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Christa Ritter's Blog

11. Mai 2020
von Christa Ritter
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Die Stille von Quarantäne

In den ersten Quarantäne-Tagen dachte ich: Ist alles nicht wirklich neu, so lebe ich ja schon lange. Zurückgezogen, reduziert, einfach. Dann aber war doch etwas anders. In mir schien sich Spannung aufzulösen, ein Druck. Ich versuchte dem neuen Gefühl nachzuspüren: Es hatte etwas Freies, Leichtes. Als ob ich mich mehr mochte und andere gleich dazu. War etwas von meinem Ego geschmolzen? Diesem Zwanghaften „ich muss dies machen und sowieso gleich morgen und dann so perfekt wie möglich“. Dieses neue „Sein“ fühlt sich an, als würde es bleiben, als würde es sogar weiter zunehmen. Ich bin gespannt und wünsche mir, dass die Quarantäne noch nicht so bald aufgehoben wird. Die Vögel zwitschern wie verrückt, als würden sie die Stadt im Stillstand geradezu genießen. Und die Kinder erst, sie sind ohne Kita oder Kindergarten. Ich höre ihr Lachen, ihr Weinen, was sie einander oder den Eltern zurufen. Kinder sind mir plötzlich sehr nah. Besser als Autos. Die bisherige Welt löst sich tatsächlich auf. Wie das alte Bewusstsein. Wahrscheinlich schon seit einer Weile: Wir sind dabei, freundliche Menschen zu werden?

9. April 2020
von Christa Ritter
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Leaving for Auroville

Auszug aus einem autobiografischen Text über meine erste Indien-Reise (Süden) 1971:

Ein Auto verleiht man keinem Nicht-Inder. Bei diesen Straßen! So sitzen Hans und ich auf der Rückbank eines nicht ganz neuen weißen Mercedes mit Standarte und lassen Madras (heute Chennai) hinter uns. Ein ständig lächelnder Fahrer soll uns 150 km gen Süden nach Puducherry fahren. Sansey hat wie fast alle Taxifahrer vorn auf dem Armaturenteil ein Bild von Guru Nanak kleben. Wird dieser Guru auch mein Beschützer bei dieser rasanten Fahrt? Denn Sansey rast gar nicht unterwürfig in einem Affenzahn durch kleine Dörfer, bremst höchstens in letzter Minute, weicht selten aus, tritt das Gas bis zum Anschlag durch, wo ich in Panik halten und aussteigen würde, umfährt messerscharf weiße, Müll kauende Kühe, die seelenruhig mitten auf der Straße lagern. Um uns herum brüllen die Hupen, rotzen die Auspuffrohre, schaukeln wir durch Schlaglöcher. Alles, was Räder hat, röhrt und schleppt sich zu den großen Landstraßen. In den Kreiseln schießen die Fahrzeuge von allen Seiten heran, es quietscht, sie verquirlen sich. Fußgänger taumeln.

Ich versuche, mich an allen möglichen Griffen festzuhalten, stöhne, vergrabe meinen Kopf im Schoß von Hans. Der lacht. Ich glaube, er hat aufgegeben, wogegen ich nicht glaube, dass ich die nächsten Stunden überlebe. Nie wieder Autofahren in Indien. Manchmal blinzle ich, wage wenigstens ein Auge zu öffnen: Schrotthändler säumen den Weg, Baracken, Krämerläden, uniformierte Schulkinder aus dem Nirgendwo, Greise, geschlachtete Hühner und seitlich brennende Müllhaufen. Jetzt das andere Auge: leuchtend grüne Reisfelder, am Rand der Straße sitzen Händler mit ihren Körben, manchmal in Verschlägen und pressen Zuckerrohrstangen aus, verkaufen Wassermelonen. Vor uns taumelnde Ochsenkarren, darauf Hühner, Reissäcke, Kinder, TV-Geräte. Auf klapprigen Mopeds hängen Pilger, Geschäftsleute, Wanderarbeiter, dazwischen flatternde rot-lila-orange-gelbe-goldene Saris, blitzen betörende Blicke, sitzen plötzlich zwei Kinder. Kaum halten wir, sind wir von denen umringt. Die Kleinen beugen sich ins Innere, starren uns an. Männer und Frauen bleiben stehen, die Menschentraube zieht immer mehr Schaulustige an. Why don’t you feed your wife, why do you let her be so thin? Fragt auch Sansey. Inderinnen müssen rund sein, weiblich, nicht schmal. Erst recht, wenn man in einem Auto fährt.

