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Christa Ritter's Blog

6. Januar 2019
von Christa Ritter
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Burger Saloon: Man trifft sich

Gestern trafen sich in einem Burger-Saloon einige alte Vertraute, die wir vor wenigen Jahren mal zur Piratenpartei gehörten. Gettogether. Inzwischen in alle Winde verstreut und jetzt alle (außer mir) forever Nerds. Was auch sonst? Erfreutes Hallo, als seien wir noch immer verschworen, die neue Zeit einzuleiten. Wie damals: Digitale Wahlverwandtschaften als Flow durch ein noch zu entwerfendes Liquid-Tool zur Emanzipation aus altmächtiger Politik in eine direkte des Privaten. Menschlicheres oder so ähnlich. Wohin ist diese Vision nur gewandert, fragt mich der Yogalehrer. Keine Ahnung, sage ich. Visionen gibt es derzeit nicht, aber alle suchen. Alex, der Physiker nickt: Die Linke hat ihre Ideen gegen die Wand gefahren, ihre PCs wurden allgemein als Fake erfühlt, alle totenstill. Simon, der Imker bestellt die nächste Lychie-Bionade: Schade, wir Piraten haben es vermasselt, sind an der Machtfrage gescheitert. Ihr wolltet die privaten Daten ja wieder zurückpfeifen, sage ich, hat mich schwer abgeturnt. Wohl auch die Wähler. Total unglaubwürdig, eben retro, hätten die alten Gründer-Schweden gelacht. Ja, damit haben sich die Piraten das Grab geschaufelt. Waren wir nicht mal bei fast 12 Prozent? Heute ist es der Robert Habeck, lacht Andreas, der seit drei Jahren an den Pazifik ausgewandert ist. Steht er für Neues? Ich verziehe meine Falten. Der Kleine mir gegenüber: Wer ist denn Robert? Waaas, den kennst du nicht, ist das ein Witz? Pause.

Andreas fliegt nächste Woche für die Allianz nach China, gibt einen Workshop. Sein Riesenburger wird serviert. Mit Avocados. Über die Chinesen hab ich ja lachen müssen, sagt er. Auf zum Mond! Alle nicken. Wir müssen uns ganz schön sputen, mahnt Michael und meint jeden, eben global. Die Welt gefühlt am Ende. Ich glaube, er arbeitet als IT bei BMW. Michael meint wohl das Klimaproblem und alle sonst längst laufenden Dystopien. Sonst schaffen wir den Absprung nicht mehr. Kurzes Gedrängel: Der nächste fette Burger wird serviert. Hab ich eben richtig gehört? Es gibt zwei Planeten, wohin es klappen könnte, da gibt’s Wasser. Auswandern, evakuieren, aber nur die Klügsten. Die Reichen haben sich angeblich in Neuseeland schon Bunker gebaut, gerettet, aufgegeben. Hat einer in der NYTimes berichtet. Alex lächelt: Vielleicht schaffen wir es mit digitaler Technik, Sauerstoff kann man bald künstlich produzieren. Wirklich? Wieso also auf einen anderen Planeten? So’n Quatsch. Diese ganze Aufregung um Fake-News: Haben wir Angst vor uns selbst? Vor unseren eigenen Abgründen? Warum nicht endlich mal hier zuhause richtig aufräumen? Das viele Geld für unsere Erde, nicht für den Orbit. Sind die Chinesen bekloppt? Ja, nickt die Runde. Ihr glaubt nicht mehr ans Internet, frage ich und sehe als Antwort erstaunte Gesichter. Ihr seid auf den Verstand hereingefallen, den ewig ängstlichen Controller. Nö, verschämtes Lachen. Stimmt ja, so Simon, die Materie bringt nichts mehr, echter Downfall. Schluß mit lustig?

Keiner weiß eine Lösung. Michael zögerlich: Aber dass uns das Internet in den Abgrund reißt, ist doch auch gequirlte Kacke. Aha! Klingt schon besser. Klaus, der Pazifik-Surfer hat Freunde im Valley. Sieht er dort Düsteres? Eigentlich sei es doch so, dass eine starke Vision nie falsch werden könnte. 68 setzt sich durch, hast du mal gesagt. Ja klar, dem Ungeheuerlichsten kann man einfach nicht den Hals umdrehen. Der Liebe nämlich. Sie setzt sich durch, unbemerkt. Alle lachen: Du wieder! Bettina, die in unserer Piraten-Video-Gruppe sehr fleißig war, steigt ein: Unsere Daten kannst du nicht mehr einfangen und das mit dem Verstand… er ist aber supermächtig, quatsche ich dazwischen. Bettina weiter: …der löst sich längst auf. Weiß ich! Sie schaut fast triumphierend in die Runde. Stimmt! Fake-News, Trump und Twitter, das Klima tanzt. Alles wird besser, sagt sie noch. Nö, wir stopfen unser schlechtes Leben in den Internet-Waschgang und werden dadurch einfach mal klarer, sauberer, einfach besser. Alles muss raus. Naiv? Man müsse nur erinnern? Die Utopie, es gab sie ja. Und sie wirkt. Wie gesagt: Unter dem Pflaster, längst. Es soll ein arktischer Winter werden. In den USA und Europa minus 20 Grad. Warm anziehen, sagt die Bedienung und bringt den nächsten Burger.

 

2. Januar 2019
von Christa Ritter
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Der Lautsprecher von Langhans

Kann man etwas einfach so „vergessen“? Ich sehe gerade die Amazon-Serie „Homecoming“, in der die Protagonistin eine wichtige Zeit ihres Lebens einfach „vergessen“ hat. Ein wesentlicher Slot versank scheinbar im Unbewussten. Oder ist einfach nicht wirklich passiert? Oder von einer anderen Sicht überschrieben worden? Wie sich in einer späteren Folge zeigt: Es wurde von ihr selbst gelöscht. Aus Liebe. Immer noch zum Mann, noch nicht zu ihr selbst.

