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Christa Ritter's Blog

10. Juli 2021
von Christa Ritter
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Eine weibliche Kommune

Mein kurzer Text, eure Kommentare: Wir schneiden hier viel an. Jedes Thema wichtig, kaum mal eben kurz zu bewältigen … Viel, das wir über Jahre unter uns immer wieder wälzen müssen, irgendwie als Richtschnur für den Weg in der Dunkelheit. Ins Unbekannte: Wer jede von uns derzeit 3 Frauen wirklich ist. Jemand fragte hier nach dem „Harem“ und was das alles soll. Gute Frage. Ich glaube, unser Projekt, das vielleicht eher als eine weibliche Kommune von einzelnen Frauen beschrieben werden müsste, Frauen, die zuvor genügend in Ehen, Beziehungen, Experimenten gescheitert sind. Narzistisch, neurotisch, faschistisch, borderlinig und so weiter. Nennt man häufig Randerscheinungen, die hinter Grenzen müssen. Als Eva lädiert, um weiter zu suchen. Die sich wie wir deshalb für einen Mann zur Seite entschieden, der als Asperger-Autist nie klassisch-männlich die Welt eroberte, sondern selbst verzweifelt nach Sinn suchen musste. Er wirkte auf mich weitsichtig. Denn er saß autistisch oben auf einem Baum und musste sich in Selbstdeutung schließlich spirituell erfinden. Ein Meister half. Und der hilft hoffentlich auch uns.
Eine ältere Frau aus Schöneberg schreibt an Rainer: „Du hast es mit deinen Harems-Frauen geschafft, eine Utopie Realität werden zu lassen. Wenige können das für sich sagen. Euer Experiment existiert seit Jahrzehnten und macht Hoffnung, dass sich wirklich etwas ändern kann im Zusammenleben von Männern und Frauen, so dass Kinder vielleicht in Zukunft mit weniger Angst und Repression aufwachsen können.“

Jutta und Rainer in Sardinien

 