Weiter durch Staub und Stein: Frauen nehmen im Tümpel zwischen den Feldern vom Sari bedeckt ein Bad, Krähen sitzen zu Hunderten auf den Stromleitungen, die den Himmel durchziehen wie Spinnennetze, darüber die majestätischen Garudas. Auch zerfledderte Geier. Endlich mündet die schmale Straße in einen Urwald, der sich schließlich zu einer weiten Baustelle öffnet. Dort endlich wage ich, tief durchzuatmen und aus dem Sitz zu kriechen. Eine Fata Morgana? Dann das schiefe Schild: Auroville. Hier bauen Menschen aus aller Welt an der Stadt der Zukunft, ein Projekt von Mirra Alfassa, der Mutter, die 1878 in Paris zur Welt kam. Es soll eine spirituelle Stadt werden, die erste der Welt, ein Ort des Himmels auf Erden, wo geistiger Fortschritt vor der Zeitmauer geübt und das gierige Ego abgebaut werden soll. Kann das gut gehen: ein Paradies auf Erden? Nein! Keine weltlichen Vergnügen als Trost für ausbeuterische Maloche, kein egoistischer Konkurrenzkampf, kein Krieg gegen Mensch und Umwelt. Kann es zwischen Steinen und hohen Wänden Gerechtigkeit und Liebe geben? Neeeiiin! Gegen meine Zweifel scheint die Stadt der Zukunft bereits vorsichtig Realität anzunehmen: Überall wird in dieser Ödnis geschaufelt und gehackt. Hier und da fertige Hütten, die Dächer mit Bambus und Palmwedeln gedeckt, auch größere lehmfarbene Häuser mit geschwungenen Giebeln, üppigen Rundungen oder kühnen Winkeln. Dazwischen Dämme, um den Monsunregen in die Felder zu kanalisieren. Mit einfachen Schippen und bloßen Händen, hölzernen Baugerüsten und Erdschüsseln, die von Hand zu Hand, von Kopf zu Kopf gereicht werden, soll hier beispielhaft ein gelebtes Eingangstor in die geistigere, also liebevollere Welt hinter der Zeitmauer entstehen.

Wo ist die Mutter? Ich höre, sie ist in Europa. Wie schade. Unter diesen ernst leuchtenden Menschen mit schwitzenden Körpern suche ich nach dem Gesicht von Annemarie. Sie war vor einem Jahr mit ihrer Tochter in die Zukunft aufgebrochen, weg aus Werbung, Düsseldorf, weg von Stefan, ihrem Freund. Ich fand sie mutig. Hier scheint sie niemand zu kennen. Erschöpft setze ich mich in einen hängenden Schaukelstuhl. Nicht weit von mir kurven vereinzelte Radfahrer, fahren klapprige Motorräder. Hinter mir führen rote Sandwege in den dichten Urwald. Im Organisationsbüro liegen ein paar dünne Prospekte aus, very indish printed. Die Idee zu diesem verrückten ersten Aussteigerprojekt eines Yoga der Arbeit, hatte ein Inder, der Gefährte der Mutter, Sri Aurobindo. Er war Freiheitskämpfer, Philosoph, Literaturwissenschaftler und Dichter und starb 1950. Eine junge Frau aus Holland erklärt mir: Die Stadt der Zukunft für Westler und Asiaten bedeutet, sich nicht nach draußen zu verleben, keine sinnlose Zerstreuung, stattdessen Ora et Labora als Meditation und Arbeit, Leben in basisdemokratischen Prozessen, kein Leistungssystem, also Schulen ohne Noten. Ich schaue sie zweifelnd an. Es ist inzwischen Abend und immer noch 35 Grad.

Wir sitzen mit einigen Bewohnern auf Matten in einer Runde und trinken Chai. Es wird ohne jede Hektik für die nächsten Tage geplant, die Arbeit in ansteckend guter Stimmung eingeteilt und auch Verbesserungen diskutiert. Es sieht aus, als wären die Sixties mit unseren Träumen doch ein wenig in diesem Projekt angekommen. Um uns eine Symphonie von Tiergeräuschen, über dem dunklen Wald ein entflammter Himmel, die Abendluft wie grauer Samt, sehr still. Wollen wir wiederkommen? Hans und ich haben keine Antwort. Morgen früh wird uns Sansay nach Tiruvannamalai zum Sri-Ramana-Ashram fahren. Ob wir es auch noch auf den heiligen Berg Arunachala zu den Höhlen des verstorbenen Yogis Sri Ramana schaffen?

