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Christa Ritter's Blog

12. Mai 2015
nach Christa Ritter
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Styx No. 7 Indien, oh Gott. Nie!

Kommentar auf Amazon von Guenter K.:

Exotischer Psychotrip
Hat mich tatsächlich an 68 ff. erinnert, einmal wegen der Idealisierung Indiens (einschließlich der Enttäuschungen), zum anderen wegen des ungebremsten Psychotrips. Dass letzterer vor exotischer Kulisse stattfindet, das erhöht die (unfreiwillige) Komik.

Stefan Brenner kommentiert auf Amazon:

Wundervoll, einfach schön
Ich habe dieses ebook gerade geladen, noch nicht gelesen und spüre jetzt schon so stark das es wunderbar sein wird.
Habe den Film gesehen und bin begeistert von der Autorin Christa Ritter obwohl ich weder Sie noch ihre Arbeiten kenne.

Frauen vergaßen ihre andere Seite: Lilith

Frauen vergaßen ihre andere Seite: Lilith

8. Mai 2015
nach Christa Ritter
1 Kommentar

Styx No. 7 : Ein höllisches Paradies, brutale Ego-Kriege und extrem viel Mut

Mareile schreibt auf Amazon diesen Kommentar:

„Sterben lernen“ als Weg zur Selbsterkenntnis, Geistwerdung. Für Jutta Winkelmann ist dieses Credo, das sich die Suchergemeinschaft bestehend aus Jutta Winklemann, Christa Ritter, Brigitte Streubel, Gisela Getty und Rainer Langhans bereits vor Jahrzehnten auf die Fahnen geschrieben hat, wortwörtlicher zu nehmen, als ihr vermutlich lieb ist. Denn Jutta Winkelmann hat Krebs und voraussichtlich wird sie das Materielle, ihren Körper, bald tatsächlich voll und ganz loslassen und überwinden müssen, sprich sterben. Die Reise nach Indien, die ihre „Schwester“ Christa Ritter in diesem Buch als Betrachterin von außen skizziert, wird mutmaßlich die letzte ihres Lebens gewesen sein. Anderen Suchern durch die Film-Doku „Good luck finding yourself“ und dieses Buch von Christa Ritter die Möglichkeit zu geben, an diesem höchst intimen Prozess teilhaben zu können, das erfordert viel Mut und verlangt Respekt ab. Sicher wäre das nicht Jedermanns Sache und es wäre eine Diskussion wert, ob dies (auch mit Blick auf das autobiografische Buch der „Getty-Twins“ und der immer wiederkehrenden Vermarktung der eigenen Lebensgeschichte) nicht ein Hinweis auf eine zu starke (Anerkennungs-)Suche im Außen sein könnte.

Rainer im Goldenen Tempel von Amritsar

Rainer im Goldenen Tempel von Amritsar

Doch die Münchener Kommune lebt eben nach ihrer Überzeugung „das Private ist politisch“. Dafür Hut ab und die besten Wünsche für Jutta Winkelmann, die nicht „nur“ seelische, sondern sicher auch viele körperliche Schmerzen auf dieser Reise erduldelt hat.

Jutta und Rainer genießen die Küche Kerala's mit ihren frischen Gemüsen und dem Obst

Jutta und Rainer genießen die Küche Kerala’s mit ihren frischen Gemüsen und dem Obst

Zum Buch und zur Autorin: Auch der Mut von Autorin, Bloggerin, Filmemacherin und Grimme-Preisträgerin Christa Ritter ist wie gewohnt schlichtweg enorm. In kompromissloser Offenheit und schonungsloser Härte geht sie nicht nur mit den Egos und Schmerzkörpern der Mitreisenden, sondern vor allem mit ihren eigenen „Höllenhunden“ ins Gericht, gewinnt neue Erkenntnisse, teilt diese dem Leser verständlich und in einer ganz eigenen Art von Poetik und Symbolik mit. Inspirierend. Erstaunlich ist auch, wie Christa Ritter es hinbekommen hat, die vielen, teilweise recht langen, (Streit-)Gespräche derart exakt und detailliert aufzuzeichnen. Lief ein Tonband? Reine Gedächtnisleistung? Wahnsinn … Es muss ewig gedauert haben, diese Gespräche abzutippen – und das nach derart intensiven und anstrengenden Reisetagen. Die vielen Fotos haben das Buch zudem auch zu einem kleinen Reisebricht und mir Lust darauf gemacht, das höllische Paradies Indien einmal selbst zu erkunden.
Adlerartiger Götterbote: Garuda

Adlerartiger Götterbote: Garuda

Ich bin nicht in allem einer Meinung mit der Suchergemeinschaft. Etwa bin ich persönlich der Überzeugung, dass es jedes menschliche Wesen nur krank und zu einem seelischen Wrack machen kann, sich den Partner mit anderen Personen teilen zu müssen. Folter. Meiner Ansicht und Erfahrung nach hat „die freie Liebe“ oder „das Versuchen mit mehreren Partnern“ auch nicht das Geringste mit dem spirituellen Weg zu tun. Ganz im Gegenteil. Doch das sind persönliche Ansichten, die man zur Diskussion stellen könnte, die aber nichts mit dem Buch als solches zu tun haben. Das ist durch und durch top! Für mich (31) sind Jutta Winkelmann, Christa Ritter, Brigitte Streubel und Gisela Getty starke, tolle, bewundernswerte Frauen und ich hoffe, dass ich eines Tages im Alter von 70 Jahren gesitig noch genau so flexibel, beweglich, idealistisch, mutig und hellwach sein werde wie sie.

3. Mai 2015
nach Christa Ritter
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Styx No. 6 – Katharsis in Indien

Ein Leser mit dem Abkürzler E.K. kommentiert auf Amazon:

Dieses Buch gibt einen interessanten Einblick in die Denk- und Gefühlswelt einer Gruppe von Alt-68ern. Es sind damit nicht jene einstigen Kommunisten und Streetfighter gemeint, die später durch die Institutionen wanderten, Posten in Medien und Politik besetzten, und heute mit Ehrendoktorwürde, sattem Bankkonto und dem Rotweinglas in der Hand selbstgerecht von den eigenen Jugendsünden berichten. In STYX ist vom sanfteren Part der 68er die Rede, von jenen einstigen Hippies, die die späten 60er Jahre als Erlösung empfanden, sogar als die fast schon religiöse Ausschüttung eines Geistes der Liebe. Das Buch handelt dabei vom Altwerden dieser einstmals bewegten Jugend, von den offenbar lebenslangen Problemen, sich in der gesellschaftlichen Realität zurechtzufinden. Christa Ritter beschreibt diese ungelösten Prozesse mit einer Ernsthaftigkeit, einem Hadern am eigenen Selbst, einer Verzweiflung am Leben, die später Geborenen womöglich fremd erscheinen dürfte: „Denn alles muss raus! Motto: Bei uns werden keine Zärtlichkeiten ausgetauscht, sondern Grobheiten. Denn wenn eine Frau ins Himmelreich will, muss auch sie durch die Hölle gehen. Sterben lernen der Liebe wegen. Oder so.“

Jutta und Rainer in Delhi

Jutta und Rainer in Delhi

Konkret handelt das Buch von einer Indien-Reise des Alt-68ers Rainer Langhans mit mehreren Frauen seines „Harems“ im Jahr 2013. Eine der Frauen ist an Krebs erkrankt, und so soll die Reise einer spirituellen Selbstvergewisserung angesichts des nahenden Todes dienen: „Rainer schien jedenfalls zu wissen, dass Selbsterkenntnis die Liebe bedeutet, die immer in dir anfangen muss, bevor du einen anderen Menschen lieben kannst.“ Doch die Reise durch viele Teile des indischen Subkontinents läuft keinesfalls immer friedlich und harmonisch ab. Es gibt Streit, es wird aufgejault, von Angst und der Sehnsucht nach Liebe erzählt. Es geht ums eigene Erwachsenwerden und seelische Höllenfahrten, die scheinbar als Katharsis dienen sollen. Rainer Langhans hält manche verbale Wurst hin, und sofort scheinen Pawlowsche Reflexe bei seinen Frauen einzusetzen. Offenbar ist man über die gemeinsamen Jahrzehnte gut eingespielt.
Man kann diese emotionalen Befindlichkeiten berührend oder befremdend finden. Auch muss man keinesfalls alle in dem Buch getätigten Stellungnahmen zur deutschen Geschichte oder zur Politik teilen, etwa die arg romantische Vorstellung, unser Land würde sich seit 1968 „zu einer einzigen Großfamilie“ entwickeln, wo doch in Wirklichkeit eher Vereinzelungs- und Vermassungstendenzen (was kein Widerspruch ist, sondern einander bedingt) wahrnehmbar sind. Dennoch ist STYX anregend geschrieben, kann emotional ansprechen und ist vor allem ein sehr interessantes Zeitzeugnis mit manch nachdenkenswerten Äußerungen.