Immer wieder erlebe ich Empörung. Hier und im realen Leben. Wie kannst du einem Mann alles nur nachquatschen. Ja, etwas in mir sagt auch: Bist du sein Lautsprecher? Immer mal wieder: Ich bin nichts, er weiß alles. Oder: Ich bin nur eine dumme Pute, er ist so viel weiter. Anfangs, als ich mich mit dem einen Mann unter uns Frauen zusammentat, war an dieser Einschätzung vielleicht sogar was dran. Ich kam aus meiner feministischen Opferwelt, hatte von mir selbst keine Ahnung. Das wollte ich in diesem Labor ändern und gab meinen neuen Freunden aus guten Gründen einen Vorschuss. Sie hatten die erste Klasse bereits hinter sich, ich war die Nachzüglerin. Natürlich nicht wirklich, aber dazu später.

Nach ein paar ersten Jahren Zuhören, Lesen, Beobachten fing ich mit dem Praktischen an. Videos machen, das anschließende Schreiben lernen mündete in TV-Dokus. Immer mit diesem Mann an der Seite. Und jetzt das Wesentliche: Nicht einem, der dem männlichen Ego folgte. Nach dem üblichen Motto: Die Frau an seiner Seite. Stattdessen Lernen von jemandem, der längst auf einem Weg in sein inneres Unbekannte ist, der daher im Hintergrund meine Schritte spiegelt und fördert. Natürlich habe ich ihn damals nicht so frei sehen können, saß noch immer feministisch fest: Ich war Opfer, unfähig zum Selbstbezug und das nahm ich ihm, dem Mann, übel. Irgendwie in aufgeblasener Konkurrenz, kein Blick auf mich. Ich hatte sogar Angst vor ihm. Vor seiner Kraft, vor Kampf, Gewalt, Übermächtigem. In meiner Kindheit hieß es oft: Männer sind immer Vergewaltiger. Ja, ja, steckte tief in mir drin. Geschlechterkrieg sowieso. Also musste eine lange Strecke des ständigen Scheiterns aus meinem Wahnsinn passieren. Gefühlt, weil immer wieder „vergessen“ (siehe oben): Ein Schritt vor, zwei zurück.

Bis heute. Was will die Frau? Was will ich? Diese Fixierung auf den mächtigen Mann zurückzunehmen, das scheint für Frauen nach wie vor extrem schwer zu sein. Alle Frauen beziehen ihre Identität bisher aus der männlichen Zuordnung, die sie selbst mit veranstalten. Ich kenne keine Frau, die diese Macht zurück nimmt. Der Vergewaltiger wäre dann nämlich sie selbst: Selbstverantwortung hieße das. Siehe #metoo. Ich bilde mir heute ein, dass sich die Nebel einer langen Reise durch die Nacht bei mir langsam zu lüften beginnen. Sehr langsam. Ähnlich nehme ich andere wahr. Ich irre mich?

Meine eigene Geschichte aus dem „Vergessen“ heraus entsteht also gerade erst, für mich kaum sichtbar. Rainer ermutigt mich immer wieder, inspiriert, reißt den Schleier meines „Vergessens“ auf. Nur, wenn ich ihn darum bitte. Kreativ aus mir heraus zu handeln, bleibt schwer. Obwohl ich es tue? Paradox! Mir Eigenes zuzumuten, kommt mir geradezu unverschämt vor. Und doch ist da die starke Sehnsucht plus 40 Jahre Praxis: Mach dein Ding! Folge nicht der Matrix dieser Gesellschaft, der deines inneren Vaters, deiner Mutter. Schau dich an, nicht andere! Oder: Schau genauer hin, welchen eigenen Unterwerfungs-Müll du wieder schreddern kannst. Sieh dich statt stumme Faschistin als tollkühnen Wanderer mit dem Wind (Alexandra David-Neel), weiblich und doch letztlich geschlechtslos, ständig scheiternd, sich selbst erfindend.  Der/die dafür Reflexe von außen, von Mitwanderern braucht, sie sogar sucht. Gerade auch diesen Mann, der sich Rainer nennt und der so entschieden vorangeht. Gestern habe ich wieder ein Gespräch mit ihm gesucht: Wie kann ich mein Nein dem Adam-Eva-Leben gegenüber weiter auflösen? Was wir redeten, kam bei mir an. Als Liebe: Es beschäftigt mich. Ich kann zu dir auch immer nur so viel sagen, wie du dir selbst zugestehst, hörte ich von ihm. Das gefällt mir: Ich bin mein Autor.

22. Dezember 2018
von Christa Ritter
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Zeig mir deine Arche Noah

Ich weiß, viele von euch wollen oder können es nicht sehen: Dass wir uns, also alle Menschen unserer deutschen wie internationalen Gesellschaften, an dem 68er Virus infiziert haben. Unbewusst werden wir von ihm gelenkt: der Vision einer virtuelleren Welt. Weniger Krieg, mehr Freundliches. Ich könnte dazu auch sagen: Wir teilen uns immer mehr mit, die Medien erweitern sich, das Internet kommt dazu. Wir reisen und machen die Fenster auf. Kleinfamilien ade. Flüchtlinge könnten dazu gehören. Alle suchen das Glück?

Shitstorms, Gehässigkeiten, Gewalt in Familien? Gibt’s doch auch. Ja klar. Es gibt inzwischen auch die Rechten, Menschen, die zwar zurückwollen aber vielleicht ebenso vorwärts, irgendwohin, wo sich die Linken noch nicht hindenken. In diesen Übergangszeiten, wo das Alte so bedrohlich wegbricht und das Neue noch so fremd ist, scheint niemand einen Kompass zu haben. Was war denn 68? Wie sah diese Vision einer liebevolleren Welt aus?