Neben diesen lauten leisen Indern fühle ich mich plötzlich und ganz ohne Vorwarnung so verrutscht wie in meiner Pubertät, grob, lieblos, hölzern, ängstlich und mit nichts wirklich verbunden. Nicht mit dem Himmel, nicht mit der Erde, nicht mit Hans, schon gar nicht mit mir selbst. Ist so viel Nichts meine eigentliche Realität, ist das die Leere? Könnte das Jahr der 68er Ekstase, als ich plötzlich für Momente hinter der Zeitmauer aufwachte, nichts als Täuschung gewesen sein? Und in Wahrheit bin ich noch immer als aufgeblasenes Lieblingskind unterwegs, das nach Erfüllung im Außen hechelnd das großartige Leben fordert, aber keine Ahnung hat, wie es soviel Hochfahrendes angehen soll. Unfähig, dafür selbst etwas zu tun, gar schöpferisch zu sein, statt nach wie vor irgendwo versteckt in meinem Programm die Rettung vom Mann zu erwarten. Ich ahne: Von Liebe und Zärtlichkeit weiß ich nichts. Geschweige denn von Hingabe. Erneut falle ich in mein dunkles Loch, sozusagen in die dunkle Seite des Mondes. Indien?

29. März 2020
von Christa Ritter
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Searching for the unknown MEM

Gerade rief mich über Facetime eine von euch an: Lächle doch mal. In schwierigen Zeiten. Konnte nicht lächeln. Zuvor hatte ich länger zu meditieren versucht, blieb aber in meiner Unruhe hängen. Dass ich diese Welt nie wollte, mich nicht, euch nicht. Habe ich natürlich immer versucht zu verbergen. Fassade, dahinter unsicher, eben ungeliebt, daher gewalttätig, eben kein Selbstbewusstsein. Die tollen Ideen kluger Männer, die unsere Kultur ausmachen, haben mich nicht genügend inspiriert. Ein wenig schon, tiefer nicht. Dazu gibt’s eine Frage, die diese klugen Männer stellten: Was will die Frau? Ein Rätsel bis heute. Auch für mich persönlich. Was will ich? Daran arbeite ich schon lange und weiß die Antwort nicht. Oder nur ein wenig: eher ahnen. Wird sich durch das Virus jetzt die Welt so verändern, dass ich mit ihr, mit mir, mit euch besser drauf bin. Dass wir uns alle mehr annehmen? Und der Antwort auf die Frage näherkommen? Zu diesem Thema plane ich einen YouTube-Kanal. Offene Diskussionen sollen dort stattfinden. Wie könnte der Kanal heißen? Gern Vorschläge, aber ich denke auch weiter nach. Wohin will ich, wie geht der Weg?

29. März 2020
von Christa Ritter
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Alles ist Lüge

Hier noch etwas, das ich auch eben in meiner regionalen AZ las und das in mir wiederhallte. es sind Zeilen aus einem Song von Gabi Gelgado, der gerade mit 61 Jahren verstorben ist (DAF): Alles ist Lüge. Die Wahrheit ist Lüge. Die Lüge ist Freiheit und Gott ist Betrug, wie Filme und Kunst. Alles ist käuflich. Die Wahrheit, die Lüge, der Himmel, die Hölle, das Haus und die Möbel.

Gabi Delgado (DAF) ist gerade mit 61 Jahren gegangen

29. März 2020
von Christa Ritter
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Shutdown

Trete aufgrund mancher Äußerungen hier zu meinem letzten Post etwas zurück. Indem ich aus einem Interview mit dem Soziologen Hartmut Rosa (heute in der Münchner AZ) zitiere: Dass wir die Bedrohung in Form des Virus nicht sehen, führt zu einer massiven Entfremdung, zu einem Mißtrauen gegenüber der eigenen Wahrnehmung und gegenüber der Welt. Man weiß plötzlich nicht mehr, ob der Mensch, der gerade vorbeiläuft, vielleicht ein tödliches Virus in sich hat… Nun werden wir räumlich plötzlich auf unsere eigenen vier Wände zurückgeworfen. Der zeitliche Horizont ist auch massiv eingeschränkt, weil keiner weiß, was in drei oder vier Wochen ist…. Das ändert die Weise unseres In-der-Welt-Seins…. Ich glaube, in dieser Super-Verlangsamung des Lebens liegt die Möglichkeit, noch einmal anders mit sich, anderen und der Welt in Kontakt zu treten…. entscheidend ist eine andere Haltung, mit der wir das tun. Sie ist ergebnisoffen, es muss nichts Bestimmtes dabei herauskommen.