1. Mai 2015
nach Christa Ritter
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STYX – No. 5 Wie kannst du nur!?

Brigitte in STYX: Wieso bist du nicht zu mir gekommen?
Rainer: Ich warte eure Rasereien erstmal ab, denn ein vernünftiges Gespräch ist dann eh nicht möglich.
Ich: Wie kannst du morgens mit mir ins Bett steigen, keinen Ton sagen, dass du nämlich längst in Kovalam den nächsten Schritt Richtung Sex, ach so, du nennst es ja Zärtlichkeit, gemacht hast und mich dazu noch fragen, wie ich diese Annäherung sehen würde. Wieso muss Jutta in diesen sechs Wochen Indien alles hinterher geschmissen bekommen?

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25. April 2015
nach Christa Ritter
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STYX No. 4 – Schonungslos, schreibt Adrian

Es kommt vielschichtig daher, Christa Ritters Buch „Styx“.
Da ist zum einen der Einblick in die für viele schon eine Ewigkeit zurückliegende, skurril anmutende Welt der 68er, inklusive teils verstörender Gruppentherapie.
Für meinen Geschmack am Anfang etwas zu rasant erzählt. Gern hätte ich mehr darüber erfahren wie aus der Autorin das wurde was sie heute ist.
Dann die Reise mit der krebskranken Jutta Winkelmann, eine Beschäftigung mit dem Tod und Spiritualität, die auch Menschen, die das eine verdrängen oder mit dem anderen nichts anfangen können, nicht unbeteiligt lässt.

Cover meines E-Books auf Amazon & Co.

Cover meines E-Books auf Amazon & Co.

Aber auch eine wunderbare Schilderung eines der widersprüchlichsten Länder der Welt, Indien.
Und da ist die Autorin selbst, die uneitel und ohne falsche Scham ihr Innerstes immer wieder nach außen kehrt.
Der Konflikt der Frauen um Rainer Langhans, schonungslos ausgebreitet, in Dialogen erzählt.
Eine Offenlegung von Gefühlszuständen, die erst mal irritiert.
Sie wird einem nicht leicht gemacht, die Lektüre, nichts geschenkt.
Manch‘Gesagtes kann man nicht nachvollziehen. Hinterlässt einen ratlos.

Das bin ich beim Abendessen, unten das Meer, Brigitte fotografiert

Das bin ich beim Abendessen, unten das Meer, Brigitte fotografiert

Will man das lesen? Will man einen todkranken Menschen auf seiner vielleicht wichtigsten Reise begleiten? Will man, virtuell zwar, den Styx überqueren?
Das muss wohl jeder für sich herausfinden. Ein Einlassen darauf lohnt sich aber.
Und noch etwas: Man muss den großartigen Doku-Film „Good Luck FindingYourself“, der auf der Reise entstanden ist, nicht gesehen haben um das Buch „Styx“ zu verstehen. Aber Buch und Film ergänzen sich auf ideale Weise, wiewohl Christa Ritter es schafft, wunderbare aber zugleich auch verstörende Bilder im Kopf zu schaffen.

München, Februar 2015
Andreas Weinek

16. April 2015
nach Christa Ritter
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STYX – die Reise beginnt No. 3

Eine Szene in der Altstadt von Delhi:

Ihr könnt euch vorstellen, dass der Alltag um Chandni Chowk ein paar Etagen verrückter, weil indischer ist als in der neuen City der sich entwickelnden Mittelschicht einer kommenden Industriemacht. Übereinander geschichtete, nein geklebte, dann in der Luft verankerte Bauteile, alte wie neue, die sich als Lehm, Marmor oder Beton miteinander anfreunden mussten, wie es den erfinderischen Maurern gerade passte. Ein paar Knäuel Kabel wurden irgendwie mehrfach und im Kreuzstich in die Richtung der Dächer geworfen, ich vermute, vom Monsun unterstützt und dann hat so ein wilder Typ mit eng anliegendem schwarzen Turbanstrumpf und flackerndem Blick die Kabelenden mit seinen spitzen Zähnen zusammen gebissen. Pfuitt! Und schon hatten sie Strom, diese Wahnsinnigen, die hier in den Irgendwie-Häusern wohnen.

Stromleitungen

9. April 2015
nach Christa Ritter
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STYX – die Reise beginnt No. 2

Jutta und Brigitte auf unserer Reise in Kerala (Südindien)

Jutta und Brigitte auf unserer Reise in Kerala (Südindien)

Sunrise kommentiert mein E-Book auf Amazon:

Höllenfahrt mit Mehrwert
5 Sterne für den wahrlich großen Mut, eine recht beschwerliche Höllenfahrt sich vergeblich selbst finden wollender Altachtundsechziger zu dokumentieren. Nebenbei eröffnet dieses E-Book einen ausgesprochen reizvollen Zugang zum indischen Subkontinent – ein durchaus entscheidender Mehrwert!
Claudita 21 kommentiert:
Großartiges Buch von eine tollen Frau
Dieses Buch ist eine Offenbarung nicht nur für ehemalige 68er, sondern für alle, die auch heute mal ab und an mutig den Blick über den Tellerrand wagen – ohne zu befürchten, von der Wucht der im unendlichen Universum vorhandenen Wahrheiten erschlagen zu werden. Rainer Langhans, Christa Ritter, Brigitte Streubel, Jutta Winkelmann und Gisela Getty – fünf unermüdliche Sucher nach dem wahren Weg ins NIRVANA!
 Hier der Link zu Amazon Kindle Edition

30. März 2015
nach Christa Ritter
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DIONYSOS ON THE BEACH

Hier poste ich euch eine meiner schwierigsten, vielleicht triefgründigsten Geschichten, die ich in den Achtzigern schrieb. Diese Geschichte ist tatsächlich passiert, also nicht fiktiv. Ich habe mit den beiden Frauen im Auftrag des SZ-Magazins tagelang Gespräche geführt. Die waren sicher auch eine Art weitere Aufarbeitung für sie. Erst aus diesen vielen Gesprächen habe ich diesen Dialog über eine grausame Nacht zusammen gebaut. Eine griechische Tragödie in heutiger Zeit wurde sichtbar. Die Redaktion des SZ-Magazins hat sie dann nicht gedruckt,  war wohl sogar damals zu krass. Und heute? Super-krass. Gibts höchstens fiktiv. More than Fifty Shades of Grey.

Über eine tödliche Nacht

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Es sind die ersten sonnigen Märztage, in Hamburg fangen die Osterferien an. Bettina F. (49) ist Lehrerin an einer Grundschule in Altona. Seit 1973 geschieden, lebt sie dort nach einem langen Aufenthalt in Indien mit ihrer Tochter Johanna (20) in einer einfachen, kleinen Altbauwohnung. Gemeinsam werden die beiden, wie sie sagen, ins Paradies fliegen. In den bergigen Süden von Zypern, ans Meer, wo man noch keine Fremden trifft. Wie schon häufig vorher sind sie mit Rucksack und Zelt unterwegs. Im abseits gelegenen Ort Nygö Arna fragen sie Belam Gyöni, ob sie auf ihrer Wiese campieren dürfen. Diese türkische Mutter von fünf Kindern bietet den beiden Deutschen auch einen Platz zum Waschen an. Beim Tee am Nachmittag lernen sie die drei Töchter kennen. Die Männer sind abwesend. Der Vater arbeitet in Belgien, der eine Sohn ist Fischer, der andere beim Militär. Nach zwei Tagen verlegen sie das Zelt an die Süßwasserquelle bei den Feigenbäumen unten am Strand. „Aliens Beach“ haben ihn die Besatzungs-Engländer genannt – den Strand der Fremden. Es ist Gründonnerstag, etwa 19.30 Uhr, Dämmerung, der Himmel leicht bewölkt.

Bettina: Wir sprachen gerade über Angst. Ich sagte: Was soll denn passieren, wenn du in deiner Mitte bist?

Johanna: Ich habe geantwortet: Du bist sowieso nicht in der Mitte. Du bist doch nicht Buddha.

Bettina: In dem Moment stand vor uns wie vom Himmel gefallen ein Mensch mit einer Rute in der Hand. Ich sah ihn nur bis zur Brust im Zelteingang. Aber mir war sofort klar: Er bringt den Tod.

Johanna: Eine hundertprozentige Gewalt…

Bettina: Du warst einen kleinen Moment lang noch geduckt hinter mir in meinem Schutz.

Johanna: Mir ging kurz durch den Kopf: Wie werden wir den los? Im selben Moment war klar, er geht nicht. Er hat das Zelt vorn aufgerissen, das ist zusammengefallen, weil er auf den Stoffsack gehauen hat.

Bettina: Ich bin aus dem Schlafsack raus und vor….

Johanna: Um sich vom Stoff zu befreien und zu sehen, was da abgeht.

Bettina: Augen, Angst. Als Kind war es schon so, daß ich zuviel sehe. Damit ich mich retten kann, wenn mir was zu nahe kommt. Ich habe mich deshalb mein Leben lang im Kreis gedreht und gesucht, wer ich bin.

Johanna: Du bist viel zu verklemmt.