Gestern habe ich meine Spuren zurück aufgenommen. Ich rief eine alte Freundin an, von damals, als ich zwischen 25 und 35 Jahre alt war und in Düsseldorf wohnte. Das war schön, weil Karin und ich plötzlich diesen Raum aufmachten. Als wir verliebt alle und jeden, als wir so viel ausprobierten, jung und natürlich außen. Werbeagentur, Fotostudio, Fischerboot in der Ägäis, tödlicher Autounfall, erster Joint. Verliebt, nicht verlobt, immer wieder verheiratet oder wie bei mir: nie verheiratet. Abtreibung, Fehlgeburt, Reisen über Stock und Stein.

Was Karin und mich dann gestern vor allem bewegte: Dieses Nichtaufgeben, dass jeder einen ganz persönlichen Weg eingeschlagen hat, sich gestaltet, weiter und weiter. Rückschläge dazwischen, Entmutigungen. So ist es eben, wenn man sich aufmacht, sagte Karin, und ich gab ihr recht und freute mich, die Widerstände tauchen auf, da musst du durch, und dann taucht die nächste Klippe auf und trägt dich und du zweifelst und das Private wird doch immer politischer, greift längst ins Öffentliche. Mal Phasen der Depression, Verstörendes, doch etwas ganz Eigenes, etwas tief im Herzen, das nimmt langsam zu, mühsam auch.

Ich freue mich über diesen Telefonaustausch. Diese ersten aufgeregten Erfahrungen aus meiner jungen Zeit mit heutiger Brille nochmal durchzugehen, sie endlich anzunehmen. Meinen Weg dadurch etwas deutlicher zu befestigen. Am Wegrand die Gefährten, die Freunde, die wir alle neurotisch wurden, irgendwann narzisstisch oder schon immer autistisch. Schüchtern und posttraumatisch, verrückt oder nicht therapierbar. Wenn du aus der bleiernen Enge aussteigst, Dystopisches anzettelst, so sieht‘s halt aus, entfaltet sich ein Regenbogen. Traumhaft schön und beängstigend! Karin möchte die digitale Farbenpracht, die ich als Arcxhe Noah begreife, glatt übersehen. Sie sagt: Ich lese nicht mal Mails, das tut Andy, auch für mich. Ich lache: Immerhin habe ich dich dort gegoogelt.

12. Dezember 2018
von Christa Ritter
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Ist das Böse weiblich?

Warum habe ich 1978 meine hochtrabende Film-Ambition, ja den, wie ich mir erträumte, vermeintlich sicheren „Oscar“, links liegen lassen und bin zum Hohenzollernplatz gezogen? In ein kleines Apartment in der Nähe von diesem strengen, freudlosen Rainer? Eine krasse Kehrtwende, die mir auch Angst machte. Als spürte ich, etwas ganz Anderes wird meine Chance werden. Später habe ich diesen radikalen Turn scheinbar unrealistisch gedeutet: Rainer hatte einen spirituellen Meister gefunden, also wollte ich so etwas wie heilig werden. Unter großartig durfte es bei mir nicht sein. Stimmte aber nicht! Wenn ich nämlich heute diesen bisher radikalsten Schritt raus aus meiner Großfrausucht nach Anerkennung, bis zu meiner vielleicht möglichen Selbstentdeckung eines inneren Weges zu deuten versuche, sieht das Bild anders aus.

Rainer könnte eine Tür ins Wesentliche öffnen, so meine Ahnung. Der Anfang: Zurückgezogen leben, außen bescheiden. Um mich weitere Frauen, schöne, kluge.  Irgendwie war ich zuvor im ersten Drittel meiner Vita dank einer tiefen Verweigerung in, wie ich fand, viel zu kleinen Erfolgen stecken geblieben: Durch Nichthinhören, Draufhauen anderer, dahinter mich. Liebe, nirgendwo. Die Welt war mir unheimlich, drohte sogar: Sie, der Mann war an allem schuld. Frauenbewegung, Therapie, ein Guru, all dies berührte meine Kälte nicht. Ich sah noch nicht mal, dass ich auf so oberflächliche Weise in einem Opferstatus stagnierte. Aber mit Rainer und den Frauen, so wurde bald klar, würde ich mich meinem Unbekannten stellen müssen. Das machte mir Angst, Rainer machte mir Angst.

Mit seinem Vorsitz übten wir Frauen uns bald in höheren Erkundungen, um ziemlich schnell dort zu landen, wovor ich mich fürchtete. Vor den Gatekeepern jeden Heiligwerdens, dem mir total unbewussten Leichenkeller von Frauen. Von uns Frauen, von mir! Dort, wo wir nur heimliche Täterinnen sind. Verstörend dieses düstere Terrain und wir schrien auf. Schnell war Rainer schuld, war er derjenige, der uns das leichtere Leben vermasselte. Obwohl er uns dann irgendwie immer ermutigte: Bleibt dran! Da kämen wir durch.

Unsere Leichen, bisher bestens in raffinierten Verstecken verborgen, hatten unterschiedliche Fratzen: Gefallsucht, was fast jeden Mann betraf, Eifersucht, wen angeblich Rainer wieder favorisierte, Gier nach Anerkennung, als Frauen-Körper ganz selbstverständlich, mitten im rauen Hyänenkrieg von uns Rivalinnen. Du Feldwebel, du Riefenstahl, ätzten damals meine Sistas. Hart gesagt: Lautes Herrschen und Dominieren, immer die Auserwählte sein zu müssen, stellte sich bedrohlich als mein Zwang dar. Als meine Form von Faschismus, der Freundschaft, gar Liebe schon immer verhindert hatte. Schwere Kost! Wir schenkten uns nichts. Schritt um Schritt wurde so immer wieder unser mächtiger Täter-Abgrund auf hässlichste Weise sichtbar.