29. März 2020
von Christa Ritter
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Greta made it. Panic in the World.

Ein neues Virus, möglicherweise bereits altes, weil nicht zum ersten Mal wirkmächtig, wird in diesem Jahr dank Testverfahren entdeckt und schon dreht sich die Welt in eine neue Richtung. Ich fand es lustig, dass Rainer den Panikwunsch vor der UNO als Initialzündung ausgab: Greta setzt uns die Crone auf (Video auf YouTube). Gut möglich, denn wir sind in Panik geraten. Die FridaysforFuture bekommen, so sieht‘s aus, ihre Rettung des Planeten. Ich hoffe: Entspannung überall, ein Weg ins Innere. Home-Office und die Büroräume könnten zu dringend nötigen Wohnungen mutieren. Kaum noch Autos auf den Straßen, weniger Klamotten-Konsum, die Infrastruktur einer motorisierten Welt stirbt für neue Waldgebiete. Wir atmen wieder bessere Luft, weil auch der Flugverkehr erheblich abnimmt. Und Kreuzfahrten. Schöne virtuellere Welt. Denn wir lauten Menschen sind dann draußen leise geworden, sind vor allem im Netz unterwegs. Dort kommen wir uns näher, als das je in real life möglich gewesen ist. Frauen trauen sich mehr. Und wenn schon Politik auch homemäßig ablaufen kann, zum Beispiel mit Sitz in der Uckermark, stelle ich mir vor, wir „Wähler“ könnten viel direkter dabei beteiligt sein. Bei den Piraten hieß diese Idee mal Liquid Democracy. Zu früh, damals. Wir brauchten das Testverfahren. Und Greta & friends.

29. März 2020
von Christa Ritter
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Wohin geht die Reise?

Wohin mit uns? Alle scheinen zu spüren, dass sich die Welt, wie wir sie kennen, längst auflöst. Die Tiere wehren sich. Ein Rind auf einem Markt in China schickt uns den Corona-Virus. Gut so. Erst Hysterie, bei manchen Schock, vielleicht kapieren wir. Noch werden überall die Zäune hochgefahren, Entnetzung der vertrauten Wege. Sie macht deutlich, wie überflüssig wir gepolstert sind. Autos, Flugzeuge, Stadien, Messen. Sogar auf Schulen und Kitas könnte man verzichten? An ihrer Stelle fährt die digitale Vernetzung umso deutlicher hoch. Home-Office mache ich sowieso schon lange. Reisen eher auf Phoenix und anderen Kanälen. Die Archive sind voll. Ja, der Tod des Tourismus wird viele Landschaften verarmen. Reisen innen stattdessen? Was sollte das denn sein? Wir werden es entdecken, während sich als Folge der Planet langsam erholt. Könnte heißen: Der Corona-Virus kommt als Freund.

29. März 2020
von Christa Ritter
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Step by Step

Was wollen die bisher so freundlichen Fridays for Future, wohin fährt ihr Zug? Dass der Kapitalismus stirbt, aktiviert immer mehr Menschen. Gerade hier im Westen: Dieses ständige More & More sei krank, so unser Gefühl. Nicht nur die Globalisierung, gerade der Turbo-Kapitalismus hat kein Glück gebracht. Was aber dann? Heute lese ich: Geld ist nur eine Idee und wenn wir daran nicht mehr glauben, ist es vom Tisch. Hat dieser Prozess schon begonnen? Vielleicht sogar dank Internet, dieser virtuelleren Heimat? Als ich hier in München bei einer Friday-Demo mitlief, war diese neue Welt unter den Nichtmal-Zwanzigjährigen durchaus zu spüren. Aber noch kein Thema. Greta bezieht sich ausschließlich auf Fakten der Wissenschaftler: Ich will, dass ihr in Panik geratet!

Von links: Co-Autorin Sarah, Claudia Langer, Co-Autorin Franziska

Und nun, an einem kalten Abend in Schwabing, werde ich erneut zuhören. Franziska und Sarah stellen ihr Buch „Ihr habt keinen Plan“ in der Münchner Utopia-Halle vor. Die beiden gehören zum Jugendrat der Generationen-Stiftung der eher Zwanzig- bis Dreißigjährigen in Berlin. Claudia Langer, Mutter fast erwachsener Kinder, hat sie gegründet. Hier suchen nun Sarah und Franziska als Teil eines Autoren-Teams den Dialog mit uns Älteren, die wir zu abwartend, weil ziemlich ratlos auf unseren Konsumpolstern sitzen. „Eigentlich hätten wir das natürlich heutzutage im Netz machen müssen,“ sagt Sarah, „aber wir wollen vor allem auch die Älteren erreichen. Alles mal auflisten, was wir fordern.“ Acht von ihnen hätten sich spontan im letzten Sommer hingesetzt, 3 Monate lang. Aber der anfängliche Stress sei längst zur Freude geworden: Spiegel Online Bestseller, 5. Auflage, hier auf dem Büchertisch.