Bettina: Diese Angst vor der Kraft in sich selber und den Mut zu haben, diesen Teil kennenzulernen. Ich mußte als Kind immer das Beste liefern, war Lieblingskind meines Vaters, immer in Konkurrenz. Weil ich mich nicht wirklich zeigen konnte, habe ich viel gelogen. Meine Mutter hat mir ihre Sexualität versagt, auch meinen Brüdern. Genauso habe ich sie mir selbst versagt. Später habe ich mich für diese kleinen Stummelarme eines Mannes in die Sexualität begeben und sah, daß die Männer nichts davon verstanden und ich auch nicht. Mir waren deshalb meine Kinder mehr mein Gegenüber als ein Mann. Hexe…

Johanna: Du hast Angst vor diesem grenzenlosen Einfachdasein….

Bettina: Ich habe keinen Appetit auf diese Art der Sexualität: Prostitution. Ich möchte ein wirkliches Gegenüber. Ich möchte mich und den anderen wahrnehmen und mich nicht kleinmachen. Aber solche Gedanken sind mir weit voraus.

Johanna: Du bist ängstlicher als ich.

Bettina: Wir waren nicht wegen der Männer verreist, sondern wegen der Quelle. Und keine Leute, das war unser Ding.

Johanna: Geil, ja! Paradise! Nature reinziehen. Aber wie halten wir uns die Männer vom Leib?

Bettina: Du fährst ins Paradies und dann kommt so ein Arschloch. Das ist widerlich! Ich war früher schon oft in der Türkei und habe schlechte Erfahrungen gemacht. Aber ich wollte wieder hin, weil ich nicht glauben konnte, daß Männer sich so verhalten, daß Sexualität für sie immer mit Gewalt zu tun hat.

Johanna: Es ist tierisch. Die Frauen gelten dort noch nicht mal so viel wie Tiere.

Bettina: Ein Tier ist wichtiger.

Johanna: Genauso hörst du unter Frauen nur: „Adam“ und „peng, peng“. Die Sagen: Wir kochen für die, lassen uns ficken, sind passiv und kriegen Kinder – aber ansonsten sollen sie uns in Ruhe lassen.

Bettina: Der Kontakt über den Körper der Frau ist der einzige Kontakt.

Johanna: Wir waren, verglichen mit den Frauen dort, eher prüde angezogen. Die laufen zum Teil im Minirock bis knapp über die Arschbacken rum.

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Bettina: Das war das Ende der Welt. Alle Männer weg, eine richtige Frauenwelt…Den Dragos, so hieß er, haben wir nie gesehen, nur tot.

Johanna: Bettina wußte auch danach nicht, wie er aussah.

Bettina: Als es passierte, war er erst zwei Tage vom Militär entlassen, nach zwei Jahren Dienst. Der ist in einer Frauenfamilie groß geworden.

Johanna: Sein Frauenhaß sitzt!

Bettina: Dragos hatte einen Haß auf die Frauen, so wie sie einen auf ihn hatten. Das spürte man. Wir waren nicht auf Männer aus. Türkische Männer, nee. Wenn wir zwei ausgehen, sind wir einfach auch ohne gut drauf, weil wir das wollen…

Johanna: Dann ist immer Zirkus. Einfach so. Jeder für sich und auch zusammen.

Bettina: Unbeschwertsein, sich über alles dusselig lachen. Selbst wenn du schon groß und stark bist, bin ich noch immer die, die sich davorstellt und dich behütet.

Johanna: Bis damals hab ich gedacht, meine Zaubermama macht das schon. Die türkischen Frauen haben auch gesagt: Ihr fallt auf, ihr sowieso.

Bettina: An mein Kind durfte nicht mal mein Mann ran. Da werde ich zur Löwin. Nur diesmal konnte ich sie nicht schützen.

Johanna: Auf alle Fälle hatten wir eine telepathische Beziehung miteinander, gerade in einer so extremen Situation.

Bettina: Ich habe mir auch selbst immer eine solche Mutter gewünscht, die mich ins Leben einweiht. Das habe ich dir jetzt wirklich geboten. Johanna ist wahrscheinlich dadurch erwachsen geworden. Ich war noch nicht aus dem Zelt, da hatte ich schon ein Loch im Kopf von der Zeltstange. Draußen traf mich noch was im Gesicht und da war der erste Zahn weg.

Johanna: Draußen schien mir, als wenn, keine Ahnung, so ein Moses oder Gott die Hand aus dem Himmel streckt. Da war ein Licht. Aber das habe ich innen gesehen.

Bettina: Ich habe gesagt: „Meine Zähne!“ Dann ist Johanna voll in Aktion getreten.

Johanna: Bettina hatte die Haare offen und alles war schon mit Blut verklebt. Sie hat nur gewimmert.

Bettina: Den Zahnstummel habe ich rausgezogen.

Johanna: Dann stand er halt so vor uns und hat mit dem Becken Fickbewegungen gemacht und „he, he, he“. Diese Macht und Körperlichkeit!

Bettina: Durch den Schlag auf den Kopf war ich einfach nichts mehr. Es war nur noch der Körper da, die Seele war ausgewandert.

Johanna: Es war kein Kampf. Wir waren gelähmt. Jemand steht mit einer Waffe vor dir und du bist das Opfer.

Bettina: An dem Strand kannst du nicht weglaufen, weil der Sand zu weich ist. Und der Mann läuft schneller als du. Hinten gings den Hügel hoch. Ich habe mich hingestellt und habe ihn zu mir gelockt und habe gesagt: Mich! Daraufhin hat er mich geschubst und mir die Hose runter gezogen und Johanna hat mir geholfen. Dann hat er sie auf einen Sitz blank gerupft, ihr alles ausgezogen. Er hat sie hingeschmissen und mich gleichzeitig runtergerissen….

Johanna: Davor war noch, daß er dir die Zeltstange in die Scheide rammen wollte und in den Mund…. Er wollte Bettina vernichten.

Bettina: Ich habe noch gesagt: Johanna geh! Für mich war klar, ich sterbe jetzt. Ist vorbei. Mir war nur wichtig: Johanna hau ab. Dann wußte ich aber, so wie wir zusammenleben, kann sie mich hier nicht allein lassen.

Johanna: Die Möglichkeit war nicht da – emotional und praktisch nicht. No chance. Ich hatte eben nicht nur selbst Angst, sondern auch Angst um Bettina.

Bettina: Sie hat ihn abgehalten.

Johanna: Ich war ganz ruhig, damit ich weiß, was ich tue. So habe ich auch einen Blick für die anderen.

Bettina: Dann hat er sich über Johanna geschmissen, hatte sich die Hose aufgemacht und mich gegriffen, mit dem linken Arm im Schwitzkasten festgehalten und ist auf ihr rum geritten. Er hat ihr während dieser Penetration auch die Scheide zerstört.

Johanna: Sand im Getriebe…

Bettina: Nicht nur Sand. Er hat sie wie erstochen. Sie war ja gar nicht weich und aufnahmebereit. Die Vagina war völlig trocken. Das tut weh.

Johanna: Vielleicht tat´s weh, aber es spielte in diesem Moment gar keine Rolle.

Bettina: Dann hat es ihm irgendwie nicht gepaßt. Johanna hat versucht, ihn zu beruhigen, indem sie „küssen“ spielte. Damit er sich auf was einläßt…

Johanna: Damit ich Kontrolle bekam.

Bettina: Dann ist er aufgestanden und hat sie dirigiert, daß sie sich vor ihn stellen mußte und dann rein gestoßen.

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Johanna: Willste nicht lieber mich erzählen lassen? Gestunken nach Tier hat er. Er war voll da. Das kannst du meditativ nennen, voll Natur. Getrieben von seinem Trieb und seiner Aggression und allem, was er in seinem Leben eingesteckt hat und das war viel.

Bettina: Das ganze Dasein in die Stange übertragen…..Da gab es keine Diskussion. Wir hatten ja auch keine Sprache. Es gab nicht mal die Frage nach Leben und Tod.

Johanna: War ganz straight.

Bettina: Es ging darum, sich reinzustoßen, so 100%ig mit allem. Auch wir waren nicht mehr in der Lage zu denken.

Johanna: Wir haben nur noch reagiert, erst später schlug es um in agieren. Dann war ihm das zu unbequem.

Bettina: So kam er ja nicht auf den Trip. Er mußte mich doch festhalten.

Johanna: Dann ist er hoch und hat mich halt umgedreht, praktisch hingehockt und hat mich von hinten, aber in die Vagina. Hockte selber auf den Knien und fickte mich die ganze Zeit. Dann ging die Geschichte mit dem Geld los.

Bettina: Ich hockte daneben und er drohte immer mit der Stange. Ich war total geschockt. Immer wenn ich dann geguckt habe, hat er gedroht und wollte ihr das hinten reinschieben. Dann plötzlich schrie er „pada“ und ich war wie elektrifiziert. Ich wußte nicht, wo das Geld ist.

Johanna: Weil ich das hatte. Ich habe Bettina gesagt, wo das ist und sie hat´s ihm gegeben: 500.000 Lira, so ein Bündel. Er hats ihr aus der Hand gerissen, während er mich die ganze Zeit fickte.

