöner.

Seltener Fernsehabend: Zuvor sah ich den Spielfilm PLAY. Ein Teenager, in heavy Pubertät, versucht sich aus den Fängen der Eltern durch Gamen zu befreien. Das Mädchen verzieht sich immer mehr in diese Welt, in der sie für sich kämpft, sich dabei entdeckt, ihre Kräfte ausprobiert, sich gestaltet. Draußen wagt sie borderlinemäßig dann zwar immer mehr, aber alles ist falsch, zum Verzweifeln falsch. Als würde sie immer ehrlicher und damit asozialer. Bis sie in „Avalonia“ (so heißt das Spiel) den schwarzen Drachen, den Gott, ersticht. Als wäre der ihr Vater, dieser nette, besorgte Mann, der nur ihr Bestes will, eigentlich, und damit so daneben liegt. Mit diesem „Mord“ verglüht sie in einem goldenen Flash. Sie hat die Grenze überquert, ist eine Eigenständige, eine Menschin geworden? So, wie Messner sagt, erzählt auch der Film.

Toll, nicht? Dass wir in diesen Zeiten überhaupt so in uns, mit uns verhandeln. Tendenziell die meisten. In den Ketten von Eltern, Schulen, Kirche, Gesellschaft – also im Patriarchat nicht mehr hängen bleiben müssen. Mit diesem Mädchen, vor allem ihrem Gefühl, habe ich mich so verbunden, dass bei mir Tränen flossen. Ihr Gefühl kenne ich aus meiner Zeit. Auch wenn manche von euch von meinen 68er-Hinweisen genervt sind: Diese magische Zeit des Aufbruchs hat die Utopie unserer Selbsterzählungen spüren lassen. Du kannst so werden, wie du bist. Ein langer Weg, der nie zu Ende ist. Ich glaube, das hat Messner auch erwähnt.

18. August 2019
von Christa Ritter
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Fridays for Future: Lasst uns radikal miteinander spinnen!

Verglichen mit uns im heiligen Jahr 67/68 demonstrieren die Jungen heute nicht gegen ihre mörderischen Eltern. Gegen eine Nachkriegszeit, in der sie mit einem Wirtschaftswunder die Fragen verdrängten. Sie demonstrieren für etwas: Rettung statt Tiefschlaf. Von uns, die sich ein anderes Leben vorstellten und es auch ansatzweise erfanden. Nur nie wirklich. Irgendwie sind wir dann zurückgefallen oder vor dem eigentlichen Schritt hängen geblieben. Oder spinne ich, wenn ich deshalb unter uns und den folgenden Generationen eine verdeckte Depression sehe?

Die ich auch daran festmachen könnte, dass das Internet immer noch nur zögerlich angenommen wird. Bedenken überall. Statt das Internet als ein Vehikel zu erkennen, das uns aus dem Turbomäßigen von Kapitalismus, Rassismus, Sexismus, Faschismus ein Stückchen rausführen kann, ja wird. Wie an den Jungen zu sehen. Sie haben nicht nur nettere Eltern und Großeltern gehabt, sie sind auch schon im Internet großgeworden. Wie fühlt sich zum Beispiel eine Pubertät an, die in dieser neuen Heimat spielt? Ich vermute: ganz anders als ohne Netz. Friedlicher. Schon mit den Piraten habe ich mich über diesen Ansatz von Post-Gender gefreut: Das Körperliche war nicht so wichtig. Alter, Geschlecht, Mode. Stattdessen ansatzweise „allgemeine Zärtlichkeit“, wie es Rainer nennt, damals Kommune I. Diese Zärtlichkeit, finde ich, ist jetzt auch bei Fridays for Future zu spüren. Diese Jungen wollen, weil sie als erste „Aliens“ schon aus dem Internet kommen, im Grunde mehr als nur ein paar Korrekturen unseres alten Systems. Weil sie nett sind, holen sie uns erstmal ab. In dem Mist, den wir Älteren produziert haben. Sie fordern: Weniger Plastik, Fleischproduktion, Fliegen. Eigentlich aber meinen sie: ein anderes Leben, eine bessere Welt. Also: Radikalen Wandel. Wie aber geht die, das? Ich bin mir sicher, Renovierung des Alten reicht nicht. Bleibt toxisch. Wir bleiben Faschisten in der Welt unseres Kapitalismus, selbst wenn wir ihn etwas runterfahren oder besser verteilen. Also müssten wir nicht nur die Demos abnicken, dort mitlaufen, sondern in ernsthafte Diskussionen eintauchen. Wie geht das: eine bessere Welt erfinden? Was liebt ihr am Internet? Was treibt euch an, wenn ihr all eure privatesten Daten um die Welt verteilt? Wenn ihr lieber ins Smartphone schaut als auf ein Gegenüber? Was meint ihr, wenn ihr euch überall mit „friends“ verbrüdert? Weltweit?

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