Jede von uns Frauen ist sehr anders, wohnt allein, uns Diverse verbindet aber die „Not“ in der Normalität und daher die Suche nach Geist. Dass wir nach diesen merkwürdig schlingernden Wegen etwas brauchten, das es noch nicht gab. Geist für Frauen. Deshalb eine Wahlfamilie „Verrückter“, die über jede bekannte soziale Form hinausgehen musste. Im unbekannten Inneren suchen, sowas wie Spiritualität. Solch ein Format war dann nicht nur den Medien neu, daher ihre Bezeichnung „Harem“. Hehe, der Alte und jede Nacht… Ihr ahnt, es ist aber ganz anders: Offen Verborgenes erforschend teilen, Geschrei bis Killerhatz, Wunden lecken, Verstecken, Angst in Mut wenden, weibliche Besitzmacht entziffern, tausend Leichen im Keller. Und dann der eigentliche Wahnsinn: am Ende dieser Nachtmeerfahrt doch immer wieder ein Licht. Dafür steht meistens Rainer, der vertritt dank seinem Meister Dranbleiben also große Ermutigung. Vom Baum aus, ein paar Äste höher vermutlich. Wir Frauen versuchen also, uns aus unserer Biologie, den üblichen Prägungen als Gefängnis, in irrsinnig mühsamen Prozessen rauszuarbeiten.
Was mich gerade besonders beschäftigt: Als Extravertierte klebe ich daran fest, andere zu überhöhen (oft auch runterzumachen) und von mir selbst absolut nichts zu halten. Ich schaffe noch immer nicht: Verantwortung zu übernehmen. Meistens machen die anderen viel richtig und ich fühle mich farblos. Ich komme so schwer in mein Inneres, obwohl ich wie jeder Mensch tue/lebe/gestalte/erfinde – so fühlt sich das an, nochmal verstärkt durch meinen Verstand, der nicht loslassen will. Pessimistisches Grundgefühl, weibliche Wertlosigkeit: Depressiver Stillstand im Nowhereland. Scheiße. Da schau ich zum Baum, hoch in die Äste. Um mich wieder frohen Mutes erforschend zu begleiten. Dieses Problem der Verantwortung, die nicht sein darf, hätten alle Frauen, so gestern Rainer. Nicht zum ersten Mal großes Thema, wie ihr euch denken könnt. Woken, also aufgewacht zu uns selbst, gar erleuchtet, sind wir Frauen alle, auch gesamtgesellschaftlich, noch nicht. #metoo das traurigste Beispiel, drei Jahre her. Früher hieß es mal in irgendwelchen heiligen Büchern: Frauen haben keine Seele. (Übrigens daher die weltweite Verachtung des Weiblichen). Sie klammern sich an ihre Biologie, ich klammere, gebe nach wie vor die meiste Aufmerksamkeit dem Mann, dem Außen. Bei mir konkret: Ich mache mit Rainer SEIN BUCH und sehe mich als Kuratorin dabei nur unwesentlich. Verrückt natürlich: Das Opfer in mir ist unglaublich mächtig. So sind wohl Frauen generell, halten aus dem Verborgenen Männer an der Leine. Steuern nicht nur die Erziehung der Kinder, der Jungs, wir steuern die Männer. Mir ist irgendwie klar, dass Frauen nur durch Entgrenzung aus ihrer Biologie zu Täterinnen werden müssen, um sich und letztlich auch die Männer-Täter zu befreien. Zu sich zu kommen. Wie Männer längst begonnen haben: Jeder und jede für sich verantwortlich.
Was hindert mich wirklich? Eine Menge Programmierung, alles Körperschwere. 68 habe ich mich schon mal plötzlich befreiter gefühlt. War irgendwie geschlechtslos. Dieses Rätselhafte war vom Himmel gestürzt, dann Absturz wie alle. Und seitdem mit Mühen auf einem langen Weg. Wie erwähnt: Bitches. Eifer- und Geltungssucht zum Beispiel. Wahnsinn aus der Biologie. Und doch zunehmend Hilfe, Wahrnehmung durch die beiden Frauen neben mir. Nicht nur Rainer. Freu dich mal, sag ich zu mir, es lohnte sich. Mein Leben als Experiment. Sind die Jungen dank ihrer Internet-Prägung wirklich schon ein wenig virtueller drauf? Communities statt Beziehungswahn? Wozu solche Fragen? Schau dich selbst an. Da geht’s lang.

10. Juli 2021
von Christa Ritter
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Sterben lernen

Von Sven Michelsen in der Zeitschrift MONSIEUR
„Den einzigen richtigen Orgasmus meines Lebens hatte ich mit Mitte 20 mit einer Literaturstudentin. Als sie mich verließ, nötigte ich sie mit endlosem Gebettel, noch ein letztes Mal mit mir zu schlafen. Als sie es endlich tat, hatte ich einen Orgasmus, der mich in eine andere Sphäre versetzte, fast in den Tod. Ich konnte nur noch lallen und war reines Bewusstsein. Wenig später wurden Uschi Obermaier und ich ein Paar. Uschi liebte Sex und schlief deshalb während unserer Beziehung mit schönen Menschen wie Jimi Hendrix und Mick Jagger. Als ich mit ihrer Art Sex unglücklich wurde und mich von ihr trennen musste, hasste sie mich und erzählte der ›Bild‹-Zeitung, ich sei ein Brett im Bett und würde mich vor Sex ekeln. Sie war blind für das Tantrische, das es ermöglicht, aus dem Körper herauszugehen – was man mit westlichem Sex nicht kann. Hier ist der Körper kriegerisch, also liebesunfähig.
Ich habe aggressiven Prostatakrebs mit Knochen- und Organmetastasen. Ich verstehe den Krebs als Aufruf, mehr zu meditieren. Statt zwei Stunden am Tag bin ich jetzt bei dreieinhalb angelangt. Der Westen hat nie Techniken entwickelt, das Sterben zu üben. Wirklich zu meditieren heißt sterben lernen, und sterben üben heißt, richtig zu leben beginnen. Meine Krebstherapie bewirkt eine chemische Kastration. Ich bin entmannt und damit der feuchte Traum aller Feministinnen.
Das Ego ist eine Täuschung, eine Einbildung. Wir haben ein Ego, aber wir sind es nicht. Wer das erfahren hat, beginnt, sich selbst zu revolutionieren. Etwas in mir hat Todesangst, denn mein Ego will natürlich nicht sterben. Es ist ja von mir dafür angestellt worden, dass ich mich für unsterblich halte. Nichts ist für ein Ego so beleidigend wie die Einsicht in seine Sterblichkeit.«