Bettina: Dann hat er mir das Geld in die Hand zurückgezählt und sich zwei oder drei Lappen in die Hosentasche gesteckt.

Johanna: Er bezahlte uns. Dann hat er sich auf den Boden auf den Rücken gelegt, sich rückwärts auf die Arme gestützt und mich auf sich gesetzt, mit dem Gesicht zu seinen Füßen.

Bettina: Das heißt, wir waren face to face.

Johanna: Ja, und ich war mit meinem Rücken zu ihm und er hatte die Stange in der Hand.

Bettina: Dann hat er wieder gedroht, wenn ich mal geguckt oder mich bewegt habe.

Johanna: Sie hat gewimmert wie ein Hund, der dahinsiecht.

Bettina: Ich war nicht mehr drin, als säß ich irgendwie neben mir selbst.

Johanna: Da mußte ich halt auf ihm drauf sitzen wie bei einer Sportübung. Ich habe gedacht, wenn der abspritzt, ist die Kraft erstmal weg. Dann hockte ich also auf dem drauf und mußte immer hoch und runter. Er hat mit der Stange von hinten gedroht.

Bettina: Mensch, das ist ´ne Spannung, wenn du das siehst….

Johanna: Dann habe ich mich auf die Hände gestützt. Diese Stellung dauerte ewig, bestimmt zwanzig Minuten. Eine gewisse Ruhe war da. Alles in Zeitlupe.

Bettina: Leere. Die Zeit gab´s nicht mehr.

Johanna: Man hörte das Meer nicht, obwohl es eigentlich laut war. Da war nicht mal unser Atmen.

Bettina: Und du wachst plötzlich auf und da gibt es doch die Zeit. So dachte ich plötzlich: Ein Glück, daß Johanna so sportlich ist. Ich hatte ja tierische Angst, daß was passiert, wenn es nicht so läuft, wie er es will. Daß sie zusammensinkt und nicht mehr kann. Dann stößt der wie auf Tiere einfach mit der Stange zu.

Johanna: Ein Glück, daß ich vorher ein einigermaßen lockeres Sexualleben hatte, sonst hätte ich das auch nicht so einfach machen können. Plötzlich ist mir in der Leere das Bild gekommen, daß Bettina und ich wie zwei tote Puppen am Strand liegen. Nackt und völlig verblutet. Bis dahin glaubte ich noch, der geht irgendwann wieder oder das hat ein Ende. Da ist es plötzlich bei mir losgegangen: Nein, so nicht! Da war für mich klar, ich muß jetzt aktiv werden. Gleichzeitig hatte ich diese Angst davor. Kampf! Ich dachte, ich gehe hoch und hau dem voll die Hand in die Eier.

Bettina: Ich habe innerlich gelacht, als ich das sah.

Johanna: Ich habe entdeckt, daß da ´ne Stange liegt, wo Bettina sitzt und habe dann im Rhythmus des Atmens gesagt: Nimm….die…..Stange. So daß er nicht merkt, daß wir miteinander reden. Und eh ich mich versah, hatte sie die Stange in der Hand.

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Bettina: Verrückt, daß er das nicht gesehen hat.

Johanna: Ich bin hoch und habe ihn irgendwo getroffen. Dann ist er auch gleich oben gewesen. Bettina sprang auf. Er ist auf sie los und wollte sie totschlagen. Ich bin auf ihn los und er hat mir eins – brrh – in die Fresse… Da bin ich rückwärts getaumelt, habe Sternchen gesehen. Ich gegen ihn, er gegen sie. Er riß mir die Stange aus der Hand als wär´s ein Bleistift. Dann habe ich auf ihn eingehämmert, wollte ihn ohnmächtig schlagen. Auf den Schädel, hierhin, ins Genick.

Bettina: Und er hat sich nur um mich gekümmert. Er hat das einfach eingesteckt.

Johanna: Am Anfang habe ich mich umgedreht und mich mit meinem ganzen Gewicht an seinen Sack gehängt. Aber ich wußte, Sackhängen bringt´s nicht, du mußt die Eier kriegen. Er ist zwei Schritte rückwärts mit meinem ganzen Gewicht und dann hat er mir in die Fresse geschlagen als wäre ich eine lästige Fliege. Der war irgendwie nicht still zu kriegen.

Bettina: Mich wollte er in die Erde stampfen mit allem, was er hatte. Sein ganzer Mutterhaß. Ich habe mich nicht gewehrt.

Johanna: Ich hatte nie wirklich einen Vater. Diese Rolle nimmt für mich am ehesten mein Bruder ein. Der ist älter und sehr Vater….

Bettina: Einer der wenigen Männer, die keine Bubis sind.

Johanna: Mir darf niemand zu nahe kommen. Wenn ich interessiert bin und ein anderer mir nahe tritt und ich keine Kontrolle habe, bin ich „boom“. Die Frauen haben es zur Zeit leicht. Die Männer sind noch beim Windelwechseln. Aber ein Mann muß Verantwortung wollen und nicht so schwammig….

Bettina: ….und Vater sein können. Damit ich mich in seinen Arm legen kann und Kind sein darf. Ich habe nie eine wirkliche Familie gehabt. War nach meiner Ehe eigentlich noch Jungfrau. Danach hatte ich eher kurze Beziehungen, wobei ich die Kinder raushielt. Ich habe Männer getestet und gesucht: Was könnte eine Beziehung sein? Wie sieht die andere, die männliche Seite aus?

Johanna: Ich war drei Jahre mit einem Typen zusammen, bis vor kurzem. Ein süßer, lieber. Wir haben uns aber getrennt, weil ich aktiver sein wollte. Ich geh mehr auf´s Ganze, wenn auch auf Irrwegen. Er kriegte seinen Arsch nicht hoch.

Bettina: Später hatte ich eine jahrelange Beziehung mit Michael. Meine Ängstlichkeit und mein Weibliches habe ich dann schon weniger zurückgehalten. Aber er wollte einen anderen Weg gehen als ich. Dagegen wollte ich weniger genommen werden, sondern selber nehmen. Aussuchen.

Johanna: Jetzt habe ich einen Freund, der ist ein ganz alter Freund. Ich weiß aber noch nicht, ob ich mit ihm wirklich zusammenbleiben will. Ja also, am Tag vorher war ein wahnsinniger Sonnenuntergang….

Bettina: Nein, der Mond ist aufgegangen! Das war kein Sonnenuntergang. Der Mond war riesig groß und am Himmel schwere Wolken, von unten rot angestrahlt.

Johanna: Als wir in dieser Nacht noch oben am Haus schliefen, lag ich mit dem Gesicht zum Zeltausgang. Die eine Seite war ein Fliegennetz, da kann man durchschauen. Ich bin in der Nacht plötzlich aufgewacht und habe einen Atem gehört, obwohl ich eigentlich im Gegensatz zu Bettina einen sehr tiefen Schlaf habe. Es war ein Angstatmen, so ein stockendes… Träum ich? Dann sah ich, daß sich jemand zum Zelt runterbückt. Ich habe Bettina angestoßen und sie hat sich nur im Schlaf bewegt. Normalerweise ist sie sofort wach, wenn ich sie anstoße. Durch die Bewegung ist der Typ vor´s Zelt gesprungen. Durch den Vollmond konnte ich sein Bild auf dem Zelt sehen. Ich habe erkannt, daß es ein Mann ist. Ich weiß, daß er es war.

Bettina: Ich weiß es auch. Als sie mir das erzählt hat….

Johanna: Komisch, ich habe mich umgedreht und weitergeschlafen. Das Normalste von der Welt wäre aber gewesen, Bettina wach zumachen und darüber zu reden.

Bettina: Er hat den Tod mitgebracht und es war eine Abrechnung. Da machst du die Augen sehr weit auf und holst erstmal keine Luft. Es stimmten die Energien. Er hat das gekriegt, was er wollte und wir, was wir wollten. Es kann sein, daß er den Tod riskieren wollte für so etwas wie ein Tempelopfer. Du kannst ja auch ein Leben lang den Rucksack auf dem Rücken behalten und dann einen Bandscheibenvorfall oder Krebs bekommen. Dragos war eine Zeitbombe!

Johanna: Er hat ihr die Stoßzähne durchgebombt. Seitdem hat sie echt eine andere Oberlippe.

Bettina: Das ist der Schock, den ich in der Fresse habe. Ich habe so eins auf´s Maul gekriegt, daß das Äußere nach innen, das Innere nach außen….die Zähne draußen standen. Er ist durch mich an eine Urkraft gekommen, eine tiefe Liebe. Seitdem kommen die Menschen auf mich als Mutter zu. Vorher dachte ich immer, eine Mutter hat keinen Sex. Seit ich die Mutter annehmen kann, wird mein Sex freier. Dragos hat mir geschenkt, daß ich mehr schauen kann. Daß ich Stellung beziehe zu allem, was ich erfahre und langsam begreife. Jeder hat seinen Platz, ein Hitler genauso wie jemand, der eine Atombombe baut.