Franziska und Sarah finden in dieser Halle also ihr mittelaltes Publikum. Ich sehe kaum ganz Junge. Einige der Wenigen frage ich vor Beginn: Wie könnte ein besseres Leben aussehen? Die erste, eine vielleicht 18-jährige antwortet, sie werde verzichten, ja, ein wenig schon, sich Thailand aber nicht verbieten. Ihr älterer Begleiter plädiert für ganz praktisches Teilen, Austauschen, das übe er schon. In seiner WG brauche nicht jeder ein Auto, die Bohrmaschine oder den eigenen Kühlschrank. Eine etwa Zwanzigjährige überlegt: „Klar, den Kapitalismus brauchen wir nicht mehr, over!“ Dem Nachdenken folgt ein spitzbübisches Lachen. „Das Alte geht nun eindeutig nicht mehr, es nervt“ antwortet mir auch ein blasser Dünner, „ich suche hier nach Ideen und will mitmachen.“

Harald Lesch

Professor Harald Lesch als Autor des Vorworts zum Buch versucht eine Brandrede. Er bleibt aber im bekannten Rahmen: Ein Stop der Ausbeutung von Ressourcen, Abschaffung umweltschädlicher Subventionen, Wechsel in ausschließlich erneuerbare Energie. Auch unser steigendes Wirtschaftswachstum prangert er als abartig an. Es geht Lesch also um eine Verbesserung unseres jetzigen Lebens, unserer Demokratie, man müsse die Politiker wachrütteln, Umbau in Nachhaltigkeit. Ich bin sicher, viele hier werden ihm zustimmen. Im großen Ganzen. Die Selbstveränderung dagegen könnte eine weitaus schwierigere Stufe sein: Gewohnheiten! Zum Schluss verbündet er sich in einem Bashing mit vielen derzeitigen Stimmen der Älteren: Das Silicon Valley betrüge uns alle. Nichts von besserer Welt! Ob das die Jungen mit ihrem Sharing der Daten auch so sehen?

Seine gemäßigte Brandrede entspricht den Fridays for Future. Keine Revolution sondern Reformation. Aber dieses Step by Step könnte irgendwann so viel Katastrophe auslösen, dass eine klärende Vision entstehen muss. Als hätten die freundlichen Jungen von uns Älteren gelernt: Mit Gewalt geht nix. Eher Fragen stellen, diskutieren, jeder muss seinen eigenen Weg finden. Der hundertste Affe. Oder neu-demokratisch mit Hilfe des Internets?

Utopia-Halle München „Planet over Profit“

Die Mädchen sind cool, sie gefallen mir: Mit ihrer Analyse wollen sie empören, als sie zunächst aus dem Kapitel „Klima“ vorlesen. Daten aus der Forschung, statistische Daten eines sterbenden Planeten. Klingt wie lange nach Zwölf. Und doch nicht hoffnungslos. Wenn ihr sofort etwas tut! Viel sei schon heute radikal umzusetzen, haltet wenigstens das Paris-Abkommen ein. Dann reden die beiden frei ins Publikum, erstaunlich eloquent: „Planet over Profit“. Fast entschuldigend auch: „Wir benutzen ein altes Wort für diese Not-Wendigkeit. Paradigma!“ Die Politik, wir alle, müssten zur Heilung der Welt in ein neues Paradigma wechseln. Welches? Die Frage bleibt offen: Step by Step. Die Mädchen lesen schließlich aus dem Kapitel „Wirtschaft“. Weniger Plastik, Autos, vergiftete Landwirtschaft, weniger Großkonzerne. In mir klingt an, was schon mal Thema war: Small is beautiful. Nachhaltigkeitsziele zur Verbesserung des Bestehenden, des heutigen Systems, alles gut verträglich, irgendwie konservativ. Ob die Wissenschaftler damit zufrieden wären?

Zum Abschluss steigt der Professor noch einmal auf die Bühne. Er möchte ein Gefühl der Hoffnung durch Umbau verbreiten, versucht zu ermutigen. Und meint die beiden Mädchen, ihr Buch, alle Jungen, auch uns Ältere. Der Druck müsse größer werden. Während die männliche Jugend weniger sichtbar das Internet als Tool der Veränderung ausdrücklich erproben, sind die Mädchen auf den Straßen und in Talkshows unterwegs. Ablösungsspiele für eine bessere Welt: Diskutieren, ausprobieren, verhandeln. Man müsse alle mitnehmen, sagte kürzlich auch unser Wirtschaftsminister.