 

10. Juli 2021
von Christa Ritter
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Die Nestbeschmutzer

Auszug aus „Die Nestbeschmutzer“ von Petra Morsbach im FREITAG, der mich gerade verlustigt hat. Yes, sagte die Ex-Frauenbewegte in mir, die sich zwecks Selbstermächtigungs-Übungen dann einem „Harem“ (nannte uns nur die Presse) zuwandte. A never ending story.
„Unter Feministinnen: Kuschelig könnte es sein im Feminismus-Nest. Schmiegt man sich an, genießt man Schutz und Wärme. Wehe der aber, die den Schnabel öffnet und ein anderes Liedchen zwitschert! Dann entpuppt sich die viel beschworene weibliche Solidarität flugs als hohle Phrase. Man fristet sein Leben geteert und gefedert oder zieht als Paradiesvogel durch die Lande und sucht sich seine eigene Schar.
Ich habe mich für die zweite Option entschieden. Meine Spezies lässt sich besonders schwer klassifizieren. Wer, wie ich in dem Buch Satans Spielfeld, erlittenen Missbrauch in all seiner Ambivalenz aufzeigt, wird schnell zur Verräterin gestempelt. So tönen vor allem die intersektionalen Feministinnen, denen ich entweder zu weiß, zu wenig sensibel oder zu liberal bin. Ich kann ihnen darin nur zustimmen, denn wer gelernt hat, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen, zeigt dem Leben geschuldet wenig Verständnis für #metoo-Profiteusen und Hypersensibilität à la mode. Das Menschliche ist mir im Zweifel näher als das Weibliche.
Meine Skepsis gegenüber Obrigkeiten ist unausrottbar; Beleidigungsklagen sind für mich ein Ausdruck von Schwäche. Konflikte trage ich aus, persönlich und scharf. Dazu aber sind viele meiner Kritikerinnen nicht in der Lage. Ihre Strategie kulminiert in Ignoranz. Anstatt sich nach allen Regeln der Kunst zu streiten, verdünnisieren sie sich. Bestenfalls gibt’s ein Ich-blockier-dich, vor allem, wenn ich Interviews mit Lisa Eckhart oder Thomas Fischer führe.
Jeglicher anarchische Impetus ist flöten gegangen, Law and Order herrschen im Reich des Intersektionalen. Der Gipfel aber ist, dass sich die Edition F- und Missy-Feministinnen als Gralshüterinnen des Kapitalismus erweisen. Beispiel #ageism: Fünfundzwanzig- bis vierzigjährige Frauen gelten als Sprachrohr der Weiblichkeit und fühlen sich ganz wohl mit diesem Monopol. Das ewig Weibliche wird abgelöst durch „Jung & Geschmeidig“, ein Label, das wie der letzte Trumpf des Patriarchats wirkt. Apropos Patriarchat und Kapitalismus: Selbstverständlich sollte jede ihren Körper gestalten, wie es ihr beliebt. Wenn aber Brustoperationen unter dem feministischen Motto „My body, my choice“ verkauft werden, ist der Gipfel der Heuchelei erreicht. Scheinheiligkeit ist die Signatur unserer Zeit.
Vor lauter neuen Normen klafft der Spalt zwischen Begehren und geschriebenen und ungeschriebenen Gesetzen immer weiter auf. Frauen, die sich einen Mann schnappen, um die Karriereleiter zu erklimmen, fühlen sich genötigt, zu behaupten: „Ups, er hat mich geleckt, aber ich habe das doch gar nicht gewollt!“
Dabei sind wir Frauen doch nicht alle aus einem Guss. Es gibt auch unter uns Jägerinnen und Sammlerinnen. Höchste Zeit also, Diversität auch im Weiblichen zu erkennen und sich nicht bei jedem falschen Blick angepisst zu fühlen und in seinen Safe Space zu flüchten.
Das dringlichste Bedürfnis aber erkenn’ ich im Humor: Wenn ich mich als Mann verkleide und meinen Roman Poor Dogs ankündige mit dem Slogan „ein Abgesang auf den Feminismus und ein Hohelied der Liebe“, stampfe ich gewiss nicht den Feminismus in Grund und Boden.“ (Petra Morsbach)