Johanna: Ich wollte nichts verdrängen und dann einen tierischen Klops in mir haben. Deshalb machte ich eine Therapie. Aber erst in der letzten Session bin ich auf den entscheidenden Punkt gekommen. Vielleicht war es sogar ein Knall. Es ging um meine Beziehung zu Bettina. Das hat mit einem Traum angefangen: Ich wurde die Mutter und sie die Tochter. Ich beschützte sie. Dabei war ich früher viel ohne meine Mutter. Dann lebte Bettina fast fünf Jahre in Indien. Schon mit 13 habe ich allein gewohnt.

Bettina: Das Spiel ist zu Ende.

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Johanna: Ich verweigerte mich oft meiner Verantwortung als Frau und zog mich lieber zurück in das unschuldige Mädchen. Jetzt gibt es ansatzweise schon was anderes.

Bettina: Für mich ist es, als ob ich langsam nach einer langen, schweren Krankheit laufen lerne. Ich konnte nur aus ganz verschepperten Augen sehen. Ich fand es schlimm, daß die anderen nicht aus meinen Augen sahen. Jetzt lerne ich andere Menschen kennen. Mein alter Bekanntenkreis ist Stück um Stück abgefallen. Dornröschen merkt langsam, draußen ist tierisch was los. Das habe ich durch die Hecke gesehen. Ich muß allmählich den Mut entwickeln, mich hinzugeben, mich fallenzulassen. Heute fange ich erst an, mit der Erotik zu spielen, aber in meiner Geschwindigkeit.

Johanna: In mir ist auch etwas gestorben. Dadurch werde ich freier.

Bettina: Auf eine gewisse Weise habe ich etwas in mir umgebracht. Es war die Bettina-Besserwisserin, diese deutsche Bettina. Mit der habe ich mich ewig rumgezankt und geheult. Mit Selbstmordfragen und „Wer bin ich?“. Und nie eine Antwort bekommen. Meine Mutter hat bis heute nicht gefragt, was da am Strand los war. Obwohl sie auch in Hamburg wohnt, hat sie mir einen Brief geschrieben. Johanna hat sie nicht mal angesprochen.

Johanna: Und sie erzählt dir nur, daß sie darunter leidet. An uns kein Wort, keine Frage.

Bettina: Die Arme! Seit dem Knast sage ich ihr: Mutter, ich kann das nicht hören!

Johanna: Nun laß uns doch mal bei der Story bleiben. Also zwischendurch ist wieder die Zeit stehengeblieben. Da wollte Bettina mich davon abhalten, weiter auf ihn einzuschlagen. Sie schrie: Laß das! Ich wollte aber, daß der ohnmächtig wird. Nur habe ich´s einfach nicht geschafft. So ging das Gerangel lange hin und her. Bis unten zum Strand. Es war ein bißchen abschüssig. Ich bin hingefallen, sie ist hingefallen. Ich bin auf ihn rauf gesprungen, sie hat sich gedreht, wir wieder hoch.

Bettina: Wir gingen in die Endphase. Mir kam es vor, als wäre ich eine Stunde lang nicht anwesend gewesen. Ich bin erst dadurch aufgewacht, daß ich den Penis im Mund hatte. Habe zugebissen und während ich biß, wunderte ich mich, was los war. Habe tierisch zugebissen und an diesen Hoden gerissen.

Johanna: Irgendwann bin ich auf ihn rauf gesprungen und kam in den Schwitzkasten. Da lag ich dann auf dem Rücken, er auch, nur zur anderen Seite. Dann habe ich gezerrt und mich gedreht und echt gedacht, ich muß dem den Kopf abbeißen. Einfach etwas machen, daß der mal langsam ohnmächtig wird.

Bettina: Ruhe, einfach Ruhe!

Johanna: Dann war er deshalb schlagartig wieder oben und hat ihr noch drei Zähne raus geschlagen.

Bettina: Obwohl er so beschäftigt war. Dann fing bei mir an, so wie ich das jetzt verstehe, der Run um den Tod.

Johanna: Nee, nee. Noch nicht.

Bettina: Da hat er das erste Mal „Polizei“ und „Allah“ geschrien.

Johanna: Ach Quatsch.

Bettina: Hat er nicht „Allah“ geschrien? Ich könnte wetten.

Johanna: Du kannst dich sowieso an nichts erinnern. Ich sag, der hat nach der Polizei geschrien. Du hast nach Allah geschrien.

Bettina: Das war ganz am Anfang.

Johanna (lacht): Eben. Ich schrie jetzt. Einfach für mich und für ihn.

Bettina: Das haben wir fast wie im Chor gesungen.

Johanna: Unabhängig voneinander. Dann hat er irgendwann meine Finger im Maul gehabt. Ich dachte, die wären schon ab, war auch nicht traurig drum. Hat verdammt weh getan.

Bettina: Ich hatte ihn da schon im Clinch. Das ging zack-zack.

Johanna: Ich wollte den Kiefer einfach aufreißen, habe mich aber nicht wirklich getraut. Die Hemmung habe ich ganz deutlich gespürt. Dann kam sie auf die glorreiche Idee, ihm Sand in den Mund zu stopfen. Das war DIE Idee schlechthin.

Bettina: Und als er still war, dachte ich als erstes noch mal: Endlich Ruhe! Ausatmen, aufstehen. Dachte dann, da oben auf dem Hügel stehen noch mal Hundertschaften und es geht von vorne los.

Johanna: Er hat Bettina an den Haaren gezogen, du hast geschrien: „Johanna, meine Haare!“ Aber ich konnte nicht mehr. Er lag auf ihr drauf und hatte den Arm um sie rum. Ich saß daneben mit dem Zelthammer und schlug auf seinen Po ein.

Bettina: Er hat sich immer gedreht.

Johanna: Ich habe ihm auf den Arsch geschlagen, dann hat er sich gedreht und dann hab ich auf die Eier geschlagen und auf den Körper. Ich hatte das Gefühl, wenn ich die spitze Zeltstange hätte….Er hatte schon Stellen am Körper, wo man sah, daß ich zugeschlagen hatte. Da war was in mir: Ich bring ihn um. Gib Ruhe! In dem Moment war bei mir keine Hemmung mehr, das hab ich gemerkt.

Bettina: Ich wollte mich eigentlich rausdrehen, von ihm weg, weil er die ganze Zeit auf mir lag. Ich konnte einfach nicht mehr, alles tat mir weh. Da nehme ich die Hand hoch und habe einen Strick, einen Gürtel in der Hand. Zu Johanna sage ich: Hier…

Johanna: Du hast gesagt: Johanna, Johanna, den Gürtel…. oder du hast ihn mir gegeben.

Bettina: Sie hat ihn rumgelegt und kam nicht so richtig zurecht. Er war bestimmt schon ziemlich schlaff, sonst hätte er mehr versucht. Wir haben den Strick rumgelegt….

Johanna: Dafür haben wir erstmal fünf Minuten gebraucht. Sie immer: Mach doch mal endlich….Das war phänomenal, das Drumlegen. Wir haben dann zugezogen und er war echt weg.

Bettina: Wir hatten kaum zugezogen, da war er schon weg.

Johanna: Ich dachte, das dauert ganz lange. Im Nachhinein kann ich sagen, der war für mich noch lange nicht weg.

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Bettina: Es ist wirklich unglaublich, wie schnell ein Mensch vom Leben in den Tod befördert werden kann. Wie schnell der Hauch des Lebens draußen ist. Das ist faszinierend. Du stehst noch da und er ist weg. Er lag auf mir mit seinem Herzschlag und ich habe es total gewußt, daß er tot ist. Wir haben ihn in den Tod begleitet. Er hat unheimlich friedlich wie ein Kind auf mir gelegen. Ich habe ihn richtig lieb festgehalten wie eine Mutter. Dann hab ich mich von ihm befreit, ihn umgedreht und dann sind wir losgerannt.

Johanna: Ich hab immer noch nicht gewußt, ob er tot ist. Hab noch gesehen, daß er irgendwie atmet. Sah hoch und dachte, da ist jetzt noch einer.

Bettina: Ich schrie: „Johanna, komm!“ Damit sie mitkommt.

Johanna: Wir sind gerannt und waren doch total erschöpft. Einerseits dachte ich, lieber verstecken, andererseits, der kennt sich hier besser aus, der findet uns. An einer Abkürzung zum Dorf, an der Ecke, erscheint er. Er steht gleich wieder vor mir. Als ich dann das Licht sah….

Bettina: ….war Ruhe. Jetzt sind wir gerettet!

Johanna: Also, leben wir noch.

Bettina: Wir sind dann dahin. Ich hab geklopft und die alte Frau kam raus und war tierisch entsetzt.

Johanna: Sie war total verstört.

Bettina: Ich habe ihr vermittelt, daß uns ein Mann vergewaltigt hat, sie sollen sofort die Polizei holen.