Beim Rausgehen aus der Utopia-Halle versuche ich meine Ungeduld zu zügeln: Alles ist gut. Ein Weg der Reformen, Katastrophen inbegriffen? Wie im ganz persönlichen Leben auch. Immerhin: Die Aktivisten, ob Mädchen oder Jungs, sind alle mit dem Internet aufgewachsen. Sie sind daher, ohne daraus schon eine Vision ableiten zu können, längst in die Zukunft unterwegs. Sie denken nicht nach, sie tun: Das Privateste kommunizieren, sich weltweit als Community vernetzen. Schon eine Weile setzen sie mit ihren Daten die Bausteine einer Welt, die mit unserer alten Brille des Kapitalismus nicht wahrzunehmen ist. Viel Unbewusstes könnte also bereits in Arbeit sein. Nach dem schönen Gedankensatz des Philosophen Walter Mignolo: „Warum sollten wir den Kapitalismus retten wollen und nicht die Menschen?“

17. Februar 2020
von Christa Ritter
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Feministinnen nerven!

Es ist schon ein Kreuz. Was? Das mit den Frauen. Als Mutti’s Tochter kannte ich mich nicht, damals, musste aber dringend weiter und verlangte: gleichberechtigt. Hat mich gen Sackgasse gedrückt, ins Abseits von mir selbst. Frau ist anders, nicht gleich. Schon gar nicht in einer Welt, die so auf Macht setzt. Und Leistung. Lange Jahre Arbeit, ihr wisst, auch unter mehreren Frauen. Gestern wieder schmerzlich erlebt: Ich komme aus den Bergen zurück, zeige die Fotos. Berge, Schneefelder, zwei Fotos von mir. Rainer: „Wer ist denn das?“ (Meint mein Gesicht vor Sonne). Schaut weiter: „Zwei ohne Hälse“ (zwei Freundinnen). Ergänzt durch Brigitte’s Kommentar: „Hier sind deine Haare schön, so fluffig. Hier könnten sie anders…“ In mir schießt Wut hoch: Ihr Klugscheißer! „Kannst du auch mal was Positives sagen“, herrsche ich Rainer an. „Ja, ja,“ sagt er, „bei euch Frauen muss alles immer SÜSS sein. Ist die nicht SÜSS, schaut der nicht NETT aus!“ usw. „Ohne Widersprüchliches kommst du nie zu dir, kein Selbstbewusstsein. In den Konflikt gehen, das ist Leben.“ Schnappatmung. „Quatsch“, entgegne ich, „aaaaach, ödet mich das an, was SÜSSES will ich gar nicht hören. Du könnest einfach was Normales sagen.“ Ich verzwirble mich weiter und ärgere mich und argumentiere längst mit gehobener Stimme, schrill und äußerst genervt. Krieg: Rainer, der Besserwisser. Schon bin ich aus der Tür. Auch ich mochte die Fotos von mir nicht wirklich. Mütze abgezogen, Haare verwuschelt usw. – unentspanntes Gesicht, alles offenkundig. Nicht so toll. Aber Rainer, der darf das nicht sagen.

Männer nerven: sind anders, daher immer in Konfrontation zu mir, weiter, immer weiter. Ich will das oft nicht, bin faul, alles zu komplex. Saß gestern mit dem Foto-Streit plötzlich wieder mittenmang vom Puppenhaus: Will deine andere Sicht nicht, die männliche, die meine infrage stellt. Infrage? Vielleicht besser: ergänzt? Das Leben wird nämlich reicher, lebendiger, tiefer, weil zwiespältiger: durch die Sicht eines Mannes, der Männer. Sowas übe ich mit Rainer und den Frauen ja schon lange. Bis über das Übliche hinaus: nach „innen“. Wie ihr gelesen habt: Es bleibt schwierig. Ich Opfer, Rainer Täter, er stark, ich schwach: Verdacht, Manipulation und Häme. Offener Kampf versus Intrige. Die Eva sitzt SO TIEF. Da müssen wir Frauen durch. Ich muss durch. Geht nicht anders, also gut. Weitermachen. Heutige Feministinnen vermeiden sich, sperren die Männer aus, fordern in ihrer Bequemlichkeit einfach nur Platzmachen. Für umsonst gleichberechtigt? Lese in der SZ, was die Miss-Wahl-Gewinnerin 1982 über die Jury von Nur-Frauen der diesjährigen Miss-Wahl sagt: „Für mich fehlt der männliche Blick.“