10. Juli 2021
von Christa Ritter
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Lass alles los

Warum die Ehe ein Besitzverhältnis ist, wurde gefragt. Zunächst mal meine eigene Prägung: Meine Eltern sagten in den Fifties, sie seien glücklich miteinander. Diese Art Zweisamkeit, also Ehe, Kleinfamilie, Beziehung hatte gerade zu Auschwitz geführt. Ich sah daher in ihrer Beziehung vor allem etwas Bedrohliches, die toxische Beschränkung: Mein Vater war „klein“ geblieben, meine Mutter ebenso und das war ihr gemeinsamer Besitz als „Ganzes“. Aus diesem „kleinkarierten“ System hatte sich der Faschismus erhoben. Hab ich damals alles nur „intuitiv gesehen“, natürlich nicht kapiert. 68 haben alle meiner Generation plötzlich etwas Seltsames erlebt: eine Alternative zu diesem unmenschlichen Gefängnis „Bis dass der Tod euch scheidet“.

 

Heute wissen wir, und die Praxis zeigt deutlicher: Die christlich-patriarchale Beschränkung auf dieses Beziehungsmodell von Besitz eines anderen Menschen, um den eigenen Mangel zu verdecken, ist Scheiße. Damit versklaven wir uns, Mann wie Frau, als failed state in unseren Entwicklungsmöglichkeiten. Entsprechende Zwischenformen laufen längst: Patchwork-Familie usw. Die Gesellschaft experimentiert. Während die Jungen dank Internet längst als Community unterwegs sind. Keine Besitzverhältnisse. Wir Älteren tun uns noch etwas schwer, Besitz an anderen aufzulösen, in dieses Bewusstsein von Virtuellem, der ständigen Selbstoptimierung statt Besitz-Gefängnis überzuwechseln. Mir fällt es jedenfalls auch nach langer Übung Besitzlosigkeit noch immer schwer, gleichzeitig rückt die Freiheit durchaus näher. Werde du selbst, auch als Frau. Nur sich selbst „besitzen“ und erst das wird ein größeres Glück.

10. Juli 2021
von Christa Ritter
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Yes we can

Ich konnte es trotz über 40 Jahren Übung zwar denken, aber nur selten fühlen: Die Pandemie sei so liebevoll wie meine Depression ebenso ein liebevoller Freund ist. Krankheit befreit? Immer zum Besseren gemeint, wenn auch meist bekämpft? Freude am Morgen: Auf dem Weg zu etwas, das mir so schwerfällt. Das Innere oder wie soll ich das Unbekannte nennen? Es scheint näher zu rücken. Heute fühlt sich alles so klar an. Ich muss lachen. Natürlich hat Corona unseren Wahnsinn gestoppt, die Depression auch meinen. Mich heilt die Stille, der Rückzug, Zuhören auch eben mit Kai durch den Park. Während immer mehr Vögel zwitschern. Sie werden endlich wieder mehr. Auch mitten in der Großstadt. Ein winzig kleiner saß auf einem Zweig und jubilierte so begeistert über den sonnigen Morgen wie 20 Artgenossen. Vorher hatte ich in der AZ gelesen. Das Institut für Deutsche Wirtschaft zwitschert dort auch: „Die Bevölkerung hat sich im Lockdown sehr gut eingerichtet. Diese Menschen werden vermutlich an ihrem entschleunigten Leben mit einem reduzierten Konsum festhalten.“ Gute Nachricht! Yes, we can: Nur so geht’s weiter? Was für ein Morgen, denn daneben noch mehr Liebevolles: Im letzten Jahr 7.000 Tote weniger auf unseren Straßen, das sind 17 %. Und die Grünen übernehmen, im September.