Johanna: Ich war dann mit der Polizei unten am Strand und wollte noch etwas aus dem Zelt holen. Ich war dabei ganz ruhig. Ein Mann hat mich gefragt und ich habe ganz cool geantwortet. Er: „Wirklich?“ Der hat mir dann auch gesagt, daß es der Sohn der Familie ist, der beim Militär war. Das war für mich, als würde mir jemand sagen, morgen ist Donnerstag. Obwohl ich ganz da war. Ich bin dann mit den anderen Polizisten allein zurückgefahren. Die waren alle so nett, das kann man sich nicht vorstellen. Warm und sehr menschlich. Während der Fahrt mußte ich mich zum ersten Mal um nichts kümmern, auch nicht um Bettina. Ich hatte endlich Vertrauen. Die Männer waren so väterlich. Eine tiefe Entspannung setzte ein und ich konnte heulen. Als ich Bettina im Revier wieder traf und ihr sagte, es war der Sohn der alten Frau, hat sie nur „Was?“ gesagt. Als wäre ich ein bißchen meise.

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Bettina: Männer sind für mich seitdem ein wenig selbstverständlicher geworden, genauso Frauen. Nicht nur so ein Geschlechtsteil, vor dem ich Angst habe und das mir weh tut. Weil Männer mir was befehlen und sowieso stärker sind und ich für Wärme etwas tue, was ich eigentlich nicht will.

Johanna: Ich weiß jetzt auch etwas besser, was ich von Männern will. Ich kann die Power mehr richten, dorthin, wo ich sie haben will.

Bettina: Die Sache hat mich und Johanna getrennt. Deshalb hat die Geschichte für mich nicht das Geringste mit Sexualität zu tun. Sie hat mit Tod zu tun. Dragos kam mit dem Tod in der Dämmerung, in der Zeit der meisten Morde, in der blauen Stunde.

Johanna: Seitdem ist für mich klar: Ich will leben und es nicht anderen Menschen zuschieben. Ich will aktiv mein Leben gestalten.

Bettina: Ich habe keinen Menschen umgebracht. Ich mußte mich lange fragen, hätten wir wegrennen oder sonst etwas tun können anstatt….

Johanna: Damit es nicht so enden würde….

Bettina: Aber wir haben diesen Mann nicht getötet, sondern wir haben ihm den Strick umgelegt und zugezogen. Ich spüre nicht, daß ich ihn getötet habe. Er ist auf mir gestorben. Ich bin oft mit Dragos in die Meditation gegangen, habe seine Energie gesucht und gesagt, komm mal her, ich will mit dir reden. Damit ich mir nicht was vormache. Aber schon als er im Leichenwagen an uns vorbeigefahren wurde, habe ich ihn gefragt, wie es ihm geht. Schönes Gefühl. Dieses grausame Geschehen hat mich und Johanna getrennt. Deshalb hat die Geschichte für mich nicht das Geringste mit Sexualität zu tun. Sie hat mit Tod zu tun. Dragos kam mit dem Tod in der Dämmerung, in der Zeit der meisten Morde, in der blauen Stunde.

Johanna: Seitdem ist für mich klar: Ich will leben und es nicht anderen Menschen zuschieben. Ich will aktiv mein Leben gestalten. Ich habe mich auch geprüft. Es gab keinen Platz, die Sache anders zu durchlaufen. Ich kann nur sagen, ich bin froh, daß ich lebe. Eigentlich müßte das gefeiert werden.

Bettina und Johanna F. wurden zunächst wegen Totschlags zu vier und drei Jahren Haft verurteilt. Sie gingen in die Berufung. In zweiter Instanz erreichten sie einen Freispruch. Bettina begann mit einer Ausbildung zur Heilpraktikerin, Johanna studiert Sprachen an einer süddeutschen Universität. „Hamburg ist mir zu groß, zu verschlossen,“ sagt sie. Früher wollte sie Ärztin oder Schauspielerin werden, im nächsten Jahr will sie vielleicht nach Amerika gehen. Die Sommerferien verbringen Mutter und Tochter getrennt.

Warum hast du eine so grausame Geschichte aufgeschrieben, werde ich heute gefragt. Was soll das? Ja, was soll das? Unverständlich erscheinen auch mir plötzlich die überbrühten Frauen im spirituellen Indien, die Vergewaltigten, die Aufgeknüpften, die Abgeschlachteten in Afrika. Ich antworte: Unser kultureller Firnis ist dünn, wenn er weg ist, schlagen sich Mann und Frau die Köpfe ein. Wir sind zu unterschiedlich, jeder das Gegenteil vom anderen. Hass und Angst voreinander sind Realität, nicht das Geschmuse, mit dem wir uns besänftigen möchten. Der Widerspenstigen Zähmung, nannte das Patriarchat diese Bemühung, es folgte der Ehevertrag. Zähmungsversuche, in die die Frau einwilligte. Dahinter bis heute und bis tief in die Nacht: Zeter und Mordio. Mehr Mordio. Rainer sagt eben noch zu mir: Deine Tragödie des Schreckens und Mordens hat ein erfolgreiches Ende. Wie, was? Ich verstehe ihn nicht. Was soll an diesem Mord erfolgreich kommunizeirt worden sein? Ich sage: Die Frauen haben die Gewalt des Mannes erfahren und er ihre. Ein klares, aber entsetzliches Gschehen. Was ist daran erfolgreich? Nur Krieg, Morden, mehr nicht. Kein Verhandeln. Rainer daraufhin: Sie haben kriegerisch kommuniziert. Das ist doch erfolgreich. Beide haben einander ehrlich für einen kurzen Moment in die brennenden Augen geschaut. Sowas nennt man erfolgreich. Der Mensch ist des Menschen Wolf. Schon mal gehört, nicht wahr? Ich werde da ganz schnell ganz still. Liebe, die gibt es nicht. Nicht in den Körperzonen. Wo dann?

24. Februar 2015
nach Christa Ritter
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Olga’s Himmelfahrt

Gerade entschlacke ich meine Wohnung, vor allem den Keller. So fand ich auch zwei Fotos von Olga, der schönen Russin, die ich mit Anna, Brigitte und Rainer 1996 in Mailand traf. Weil mir ihr Buch über ihren Trip zu einer Schamanin als Anstoß ihrer irrationalen Seite so gefallen hatte.  Es hatte die Schamanin in mir aktiviert. Eigentlich wollte Focus meine Geschichte drucken, aber da stand der liebe Stefan Paetow vor. Schamanistisches erschien der Politmänner-Redaktion zu jener Zeit als etwas abseitig. Ein Problem, das wir Haremsfrauen auf unserem Weg immer wieder hatten. So, und nun eben viele Jahre später und trotzdem für euch vielleicht noch interessant: Von meinem Treffen mit der ersten Russin, die berichtete, wie sie sich aus dem alten Leben davonmacht.

Mit Wir sind alle virtuelle Surfer und einem rätselhaften Lächeln hatte mich in München ein Freund verabschiedet. Jetzt glitt ich in meinem gleichmäßig schnurrenden Automobil über den Brenner, fuhr durch nebelverhangene Berge und tauchte endlich ein in sonniges Terracotta und erste Palmen, während in meinem Kopf der Abschiedssatz rumorte. Er löste genau die Fragen aus, die eigentlich der Grund dieser Reise waren: Ist das Leben real oder nur eine Projektion? Ist vielleicht sogar der Traum realer? Würde Olga, diese erste Russin, die über eigene Erfahrungen berichtet, mir dazu etwas sagen können? Auf dem Foto der Rückseite ihres Buches Das weiße Land der Seele sah diese Frau geheimnisvoll schön aus, hatte nicht die entfernteste Ähnlichkeit mit allen Klischees, die sich über die Russen schon während des Kalten Krieges in meinem Kopf angesammelt und nach Absturz der zweiten Weltmacht durch Bilder unbezahlter Arbeiter, hungernder Soldaten und einem etwas debil grinsenden Boris verdichtet hatten. Wie es diesen Menschen nach ihrem Sturz aus der Weltmacht wirklich geht, wie es in ihnen aussieht, davon hatte bisher niemand erzählt. Entsprechend fasziniert fraß ich Olga Kharitidi´s Buch über eine ungewollte Reise, die den Blick dieser hervorragend geschulten Wissenschaftlerin und Psychiaterin auf das Leben so grundsätzlich veränderte.

Mailand. Rasende Autos, Hupen, freche Blicke: dieser Spaß schleudert mich schnell hinein mitten ins alte Zentrum der Stadt. Olga wohnt am Ende ihrer Promotion-Tour durch die halbe Welt ausgerechnet stalinistisch: Zuckerbäckerstil mit rosa Stofftapeten, viel Marmor, Säulen, majestätisch. Das Foto lügt nicht. Mir steht keine stramme Genossin, sondern eine außergewöhnliche Frau gegenüber: luftiger Kopf, klare grüne Augen, weizenblondes Haar – eine irritierende Sicherheit im Blick. Gesten, Schulterdreh, Kopfhaltung eines Wesens ein bißchen wie vom anderen Stern. Antike Ohrringe, eine orientalisch-anmutende Kette, langer schwarzer Samtmantel.