Jede von uns ist dann entsetzt vor der eigenen Hölle zurückgewichen und wieder in die alte Komfortzone getürmt. Dorthin, wo es wieder schön warm war. Auslöser für das ausdrücklichste Retour entpuppte sich vielleicht unsere „Big Brother“-artige Doku-Soap, die uns 2 Wochen lang mit 9 Kameras rund um die Uhr auf einem kleinen TV-Sender als gar nicht nette Frauen beobachtete. Sogar dort hatten wir uns mutig ziemlich nackt gezeigt, vielleicht zu früh. Nur sehr fortgeschrittene Zuschauer verstanden den bahnbrechenden, positiven Hintergrund. Frau nicht nur schön, auch hässlich, damit ansatzweise Mensch.

Wir zogen uns schnell wieder zurück, übten bald vorsichtiger in kleineren Schritten. Ein Schritt vor, zwei zurück. Die Terroristin, ja die Faschistin in mir ließ nicht locker: Ich bin unschlagbar und verlange gebauchpinselt zu werden. Den Oscar! Gab’s natürlich nicht und diese Löwin war schwerstens beleidigt, ist es bis heute. Das Neuland, eine selbstbestimmte Frau zu werden, schien weit weg zu sein.

Nichts passiert? Obwohl ich dranblieb? Jedenfalls tauchte jede von uns Frauen nicht ganz ab, musste sich damit abfinden, wie schwer und lang dieser Weg aus dem eigenen Gefängnis ist.  Auch ich bleibe mit der eigenen, persönlichen Odyssee beschäftigt. Nabelschau, nennen es manche. Immer noch oft unerträglich düster, dann wieder doch irgendwo ein kleines Licht. Meine Angst vor Rainer hat abgenommen. Inzwischen kann ich ihn schon milder sehen, bin sogar dankbar für manchen Nackenschlag. Erinnern, wiederholen, durcharbeiten. Wir sind alle auf dem Weg? Rainer sieht das Netz als ein Tool, durch das wir uns alle stellen können. Diesen schwärzesten Ecken. Auch Frauen, wenn sie denn den bequemen Opfermodus knacken wollen. Denn die Schrecken, so ahnen vielleicht in diesen Zeiten immer mehr von uns, sie sind nicht woanders, nicht in Afrika, nicht bei Trump, nicht bei irgendeinem Fremden, sie sind in dir. Oder bei mir: Ich mache also mit Unmöglichem weiter, wie ihr auch und ab und zu treffen wir uns. Im Internet?

Zum Thema: Ester Vilar hat vor 50 Jahren über die versteckte Täterin das Buch „Der dressierte Mann“ geschrieben. Dafür wurde sie von den Opfer-Feministinnen sogar einmal tätlich angegriffen, fast geteert. Um schließlich in die Schweiz auszuwandern. Und vor zwei Wochen erschien in der SZ ein Interview mit der Psychoanalytikerin und forensischen Gutachterin Hanna Ziegert. Es trug den Titel „Mütter“. Lesenswert! Sie hat die verborgene Täter-Seite der Frau beruflich erkundet, aber auch bei sich selbst, der Mutter, hinter die Fassade geschaut. Ausführliche Fälle in ihrem Buch: „Die Schuldigen“. Auf seiner Rückseite leuchtet mir dick und rot die Frage entgegen: Ist das Böse weiblich?

25. November 2018
von Christa Ritter
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Shitstorms, that’s how the light comes in

This is a talk I did one week ago at „Lightening Talks Munich“. The audience: international students and IT-youngsters.

10. November 2018
von Christa Ritter
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Könnte ein Lächeln faschistisch sein?

Wie peinlich ist das denn? Nein, es war mir mehr als peinlich und ist es immer noch. Vielleicht nach 40 Jahren Trial & Error inzwischen etwas seltener. Ich spreche von: Die Sau rauslassen. Tiefer und schlimmer noch: diesen Killer, den verdeckten, noch unbewussten Faschisten in mir selbst. Wir fünf rätselhaft entschiedenen Frauen haben mit dieser Kur de Force am Anfang unserer gemeinsamen, teils auch einsamen Innenarbeit vor Jahrzehnten begonnen. Ich fand das lange entsetzlich, grausam, geradezu unmenschlich. Wenn wir uns unter der Gürtellinie gegenseitig „aufschlitzten“, wenn wir uns, allerdings selten, sogar schlugen. Diese Gewalt als meine zutiefst eigene wirklich tiefer anzuschauen, dazu brauche ich immer noch meist ein paar Tage. Großer Widerstand. Zu dick die Schutzbrille meiner „Sesshaftigkeit“, dieses komische „ich will dazu gehören“, ich will, wem auch immer, gefallen, brauche Applaus. Auch mein automatisches Lächeln, nach manchen Sätzen eine Art Kurzlachen. Interessant und fürchterlich. Ja, wir Menschen spielen verdrehte soziale Wesen, aber auch noch etwas anderes?

Ich will, dass es auf dieses Andere hinter meinem Faschismus hinausläuft! Bei immer mehr Menschen. Hier: Kein Lachen. Umso verrückter kam mir daher zunächst Rainer’s Sicht auf diesen neuen Präsidenten vor. Trump sei mit seinen Tweets der erste Avatar des Internets, einer, der seine Wähler in die virtuellere Welt mitnimmt, der seinen Faschismus ausstellt, daher nicht mehr betrügt, der endlich sogar politische Versprechen umsetzt. Der wirklich diesen Rätselsatz „Make America great again“ ernst meint: ein besserer Mensch werden? Ein Trump, der in seiner Hässlichkeit echt ist, während die anderen lügen und betrügen. Der daher nun auch in den Midterms den Senat ausbauen konnte.