10. Juli 2021
von Christa Ritter
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Wohin geht’s eigentlich?

Offiziell viel Jammern, während sich im Stillen etwas bewegt. Medien Virus rauf und runter. Dabei sind die Menschen um mich eher freundlicher, zugeneigt trotz Maske, geradezu entspannt. Als horchten sie irgendwohin. Nur gestern saß an den Tischtennisplatten im Park jemand, der auf mich stakkato-artig einredete: Es reicht nicht, dass du das Nötigste mitmachst, was zum Lockdown gehört. Du solltest eine persönliche Position darüber hinaus vertreten. Die da oben spinnen doch und nehmen uns unsere Grundrechte. Ich kann für mich selbst verantwortlich sein. So redete Tom, während ich diesen supergut aussehenden Mann in seiner Empörung auf mich wirken ließ. Was meint er? Ich hatte ihm eben eine Frage gestellt, irgendwas mit „wohin geht’s eigentlich“, während Politik und Medien immer nur von Welle zu Welle auf Sicht fahren. Vielleicht ist seine Suada dem Neuland näher als ich sehen kann. Nena macht‘s vor: Ja, es geht um eine Transformation, alles Normale vorbei, von außen nach innen. Und die Schreihälse zeigen uns, dass Impfen und Testen aus der vergehenden Welt zu nichts führen werden. Eine lange Strecke liegt also vor uns.
Auch mich hat das vergangene Corona-Jahr „verschoben“, so mein Gefühl. Als Extravertierte erst Wut, Angst, Geschrei – trotz Jahrzehntelangem Hin und Her, doch langsam aufsteigend. Dann Windstille. Ich sah, wie diese Frau-außer-sich tiefer glitt. Mir kam es vor: in unbekanntere Zonen. Fühlte sich zuerst leer-dunkel an, dann wieder entspannt-ruhig, als wäre ich „richtiger“. Schwer zu beschreiben. Auch unter uns Freunden hier verändert sich die Tonlage. Hat was Dörfliches, hier Mitten in Schwabing. Warten alle? Lauschen? Corona sei eine Liebesgabe, so wie sein Krebs, sagt eben Rainer beim Spaziergang. Nachdem der erste Anlauf der Nazis nicht klappte, der zweite mit 68 auch nicht, jetzt vielleicht der dritte? Alles so Gespräche, während um uns die Krokusse blühen.

10. Juli 2021
von Christa Ritter
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Die Tollkühnen

Die Bauhausfrauen. Gerade wieder einen Film über diese Tollkühnen gesehen. Ein Aufbruch, so schwer damals. Mein Vater erzählte uns Töchtern oft von den neuen Frauen, auch in Berlin. Zwanziger/Dreißiger Jahre. Die Naszis haben das Bauhaus als entartet etikettiert und geschlossen. Die Grafik gestaltete Herbert Beyer, der hier auch auf den Fotos wie mein Vater zu sehen ist. Beyer emigrierte in die USA. Ich habe ihn dann noch kennengelwernt, als er in der BRD ausgezeichnet wurde. Nochmal zu meinem Vater: Wenn er von den freien Freundinnen aus seiner Berliner Zeit erzählte, verstand ich nie, warum er meine Mutter (viel jünger) geheiratet hatte. Ja, Kinder wollte er und meine junge Mutter auch, dann Hausfrau und sehr begabt. Die zwei Seiten bei ihm. Denn uns Schwestern hat er mit unseren Männergeschichten streng und eifersüchtig eingeschränkt. Autoritär, obwohl auch manchmal „soft“. Wir sollten unser Leben selbst verdienen, immerhin! Unabhängig von Männern werden.