Olga

Foto: Anna Werner

Olga entschuldigt sich selbstbewußt. Jetzt, am Ende der Promotion-Tour, sei sie vom Heimweh angenagt, sitze gedanklich bereits im Flugzeug nachhause. Rechnet man die US-Tour dazu, hat sie ihren Ehemann, Russe griechischer Abstammung, und die kleine Tochter, mit denen sie seit vier Jahren in Albuquerque/Neumexiko wohnt, seit Monaten nicht mehr gesehen. Mit häufigen Telefongesprächen versuchte sie die Trennung zu überbrücken, den verwirrenden Eindruck von vielen neuen Menschen, Fragen, dieser fremden Kultur ein wenig auszugleichen. Olga stönt, aber ihre Augen lachen: „Es war anstrengend und gleichzeitig wunderbar. Ich kannte Europa und die Europäer noch nicht, reiste hier auf gewisse Weise wieder in unbekannte Welten…“

Rückblende: Herbst ´89, Nowosibirsk. Olga ist mit 26 die jüngste Psychiaterin der Neurologischen Klinik. Wie alle anderen fühlt sie eine zunehmende Unruhe: Die abstürzende Weltmacht kollabiert, das Leben scheint sich nach innen zu verziehen. Vor allem die Menschen der größeren Städte erfaßt bereits eine schleichende Depression. Es dauert daher nicht lang und die Klinik ist überbelegt. Verstörte Soldaten, verhinderte Selbstmörder, Schizophrene und ein Ende ist nicht abzusehen. Olga gehört als Psychiaterin zur privilegierten Kaste der Intelligenzia. Ihr Stolz, der großartigen Kultur einer kommunistischen Weltmacht anzugehören, sitzt tief und scheint ungebrochen. Doch manchmal bemerkt sie etwas Eigenartiges: Immer häufiger hat sie das Gefühl, aus ihr schaut eine andere Frau in die Welt. Sie schläft zunehmend schlechter, hat nachts oft Alpträume. In ihr macht sich das beunruhigende Gefühl breit, die Patienten immer seltener zu erreichen. Entsprechend steigt ihr Stresspegel. Als plötzlich eine Patientin stirbt, die sie besonders mochte und bald entlassen wollte, will Olga nur noch verschwinden, Ferien machen, alles vergessen, ans Schwarze Meer fliegen. Abends ruft Anna, eine befreundete Ärztin an. Sie sei krank und verzweifelt, weil sie schon alles probiert hätte. Nichts half, sie werde die Krankheit einfach nicht los. Was tun? Das, was sie früher nie wollte: Ob Olga nicht zu einer Schamanin mitfahren würde? So sitzt Olga ein paar Tage später statt am sonnigen Strand auf einer harten Holzbank im ungeheizten Zug auf dem Weg ans Ende der Welt.

Nach langem Fußmarsch durch Schnee und Eis erreichen die Freundinnen endlich den kleinen Ort im Altai-Gebirge, unweit der Grenze zu China und der Mongolei. Anna geht ihrer Wege, Olga zieht es merkwürdig entschieden zu einer Hütte am Ende der Siedlung. Durch die verschlossene Holztür dringt eine tiefe Stimme: „Was willst du?“ Zur eigenen Überraschung hört sich Olga antworten: „Ich will von dir heilen lernen.“ Eh sie sich versieht, sitzt sie im Dämmerlicht einer niedrigen Wohnküche, vor sich ein fast durchsichtiges Wesen, das leise beschwörend murmelt und fleht. Dabei schlägt es für die auf dem Boden kauernde Patientin, eine kleine dicke Frau, die Trommel. Mal springt jetzt das Wesen nach vorn, mal verschwindet es in der Tiefe des Raumes oder schwebt oben unter der Decke. Wie aus der Ferne schepperndes Lachen schemenhafter Schatten, die sich im Rhythmus der Trommel bewegen. Dumm-da, dumm. Tadak-ta, tadak-tadak. In welchen Film ist sie geraten? Das Wesen zaubert von Nirgendwo eine Flasche Wodka, setzt sie an den Mund und trinkt sie in einem Zug aus. Olga beobachtet staunend, wie sich der Körper aufbläht, anfüllt, das Wesen laut rülpst, stöhnt und plötzlich zusammenfällt, dabei die Augen verdreht und leise flüsternd ein paar Schritte torkelt. Die Schamanin kreist einladend mit der Hüfte. Plötzlich reißt sie die Augen weit auf. Ihr Blick trifft die Patientin – glasklar. Olga fühlt, wie die Schamanin in den Körper dieser Frau kriecht, sich dort wälzt, dehnt, geradezu ausbreitet. Aber es ist Olga, die husten muß, röchelt, zu ersticken droht. Panik. Nicht krampfen! Ihr Blick sucht die Vögel auf der geschnitzten Trommel: Sie scheinen sich plötzlich zu bewegen, schwimmen zum Rand, fließen weiter in die Holzbretter, fliegen davon. Die Trommel dröhnt immer lauter. Oder ist es ihr Puls, das Herz, die Knochen? Eine Tür knarrt, die Luft bewegt sich. Vor wievielen Stunden hatte sie diese Küche betreten? Langsam wird es hell im Raum. Ein milchiges Licht, angenehm warm. Olga atmet ruhiger, kann sich ein wenig entspannen. Sie sieht die Schamanin vor sich auf einer Pritsche sitzen: Ein Koloß und doch extrem beweglich. Zauberin, Königin, Göttin. Diese Frau starrt Olga unverwandt an. Es ist Liebe auf den zweiten Blick. Olga’s Gehirn explodiert. Zwei unendliche Tage fliegt sie mit Umai, der Schamanin durch phantastische, bedrohliche und vertraute Universen. Und als könnte sie mit dieser Liebe die Verbannung der Seele durch die Revolution endlich auflösen, versucht sie den Körper im Flug wieder durchlässiger zu machen. Nur Traumwelten?

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Foto: Anna Werner

Wir haben die Altstadt hinter uns gelassen, laufen inzwischen durch den alten Park hinter dem Mailänder Kunstmuseum. Die Strahlen der Frühlingssonne haben die ersten Blüten der Magnolienbäume geöffnet. Was sind Schamanen? Sind sie als Therapeuten für uns moderne Neurotiker nicht etwas zu abgedreht? Olga lacht: „Zu primitiv? So dachte man in der offiziellen UdSSR auch. Und das Wort spirituell durfte niemand laut sagen.“ Dabei habe Rußland eine lange spirituelle Geschichte. Mircea Eliade, vielleicht der Vater aller Ethnologen, schrieb, die Wiege des Schamanismus, einer Art Urreligion und daher Wurzel der Spiritualität, läge in Sibirien. Dort leben noch heute verschiedene asiatische Urvölker und -Stämme, zum Teil als Nomaden. Sie sind, sagt Olga, die russischen Indianer: Der Zar und später Stalin & Co. hätten versucht, sie mit brutaler Gewalt aus ihrer Primitivität in das 20. Jahrhundert zu reißen. Ohne Erfolg. „Vor allem ihre Schamanen wurden von den Architekten einer neuen Welt gnadenlos verfolgt und oft umgebracht, weil sie als die Seelenhirten des Stammes Macht ausübten, indem sie sich um die innere Hygiene der Menschen kümmerten und so den sozialen Zusammenhalt garantierten.“ Sie waren aus Sicht der Erneuerer Ungläubige, die den Weg in die Zivilisation blockieren. „Sie konnte in ihnen nur rückständige Wilde sehen, die man bestenfalls gewaltsam zivilisiert.“ Olga dachte über diese einfachen Menschen nicht anders, als sie damals ins Altai-Gebirge fuhr. „Heute weiß ich, daß sie zwar über Geld, Fabriken und Geschäfte nichts wissen, dafür umso mehr über die Psyche.“ Dagegen seien moderne Psychiater reinste Dilettanten. „Schamanen sind auf andere Art rational. Denn ihr Blick ist nach innen gerichtet, während wir nach außen schauen. Ohne ihre Art der Rationalität hätten sie aber nie diese kargen Weiten überlebt.“ Olga nachdenklich: „Sie leben eben nicht für äußere Macht und Reichtum, sondern kümmern sich um die innere Gesundheit, rücken immer wieder die Psyche des Stammes zurecht, wenn dort etwas aus der Ballance geraten ist. Ich nenne sie deshalb lieber Sozialarbeiter. Man ruft sie nämlich zum Beispiel bei Krankheit, auch begleiten sie die Sterbenden hinüber in die Traumwelt, segnen eine Hochzeit, aber ebenso eine Viehweide.“ Die systematische Vernichtung der Schamanen sei in Russland natürlich noch kein öffntliches Thema, wäre bis heute geradezu ein Tabu. „Daß Mütterchen Rußland eine Schamanin ist und auch Stalin einen Rasputin hatte, darf man noch nicht laut sagen.“