 

Hab Rainer nicht wirklich kapiert. Und doch… Endlich scheint sich neuerdings meine Sicht auf Trump zu erweitern. Ich sehe plötzlich eine Ähnlichkeit zu der Arbeit unter uns fünf Frauen und einem Mann. Diese Ehrlichkeit privatester „Ungeheuer“-lichkeiten, sprich Faschismus: Erinnern, nennen Therapeuten den ersten Schritt zur Heilung. Die weiteren: Wiederholen, zuletzt Durcharbeiten. Der Schlusspunkt Aus der Hölle zum Licht. Das Private ist politisch: Trump traut sich was. Und alle schauen angewidert, aber auch fasziniert hin. Eine vergleichbare Frau ist bisher nicht aufgetaucht. Melania scheint Trump durchaus privat-politisch zu beraten, bleibt aber im Hintergrund. Und wir Fünf? Ich weiß nicht, wo genau ich stehe. Es dauert. Schon 40 Jahre: Die Hälfte dieser Zeit ein Graben im Virtuellen ohne Internet. Meditation, tagelang aufn einer Wiese am See.

Ob das Internet als Tool den Prozess der Selbstvirtualisierung tatsächlich beschleunigt: Dem eigenen Faschismus ins Auge zu blicken, ihn also als Shitstormer oder Hater zu wiederholen, um ihn dann durchzuarbeiten? Du, ich, wir alle? Damit wir nicht mehr fragen müssen, wie ständig auf Facebook zu lesen: Rodung des Regenwaldes, Jemen, Hambach, Tierquälerei, alles draußen in der Welt so furchtbar, was sollen wir machen? Selbstveränderung, ja! Gerade im Spiegel gelesen: „Es geht um die Welt, die noch nicht ist.“ Die, die erst hinter meinem Faschismus möglich ist?

24. Oktober 2018
von Christa Ritter
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Was will die Frau?

Es gab mal eine kurze, verrückte Zeit, da traute ich mir alles zu. Angstfrei, irgendwie grenzenlos. Es war in den Sechzigern. Kurz danach fiel ich zurück: Fühlte mich minderwertig, zutiefst verquer. In dieses alte Leben: nein! Ich sah mich frauenbewegt und an meiner Misere waren natürlich die Männer schuld.

 

Vielleicht beeinflusste mich die Nazi-Vergangenheit, vielleicht die bleiernen Fünfziger: Die Fähigkeit zur romantischen Liebe hatte ich nie parat. Bindungsversuche scheitern. Nach kurzem Aufbruch: Der Hass auf alles und jeden begann mich zu quälen, nach außen Lächeln, ein falsches. Versteckte Depression. Ich traf einen Mann, der anders war, unabhängig. Also dockte ich bei ihm und seinen radikalen Sucherinnen an. Wir rissen uns in dramatischen Encounter so etwas wie klebrige Fetzen misslungener Verkleidungen des alten Eva-Komplexes vom Leib und hatten sie doch am nächsten Tag schon wieder an. Seit Anfang immer wieder, immer besser. Ich war erschüttert: Die Macht als Verkleidete, als behauptetes Opfer, war riesig. Ein penetrantes Muster: Ich will geliebt werden, ohne mich selbst zu lieben, vom Mann, von der Welt. Was für ein Horror! Und doch tat sich etwas. Risse, Bröckeln? Ich würde nicht aufgeben. Was will die Frau, was will ich?

 

Zum großen Ganzen aller inzwischen bewegter Frauen: Ein Narrativ wäre gut, das uns die Opfermaske als Wertlose wegreißt. Uns endlich zur Täterin befreit. Denn seit jenem Aufbruch scheitern, uns kaum bewusst, beide Geschlechter zur Freiheit, zu mehr Menschsein. Zuerst formten die Männer das Internet zu neuer Heimat. Wir Frauen folgen : Die treue Eva, die Shopping Queen, auch sie kündigt dieser bürgerlichen Matrix? Was will die Frau? Ablegen der alten Verkleidung, auch durch #metoo? Angst vor Kontrollverlust, nicht mehr Geliebtzuwerden, diesem Nacktsein, einem vermuteten Nichts. Lieber würde ich sterben! Jammert es auch immer wieder in mir. Ja, Sterben als impotente Eva, genau darum geht es, schrie es iauch täglich in unserem Labor. Das bessere Narrativ mit mehr Realität könnte also lauten:  Ursprünglich waren die Frauen an der Macht. Vor tausenden Jahren: Mutter, Mater, Gebärende. Aber ihr geistiger Funke drängte dann die Männer: Verlasst unser Nest, erobert die Welt, wir stützen euch. Im anschließenden Patriarchat stützten sie ihre Männer vom Nest aus, wurden für ihre Helden neben der Mutterrolle neu fruchtbar, letztlich als inspirierende Musen unserer wachsenden Kultur des Abendlandes. Keine Opfer, sondern heimliche Lenker, verdeckt kreativ aber eben vom Schlafzimmer aus sehr mächtig. Irgendwann wurde die Schattenarbeit langweilig. Den Evas reichte die Verkleidung nicht mehr. Ihre Rebellion begann. Das Problem: Eva hatte mit ständigem Blick auf den tätigen Adam vergessen, dass sie es ist, die hinter ihm zuverlässig am Steuer lenkt. Sogar sein Auftraggeber ist. Und die Täter lieferten, sie liefern inzwischen gekündigt in ihrem Auftrag. Wunderbare Männer, treue Diener, Entwickler des Internets!