Mein Vater mit Freundinnen in den Zwanziger Jahren in Berlin

 

Mein Vater war also durchaus „modern“ und doch auch im Tiefen patriarchal. Seine Mutter hat ihn innerlich geleitet, glaube ich. Es gab also in den Menschen der Metropolen damals viele „freiere“ Ansätze, sogar auch später bei den Nazis. Bis diese fürchterlich bleiernen Fünfzigerjahre einsetzten, Wirtschaftswunder-Verblödung, Restauration. Na und dann natürlich die 68er… die Frauen bewegt als Opfer. Der Weg raus aus dem patriarchalen Mutter/Geliebte/Ehefrau-Bewusstsein ist weit…

1. März 2021
von Christa Ritter
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Alles schwindet, ich reise

Corona macht was mit mir (Teil 2). Also mit uns allen? Außer sich sein, so fühlt es sich an. Als etwas, das aber nach innen hin passiert. War ich das nicht immer, nicht in dieser miesen Welt, unpassend und meine Schreihals-Seite hat diese „Macke“ eine Zeitlang verdecken können? Sieh dich um, hast du das Abi versaut, gut so? Hast du dich in der Liebe verpasst, gibt was Besseres? Dich überhaupt immer vor allem als Beobachter dieses Spiels irritierend wahrgenommen, depri ist auch nicht schlecht, weiter? Und dann war es Mitte 30 aus. Ich versprach mir, ohne Näheres zu wissen, endlich Tiefgründiges, also mein Leben mit Kraft anzugehen. Sollte heißen: Filme machen, darin endlich Sinn, mich finden.
Damals passierte mein erster heftiger Kontrollverlust. Hallelujah! Einen, der bald wieder vom Schreihals eingeholt wurde. Nix innen suchen, leer bist du, draußen! Schreiben lernen, wer sein. Und wieder Absturz. Ein Sterbenlernen vom empörten Ego immer wieder ins Nichts. Eben: Kontrollverluste. Unterstützt von den Frauen um mich, von Rainer. Ich ruderte, sie ruderten, immer wieder in dieses Außersichsein. Auf das Empörung folgte: Opfer bleiben, Opfermacht, Besitz, Eifersucht, Rivalitäten. Und wieder außersichwerden, nach innen, irgendwie. Keine Gewissheit und doch glaubte ich, zunehmend etwas zu spüren. Schwierig. Stimmen: du vergeigst dein Leben, Rainer ist schuld, diese Hexen. Oder bin alles ich, eine ziemlich verpeilte Frau im Werden? Das 68er Versprechen, es wirkte? Weil mehr als Feminismus: gleichberechtigt Krieg führen und an irgendwelche Glasdecken stoßen. Stattdessen Außersichsein ausbauen, das Unmögliche und den Schreihals besänftigen. Schwindender Machtverlust, denn Kontrolle hat es nie gegeben. Immer wieder Angst, Geschrei, Widerstände. Diese Reise dauert an, herausgeschleudert aus weiblichen Gewissheiten. Die spinnen, sagten manche und verließen uns wieder. Tolle Frau, so redete auch schon mal jemand mit mir.
Jetzt sind wir alle dran. Corona, Virus! Eine Seite in jedem ist gefragt, wo es kein Geländer gibt, immer weniger zum Festhalten. Die Welt, wie wir sie kennen, löst sich auf, erlebt den Kontrollverlust, der mich damals umhaute. Wie sich herausstellte: Etwas Schleichendes, immer weiter ins Außersichsein, einem Sterben der Macht, der Gefühle von Sicherheit, etwas Vertrautem. Innen kennen wir nicht. Und doch ist es gut, tröstet mich, fühlt sich zunehmend gut an. In mir wächst ein Mensch? Durch Corona entsteht in uns allen die neue Welt, eine andere Gesellschaft? Immer wieder von Schreihälsen zurückgepfiffen und doch unbeirrt? Love is the answer (Daft Punk).
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26. Januar 2021
von Christa Ritter
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Nothing solid anymore