Olga überlegt: „Die Menschen suchten damals eine neue Gleichung für ihr Leben. Vielleicht mußten sie deshalb die Innenwelt vergessen und den Blick nach außen erzwingen – eine gewaltige Leistung. Jetzt scheint es uns umgekehrt zu gehen: Die Einseitigkeit des Sowjetsystems mit seiner Fixierung auf das Materielle ist für uns zu eng geworden. Wir sind deshalb alle krank.“ Erste Zeichen dieser Not spürte Olga schon als Jugendliche. Sie war so depressiv, daß sie unbedingt Psychiaterin werden wollte. Olga stammt aus einer Familie mit entsprechender Bilderbuch-Geschichte: Ihr Ur-Großvater war Arzt in der Zarenarmee und mit seiner Empörung über die schlechten Zustände, unter denen die Soldaten leiden mußten, seiner Zeit voraus. Das brachte ihm die Verbannung nach Sibirien ein. Der Großvater, Arzt für einen großen Industriekonzern, beschwerte sich unter Stalin über das unwürdige Leben der Arbeiter. Er wurde 20 Jahre lang in den Gulag gepfercht. Später waren auch Olga´s Eltern Ärzte. „Aber sie glaubten schon nicht mehr an die ideologische Peitsche zum besseren Menschen und schwiegen resigniert.“

Zurück zu Umai, der Schamanin. Sie hat damals tatsächlich die Freundin geheilt. Olga dagegen saß während der Rückfahrt verwirrt grübelnd im Zug. Was war passiert? Hatte sie den Kosmos vergessener innerer Landschaften wiedergesehen? Hatte sie das Unbewußte bereist, seine Ozeane und Kontinente? Was sonst könnten die Bilder bedeuteten? Sie beschloß, offen zu bleiben und sich selbst weiter neugierig zu beobachten. Als sie am nächsten Tag wieder durch die alten Korridore der Klinik ging, wurde ihr langsam klar, sie war jetzt eine andere. Nur wer? Olga begann im Kopf eigenartige Filme von bestechender Einfachheit und Komplexität zugleich zu sehen. Ihr wurden dabei oft ganz plötzlich die kompliziertesten Zusammenhänge wie selbstverständliche tiefe Ordnungen deutlich. Gezielte Infos der Freunde aus anderen Welten schienen sie immer wieder anzufunken. Sobald Olga draußen die Angst zu überrumpeln drohte, versuchte sie nach innen zu schauen und sich zu vergewissern. Sie wurde dann meist schnell wieder ruhig und zuversichtlich: Olga war weder zu einer Wilden regrediert noch esoterisch durchgeknallt oder einfach verrückt geworden. Langsam und vertrauensvoll ließ sie die Botschaften der anderen Art deshalb auf sich wirken, fing sogar vorsichtig an, sie mehr und mehr in ihr tägliches Leben einzubauen. Ihr Mut wurde größer. Olga kombinierte für die Patienten ihr Schulwissen mehr und mehr mit dem Neuen. Zur Tarnung gab sie ihren Methoden lateinische Phantasienamen. Die Wirkung war gut. Ihre Patienten lebten geradezu auf. „Ich war für sie jetzt nicht mehr eine von draußen. Ich war drin.“ Und ihre Kollegen staunten.

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Olga’s Suche nach den Traumwelten ging weiter. Sie interessierte sich bald für heiligere Orte und fuhr nach Usbekistan und Kasachstan. „Ich dachte, wo der Atompilz leuchtet, ist auch ein anderes Licht besonders hell. “ Sie traf auch dort Schamanen, die allerdings ihre Landkarten bereits mit denen der Sufi-Lehrer verglichen . „Mir kam das vor, als wäre ich in die nächste Klasse versetzt und ich jubelte. Was ich dort lernen durfte, gehört inzwischen zu meinen täglichen Übungen: Tänze, Gebete, Trance-Methoden…“ Genaueres will sie darüber erstmal nicht erzählen. Aber ihr zweites Buch wird davon handeln: The Master of Lucid Dreams (Der Meister der Klarträume), das Ende des Jahres in den USA erscheint.

Zurück aus den Weiten Kasachstans setzte sie ihre neuen Kenntnisse auch in die Arbeit mit ihrem Mann, einem Anwalt, und seine Vermittlertätigkeit in sibirischen Ölgeschäften und Joint Venture-Deals mit amerikanischen Investoren ein: „Mein Wissen von der Psyche war jetzt so groß, daß ich unsere Auftraggeber durch alle Klippen der Verhandlungen bis zum Vertragsabschluß lenken konnte. Innere Landkarten und äußere Geschäfte laufen nämlich hervorragend zusammen.“ Einige Multi-Millionen-Verhandlungen ihres Mannes hat Olga so beraten. „Ich konnte ihm helfen und das hat mir gefallen.“ Olga nachdrücklich: “ Ich bin nämlich eine Frau, die für ihren Mann alles tut, ihm absolut folgt.“ Und mit einem Augenzwinkern: „Er würde nie mir folgen.“ Sie führe keine normale westliche Ehe : „So einen Sozialvertrag könnte ich nie einhalten. Keine Romantik…“ Olga schüttelt energisch den Kopf: „Mein Mann und ich sind vor allem geistige Partner, die einander bei der gegenseitigen Entwicklung helfen. Ich glaube, ich kann mir sicher sein, er unterstützt mich darin 100%ig.“ So seien sie auch seit Anfang der Neunziger gemeinsam häufg nach Amerika gereist. „In manchem sind die Menschen dort doch sehr ähnlich wie in unserem Sowjetsystem. Sie sehen ihr Leben rein materialistisch. Nur daher beziehen sie ihre Identität.“ Entsprechend unfähig seien die Amerikaner, ihre individuelle, innere Geschichte lesen zu können. „Sie erinnern sich selten, wer sie vor ein paar Jahren waren, geschweige denn, vor ein paar Leben.“

Olga hingegen will noch viele innere Landschaften und ihre Gesetze entdecken. Das betont sie mit einer Entschiedenheit, die auf mich aufmunternd wirkt. Olga hat recht: Warum sich mit der Enge von Zeit und Raum zufrieden geben? Wissen wir nicht längst viel mehr als uns lieb ist? Träume, die inneren Stimmen, tägliche kleine Wunder… Aber daraus wirklich eine Praxis in Zeit und Raum abzuleiten, das ist schwer. Olga scheint ihre eigenen Zweifel nicht aussprechen zu wollen: „Ich weiß heute, alles Äußere entsteht zuerst innen. Draußen gibt es dafür die verschiedensten Leinwände, auf die du projizierst, was du erleben mußt.“ Dort entstehe letztlich jede Beziehung, jede Politik, jede Wissenschaft. „In Amerika wissen sowas nur noch die Indianer.“ Die will sie schon bald in einem ihrer Reservate besuchen. Vorerst ist sie in Albuquerque, ganz in ihrer Nähe, noch mit Workshops und Vorlesungen über ihre Ontologische Psychiatrie – wie sie ihre neue Arbeitsmethode nennt – beschäftigt. Es waren die dortigen Zuhörer, ihre amerikanischen Kollegen, die Olga baten, ihre Forschungsreisen aufzuschreiben. Und so fing es dann auch an: Olga schrieb ihr erstes Buch in Englisch, es erschien zunächst in den USA (Die Los Angeles Times : „Ein Buch so wichtig für die Neunziger wie Castanedas Lehren des Don Juan in den Sechzigern“) und dann in elf weiteren Sprachen. Wird es je in Rußland auf den Markt kommen? „Ich denke schon. Dann muß der Text allerdings für Russen etwas umgeschrieben werden.“ Sie seien zwar wie die Amerikner auf das Äußere fixiert, hätten aber doch auch einen ganz anderen Blick auf das Leben: „Wir Russen glauben, daß man sich nur durch tiefes Leid wirklich verändert. Je mehr, umso menschlicher oder klarer würde man.“ Denn Olga kennt sich und ihre Leute zu gut: „Wir wissen ein bißchen von früher, wie man gut leidet.“ Trotzdem klebten die Russen unnötigerweise immer noch zu sehr am Leid, so wie die Amerikaner am Gutdraufsein hängen. „Vielleicht hatten wir den Scherbenhaufen nötig, um nicht mehr ganz so verliebt ins Leid zu sein, auch mal das Leichte, Schöne zuzulassen. …“ Die Schatten der dünnen Zweige im Park sind länger geworden. Raben krächzen hinter uns. Raben? Olga trifft heute Abend zum Abschluß ein letztes TV-Team, bevor sie morgen zurück in die USA fliegt. Sie will noch eine Weile in dem Land der happy people bleiben, hat sogar eine zweite Wohnung in Los Angeles gemietet. Wird man sie dort verstehen können? Ihre Mischung aus gebildeter Klugheit und autentischem Wissen könnte schwer zugänglich sein im Land des Showbiz und der schnellen Märkte. Als hätte sie meine Zweifel gespürt, höre ich ihre Antwort: „Vielleicht werde ich auch irgendwann in Rußland eine eigene Klinik aufmachen.“ Dann steigt Olga mit Schwung ins fast schon fahrende Taxi. Diese Italo-Verrückten und ihre Autos! „Es sei denn….“ ruft sie mir noch zu und entschwindet. Der Mond über Mailand ist heute eine schmale Sichel. Zunehmend.

 

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