Feministinnen fordern heute ziemlich laut und die Männer reißen überall devot die Türen auf. Schuldbewusst bieten sie Gleichberechtigung. Aber hinter den so zeitgeistig „Kastrierten“ läuft ihr Wir-entwickeln-das-Internet-für-eine-bessere-Welt-Projekt weiter. Hoffentlich! Aber bisher leider ohne uns Frauen. Denn ein Mann muss ein „Kämpfer“ bleiben, sonst wäre er kastriert. Den Geist des Silicon Valley teilen bisher nur wenige Frauen. Und für die Feministinnen sind das nur lauter Luschen? Geht’s nicht statt um Gleichberechtigung um Selbstermächtigung bei beiden? Also um Verhandlung immer mit sich selbst, Schritt um Schritt, nichts von Macht, ob als Opfer oder als Täter? Sich unterschiedlich zu verwirklichen, also nichts von GLEICH? So lange Frau die Herausforderung Mann nicht zulässt, bleibt sie blöd, weil einseitig. Hatte ich schon. Wie oben erwähnt: Ich war in dieser Sackgasse. Musste raus, ist schwer, aber nicht unmöglich. Feministinnen nicht raus sondern rein zu sich selbst. Weiter….mit dem Internet. Was ist denn dort los? Wir ahnen: Liebe.

 

8. Februar 2020
von Christa Ritter
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Stopt die Hexenjagd auf Julian Assange!

In München, Frankfurt und Berlin: Mahnwachen für Julian Assange. Endlich und zurecht! Der Anstoß dazu ging von den Recherchen des Uno-Sonderberichterstatters für Folter, Nils Melzer aus. Gnadenlose Rechtsverdrehung in Schweden, bösartige Verfälschung, zum Schluss Isolationshaft in einem Hochsicherheitsgefängnis in England. Psychische und physische Folter, die den Tod von Assange in Kauf nimmt. Melzer empört: Missachtung der Menschenrechte über lange Jahre, schleichender Abbau der Pressefreiheit durch die „Big Five“, vor allem der von England als Komplize der USA. Empörend, ja! Interessanter fand ich nach Gesprächen mit meinen Freunden Rainer und Brigitte: Dass hier Frauen, besonders eine feministische Frau, die schwedische Staatsanwältin, die Vergewaltigungen hinterhältig erfunden hat und damit die Hetzjagd auf diesen verdienten Whisleblower auslöste und 10 Jahre lang bestimmte. Das war und ist bis heute die unglaubliche Hexenjagd einer als Anwältin gleichberechtigten Frau.

Julian Assange in Isolierhaft in England

Der Fall Assange wurde zunächst von zwei Frauen ausgelöst. Sie waren wegen Klärung zur Polizei gegangen: Zwei Nächte mit Assange, gerissenes Kondom, HIV-Verdacht. Der Sex sei einvernehmlich gewesen. Aber die schwedische Polizei folgte dem neuen, fast fundamentalistischen Zeitgeist des Feminismus und schrieb die beiden Frauen zu Anklägerinnen um. Sie mussten in der Sache Opfer gewesen sein. #metoo lässt grüßen (ebenso bei uns der Fall Kachelmann). Eine selbst-herrliche Staatsanwältin übernahm als gnadenlose Rächerin. Sie verfälschte, manipulierte, verhinderte die bei jedem Verdacht, jeder Anklage nötigen Anhörungen. Und so wurde die Geschichte zur übelsten Menschenjagd, die einen vielleicht etwas feministisch unbedarften Julian Assange zum Vergewaltiger abstempelte. Der Fall nahm Fahrt auf: Auch die beiden Frauen gerieten so zwischen die Räder, Assange bot immer wieder ein Verhör an, erst in Schweden, dann auch in London. Keine Chance! Ist so Feminismus als Gleichberechtigung gemeint? Wird der geradezu zwangsläufig so aussehen, so lange jede Kritik an Frauen vermieden wird? Ich glaube sogar, dass wir Frauen brutaler sind als Männer, wenn wir einmal den Taktstock schwingen.

Irgendwann schaltete sich England als Handlanger der USA ein. Da hatte ja eine „neue Frau“, eine Feministin in Schweden herrlich vorgearbeitet. Passt doch, wo der Mann die Sauereien der US-Army geleakt hat. Soweit die Recherchen des Sonderberichterstatters. Dass hier eine Feministin ihren Status missbraucht, Rache am Mann übt, eine Lügengeschichte erfindet, wird von Melzer höchstens angedeutet. Als braver Schweizer will er sich mit einer Feministin nicht anlegen, könnte ich ableiten.