Corona macht etwas mit uns. Mit mir, fühlt sich alles merkwürdig anders an: Auf dem Weg in den Park spielt ein Nachbar auf der Posaune „Das Wandern ist des Müllers Lust“, von allen Seiten zwitschern die Vögel, noch kein Frühling, es schneit, etwas Sonne schimmert durch die Wolken. Eine Frau fragt mich: Ist das der Mond? Die Sonne, antworte ich und lächle sie an. Ja, die Welt verändert sich. Werden wir verrückt? Kennt ihr diesen Ausdruck „Gehirnstübchen“? Meins scheint zu bröckeln, der Standort verschwindet. In tiefere Schichten, virtuellere? Zu unserem Kommune-Modell haben schon immer explodierende Diskussionen gehört. Ich hatte immer davor Angst, vor dem Unbekannten. Ihr kennt das. Vor einer Woche riss mich eine Explosion in mir mit. Rasender Streit mit einer Freundin. Vielleicht war er so heftig wie oft genug zuvor. Gefühlt aber bin ich extrem ausgerastet, hemmungslos. Wut, Verzweiflung, als würde mir plötzlich ein Lebenskonzept weggeschlagen. Mein altes? Ein Kontrollverlust, der mich zwei Tage verstummen ließ. Besinnungsloses Sofaliegen, nicht reden. Innere Bilder auftauchen lassen. Was ist mit mir los? Hat Corona alte Gewissheiten in mir weggefegt? Werde ich deutlicher die, die ich immer werden wollte und wer ist die? Wenigstens ein bisschen, so als erste Schritte? Diese Frage entspringt allerdings schon späteren Gedanken, Übungen. Die setzten dann hinter dem Entsetzen über meine maßlose Gewalt aus unbekannter Tiefe, ja da kam sie her, langsam, sehr langsam ein. Mit einem zaghaft guten Gefühl. Warum, was bedeutet das? Welche Kraft meldet sich da? Werde ich herausfinden.

22. Dezember 2020
von Christa Ritter
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Oh, Sucherin, das gabs ja noch nie!