 

Kann es daher sein, dass ich keine Angst haben muss? Nicht vor einer Macht des Mannes, nicht vor meiner Nacktheit, diesem vermeintlichen Nichts? Ich könnte den Opferblick senken, mir die Augen wischen, eine klare Brille aufsetzen und frohgemut das machen, wonach mir heute der Sinn steht. Will ich das, will das die Frau? Selbstverantwortung?

 

Bisher beschuldigen Feministinnen in der Öffentlichkeit , stellen sich selbst keine Frage: #metoo. Der Mann sei schuld, ihr Credo. Sind die schweigenden Frauen, diese Mehrheit schon weiter? Auch ich bin meine Schwergeburt. Aber der Weg fühlt sich zunehmend besser an, ein wenig. Als ich mit dem Labor oder Harem anfing, schien ich genau zu wissen: Ich will den Geist, einen menschlichen Geist sogar für mich als Frau. Für diesen Weg ins Unbekannte müsste ich mir einen Gefährten suchen, möglichst auch Gefährtinnen. Menschen, die denselben Weg verfolgen wollen. Die fand ich und damit begann das Schwierigste in meinem Leben. Inzwischen gibt es das Internet. Ich vermute, weil es nicht nur ein kleines Labor ist, weil es die Welt zur Community vernetzt, wird es den Weg von allen auch beschleunigen. Zu mehr Kommunikation, durch das Haten und Kotzen hindurch, diese hässlichen Restbestände alter Verkleidungen, immer weiter, alles Übungen, bis wir nackt sind, alle. Und damit Menschen? Das will auch die Frau?

20. Oktober 2018
von Christa Ritter
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Eine freiheits-verrückte Frau

Gestern ausgelesen: Franziska zu Reventlow, eine Biografie von Kerstin Decker (Berlin-Verlag). Ein Buch über eine freiheits-verrückte Gräfin, die vor hundert Jahren, auch einer Aufbruchszeit, jede Adels-Privilegien ablehnte, damit die Eltern entsetzte, vor allem die Mutter, letztlich aber auch ihre Geschwister. Der „Zarathustra“ von Nietzsche war dann ihre Offenbarung: „Das war nicht mehr Verstehen und Begreifen“, so Reventlow „und alles andere, der Alltag, das Alltagsleben und -empfinden schrumpfte in eine öde, farblose Masse zusammen, verlor sein Dasein – nur das wahre, heilige, große Leben leuchtete, lachte und tanzte“.

Fanny entdeckt Schritt um Schritt ein Niemandsland, das es damals für Frauen, vor allem so privilegierte, nicht gibt. Die Freiheit hinter dem Status, ihr radikal selbst designtes Leben: keine Kompromisse, ständig ohne Geld, keine Sicherung, nirgends. Männer hier und da, viele. Ein Tanz auf dem Vulkan. Diese unerhörte Freiheit – für mich, innerhalb unseres Sozialsystems und in einer schwierigen Nach-68er-Selbstermächtigungszeit, selbst dank Hilfe des Internets immer noch fast unvorstellbar – wird zu ihrem Kapital: Sie trifft in ihrem Wahnmoching (München-Schwabing) die wichtigsten Männer des wilden Geistes jener Jahre eines Aufbruchs. Klages, Rainer Maria Rilke, die „Kosmiker“ Karl Wolfkehl und Stefan George, Mühsam, Gross, auch den Jules aus „Jules und Jim“ Franz Hessel. Die grenzenlose Neu-Heidin befeuert deren Geist und vice versa. Kurze Zeit eine Kommune zu Dritt, auch den Monte Verita hat sie besichtigt. Nur die ersten Frauenbewegten mag sie nicht.

Das Schreiben entdeckt Fanny eigentlich nur aus Not: Um wieder ein paar Groschen für die nächsten Wochen zu verdienen. Also gerät nichts von ihr wirklich zu bürgerlicher Kunst, nicht ihre Essays und Romane, nicht ihre Roman-Übersetzungen aus dem Französischen. Stattdessen segelt sie kreativ im Hier und Jetzt durch Räusche, Zweifel, Sorgen und Depressionen. Immer wieder Umzüge, weil die Miete nicht bezahlt wurde, die spärlichen Möbel wieder im Pfandhaus landen. Die häufig nicht gerade wohlhabenden Männer, die um sie schwirren, die Verehrer treiben manchmal irgendwie Geld für sie auf. Sie findet Gönner. Dennoch ein ständiges Leben nah am Abgrund: Und erst daher frei? Jedenfalls liebt sie auch den Sex als Rausch, ist „erotisch“. Eine zeitlang sogar in einem Edel-Bordell und das macht ihr sogar Spaß. Abtreibung, eine Zwillingstöchter-Geburtspanne, eine Fehlgeburt. Nur ein Sohn bleibt am Leben, wird ihr Ein und Alles. Dieses Mutterglück darf kein Mann stören, sie übertreibt geradezu besitzergreifend. Diese Liebe wird zu ihrer einzigen inneren Sicherheit. Diese Einmalige ist auch Malerin, in ihren Essays und zwei Romanen eine teilnehmende, amüsierte Beobachterin der privaten Kriegereien, und will eine Schriftstellerin, so etwas „Patriarchales“ doch nie sein: Das eigene, ganz persönliche Leben ständig neu erfinden, keine Anpassung, immer nur aus sich selbst heraus weiter, das ist ihr ungewöhnliches Lebenswerk. Dabei wird sie oft krank, immer ohne jede Krankenversicherung, stirbt bereits in ihren Vierzigern nach einem Fahrradunfall an Herzversagen.