Heute gibt der feministisch geprägte Zeitgeist jeder Frau sofort recht: Die Männer sind schuld. So fing schon die Frauenbewegung nach 68 an. Ich erinnere mich gut an meine damalige Phase der Erregung. Plötzlich kam in mir der Hass hoch. Den kannte ich bis dahin nicht: Ich sah Männer als Unterdrücker von mir, von der ganzen Frauenwelt, sah sie als Verursacher einer toxischen Welt: Das Patriarchat ist schuld! Wir Frauen sind die armen Opfer. Ich fühlte mich vielleicht zurecht behindert: klein und ohnmächtig, ein unerträgliches Gefühl. Weil ich keinerlei Macht über mich selbst hatte? Diese Frage kann ich erst heute überhaupt ansatzweise denken: Damals war ich weit davon entfernt. Es gab mich nicht. Wer und wie eine Frau ist, anders als ein Mann, war unbekannt. Wir standen im Schatten der eigenen Wahrnehmung. Selbst bei Männern hieß es: Was will die Frau? Wir waren ihnen ein Rätsel, ich war mir ein Rätsel. Also starrte ich nur auf den Mann, auf seine Macht, auf seine hässliche Welt. Die ich nun als Gleichberechtigung auch haben wollte. Obwohl ich die furchtbar fand. Ungerecht und grausam. Die wollte auch ich mit Macht erobern? Was für ein Widerspruch!

Wir Frauen des Harem mit unserem Gefährten Rainer Langhans (Foto: Jurga Graf)

Ich habe damals mein eigenes Entsetzen über mich selbst erlebt. Nur privat, also im stillen Kämmerlein, davon durfte niemand etwas sehen. Das Private ist politisch? Furchtbarer Gesichtsverlust, also langsam bitte! Entsprechend liefen meine Beziehungen, ich bald wieder als Opfer obenauf, vergaß schnell meinen Schock über den Hass. Die Macht meiner Opfer-Rolle blieb unhinterfragt. Opfer? Ich wollte und konnte mich darin nicht als Täterin sehen: meine Gewalt in der Intrige, in Besitzwut, in der Eifersucht, in Verachtung des anderen. Diese dunkle Seite wurde vor 40 Jahren der Grund, dass ich mich vier Frauen und einem Mann zur Selbsterkenntnis als „Harem“ anschloss. Wir wollten uns diese Odyssee zumuten, um als weibliches Wesen verantwortlich zu werden: Erst in der Mitte der Dunkelheit ist das Licht, heißt es. Oder anders: Die Selbsterkenntnis des Schattens, der dunklen Täterschaft, trägt wohl auch eine Frau zu sich selbst. Als wir diese grausame Seite dann in die TV-Öffentlichkeit trugen, waren wir vielleicht zu früh dran. Nur wenige wollten uns so düster sehen. Zurück ins Nest, wir bekamen Angst vor unserer eigenen Courage. Laut in der Öffentlichkeit sind wie 68 heute nur Feministinnen und sie bieten ein gewalttätiges Bild, ein toxisches, weil es im Opfer-Modus die Gleich-Berechtigung erkämpfen will: Der Mann ist ein böser Täter. Weißer alter Mann, toxisch. Er soll aber die Steigbügel halten für weiße alte Frauen, so toxisch wie die Staatsanwältin in Schweden.

Bedeutet die Emanzipation nur wieder noch mehr Gewalt, diesmal von Frauen? Die Mehrheit wollte eigentlich nie so werden wie ein Mann. Gleich-berechtigt. Und so sind seit 68 irgendwie die „leiseren“ Frauen doch auf dem Weg, eher noch unbewusst, sich in ihrer Weiblichkeit zu entdecken. Sehr langsam wird das Private von uns tatsächlich politisch. Es ist möglicherweise das Internet, das nun den jüngeren Frauen gerade über die Shitstorms hilft, dahinter die eigene, authentisch weibliche Täterschaft zu ergründen. Dunkles wird sichtbar: Um als Täterin über die alte, aber so mächtige Rolle des Opfers hinauszuwachsen, weit über „die Rippe“ hinaus. Eine großartige Möglichkeit, die es nie zuvor in der Menschheitsgeschichte gab. Eine ganz andere, wirkliche, weil innere „Revolution“. Mann und Frau als Menschen. Auf gleicher Augenhöhe.

 

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