Ich habe als junge Frau lange darunter gelitten, dass ich mich leer fühlte, mich nicht fühlte. Damals habe ich das versteckt. Meine Extraversion genutzt. Dieses Gefühl irritierte und bedrohte mich, versperrte mir letztlich die große Welt, zu der ich doch gehören wollte. Und auch wieder nicht. Ich erlebte sie als lieblos, irgendwie verkehrt. Kriegs-Nachkriegs-Trauma? Die Menschen blieben mir fremd: Verachtung zutiefst, der Menschen, meiner selbst. Damit musste ich irgendwann gegen die Wand fahren. Ihr ahnt: Alles unbewusst, Schönrederei. ich habe mich selbst in diesen Sechzigern und Siebzigern nicht frauenbewegt gecheckt. Wie alle Frauen: Opfer, die anderen, die Männer sind schuld. Meine Suche nach Selbstbezug, Selbstverantwortung, Selbstentdeckung blieb oberflächlich. Mit Guru, Drogen, Experimenten. Letztlich taperte ich weiter durch die Gegend, blieb ahnungslos, wie andere Frauen um mich, die aber schließlich irgendwie heirateten und sich vielleicht sogar progressiv als „neue Frau“ binden konnten. Als „Paarung“ meine innere Leere zu füllen konnte und wollte ich nicht. Wie die Weigerung und der bedrohliche Untergrund dahinter aussehen, diese Arbeit fing erst mit dem Harem an.
Selbst die Frauenbewegung zuvor hatte mich also nicht klären können. Heute sind die jungen Frauen Fridays for Future und auch sonst ganz anders, weil durch das Internet sozialisiert. Daher entstanden viele Modelle, in die sie inzwischen identitätsmäßig starten. Beneidenswert, irgendwie und durch den Aufbruch damals entstanden. Ich finde, so schön: Ausprobieren durch weniger Körperlichkeit, das Internet mit vielen, eine riesen-Community.
Damals zu Anfängen des Harem-Labors taumelte ich zwischen Entsetzen bis Begeisterung, entdeckte Schritt um Schritt wie verrückt ich, die anderen Frauen, waren. Angetrieben von einem Ex-Kommunarden, der nie ein Adam sein konnte. Er bot uns Frauen also mehr an. Den totalen Bruch mit dem System. Die durch Eltern und Schule gelernte Frau, die ich nie sein wollte, zeigte sich dann aber doch auch in mir wie ein vergiftendes Gespenst. 2000 Jahre Rippe, das schmilzt nicht von heute auf morgen. Im Gegenteil: Es droht, behauptet seine Macht, sobald du einen Schritt raus wagst.
Der Standort Eva an der Seite von Adam, wie noch heute von Älteren patriarchal behauptet, mit etwas verändertem Lack an der Oberfläche, fiel von mir in unseren heftigsten Konfrontationen scheinbar ab. Ich war ihn für Momente, schon immer verweigernd, losgeworden. Großartig, das Puppenhaus weit weg! Pustekuchen. Nach diesen Phasen der „Erleuchtung“ tanzten in mir zuvor nie bemerkter Dämonen hässlichster Weiblichkeit wie uneinnehmbar: Entsetzt sah ich all das, weshalb ich vermutlich lieber Vater- als Muttertochter geworden war. Meine Trägheit, sah wie unkreativ und unterworfen, wie manipulierend und konservativ ich war. Auch wir Frauen miteinander sprachlos, weil wir nur die patriarchal geformte Sprache gelernt hatten. Sowieso ertrugen wir einander überhaupt nicht. Weil jede sich selbst nicht ertrug? Wir rivalisierten um Rainer, unterwarfen uns ihm, dann wieder Krieg: Du bist schuld, ich habe Angst vor dir.
Ohne jeden Schutz aus der Sicherheit der Mann-Frau-Rolle, der Sicherheit des toxischen Patriarchats, hatte ich Angst nicht geliebt zu werden, sogar frauenmäßig für nothing, hatte Angst zu versagen, letztlich vor allem. Meine Gefühle zu zeigen, meine Gier und Geltungssucht. Unter uns kaum die Fähigkeit sich mal nackt zu zeigen, zu verhandeln. Unser Experiment, mein neuer Weg, wurde zu einem hammermühsamen Trip. Die Bilanz dieser Aufbruchszeit war lange grauenhaft, die übliche Eva-Schattenprägung unüberwindbar. Dann wieder, selten zwar, doch die Kehrtwende: Mein leben war tatsächlich irre geworden, irre begeisternd: ein Hauch von Morgenluft, Freiheitsgefühle, beinahe Grenzenloses zeigte sich. Ähnlich wie ganz kurz 1968, für mich ein Gefühl fantastischer Verwirrung in etwas Unbekanntes hinein.
Irgendwann war dann Schluss damit. In den TV-Medien kam unser Kommune-Experiment hysterisch rüber, damals vielleicht zu schräg. Avantgarde, nörgelte ich. Unsere Erfindung einer neuen Welt selbstbezogener Frauen begann sich für jede von uns ins ganz Persönliche zu verengen. Diese Zeit intimer Suche, der persönliche Weg jeder von uns in ihr eigenes Innere, in dieses völlige Unbekannte, das läuft bis heute und vermutlich bis an mein Lebensende. In den letzten Jahren half mir das Internet, wie hier heute auch. Versuche der Verständigung mit euch, noch verzerrte Botschaften, oft missverständlich. Wir alle werden jetzt durch Corona lernen, mehr lernen. Da erreicht uns ein pandemischer Warnschuss, vor allem wohl endlich eine Chance, unser aller Leben post-gender oder post-kapitalistisch neu zu entdecken.
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