Ihre Kindheit und Jugend gingen mir nahe. Ähnlichkeiten, bei mir, ohne Adel: Diese autoritäre Nachkriegs-BRD, Wirtschaftswundermief, dieses Gefängnis musste auch ich verlassen. Die spätere Fanny empfand ich durchaus ambivalent. Ist meine Grenzgängerei hundert Jahre später lustiger, weil virtueller?n Liegt es daran? Andererseits: Ihre radikale Besessenheit zur Freiheit berührt mich. Wunderbar! Statt einer Sicherheit, alles und gnadenlos immer wieder Selbsterfindung. Eben doch manches wie bei uns Frauen seit 68 bis heute. Und doch auch wieder nicht. Manchmal dachte ich: Wie kann man so einsam radikal dennoch so weit gehen? Und das in jener Zeit! Fanny würde mich vielleicht spöttisch ansehen, um mich dann großzügig ins damals so beliebte Café Leopold auf der Brienner Straße zu einem tollen Essen einzuladen. Bezahlen würde natürlich sie, nämlich mit den Kröten, die ich ihr zuvor für die Miete geschenkt hatte. Never mind!

27. September 2018
von Christa Ritter
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Sich hinter der Opferrolle als Täterin entdecken

Zwischen den meditativen Phasen hier am Meer immer wieder kurze, wichtige Gespräche. Zum Beispiel, etwas verallgemeinert, aber jeweils mit dem eigenen Leben zu vergleichen: Vielleicht höchstens 20 % der Frauen sind Feministinnen, der Rest andere, sagt einer. Wir fahren gerade durch grüne, weil hier im Süden Sardiniens sommerlich beregnete Landschaft. Daraufhin: Was will die Frau? Wieso, wollen die meisten Frauen keine Veränderung, nur Feministinnen? Ich hab’s lange so wahrgenommen, daher frage ich. Genauer gesagt: Bis jetzt. In meinen Zellen nach wie vor verachtete Weiblichkeit. Und auch wieder nicht. In meinem Kopf rasselt es: Ja, ich gehörte damals zu den Frauen, die die Männer als Verursacher dieser ungerechten Welt sah. Ich war nach 68 eine Opferfeministin, so wie noch heute alle Feministinnen, in der #metoo Debatte gut zu sehen. Irrtum. Die Frage bleibt daher: Wann und wie ermächtigt sich eine Frau zu sich selbst?

Ich bin vor 40 Jahren mit meinem Opferfeminismus also nicht weit gekommen. Ratlosigkeit, Versuche, bald Depression. Ich war vor die Wand gefahren. Meine Rettung, so schien mir damals, war dieser suchende Kommunarde Rainer und die Frauen um ihn. Eine weibliche Kommune, später wurden wir „Harem“ genannt. Mein Labor, mich als Frau von mir als Opfer zu befreien. Wenn es denn so einfach gewesen wäre. Es ist bis heute ein schwerer Gang durch ungeheure Widerstände in Richtung Freiheit. Meine Widerstände! Mich dominierte weiter, ich spüre, immerhin viel weniger als früher, der Mann, auch der in meiner Nähe, dieser wichtige Sucher. Verrückt, nicht? Einmal Opfer, immer Opfer?

Damals ahnte ich nicht mehr als Konfuses, das mein Weg werden sollte: Irgendwie müsste es doch einen weiblichen Menschen in mir geben, der nicht nur aus äußerer „Bestimmung“ gebaut ist. Eltern, Gesellschaft, Frau in zweiter Reihe. Wollen in die Freiheit der weiblichen Authentizität also vor allem diese vielen Frauen der Welt, diese Mehrheit? Das überall in der Welt verachtete, weil unbewusste Weibliche in die Bewusstheit erheben? Ist der Feminismus bisher auf dem falschen Weg? Egal: War er jedenfalls für mich! Raus aus diesem klebrigen, kraftlosen Opferstatus und dieser Weg dauert bis heute so schmerzhaft an. Als stünde ich vor einer schweren Tür, die ich aufstemmen müsste. In Wirklichkeit ist sie längst offen?

Wir wohnen hier in Sardinien nämlich wie in jedem der letzten Jahre ungewohnt eng beieinander. Zuhause ist es anders: Ich in meiner eigenen Wohnung, jede in ihrer. Hier stößt mich die Nähe wieder auf Klartext, soll sie mich stoßen: In der Selbsterfindung kracht es. Nun bereits nach den ersten fünf Tagen. Der Nachbar, die andere, alles plötzlich feindlich. Nicht nur, aber immer wieder. Was will die Frau? So lautet nun überdeutlich für mich die Frage aller Fragen, während wir auf unserer Fahrt inzwischen am Obststand der Bäuerin angekommen sind. Zunächst: Feministinnen als Verdrängung des Weiblichen. Sie wollten gleiches Geld, gleiche Positionen wie die Männer. Auch ich. Dafür war ich bereit, das klassische Terrain aufzugeben: Beziehung, Ehe, Kinder, Familie, Sex. Teile davon nur noch viertelherzig durchlaufen. Sackgasse! Daher meine Depression, alles falsch! Die Frau will eine authentisch weibliche Welt? Wie könnte die aussehen? Häuslicher, also introvertierter, mehr erst Schauen, dann Handeln, ein bisschen mehr Merkel, bis heute mit ihrem „Aussitzen“ missverstanden? Geht es eher darum, das Weibliche nicht feministisch zu verachten, sondern sich bewusst zu erobern und damit die eigene Welt? Um als Frau ein Mensch zu werden?

16. September 2018
von Christa Ritter
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Faschismus als Fegefeuer ins Licht?

Wie kann das sein? Vielleicht ein Jahr, nachdem Merkel die frohe Botschaft verkündete und die Geflüchteten am Münchner Hauptbahnhof von ziemlich vielen Leuten fast begeistert begrüßt wurden, begann sich auf meiner FB-Timeline ein merkwürdig aggressiver Ton durchzusetzen. Weniger in den Posts, es waren eher die Kommentare. Links-Liberale Hetze begann, etwas Eiskaltes. Freunde beteiligten sich, von denen ich diesen Ton nie erwartet hatte. Ich war erstaunt und dann immer wütender. Bis mir klar wurde, dass ich diese Wut kenne, dieses Vernichtende, von mir selbst.

 

Shitstorms übernahmen, überall. Die Medien warnten, eher Rechtes im Fokus. Sollte ich die Posts löschen, die Freunde rauswerfen? Ich fing an, zu beobachten. Was war das? Diese Freunde hatte ich bisher eher als unverrückbar freundlich eingestuft. Darunter waren Piraten, mittelalte Netizens, Normalos, alle aufgeschlossen und mehr oder weniger gebildet. Der Shitstorm ebbte dann wieder ab, kam aber zurück, er taumelte in Wellen. Trump wurde gewählt, dieses Schwein. Den durfte jeder ins KZ schicken, so einhellig die scheinbar banale Botschaft. Alle hateten ihn, sogar die angeblich objektiven Berichterstatter. Aber: Ich auch! Jeden Tag machte sich Trump hässlich, ätzte Tweets um die Welt, als wäre alles ganz anders. Wahrheit, was ist das? Alles Vertraute nur Lüge, ein ungeheuerliches Statement. Wird die alte Demokratie untergehen? Da ich die noch nie als gelungen empfand, änderte sich mein Gefühl. Warum nicht? Warum nicht mal einen Schritt weiter, raus aus der räuberischen Konsumwelt? Ein irgendwie positiveres Gefühl stellte sich ein.

 

Dann wurde in Paris geschossen, fuhren LKWs in Menschengruppen. Nizza, Berlin. Terroristen! England entschied sich für den Brexit. Pegida, die rechte Fraktion rüstete auf, AfD zog in den Bundestag ein. Dagegen kam mir FB nun manchmal wie eine Art hübsches Poesiealbum vor. Ich freute mich über süße Katzenfotos, während es draußen, auf Foren der Öffentlichkeit, immer mehr knallte. Sau rauslassen. Die Sprache verroht, jammern nun die Zeitungen. Alles wird emotional. Von Schreirede schrieb eine Zeitung und meinte Martin Schulz, der die runterhetzte, die wie er gewählt wurden.

Sind wir alle des Teufels? Kotzen sogar Gutmenschen ihre Wut raus? Alle Faschisten? Ich erinnere mich an das erste Harems-Jahrzehnt. Die könnte diesen Prozess erklären. Wir vier, manchmal fünf Frauen, an unserer Seite Rainer als erfahrener Kommunarde. Wir Frauen wollten die Revolution. Unsere Revolution. Wir wollten raus aus der Biologie, uns unverschämt in etwas Größeres wagen. Wie soll ich das nennen? Selbstentdeckung, bessere Welt, gleiche Augenhöhe, Spiritualität? In unserer weiblichen Kommune haben wir erstmal viel davon studiert, was andere zuvor erforscht hatten. Dann ging’s geradewegs ans Eingemachte. Die Komfortzone platzte und, ich sag’s mal minimal: Wir schrien auf, wir klotzten. Da explodierte so viel Wut und Schmerz und Gnadenlosigkeit. Bei jeder auf ihre Weise. Wir zeigten uns entsetzliche Faschismen, einen radikalen Gesichtsverlust. Wenn Rainer nicht wäre, hätte ich dir nicht mal ein Glas Wasser angeboten. Oder so ähnlich schrien wir. Und schlugen los. Er war es, der immer wieder etwas Schlichtendes, etwas Tröstendes vermitteln konnte, letztlich, dass ich nicht nur diese Hyäne bin, aber da durch muss. Dass ich auch den Weg durch die eigene Scheiße zum rettenden Ufer schaffe. So sei es immer: Nur durch den Faschismus in eine bessere Welt.

 

Keine von uns hat dann durchgehalten. Oder anders: Jede musste sich nach dem gemeinsamen Furor an die persönliche Kleinarbeit machen. Auf den Weg durch die individuelle Hölle, dorthin, wo es heller wird. Allein den Blick auf den eigenen Faschismus aushalten, um ihn dann zu erlösen? Nie wieder Krieg heißt es doch. Dieser Prozess der Selbstkonfrontation hält an. Bis heute und ich habe ihn oft verflucht. Gute Gefühle, aber meist Depression.

 

Warum ich so lange aus meiner Haremszeit erzähle? Weil man darin das Prinzip vielleicht wirklich erkennen könnte. Sobald du höher hinaufwillst, zu dir, zu etwas Größerem, nenn es bessere Welt, wird nach den ersten begeisterten Schritten hinter dir die Fratze des Faschismus auftauchen. Rainer sagt aus einer Erfahrung, er sei das entsetzliche Extrem des Kapitalismus. Da müssten wir durch und wollen es auch. Seit 68, seit der Vision einer weltweiten Community. Ich stelle mir vor, dass sich unsere Gesellschaft dank dieser Vision ihre Unmenschlichkeit seitdem unbewusst austreibt. Mit Hilfe des Internets, das uns den Zugang zu feineren Welten öffnete. Der Faschismus musste sich zwischenschalten und drohen. Denn unser faschistoider Kapitalismus gibt nicht einfach so auf. Wie ich es im Harem erlebte. Er zeigt mir, dir, uns Deutschen, was hinter unserer Fassade des Wohlstands steckt: Nenn es Sexismus oder Rassismus. Die Erfindung des Internets, die anfängliche Begeisterung, hat Unbewältigtes hochgespült. Statt „nie wieder“, kann sich jeder der eigenen Hölle stellen. Shitstorms helfen, sich selbst zu bewältigen, um voran zu gehen. Verrückt!

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